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Was sich ändern muss, damit Menschen in Not den richtigen Beistand bekommen

Im Gefängnis, am Unfallort, im Krankenhaus – Profis wie Aişe A. werden dort dringend gebraucht. Am Einsatzort mit einer muslimischen Seelsorgerin.

9. Mai 2019  8 Minuten

»Brand in Mehrfamilienhaus« wird die Lokalmeldung aus Köln in den Zeitungen am nächsten Morgen lauten. Doch noch bevor am Abend zuvor eine Reporterin vor Ort ist, klingelt das Telefon von Aişe A. Die Protagonistin möchte zum Schutz der Privatsphäre nicht mit vollem Namen genannt werden. »Können Sie bitte so schnell wie möglich kommen. Das Haus ist eingestürzt. Ein älteres Ehepaar ist tot. Die Tochter kann kein Deutsch!« Aişe A. legt den Hörer auf. Es ist kurz vor 19 Uhr und sie hat bereits einen 8-stündigen Arbeitstag als Grafikdesignerin hinter sich. Doch wieder einmal muss das Abendessen warten. Denn sie wird gebraucht.

An der Brandstelle angekommen, drängelt sie sich durch eine Menge neugieriger Menschen. Das Feuer lodert noch immer. Sie hat ihre grellgelbe Weste angezogen; in großen Buchstaben steht jetzt auf ihrem Rücken geschrieben: Notfallseelsorgerin. Ein Polizist lässt Aişe A. durch die Absperrung. Bei ihm informiert sie sich über die Situation: Das Ehepaar habe sich im Haus befunden, der Grund für den Brand sei noch unklar. Die Tochter, eine junge Frau aus Osteuropa, sei am Leben und brauche Beistand. Für die Notfallseelsorgerin ist das der erste Brandeinsatz, deshalb weiß sie nicht, was sie erwartet.

Als sie die junge Frau sieht, spricht sie sie an – auf Türkisch. Sie sagt ihr auf Türkisch, dass sie jetzt da ist, dass sie nicht allein ist, dass sie ihr helfen möchte. Innerlich betet sie. Aişe A. will zwischen den Rettungskräften und ihr vermitteln, die Trauer ins Sachliche übersetzen. Aber die Frau weint und schreit. Die Notfallseelsorgerin versucht sie in den Arm zu nehmen. Sagt ihr auf Türkisch, dass sie jetzt da ist, dass sie nicht allein ist, dass sie ihr helfen möchte. Innerlich betet sie.

Aişe A. kann von vielen solchen Situationen berichten. Meist wird sie bei Notfällen mit türkischen, arabischen, aber auch bulgarischen oder rumänischen Familien gerufen, die Türkisch sprechen. Dabei können die Polizisten nicht immer wissen, ob die Angehörigen Muslime sind oder nicht. Aişe A. übrigens auch nicht. Für den Notfall ist das aber auch nicht so wichtig. In diesem Fall stellt sich heraus, dass die junge Frau nicht religiös ist. Dennoch kann die Notfallseelsorgerin helfen. Die türkischen Beileidsbekundungen, Der Spruch: »Allah rahmet eylesin« ist die gängigste türkische Beileidsbekundung und bedeutet: Möge Allah/Gott seiner/ihrer Seele gnädig sein. das Verständnis für die laute Trauer der jungen Frau und die körperliche Nähe haben allen Beteiligten geholfen.

Esra Ayari

Esra Ayari ist Journalistin. Sie schreibt schwerpunktmäßig über Islam, Rassismus, Sexismus, Identität und Sprache. Sie studiert germanistische Linguistik im Master in Köln.

Bildquelle: Yasmine M`Barek

Im Gegensatz zur christlichen Seelsorge ist die muslimische Seelsorge in Warum steckt die islamische Seelsorge noch in den Kinderschuhen? Dieser Frage geht Esnaf Begić für das Onlinemagazin islamiq nach (2017) Deutschland nicht institutionalisiert. Entsprechend sind hier meist nur ehrenamtliche muslimische Seelsorger und Seelsorgerinnen wie Aişe A. im Einsatz. Bundesweite und repräsentative Zahlen über Muslime, die Seelsorge-Angebote wahrnehmen oder anbieten, gibt es laut dem Soziologen Cemil Şahinöz nicht, Aus dem Buch »Seelsorge im Islam – Theorie und Praxis« des Religionspsychologen und Soziologen Cemil Şahinöz (2018, Paywall) der zu diesem Thema promovierte. Immer wieder wird berichtet, dass der Ein Bericht der Tagesschau über muslimische Seelsorge in Haftanstalten (2019) muslimische Beistand in Gefängnissen und sogar bei der Bundewehr Hier interviewt Juliane Metzker Nariman Hammouti-Reinke, die Offizierin ist und muslimische Seelsorge in der Bundeswehr fordert fehle. Auch Aişe A. merkt, wie groß die Nachfrage bei den knapp 5 Millionen Die Zahlen stammen aus einer Studie, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Auftrag gegeben wurde, und gelten für das Jahr 2015 (2018) in Deutschland lebenden Muslimen ist und wie klein das Angebot.

Auch wenn sich niemand gern Gedanken darüber macht, angesichts von Krankheit und Tod kann professioneller Beistand eine große Stütze sein. Aber welche Bedürfnisse muss dieser erfüllen? Sollte nach der christlichen auch die muslimische Seelsorge institutionalisiert werden oder sollten wir an diesem Punkt Seelsorge in Deutschland gleich ganz neu denken?

Titelbild: Rémi Walle - CC0

von Esra Ayari 

Esra Ayari ist Journalistin. Sie schreibt schwerpunktmäßig über Islam, Rassismus, Sexismus, Identität und Sprache. Sie studiert germanistische Linguistik im Master in Köln.

Themen:  Deutschland   Gesellschaft   Glaube  

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