Schluss mit dem täglichen Weltuntergang

Perspective-Daily-Gründerin und Neurowissenschaftlerin Maren Urner hat in ihrem neuen Buch darüber geschrieben, wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren. Lies hier einen exklusiven Vorabauszug daraus.

6. Mai 2019  5 Minuten

Am ersten Aprilwochenende 2018 mit Frühlingswetter fährt ein Mann einen Campingbus in das Traditionslokal Kiepenkerl in der Innenstadt Münsters in Westfalen. In den darauffolgenden Stunden des 7. Aprils wird meine Heimatstadt der lebende Beweis für einen mittlerweile gut erforschten Zusammenhang zwischen Medien und Stresswahrnehmung.

Wer an diesem Tag die Nachrichten verfolgte, konnte nicht nur allerhand Falschmeldungen zu vermeintlichen Hintergründen der Tat in den Live-Tickern mitverfolgen, er erfuhr auch vor allem eines: Das titelte die Rheinische Post am 7. April 2018 »Eine Stadt steht unter Schock«. Falsch! Denn es scheint eher umgekehrt: Die Welt, die auf Münster schaut, ist unter Schock, während für die meisten Menschen in Münster Mein Kommentar zur Amokfahrt in Münster der Alltag in Parks, Cafés und Straßen (natürlich abgesehen vom direkten Umkreis des Tatorts) weitergeht.

Nachrichten sind stressiger als die Realität

Warum wir vor lauter News die Nachrichten übersehen – in ihrem neuen Sachbuch erklärt die Neurowissenschaftlerin und Perspective-Daily-Gründerin Maren Urner, warum uns die tägliche Informationsflut überfordert und zeigt, wie wir das verhindern. »Schluss mit dem täglichen Weltuntergang« erscheint am 3. Juni 2019 bei Droemer Knaur.

Bildquelle: Droemer Verlag

Wahrscheinlich sind die Menschen, die von der Amokfahrt in Münster aus den Medien erfahren haben, gestresster und emotional aufgewühlter als diejenigen, die selbst in der Nähe des Tatorts waren. Diesen Effekt belegen die Ergebnisse einer Studie, die Wissenschaftler in den Wochen nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 durchführten: Menschen, die zahlreiche Medienberichte in Zeitungen, Radio und Fernsehen über den Anschlag konsumierten, hatten ein Hier findest du die Studie zur Stresswahrnehmung (englisch, 2014, PDF) höheres akutes Stresslevel als diejenigen, die den Anschlag live miterlebten. Mit anderen Worten: Werden wir über die Massenmedien – am besten auf allen Kanälen – über schreckliche Ereignisse informiert, ist das für uns stressiger, als den Geschehnissen selbst beizuwohnen.

Die Studie zum Boston-Marathon ist nicht die einzige, die die negativen Folgen der Katastrophen-Berichterstattung für unsere psychische Gesundheit zeigt. Die Liste der schädlichen Folgen des anhaltenden Konsums negativer Nachrichten ist lang. So können aus der daraus resultierenden schlechten Laune und gesteigerten Angst chronisch schlechte Laune und anhaltende Angstzustände werden.

So zeigten Wissenschaftler in einer Untersuchung den Versuchsteilnehmern Videos mit negativen Nachrichten, um sie im Anschluss nach ihrer Stimmung zu fragen. Wenig überraschend waren die Probanden nach den Videos ängstlicher und trauriger als davor. Die Videos wirkten sich sogar auf die Wahrnehmung der eigenen Probleme aus. Die Probanden tendierten dazu, ihre persönlichen Probleme als deutlich größer und bedrückender einzuschätzen, Hier geht es zur Studie (englisch, 2011, Paywall) nachdem sie die Videos geschaut hatten.

Titelbild: Greg Rakozy - CC0

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

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