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Du glaubst, mit Secondhand machst du alles richtig? Nicht unbedingt!

15. April 2019
Themen:

Worauf du achten musst, wenn du Kleidung wirklich fair und nachhaltig kaufen willst.



Ein Bürokomplex mitten in München: Industriearchitektur, viele junge Menschen, minimalistische Möbel aus Holz; dazu viel Glas, Stahl und Beton. Sieht aus wie ein Büro von Apple, ist aber der »Impact Hub«. Ich bin bei einer Infoveranstaltung von Hier geht es zur Website der Initiative »Transition München« »Transition München«, einer Genossenschaft, die nachhaltigen Lebensstil und Konsum in der bayerischen Landeshauptstadt fördern möchte.

In kleinen Runden diskutieren wir, welche Angebote die Genossenschaft fördern möchte. Secondhandmode gehört natürlich dazu. Dass der schnelle Konsum von Kleidung problematisch ist, ist inzwischen in vielen Köpfen angekommen. Secondhand ist die nachhaltige Alternative für das gute Gewissen beim Shopping. Ist doch klar, oder? Ich widerspreche. Alle Augen richten sich erstaunt auf mich: Secondhand – nicht nachhaltig?!

Ich habe einige Jahre in einem Münchner Secondhandshop gearbeitet, in dem aus Kleiderspenden Geldspenden für Entwicklungsprojekte gemacht werden sollten. In dieser Zeit habe ich die Branche gut kennengelernt und weiß: Die Gleichung von Secondhand und Nachhaltigkeit geht nicht automatisch auf.

Wohin mit den Textilbergen?

Fast Fashion hat Hier zeigt unsere Gastautorin Carmen Maiwald, dass das perfekte Outfit gesund, bequem und schick ist. Du hast es längst unser Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten verändert. Das immer schneller wechselnde Angebot zu immer niedrigeren Preisen hat Mode zu einem Wegwerfprodukt gemacht.

Die Textilindustrie ist ein ökologisches Desaster. Schätzungen zufolge ist sie für UN Climate Change News vom 6. September 2018 (englisch) bis zu 10% des CO2-Ausstoßes weltweit verantwortlich; in Herstellungsländern wie Indien, Bangladesch und China Mehr Informationen dazu gibt es bei Greenpeace vergiften die für die Produktion genutzten Chemikalien Flüsse und Trinkwasser. WWF: Hintergrundinformation Bekleidung und Umwelt (2010, PDF) Rund 25% des gesamten Einsatzes von Insektiziden und 10% der verwendeten Pestizide entfallen auf die weltweite Baumwollproduktion.

Jedes fünfte Stück in Deutschland wird von seinem ersten Besitzer nur noch 2 Mal getragen.

Der Verbrauch von Wasser und Erdöl für die Herstellung von Baumwolle und Polyester hinterlässt ausgetrocknete Gewässer und schwer abbaubares Mikroplastik.

Auf die Konsumentinnen scheint das keinen großen Eindruck zu machen. Laut Thomas Ahlmann, Sprecher der Organisation Im Dachverband organisieren sich gemeinnützige Organisationen, die Altkleidung sammeln und verwerten – hier geht es zur Website Fairwertung, dem Dachverband gemeinnütziger Altkleiderverwerter in Deutschland, rechnet die Bekleidungsindustrie mit einer Verdreifachung der weltweiten Nachfrage nach Kleidung bis zum Jahr 2050.

Längst übersteigt die Zahl der Outfits in unseren Schränken bei Weitem unseren Bedarf.

Wir Deutschen sind Vize-Weltmeister im Shopping: Jährlich kaufen wir durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke. Nur US-Amerikaner kaufen mehr Kleidung. Jedes fünfte Stück in Deutschland wird von seinem ersten Besitzer nur noch 2 Mal getragen. Rund 40% des Inhalts unserer Kleiderschränke tragen wir kaum bis gar nicht, ergab Hier geht es zur Umfrage (2015, PDF) eine Greenpeace-Umfrage aus dem Jahr 2015.

Aber was passiert mit all den Fehlkäufen, den im Schlussverkauf erstandenen Shirts, Jeans und der zu klein gewordenen Lederjacke? Zahlen zur Sammlung und Verwendung von Altkleidern in Deutschland (2015) Über eine Million Tonnen Altkleider werden in Deutschland pro Jahr gespendet. Die Wiederverwertung gebrauchter Kleidung ist angesichts der schieren Menge keine Option. Sie ist ein Muss – und ein gutes Geschäft.

Mit deiner alten Jeansjacke machen Ketten wie Humana mitunter ein gutes Geschäft. – Quelle: Humana Secondhand copyright

Müll oder wertvolle Ware?

Das Geschäft mit Altkleidern ist ein ganz besonderes: Es ist millionenschwer, dabei wird eigentlich – im gesetzlichen Sinn – mit Müll gehandelt. Geworben wird aber mit Wohltätigkeit.

Während wir alte Möbel, Was passiert mit deinem Handy, wenn es ausgedient hat? Dirk Walbrühl war auf Spurensuche Smartphones oder Fahrräder einfach zum Wertstoffhof bringen, können wir bei der aus der Mode gekommenen Jeans aus einer Vielzahl an Altkleidercontainern, Secondhandshops und Sozialkaufhäusern wählen. Alle am Geschäft beteiligten Unternehmen konkurrieren um unsere Gunst und geben uns das Gefühl: Du kannst mit deiner alten Hose noch etwas Gutes tun.

Wer profitiert von dem Geld, das mit deiner alten Jeans verdient werden kann?

Dass Altkleider eben kein Müll, sondern wertvoller Rohstoff sind, zeigt der hart umkämpfte Markt: Allein beim Fachverband Textilrecycling sind 97 Unternehmen organisiert. Beim Dachverband der gemeinnützigen Sammler Fairwertung weitere 130 Verbände und Unternehmen. Die meisten sind klein und mittelständisch, den Löwenanteil am Markt aber haben global organisierte Player wie SOEX Laut eigenen Aussagen ist SOEX »eines der größten Textilverwertungsunternehmen der Welt« mit Sitz in Ahrensburg bei Hamburg. Die GmbH verfügt über ein dichtes Netz an Tochtergesellschaften, unter anderem in Großbritannien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. SOEX kooperiert teilweise mit Kommunen oder Hilfsorganisationen im Rahmen von Public-private-Partnerships. mit Sitz bei Hamburg oder die Schweizer AG TEXAID. TEXAID ist eines der größten Textilverwertungsunternehmen Europas mit Sitz in der Schweiz. Ehemals von Hilfsorganisationen gegründet, ist TEXAID heute eine Aktiengesellschaft, an der die Gründungsorganisationen – das Schweizerische Rote Kreuz, die Winterhilfe Schweiz, Solidar Suisse, die Caritas Schweiz, Kolping Schweiz sowie das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz – zu 51% Anteilseigner sind. TEXAID hat mehrere Tochtergesellschaften, unter anderem die Texaid Beteiligungsverwaltung Deutschland GmbH.

Wenn wir uns fragen, wie nachhaltig Secondhandmode wirklich ist, müssen wir zuerst verstehen, wie die unterschiedlichen Unternehmen wirtschaften. Wer profitiert von dem Geld, das mit Altkleidern verdient werden kann?

  1. Gemeinnützige Organisationen, die für soziale Projekte wirtschaften und im Dachverband Fairwertung organisiert sind: Diese Organisationen verpflichten sich, ihre Gewinne ausschließlich für karitative Zwecke zu verwenden, den Verwertungsprozess so weit wie möglich zu kontrollieren und darüber Rechenschaft abzulegen. Sie kooperieren oft mit Kommunen, Kirchen oder Grundbesitzern und entrichten dabei teilweise auch Gebühren für die Aufstellung von Sammelcontainern. Auf den Sammelcontainern ist in aller Regel das Logo des Dachverbands Fairwertung abgebildet.
  2. Public-private-Partnerships: Kommerzielle Recyclingunternehmen kooperieren in diesen Partnerschaften mit Hilfsorganisationen oder Kommunen. Dabei wird meist ein fester Preis pro Tonne Altkleider an die Organisationen oder die Kommune gezahlt. Die Sammler können auf ihren Containern so ganz offen mit dem karitativen oder sozialen Zweck werben. Der Dachverband Fairwertung kritisiert die Praxis der »Logovermietung« von gemeinnützigen Organisationen an gewerbliche Anbieter als Irreführung von Verbraucherinnen. In diesem Fall profitiert die Hilfsorganisation oder die Stadtverwaltung und – in weitaus größerem Maße – das Unternehmen, das die Kleider anschließend weiterverwertet. Bei sinkenden Abnahmepreisen oder qualitativ schlechter Ware trägt das Unternehmen aber auch das Risiko. Für Verbraucher sind die Kooperationen oft nicht zu erkennen, auf dem Container prangen die Logos von Hilfsorganisationen oder Kommunen.
  3. Kommerzielle Sammlungen: Wirfst du deine Jeans in den Container eines rein kommerziellen Anbieters, profitiert keine Hilfsorganisation von der Verwertung. Hier tauchen keine bekannten Logos von Hilfsorganisationen auf.
  4. Illegale Sammler, die in Deutschland laut Schätzungen bis zu 30% des Marktes beherrschen: Sie stellen Container ungenehmigt auf und werben ebenfalls mit der Hilfe für Bedürftige. Wer hinter den Sammlungen steckt und davon profitiert, lässt sich kaum nachvollziehen. Eindämmen lässt sich der illegale Markt genauso wenig: Zu aufwendig und kostenintensiv wäre eine flächendeckende Kontrolle und Einlagerung bzw. Entsorgung der Container. Zu erkennen sind die Container oft daran, dass bekannte Logos oder Kontaktadressen fehlen.

Darüber hinaus nehmen mittlerweile auch viele Filialen des Einzelhandels gebrauchte Kleidung zurück. So sammelt etwa der Fast-Fashion-Pionier H&M die nicht mehr gewollten Produkte seiner Kollektionen und verkauft sie anschließend an die Unternehmensgruppe für Alttextilvermarktung und -recycling SOEX Der Branchenriese SOEX hat dafür eigens ein Subunternehmen gegründet, I:Collect. Das Unternehmen kooperiert mit zahlreichen Textilherstellern wie Adler, Forever 21, Columbia oder C&A. weiter. Hier profitiert also eindeutig der Textilhersteller selbst. H&M schafft damit einen neuen Weg der Wertschöpfung: Die Vergabe von Gutscheinen für die Spende regt zum Neukauf an und stärkt damit auch die Kundenbindung.

Argumentiert wird allerdings mit etwas anderem: der ökologischen Nachhaltigkeit. Der Slogan »Recyceln Sie Mode« erweckt den Eindruck, dass aus dem alten H&M-Shirt ein neues wird. Der Anteil des Faser-zu-Faser-Recyclings in den H&M-Produkten beträgt Hier kannst du den Report einsehen (englisch, 2017, PDF) laut Nachhaltigkeitsbericht 2017 gerade einmal 0,5%.

Das Leben deiner Jeans nach dir

Was passiert mit meiner Jeans, wenn ich sie in einen Container werfe oder bei H&M abgebe? Kommt sie Bedürftigen zugute? Oder landet sie etwa in Afrika und zerstört dort lokale Textilindustrien, weil dann kein Afrikaner mehr Mode von afrikanischen Herstellern kauft? Das waren die Fragen, die mir Kunden im Secondhandgeschäft sehr oft stellten.

Egal auf welchem Weg du deine Jeans abgibst – sicher ist: Zuerst landet sie in einem Sortierbetrieb. Hier wird aus dem Container- oder Paketinhalt ein Produkt für den globalen Markt.

Sortierbetrieb in Deutschland. Hier entscheidet sich, ob deine alte Jacke gut genug ist, um weiterverkauft zu werden. – Quelle: FairWertung copyright

Das Leben deiner Jeans nach dir hängt von ihrem Zustand ab:

  1. Sieht aus wie neu und ist noch ziemlich schick: Sie wird in die »Creme-Ware« sortiert, die absolute Highlight-Ware, die laut Dachverband Fairwertung 2–4% des gesamten Containerinhalts ausmacht. Secondhandriesen wie Humana und SOEX geben auf Nachfrage höhere Werte von bis zu 15% an. Sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit demnächst in einem deutschen oder westeuropäischen Secondhandshop angeboten.
  2. Unmodisch oder leicht abgetragen, ohne Löcher, ohne Flecken: Wenn deine Jeans so aussieht, landet sie in einer Sorte mit minderer Qualität (»Qualitäten I–III«) und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Osteuropa (»Qualitäten I und II«) oder Afrika (»Qualität III«) exportiert.
  3. Mit Löchern oder Flecken: Sie wird der »Recycling-Qualität« zugeordnet und endet als Dämmmaterial, Putzlappen oder Brennstoff.

Geld für das Unternehmen bringt deine Jeans allerdings nur dann, wenn sie noch tragbar ist, sprich: der »Creme-Ware« oder den »Qualitäten I–III« zugeordnet wird. SOEX etwa macht laut eigenen Angaben rund 50% seines Umsatzes mit der »Creme-Ware«, die 6% der Sammelmenge ausmacht. Diese Ware wird vor allem in Deutschland oder Westeuropa verkauft. Die »Qualitäten I–III« werden zu geringeren Preisen nach Osteuropa oder in Länder des globalen Südens exportiert – eine weitere wichtige Einnahmequelle. Alles, was recycelt, besser gesagt: downgecycelt wird, Tatsächliches Recycling von Fasern für die erneute Textilherstellung steckt noch in den Kinderschuhen. Der Prozess ist zu teuer, die Qualität der wiedergewonnenen Fasern ist schlecht. Eine große Herausforderung für das Faser-Recycling ist außerdem Mischgewebe, aus dem der Großteil unserer Kleidung hergestellt ist. kostet die Unternehmen Geld.

Die Nachfrage nach getragener Kleidung in Deutschland ist gering, die Sammelmengen riesig. Das bedeutet: Ohne die Verbraucher im globalen Süden oder in der ehemaligen Sowjetunion wäre das Verwertungssystem hierzulande nicht finanzierbar. Ob das für alle Beteiligten nachhaltig gut ist? Darüber streiten NGOs und Branchenvertreter seit den 1990er-Jahren – ohne klares Ergebnis.

Gebrauchtkleidung in einem deutschen Sortierbetrieb

Was landet in den Sortierbetrieben? Dieses Schaubild zeigt dir ein durchschnittliches Sortierergebnis von Gebrauchtkleidung in einem deutschen Verwertungsbetrieb.

Quelle: Dachverband FairWertung e. V. (2014)

Was heißt hier eigentlich nachhaltig?

Eine Frage stellten mir die Kunden im Münchner Secondhandshop nie. Und auch den Mitstreitern für ein faires, nachhaltiges Münchner Konsumangebot, wie es »Transition München« unterstützen möchte, scheint sie nicht in den Sinn gekommen zu sein: Unter welchen Bedingungen wird Secondhandmode eigentlich produziert und verwertet, bevor sie schließlich im Laden landet?

Katharina Wiegmann zeigt hier mehr darüber, was sich seit dem Unglück von Rana Plaza verändert hat Während der Markt für fair produzierte Mode mit dem Bewusstsein um die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern wächst, liegt bei Secondhand das Augenmerk oft nur auf der ökologischen Nachhaltigkeit. Aber auch hier wird Ware produziert und vermarktet. Von wem und unter welchen Umständen? Das sollten auch Kriterien dafür sein, ob wir den Einkauf bei einem Unternehmen oder einer Organisation nachhaltig nennen können – oder nicht.

Die Sortierung der Textilmassen erfolgt per Hand, in der Branche ist wenig automatisiert. Die Belegschaft der Betriebe, oft weiblich und unqualifiziert, hat einen körperlich herausfordernden Job. Der Containerinhalt wird stehend sortiert, die Belastung durch die staubintensive Ware ist hoch. Jedes Kleidungsstück wird einzeln begutachtet und nach unterschiedlichen Kriterien bewertet. In großen Sortierbetrieben entstehen bis zu 200–400 »Sorten«, also maßgeschneiderte Produkte für Abnehmer. Der Tariflohn beträgt in Deutschland 9,19 Euro pro Stunde.

Arbeit ist im Altkleiderbusiness ein großer Kostenfaktor. Einer der Gründe, warum immer mehr Sortierleistung in Ländern mit deutlich niedrigeren Löhnen außerhalb Deutschlands und außerhalb der EU erbracht wird. Große Sortierwerke von TEXAID und SOEX befinden sich etwa in Freihandelszonen in Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Laut dem Bundesverband Die VERBRAUCHER INITIATIVE e. V. wandern Sortierbetriebe kontinuierlich weiter in Länder mit noch niedrigeren Lohnkosten. Tunesien etwa, wo die Sortierindustrie staatlich gefördert wurde, könne der Konkurrenz aus Subsaharaländern oder den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht mehr standhalten. Berichte über Akkordarbeit, fehlenden Arbeitsschutz und die hohe physische Belastung für die Arbeitenden innerhalb wie außerhalb Deutschlands dringen immer wieder an die Öffentlichkeit, Hier kannst du die Bewertung der SOEX Textil-Sortierbetriebsgesellschaft auf kununu einsehen zum Beispiel über Job-Bewertungsportale wie kununu. Von der breiten Masse bleiben sie meist ungehört.

Das letzte Glied in der Kette: Secondhandshops

Zurück ins minimalistische Büro des Münchner Impact Hubs und zu den Secondhandverfechtern, mit denen ich über fairen und ökologischen Einkauf diskutiere. Ob ich die Nachhaltigkeit von Secondhand grundsätzlich in Frage stelle? Nein. Secondhand ist und bleibt die beste Möglichkeit, sich ressourcenschonend einzukleiden und den Hier schreibt Juliane Metzker darüber, dass Mode mehr kann als gut aussehen Spaß an Mode nicht zu verlieren.

Secondhandshops (wie dieser in Australien) machen ein doppeltes Versprechen: gute Preise und ein gutes Gewissen. Doch so einfach ist es nicht. – Quelle: Earl Prudence gemeinfrei

Und trotzdem ist Secondhand nicht gleich Secondhand. Diese Fragen solltest du dir beim Shopping gebrauchter Kleider stellen:

  • Wie beschäftigen Unternehmen ihre Mitarbeiter? Im Fall von ReSales mit seinen 49 Filialen in Deutschland finden sich Aussagen von ehemaligen Mitarbeitern, die täglich außerhalb der Ladenöffnungszeiten rund eine Stunde unentgeltlich arbeiten müssen. Für die Arbeit während der Öffnungszeiten erhalten sie den Mindestlohn. Das widerspricht dem Image eines sozial nachhaltigen Unternehmens, zumal die Kette zur TEXAID AG gehört, die zuletzt 7,8 Millionen Schweizer Franken an beteiligte Hilfsorganisationen ausgeschüttet hat.
  • Wie ernst meinen es die Unternehmen mit der Ökologie? Alle Secondhandshops kämpfen mit den geringen Margen im Verkauf, denn das Sammeln, Sortieren und Verwerten der Ware ist kostenintensiv. Dass in einigen Filialen auch Neuware angeboten wird, ist also wirtschaftlich nachvollziehbar. Nur: Unter welchen Umständen die Artikel produziert werden und ob im Einkauf auch auf deren Nachhaltigkeit geachtet wird, scheint zumindest im Fall von ReSales und PICKNWEIGHT, dem Kilo-Store von SOEX, kein Kriterium zu sein. Auf Nachfragen erhalte ich keine Antwort. Beide Shops werben offensiv mit ökologischer Nachhaltigkeit.
  • Wie transparent agieren die Unternehmen? Als Kunde muss ich den Informationen von Unternehmen vor allem vertrauen. Dass die Unternehmen oder Organisationen halten, was sie versprechen, ist in der Secondhandbranche nicht selbstverständlicher als in anderen Branchen.

Der Kostendruck ist in der Branche deutlich spürbar. Was im regulären Einzelhandel gilt, gilt in der Secondhandbranche umso mehr: Je billiger, desto besser. Alle Secondhandhändler konkurrieren mit Preisen für Neuware, die durch Anbieter wie TK Maxx oder Primark in absurde Tiefen getrieben werden. Die Billigproduktion bewirkt auch, dass die Qualität der gespendeten Kleidungsstücke immer schlechter wird, sich damit also nur noch geringe Preise erzielen lassen. Das setzt die Branche unter Druck – und wirkt sich auch auf die Arbeitsbedingungen aus.

»Das bekomme ich neu genauso billig«, hörte ich oft in meinem Laden. »Ein T-Shirt kostet bei Primark 3 Euro, warum sollte ich für ein gebrauchtes 5 Euro bezahlen?«

Was du für mehr Nachhaltigkeit tun kannst

Es gibt gute Gründe, warum du die 5 Euro bezahlen solltest. An manchen Stellen sind die nämlich richtig gut investiert … Aber wo?

Fairwertung gibt die zuverlässigste Orientierung. Der Dachverband ist Vorreiter in Sachen Transparenz und Nachhaltigkeit. Ethische Unternehmenspraktiken sind die Daseinsberechtigung seiner Mitglieder, entsprechend ist die Ernsthaftigkeit der Bemühungen sehr groß. Im Verband organisieren sich gemeinnützige Altkleidersammler bereits seit Mitte der 1990er-Jahre. Sie verpflichten sich zu 100%iger Gemeinnützigkeit ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten und zur transparenten Kommunikation ihrer Geschäftspraktiken. Für die weitreichende Kontrolle über den Verwertungsprozess arbeitet Fairwertung mit Partner-Sortierbetrieben zusammen, in denen die gesammelte Ware aufbereitet wird. Die Einhaltung arbeitsrechtlicher Bestimmungen und bestmöglicher stofflicher Verwertung wird durch externe Audits kontrolliert, der Verhaltenskodex ist für Verbraucher einsehbar. Mitgliedsorganisationen findest du auf der Homepage, Container sind mit entsprechendem Logo versehen.

Darüber hinaus kannst du ganz praktisch etwas tun: die eigenen Kleidungsstücke pflegen, möglichst wenig waschen, reparieren, Ungewolltes tauschen oder umnähen.

Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, den Kleiderkreislauf direkt an deinem Wohnort zu schließen:

  1. Einige Hilfsorganisationen betreiben Shops, in denen Kleidung direkt vor Ort gespendet und sachkundig begutachtet werden kann. Hier kann auch nachgefragt werden, wem oder was die Erlöse zugutekommen.
  2. Und auch sie sind oft Mitglieder von Fairwertung: Gebrauchtwarenhäuser und Kleiderkammern von karitativen Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder der Caritas. Dort werden Spenden direkt vor Ort sortiert und für den Verkauf aufbereitet. Sie erfüllen außerdem einen doppelten sozialen Zweck, denn sie beschäftigen Was die Bundesregierung gegen Langzeitarbeitslosigkeit tut, hörst du auch in unserem vollgut-Podcast Langzeitarbeitslose und bieten Kleidung für Geringverdiener.
  3. Unzählige kleinere inhabergeführte Läden bieten Kleidung an, die nach Kommissionsprinzip verkauft wird. Kleidung, die keinen neuen Besitzer findet, wird oft an Kleiderkammern gespendet.
  4. Auch die Sharing Economy hat Mode als Markt schon längst entdeckt: Gelegenheiten zum Kleidertausch gibt es sicher auch an deinem Wohnort.

»Nachhaltigkeit« wird im Marketing-Sprech vieler Unternehmen inflationär genutzt. Es kann alles bedeuten. Oder nichts. Am Ende kommt es immer darauf an, welches unternehmerische Handeln sich hinter dem großen Wort verbirgt – da ist die Secondhandbranche keine Ausnahme.

Agnes Fuchsloch ist eigentlich Historikerin. Nach dem Studium in München hat sie am Deutschen Historischen Museum volontiert, bevor sie schließlich im Secondhandbusiness landete. Wie es dazu kam? Geschichte(n) haben sie schon immer angezogen, egal ob sie sich aus der wissenschaftlichen Analyse von Vergangenem ergeben oder ob sie ein Kleidungsstück zu etwas Besonderem machen.

Titelbild: Becca McChaffie - gemeinfrei

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