Menschen, die bewegen 

In der katholischen Kirche werden Frauen systematisch kleingehalten. Jetzt fordern sie das Patriarchat heraus

Seit Samstag streiken katholische Frauen in ganz Deutschland. Lisa Kötter ist eine der Initiatorinnen. Für sie ist die Kirche ein Zuhause. Ausziehen will sie nicht – aber endlich gründlich ausmisten.

15. Mai 2019  10 Minuten

Die katholische Kirche hat ein Problem: tagesschau.de berichtet über eine neue Studie zum Mitgliederschwund der christlichen Kirchen in Deutschland (2019) Die Mitglieder rennen ihr in Scharen davon. Bei vielen liegt es nicht einmal am Glauben, sondern an den Skandalen, die die Kirche immer wieder erschüttern: sexuelle Gewalt, Vertuschung, Verschwendung. Auch die aus der Zeit gefallenen Moralvorstellungen stoßen vielen auf, vor allem die Haltung gegenüber sexuellen Minderheiten – und die Ungleichbehandlung von Frauen.

Eine Gruppe Münsteraner Frauen hat sich entschieden, trotzdem zu bleiben. Aber nicht schweigend, sondern lautstark, um etwas zu bewegen. Hier schreiben die Mitglieder der Initiative über die Entstehungsgeschichte von »Maria 2.0« Angefangen hat alles mit einem Lesekreis, in dem sie sich darüber ausgetauscht haben, wie sehr sie die aktuelle Situation in der Kirche beschäftigt. Offener Brief aus Anlass des Sondergipfels zum Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche Schließlich haben sie einen offenen Brief an Papst Franziskus verfasst, in dem sie Forderungen aufstellen, die in den Augen vieler Kirchenoberen wohl höchst radikal anmuten. Darunter: der Zugang von Frauen zu allen Ämtern der Kirche.

Frauenlob wird gerne von Kirchenmännern gesungen, die aber allein bestimmen, wo Frauen ihre Talente in der Kirche einbringen dürfen. In ihrer Mitte dulden sie nur eine Frau: Maria. Auf ihrem Sockel. Da steht sie. Und darf nur schweigen. Holen wir sie vom Sockel! In unsere Mitte. Als Schwester, die in die gleiche Richtung schaut wie wir. – Offener Brief der Initiative »Maria 2.0« an Papst Franziskus

Außerdem riefen die Frauen aus Münster zum »Streik« in der Woche vom 11. bis zum 18. Mai auf. Die katholische Kirche ist auf ihre vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen angewiesen, die Niederlegung der Arbeit soll den Klagen und Forderungen der Frauen Nachdruck verleihen. In ganz Deutschland und sogar im Ausland schlossen sich Frauen an.

»Unsere Mailbox steht nicht mehr still«, sagt Lisa Kötter, eine der Initiatorinnen von »Maria 2.0«. Die Künstlerin engagiert sich seit Langem in der Kirche, unterrichtete früher Kommunionskinder und baute Bühnen für Theatergruppen. Letztes Jahr hat sie mit Mitstreiterinnen Mahnwachen »Als ich durch das Funkgerät die Stimmen hörte, wusste ich, dass so eine Rettung ganz einfach ist« – ich habe einen Seenotretter interviewt gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung organisiert: »Christsein verpflichtet uns, gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen!«

Titelbild: dpa / Patrick Seeger - copyright

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin und Philosophin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.

Themen:  Glaube   Gerechtigkeit   Aktivismus  

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