Interview — 8 Minuten

Was gefällt dir an deiner Arbeit?

9. April 2019
Themen:

Picke dir die Rosinen heraus und lasse die Roboter den Rest machen. Diese Philosophin zeigt dir, wie die Arbeit der Zukunft für uns alle funktioniert.



Beim Nachdenken über die Arbeitswelt von morgen gerät so mancher schon mal ins Träumen. Es gibt keine sinnlosen Jobs mehr und keine harte Arbeit, weil Maschinen und Computer das erledigen. Niemand muss mehr 40 Stunden in der Woche arbeiten. Und jeder Mensch ist frei von finanziellen Sorgen, denn sein Einkommen fließt bedingungslos auf das Konto oder ist als Erspartes längst da. Dank kluger Anlage Hier erfährst du von Stefan Boes mehr über Menschen, die in finanzieller Freiheit leben vermehrt es sich von selbst. In dieser Zukunft, in der »Post-Work-Gesellschaft« Die Post-Work-Bewegung verfolgt die Idee einer Welt ohne Arbeit im Sinne von Lohnarbeit. Ihre Vertreter kritisieren, dass bezahlte Arbeit ihren eigentlichen Zweck häufig nicht mehr erfüllt, nämlich den Lebensunterhalt zu sichern. Sie befürchten, dass sich diese Tendenz noch verstärken könnte, wenn Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse zukünftig viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Damit Menschen nicht mehr arm sein müssen, selbst wenn sie Arbeit haben, plädieren die Post-Work-Anhänger für ein staatlich finanziertes, bedingungsloses Grundeinkommen. Diese grundlegende gesellschaftliche Veränderung könnte nach Ansicht der Post-Work-Vertreter dazu führen, dass zeitliche und persönliche Kapazitäten anders und besser genutzt werden können, um dem Gemeinwohl zu dienen. Zu den bekannten Vertretern dieser Antiarbeitsbewegung zählt zum Beispiel der US-amerikanische Anthropologe David Graeber, der mit seinem Buch Bullshit Jobs über Berufe, die niemandem nutzen, viel Aufsehen erregte. In Deutschland vertritt der Aktivist Tobi Rosswog die These, dass Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen, die Freiheit haben, das zu tun, was wirklich sinnvoll ist. Dies würde stärker zum Gemeinwohl beitragen als viele derzeitige Arbeitsplätze, meint er. ist endlich Zeit für die wesentlichen Dinge im Leben.

Die Philosophin Lisa Herzog kann mit einer solchen Hier liest du ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der Utopie von Dirk Walbrühl Utopie wenig anfangen. »Arbeit ist mehr als ein lästiges Übel, und sie ist mehr als ein Mittel zum Geldverdienen«, schreibt sie in ihrem gerade erschienenen »Die Rettung der Arbeit« ist im Hanser Verlag erschienen »politischen Aufruf« für eine humane, demokratisch gestaltete Arbeitswelt. Lisa Herzog sieht Arbeit nicht als etwas, das abgeschafft werden sollte. Im Gegenteil: Sie möchte die Arbeit retten.

Im Interview erklärt sie, was Aktivisten übersehen, die für eine Welt ohne Arbeit werben, und welche Zutaten es braucht, damit alle Menschen von der neuen Arbeitswelt profitieren.

Lisa Herzog

Lisa Herzog ist Professorin für Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München. Sie arbeitet unter anderem zu ökonomischer Gerechtigkeit und Ethik in Organisationen. Ihr Buch »Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf« erschien im Februar 2019.

Bildquelle: Astrid Eckert

Die menschliche Seite der Arbeit

Künstliche Intelligenzen und Roboter werden uns in Zukunft wohl immer mehr Arbeit abnehmen. Wir könnten uns dann anderen Aufgaben zuwenden als dem Beruf. Sie sagen nun, die Arbeit muss gerettet werden. Warum denn das?

Lisa Herzog: Ich will nicht die Arbeit an sich, wie wir sie heute kennen, retten, sondern das, was an Arbeit positiv ist. Wenn wir die technischen Entwicklungen und deren Übersetzung in den Arbeitsalltag einfach nur den freien Märkten überlassen, dann wird dieses glückliche Szenario, das Sie gerade angesprochen haben, wahrscheinlich nicht der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen, sondern nur einer kleinen Gruppe.

Was würde das bedeuten?

Lisa Herzog: Wir sehen an den USA, was passiert, wenn die Macht der großen Internetkonzerne und überhaupt der großen Firmen immer weiter steigt. Die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erodieren immer stärker. Das Lohnniveau stagniert seit Jahrzehnten, und es gibt sehr wenig Schutzmechanismen für Angestellte. Viele Leute benötigen mehrere Jobs, um zu überleben, und sind der Willkür ihrer Chefs vollkommen ausgeliefert. Das ist kein Szenario, das wir uns wünschen sollten.

Hierzulande gibt es aber viele positive Entwicklungen Warum der Mindestlohn auch dir ans Portemonnaie geht, erklärt Chris Vielhaus wie den Mindestlohn oder neue Tarifabschlüsse, in denen eine Reduzierung der Arbeitszeit festgeschrieben ist.

Lisa Herzog: Ja, auf jeden Fall. Katharina Wiegmann erklärt, warum Gewerkschaften auch heute noch wichtig sind Das deutsche Modell mit einer recht gut organisierten Arbeitnehmerschaft hat viele Vorteile. Und ich finde es sehr positiv, dass auch wieder über eine Stefan Boes zeigt, wie die Arbeitszeiten der Zukunft konzipiert sein können – und was für Teilzeit spricht Verkürzung der Arbeitszeit diskutiert wird. Das zeigt, dass es nicht nur um Geld, sondern auch um die Qualität von Lebens- und Arbeitszeit geht. Der demografische Wandel spielt uns dabei in die Hände, weil Hier geht Benjamin Fuchs dem Mythos Fachkräftemangel auf den Grund der legendäre Fachkräftemangel auch hilft, bestimmte Forderungen durchzusetzen. Insofern sehe ich die Lage für Deutschland nicht komplett verzweifelt.

Aber?

Lisa Herzog: Man muss sich noch stärker darüber klar werden, was da an politischen Gestaltungsaufgaben auf uns zukommt. Das betrifft nicht nur die Arbeitswelt direkt, sondern auch die Sozialversicherungssysteme, Hier stellt Benjamin Fuchs ein alternatives Schulkonzept aus den Niederlanden vor das Bildungssystem – alles, was um die Arbeit herum auch angepasst werden muss. Meine Hoffnung ist, dass wir die Technologien so nutzen können, dass Arbeitszeitverkürzungen möglich sind, die allen zugutekommen. »Geteilte Arbeit hat etwas enorm Soziales. Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig betont.« – Lisa Herzog, Philosophin

Sie begrüßen eine Reduzierung der Arbeitszeit. Gleichzeitig betonen Sie die positiven Seiten der Arbeit – wie passt das zusammen?

Lisa Herzog: Ich denke, dass Arbeit zum Leben einfach dazugehört. Das muss vielleicht nicht unbedingt Lohnarbeit sein. Aber tätig zu sein, gemeinsam mit anderen, die Umwelt zu formen, um Bedürfnisse zu befriedigen, um auch eigene Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen – das sind ja zutiefst menschliche Impulse. Das sollte erhalten bleiben. Und gerade der soziale Aspekt von Arbeit ist sehr wichtig.

Titelbild: Bethany Legg - gemeinfrei

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