Interview 

Liebe Konzerne, unser Gemüse gehört uns allen!

Internationale Großkonzerne beherrschen 75% des weltweiten Saatgutmarktes. Eine deutsche Initiative will ihre Macht brechen.

18. April 2019  8 Minuten

Meine ersten Gärtnerversuche waren nicht von Erfolg gekrönt. Im Kasten auf der Fensterbank keimte oft gar nichts. Einige Sämlinge verwelkten nach kurzer Zeit und andere wuchsen zwar heran, bildeten aber keine oder nur mickrige Fruchtansätze. Hatte ich etwas falsch gemacht? Oder stimmte etwas nicht mit den Samen, die ich fein säuberlich aus dem Supermarktgemüse herausgepult hatte?

Viele andere werden auf dem Weg zum eigenen Gemüsegarten ähnliche Enttäuschungen erlebt haben. Denn was vor 100 Jahren noch selbstverständlich gewesen wäre, nämlich Gemüse aus gesammelten Samen nachzuziehen, ist heute meist nicht mehr möglich. Der kommerzielle Gemüseanbau macht der Selbstversorgerromantik einen Strich durch die Rechnung. Warum?

  • Erstens werden Obst und Gemüse oft unreif geerntet, damit sie lange Transportwege überstehen. Die Samen sind dann noch nicht ausgereift und somit auch nicht keimfähig.
  • Zweitens werden häufig sogenannte Hybride angebaut. Durch die Kreuzung zweier verschiedener Sorten werden bei den Nachkommen besonders begehrenswerte Eigenschaften Neben höheren Erträgen hat Hybridsaatgut vor allem den Vorteil, dass die Pflanzen und dadurch auch deren Früchte sich sehr ähnlich sind. Außerdem wachsen und reifen die Pflanzen fast gleichzeitig, sodass große Felder in einem Arbeitsgang beerntet werden können. erreicht. Der Haken daran: Dieser positive Effekt hält genau eine Generation lang an – eine Nachzucht aus den Samen bringt nur kümmerliche Erträge.

Das ist nicht nur ärgerlich für ahnungslose Hobbygärtner, sondern auch für die Landwirte, die jede Saison neues Saatgut kaufen müssen. Gut ist es dagegen für diejenigen, die von Vermehrung und Verkauf des Saatguts leben – und sich auf diese Weise ihre Kundschaft erhalten. In der Regel sind das die großen Agrarkonzerne. Studie von Misereor zur Monopolisierung der Lebensmittelproduktion (2014, PDF) 3 von ihnen kontrollieren aktuell über 50% des weltweiten Saatgutmarktes.

Ob aus den Samen leckeres Gemüse wird, hängt nicht nur davon ab, wie gut sich Hobbygärtner kümmern. – Quelle: OpenSourceSeeds copyright

Dadurch entstehen Abhängigkeiten, aus denen Landwirte nicht so einfach ausbrechen können. Denn wenn einer von ihnen es schafft, aus gekauftem Saatgut etwas Brauchbares nachzuzüchten, drohen ihm deftige Geldstrafen. Das kommerziell vertriebene Saatgut unterliegt immer häufiger Sortenschutz- und Patentregeln, die eine Nachzucht einschränken oder verbieten.

Die Initiative Hier geht es zur Website von »OpenSourceSeeds« OpenSourceSeeds hat sich zum Ziel gesetzt, Saatgut vor Privatisierung zu schützen. Um das zu erreichen, haben sich die Gründer etwas aus dem Softwarebereich abgeschaut: Die sogenannte Open-Source-Lizenz. Der Begriff Open Source (engl. »offene Quelle«) kommt aus dem Bereich der Computerprogrammierung. Man spricht von Open Source, wenn der Quelltext eines Programms für alle offenliegt, frei genutzt und auch geändert werden kann. Im Interview erklärt mir Gründer Johannes Kotschi, was das für die Zukunft von Landwirtschaft und Artenvielfalt bedeuten könnte.

Warum kann man überhaupt Patente auf Lebensformen wie Pflanzen anwenden?

Johannes Kotschi: Es gibt immer wieder Verhandlungen mit dem Europäischen Patentamt, und vor Kurzem ist auch wieder eine Entscheidung gefällt worden, Nach Aufforderung der EU-Kommission hat das Europäische Patentamt im Jahr 2017 angekündigt, die Vergabe von Biopatenten deutlich einzuschränken. Ausgeschlossen wurden dabei Patente auf Pflanzen und Tiere, die aus im Wesentlichen biologischen Züchtungsverfahren hervorgehen. Biopatentgegner kritisieren, dass die neue Regelung Schlupflöcher geschaffen habe, die zum Beispiel die Patentierung von zufälligen Erbgutveränderungen ermöglichen. die diese Art von Patenten weitgehend untersagt. Es kommen aber trotzdem immer wieder Patente durch. Das Hauptmotiv der Konzerne: Durch die Patentierung von Erfindungen und Analyseverfahren an Pflanzen wird Saatgut zum Privateigentum.

Johannes Kotschi

Johannes Kotschi ist seit über 30 Jahren Berater für Entwicklungsarbeit in Afrika und Asien. Sein Fokus liegt auf dem Gleichgewicht zwischen Intensivierung und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Er findet, dass leistungsfähiges, standortgerechtes Saatgut nur mit den Menschen vor Ort entwickelt werden kann – das will er auch mit der Initiative »OpenSourceSeeds« unterstützen.

Bildquelle: Johannes Kotschi

Und dann können sie damit Profit erwirtschaften, logisch. Das hat aber auch Konsequenzen für den Landwirt: Wenn auf Saatgut ein Patent liegt, darf er nicht mehr alles damit machen. Was bedeutet das für ihn?

Johannes Kotschi: Der Bauer kann dann nicht mehr einen Teil seiner Ernte als Saatgut für das kommende Jahr zurücklegen. Dadurch wird er von den Agrarkonzernen abhängig. Das kann problematisch werden, wenn die Saatgutpreise steigen – was tatsächlich stattfindet, Studie über die Entwicklung des Saatgutmarktes in der EU (englisch, 2013, PDF) gerade bei den großen Anbieterfirmen.

Patente und Sortenschutz Sortenschutz sichert das geistige Eigentum des Züchters und ermöglicht es ihm, Lizenz- und Nachbaugebühren zu nehmen. Gleichzeitig enthält diese Regelung das sogenannte Züchterprivileg, nach dem andere Züchter die Sorte auch ohne Zustimmung des Rechteinhabers nutzen und daraus entstehende neue Sorten vermarkten dürfen. Ein Patent wiederum darf nur auf technische Erfindungen vergeben werden, dazu zählen bestimmte biotechnologische Verfahren, aber auch durch diese isolierte Gensequenzen. Die Grenzen sind hierbei sehr umstritten. Ein Patent erlaubt dem Inhaber, seine Erfindung exklusiv zu nutzen oder die Nutzung gegen Gebühr zu erlauben. Eine sehr gute Erläuterung zu Patent- und Sortenschutzrecht gibt es hier. schränken heute die Möglichkeiten der kleinen Pflanzenzüchter deutlich ein. Je größer die Konzerne werden, desto mehr drücken sie mit ihrer Marktmacht die Kleinen an den Rand und zwingen sie zur Aufgabe.

Bisher gab es für die Landwirte keine Alternative zum privatisierten Saatgut, doch dann habt ihr die Open-Source-Lizenz ins Spiel gebracht. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Johannes Kotschi: Ich hatte gerade ein Buch über Gemeingüterökonomie Gemeingüter (engl. »Commons«) bezeichnen natürliche, soziale, kulturelle sowie digitale Gegenstände und Ressourcen, die gemeinsames Eigentum aller Menschen sind. Dazu gehören zum Beispiel die Ozeane, die Atmosphäre und die Biodiversität, aber auch öffentliche Versammlungsorte, Sprache sowie Wissen und nicht zuletzt freie Software oder die Wikipedia. gelesen, Hier findest du das Buch »Gemeingüter – Wohlstand durch Teilen« von Silke Helfrich u. a., das Johannes Kotschi inspiriert hat in dem das Open-Source-Prinzip beschrieben wurde. Und da habe ich gedacht, das wäre eigentlich etwas, was man auf Saatgut übertragen müsste. Es war der Silvesterabend, also ein Tag, an dem man ohnehin darüber nachdenkt, wie man weitermachen will …

Ich habe dann nach Mitstreitern gesucht und schließlich zusammen mit Juristen, Commons-Aktivisten, Züchtern und Saatgutfachleuten eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet. Wir haben mit ersten Studien angefangen und bald zeigte sich, dass vor uns bereits andere Leute über das Thema nachgedacht hatten. In den USA gab es eine Initiative von einem Pflanzenzüchter, der hatte das »Public License« genannt. Dann kam eines zum anderen, bis wir Die »OpenSourceSeeds«-Lizenz findest du hier eine Lizenz erarbeitet hatten und uns fragten: Was machen wir jetzt damit? Unsere Antwort: Ob so eine Lizenz wirklich eine realistische Strategie ist, kann man eigentlich nur herausfinden, wenn man es ausprobiert.

So funktioniert »OpenSourceSeeds«

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Die OpenSourceSeeds-Lizenz soll den »Kleinen« helfen und verhindern, dass Bauern Saatgut nur noch von einigen wenigen Konzernen kaufen können. Aber wie funktioniert sie genau?

Titelbild: Kristina Paukshtite - CC0

von Isabella Aberle 

Isabella Aberle macht zurzeit ihren Master in Biodiversität und Naturschutz an der Universität Marburg. Sie war von Dezember 2017 bis Februar 2018 Praktikantin in der Redaktion von Perspective Daily.

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