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Kommentar 

Macht uns Meditation zu Egoisten?

Nur durch Achtsamkeit begreifen wir die Probleme der Welt, sagt Stefan Boes. Schön und gut, meint Katharina Wiegmann. Aber die Lösungen dafür finden sich nicht auf der Yogamatte.

3. Juni 2019  6 Minuten

Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen. Rastlos eilen wir von der Arbeit aufs Laufband im Fitnessstudio, weiter zum Abendessen mit Freunden, zwischendurch immer wieder der Blick auf das Handy, wo Messenger blinken und uns Eilmeldungen daran erinnern, was wir alles wissen könnten, müssten, sollten. Brexit-Chaos! Hier schreibt Felix Austen darüber, wer die Biene jetzt noch retten kann Artensterben! Handelskonflikte!

Ganz schön anstrengend. Viele Menschen wollen das nicht mehr: Sie Nachzulesen ist das in der jährlichen DAK-Studie über Vorsätze (2018) sehnen sich nach weniger Stress und mehr Zeit für Freunde, Familie – und sich selbst.

Einen ausführlichen Artikel über Achtsamkeit von Niklas Bub findest du hier Achtsamkeit, Meditation Bekannte Meditationslehrer wie Jack Kornfield benutzen die Begriffe »Meditation« und »Achtsamkeit«, um Ähnliches zu beschreiben. Der Begriff »Meditation« betont stärker den Übungs- und Praxischarakter, »Achtsamkeit« betont stärker die offene, aufmerksame Geisteshaltung. Einheitliche Definitionen gibt es nicht, mit beiden Begriffen wird aber assoziiert, durch bewusstes Lenken der Aufmerksamkeit zur Ruhe und zu sich zu kommen und eine bewusste sowie gesunde Lebensführung zu fördern. und Yoga versprechen einen Ausweg. Einfach mal innehalten, vielleicht ein bisschen Hier schreibt Maren Urner über das grüne Zaubermittel Wald »Waldbaden« und tief einatmen. Sind diese Trends die Lösung für die Probleme unserer Zeit?

»Ja, Meditation verschafft uns Klarheit. Das ist die Voraussetzung, um unsere soziale Verantwortung zu begreifen«, sagt Stefan Boes.

»Der Achtsamkeitstrend sucht individuelle Lösungen für systemische Probleme. Damit macht er alles noch schlimmer«, sagt Katharina Wiegmann.

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Ohne Achtsamkeit sehen wir gar nichts

von Stefan Boes

Es ist schon erstaunlich, was man mit nur wenigen Minuten der inneren Einkehr bewirken kann. Einfach nur dazusitzen, mit geschlossenen Augen, nur dem eigenen Atem zu lauschen und zu spüren, wie alles in einem ruhig, langsam und klar wird.

Regelmäßig angewandt sorgen Techniken der Meditation und Achtsamkeit nicht nur für Entspannung, sie können auch Hier findest du eine gute Zusammenfassung über die Gesundheitseffekte von Achtsamkeitspraktiken (2007) viele andere positive Gesundheitseffekte haben. Sie verbessern den Schlaf, befreien von Ängsten, stärken die Resilienz, lindern Migränebeschwerden und senken den Blutdruck.

Das alles sind Wirkungen, die nicht nur Ratgeber, Coaches und Klangschalen-Studios versprechen. Schon lange sind Achtsamkeit und Meditation Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mehr als 1.000 medizinische Studien zum Thema »Achtsamkeit« verzeichnet die US-amerikanische Datenbank »Pub Med« alleine für das Jahr 2018. Die Psychotherapie wendet seit einigen Jahren verstärkt Achtsamkeitspraktiken an, beispielsweise in der Suchttherapie. Auch die Arbeitswelt hat Meditation längst für sich entdeckt, bei Google etwa gibt es Lies hier einen Beitrag von Deutschlandfunk Kultur darüber das Mitarbeitertraining »Search Inside Yourself«. Der Hintergedanke: Wer meditiert, ist produktiver.

Dass sich Meditation auch im Alltag wachsender Beliebtheit erfreut, ist verständlich. Denn sie hilft dabei, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der heute Habe ich verlernt, mich zu konzentrieren?, fragt Katharina Ehmann in diesem Text ständig bedroht ist. Es geht um das Gefühl, voll und ganz im Augenblick gegenwärtig zu sein.

Tief durchatmen: Nur wenn wir lernen, unsere Konzentration voll und ganz auf etwas zu richten, gewinnen wir an Haltung. – Quelle: Max van den Oetelaar CC0

»Wir sind im Hier und Jetzt nicht etwa sicher verankert, sondern reagieren nur noch auf den allgegenwärtigen Ansturm simultaner Impulse und Anforderungen«, schrieb der Medientheoretiker Douglas Rushkoff vor wenigen Jahren in seinem Buch »Present Shock. Wenn alles jetzt passiert«.

Die ständigen Ablenkungen, die auf unser Smartphone drängen, vermitteln uns das Gefühl, wir müssten mit ihrem Tempo mithalten, um nicht den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren, so Rushkoff. Dabei ist es doch in Wirklichkeit andersherum: Wir verlieren den Kontakt zur Gegenwart, weil wir ständig abgelenkt sind und Dinge gleichzeitig erledigen.

Meditation und Achtsamkeit setzen dem etwas entgegen. Aber nicht allen gefällt das. Die Achtsamkeitsbewegung bekommt Gegenwind aus Meditation macht unpolitisch, schreibt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung (Paywall) Wissenschaft und Medien. Der Vorwurf: All die schönen Übungen führen uns zwar näher an unser Selbst heran, doch sie führen auch weg von der Welt, führen zu einer Flucht vor den Warum uns negative Nachrichten hilflos zurücklassen, erklärt Maren Urner in diesem Text negativen Ereignissen und Entwicklungen in unserer Umgebung, seien sie vor der Haustür oder in ferneren Weltregionen.

Doch wenn man sich näher mit der Bedeutung von Meditation beschäftigt, sieht man: Das, was auf den ersten Blick nach Weltflucht aussieht, ist tatsächlich das genaue Gegenteil. Zu meditieren bedeutet nicht, die Augen vor etwas zu verschließen, sondern die eigene Wahrnehmung zu schulen. Verlangsamtes und geistesgegenwärtiges Handeln bedeutet eine Hinwendung zur Welt. Es stimmt zwar: Fokussierung heißt, dass man etwas ausblenden muss. Aber ohne die Aufmerksamkeit konzentriert auf einen Gegenstand zu richten, ist Weltwahrnehmung nicht möglich. Erst dadurch gewinnen wir eine eigene, innere Haltung und hören auf, Getriebene im öffentlichen Nachrichten- und Meinungsaustausch zu sein.

Achtsamkeit bedeutet, die Umwelt zu begreifen und sich selbst in ihr zu verorten. Und damit hat Meditation eben etwas mit sozialer Verantwortung zu tun. Das sieht auch Jack Kornfield so, einer der bekanntesten westlichen Meditationslehrer. In seinem Bestseller »Meditation für Anfänger« schreibt er:

Der tiefere Sinn der Meditation besteht darin zu erkennen, dass wir ein Teil von allem sind, und nicht darin, vor irgendeinem Aspekt unseres Lebens davonzulaufen. Ein wichtiger Aspekt unseres Lebens ist die soziale Verantwortung. – Jack Kornfield, Meditationslehrer und Bestsellerautor

Jack Kornfield hält Meditation weder für einen Luxus noch für einen Weg zur Weltflucht, sondern sieht darin die Möglichkeit, ein tiefes Verständnis für die eigene Verantwortung zu entwickeln.

Ich unterstütze diese Sicht. Meditation bedeutet allenfalls einen kurzen Rückzug aus allem, das uns umgibt. Aber nur, um dann umso klarer aus der Versenkung aufzutauchen.

Meditation löst vielleicht Verspannungen, aber bestimmt keine gesellschaftlichen Probleme

von Katharina Wiegmann

»Heeey, schön, dass du da bist und dich entschlossen hast, den Tag mit einer geführten Meditation zu ergänzen!« Während sie mir über den Bildschirm diese Begrüßung entgegenhaucht, nimmt Mady Morrison auf einer Bank aus hellem Holz Platz. Links neben ihr steht eine dieser Grünpflanzen, mit denen sich Hier schreibe ich darüber, warum Großstädte eine Zumutung sind – und warum ich trotzdem nicht woanders leben möchte gestresste Großstädter gerade massenweise die Altbauwohnungen vollstellen. Auf ihrer rechten Seite sind ein paar Kissen mit Ethnomuster und eine Klangschale drapiert. Mady strahlt mir selig entgegen und säuselt weiter: »Vielleicht ist es dein allererstes Mal? Vielleicht konntest du bisher mit dem Begriff Meditation auch noch gar nicht so viel anfangen?«

Stimmt beides.

Mady Morrison ist eine von sehr vielen Youtuberinnen, die auf ihrem Kanal zu Meditation, Yoga, Fitness und Achtsamkeit animieren wollen. Wenn du mit Mady meditieren willst, kannst du das hier tun – aber lies doch erst mal diesen Text fertig! Sie hat knapp 360.000 Abonnenten. Und sie ist bei Weitem nicht die Einzige, die aus dem Achtsamkeitstrend ein Geschäftsmodell gemacht hat – dem Youtube-Kanal der US-Amerikanerin Adriene Mishler beispielsweise folgen knapp 5 Millionen Menschen.

Was sie und die ganzen anderen da machen, trifft einen Nerv. Das ist verständlich. Nahezu im Sekundentakt prasseln Informationen auf uns ein, ständig pingt, pusht und ploppt es irgendwo. Arbeit verdichtet sich, Stress, Lärm und die zunehmende Geschwindigkeit von eigentlich allem sorgen für eine konstante Reizüberflutung. Natürlich will man da raus, wieder zu sich kommen. Mir wird auch manchmal alles zu viel.

Trotzdem nervt der Achtsamkeitstrend.

Denn die individuelle Stressbewältigung auf der Yogamatte löst vielleicht innere Spannungen, aber ganz sicher keine gesellschaftlichen Probleme. Der Fokus auf das Selbst, dessen Optimierung und die Anpassung an äußere Umstände sind Auswüchse des Systems, das die oben genannten Überforderungen geschaffen hat. Wenn wir da wieder raus wollen, brauchen wir aber keine ausgefeilten Atemtechniken, sondern kollektive Anstrengungen – über Engagement in Warum auch du in eine Gewerkschaft eintreten solltest, habe ich hier aufgeschrieben Gewerkschaften, Parteien oder zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Demonstrantinnen beim »Women’s March« in Boston. – Quelle: Alice Donovan Rouse CC0

Wer schon einmal inmitten einer großen Demonstration mit vielen Gleichgesinnten stand, der weiß auch, dass das gegenseitige Empowerment in einem solchen Moment einen mindestens genauso im Hier und Jetzt ankommen lässt wie eine geführte Meditation.

»All diese Probleme erscheinen individuell – aber sie haben systemische und institutionelle Bedingungen.« – Hartmut Rosa, Soziologe

Davon abgesehen ist der Rückzug ins Selbst etwas, das sich gar nicht jeder leisten kann. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einem »Achtsamkeit löst die Probleme nicht« – Interview mit Hartmut Rosa beim »Portal für Ethik und Achtsamkeit« »individualistischen Wohlfühl-Trend, den sich in der Regel Mittel- und Oberschichten leisten. Bürgerliche Eliten, die schon privilegiert sind, wollen aus der Hetze des Alltags aussteigen und gönnen sich ihr eigenes individuelles Wohlbefinden.« Was ihn daran störe, sei die unpolitische Haltung dahinter. »Ich sehe es als individuelle Strategie einer Elite, noch erfolgreicher durchs Leben zu gehen.«

Das Ziel ist ein leidenschaftsloses, rein beobachtendes Bewusstsein, das sich nicht involviert, wo alles gleichmäßig betrachtet wird. – Hartmut Rosa, Soziologe

Hartmut Rosa hat eine andere Antwort auf die Beschleunigung und den Stress der Zeit: das Empfinden von Resonanz. »Ich muss in der Lage sein, da draußen eine andere Stimme zu hören und mich berühren zu lassen.« Merke: eine andere als die eigene, die innere Stimme.

Der Achtsamkeitstrend entspringt dem Bedürfnis nach einem anderen Verhältnis zur Welt, folgt aber einer alten Logik. In erster Linie ist er im Jahr 2019 ein profitables Business, eine Industrie, ein Geschäftsmodell. Klar kannst du auch einfach still auf einer alten Decke vor dich hin meditieren, aber kauf dir doch lieber eine Yogamatte, ein passendes Outfit – und warum nicht auch noch gleich einen Entsafter für die Anti-Stress-Smoothies? Dann bist du bestimmt wieder entspannt im Büro, fit für die Überstunden.

Du merkst, ich bin ein bisschen wütend. Macht nichts. Wut halte ich für ein produktiveres Gefühl als Entspannung.

Meditation löst vielleicht Verspannungen, aber bestimmt keine gesellschaftlichen Probleme

von Katharina Wiegmann

»Heeey, schön, dass du da bist und dich entschlossen hast, den Tag mit einer geführten Meditation zu ergänzen.« Während sie mir über den Bildschirm diese Begrüßung entgegenhaucht, nimmt Mady Morrison auf einer Bank aus hellem Holz Platz. Links neben ihr eine dieser Grünpflanzen, mit denen sich gestresste Großstädter gerade massenweise die Altbauwohnungen vollstellen. Auf ihrer rechten Seite sind ein paar Kissen mit Ethnomuster und eine Klangschale drapiert. Mady strahlt mir selig entgegen und säuselt weiter: »Vielleicht ist es dein allererstes Mal? Vielleicht konntest du bisher mit dem Begriff Meditation auch noch gar nicht so viel anfangen?«

Stimmt beides.

Mady Morrison ist eine von sehr vielen Youtuberinnen, die auf ihrem Kanal zu Meditation, Yoga, Fitness und Achtsamkeit animieren wollen. Wenn du mit Mady meditieren willst, kannst du das hier tun – aber lies doch erst mal diesen Text fertig! Sie hat knapp 360.000 Abonnenten. Und sie ist bei Weitem nicht die Einzige, die aus dem Achtsamkeitstrend ein Geschäftsmodell gemacht hat – dem Youtube-Kanal der US-Amerikanerin Adriene Mishler beispielsweise folgen knapp 5 Millionen Menschen.

Was sie und die ganzen anderen da machen, trifft einen Nerv. Das ist verständlich. Nahezu im Sekundentakt prasseln Informationen auf uns ein, ständig pingt, pusht und ploppt es irgendwo. Arbeit verdichtet sich, Stress, Lärm und die zunehmende Geschwindigkeit von eigentlich allem sorgen für eine konstante Reizüberflutung. Natürlich will man da raus, wieder zu sich kommen. Mir wird auch manchmal alles zu viel.

Trotzdem nervt der Achtsamkeitstrend.

Denn die individuelle Stressbewältigung auf der Yogamatte löst vielleicht innere Spannungen, aber ganz sicher keine gesellschaftlichen Probleme. Der Fokus auf das Selbst, dessen Optimierung und die Anpassung an äußere Umstände sind Auswüchse des Systems, das die oben genannten Überforderungen geschaffen hat. Wenn wir da wieder raus wollen, brauchen wir aber keine ausgefeilten Atemtechniken, sondern kollektive Anstrengungen – über Engagement in Warum auch du in eine Gewerkschaft eintreten solltest, habe ich hier aufgeschrieben Gewerkschaften, Parteien oder zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Demonstrantinnen beim »Women’s March« in Boston. – Quelle: Alice Donovan Rouse CC0

Wer schon einmal inmitten einer großen Demonstration mit vielen Gleichgesinnten stand, der weiß auch, dass das gegenseitige Empowerment in einem solchen Moment einen mindestens genauso im Hier und Jetzt ankommen lässt wie eine geführte Meditation.

»All diese Probleme erscheinen individuell – aber sie haben systemische und institutionelle Bedingungen.« – Hartmut Rosa, Soziologe

Davon abgesehen ist der Rückzug ins Selbst etwas, das sich gar nicht jeder leisten kann. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einem »Achtsamkeit löst die Probleme nicht« – Interview mit Hartmut Rosa beim »Portal für Ethik und Achtsamkeit« »individualistischen Wohlfühl-Trend, den sich in der Regel Mittel- und Oberschichten leisten. Bürgerliche Eliten, die schon privilegiert sind, wollen aus der Hetze des Alltags aussteigen und gönnen sich ihr eigenes individuelles Wohlbefinden.« Was ihn daran störe, sei die unpolitische Haltung dahinter. »Ich sehe es als individuelle Strategie einer Elite, noch erfolgreicher durchs Leben zu gehen.«

Das Ziel ist ein leidenschaftsloses, rein beobachtendes Bewusstsein, das sich nicht involviert, wo alles gleichmäßig betrachtet wird. – Hartmut Rosa, Soziologe

Hartmut Rosa hat eine andere Antwort auf die Beschleunigung und den Stress der Zeit: das Empfinden von Resonanz. »Ich muss in der Lage sein, da draußen eine andere Stimme zu hören und mich berühren zu lassen.« Merke: eine andere als die eigene, die innere Stimme.

Der Achtsamkeitstrend entspringt dem Bedürfnis nach einem anderen Verhältnis zur Welt, folgt aber einer alten Logik. In erster Linie ist er im Jahr 2019 ein profitables Business, eine Industrie, ein Geschäftsmodell. Klar kannst du auch einfach still auf einer alten Decke vor dich hin meditieren, aber kauf dir doch lieber eine Yogamatte, ein passendes Outfit – und warum nicht auch noch gleich einen Entsafter für die Anti-Stress-Smoothies? Dann bist du bestimmt wieder entspannt im Büro, fit für die Überstunden.

Du merkst, ich bin ein bisschen wütend. Macht nichts. Wut halte ich für ein produktiveres Gefühl als Entspannung.

Ohne Achtsamkeit sehen wir gar nichts

von Stefan Boes

Es ist schon erstaunlich, was man mit nur wenigen Minuten der inneren Einkehr bewirken kann. Einfach nur dazusitzen, mit geschlossenen Augen, nur dem eigenen Atem zu lauschen und zu spüren, wie alles in einem ruhig, langsam und klar wird.

Regelmäßig angewandt sorgen Techniken der Meditation und Achtsamkeit nicht nur für Entspannung, sie können auch Hier findest du eine gute Zusammenfassung über die Gesundheitseffekte von Achtsamkeitspraktiken (2007) viele andere positive Gesundheitseffekte haben. Sie verbessern den Schlaf, befreien von Ängsten, stärken die Resilienz, lindern Migränebeschwerden und senken den Blutdruck.

Das alles sind Wirkungen, die nicht nur Ratgeber, Coaches und Klangschalen-Studios versprechen. Schon lange sind Achtsamkeit und Meditation Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mehr als 1.000 medizinische Studien zum Thema »Achtsamkeit« verzeichnet die US-amerikanische Datenbank »Pub Med« alleine für das Jahr 2018. Die Psychotherapie wendet seit einigen Jahren verstärkt Achtsamkeitspraktiken an, beispielsweise in der Suchttherapie. Auch die Arbeitswelt hat Meditation längst für sich entdeckt, bei Google etwa gibt es Lies hier einen Beitrag von Deutschlandfunk Kultur darüber das Mitarbeitertraining »Search Inside Yourself«. Der Hintergedanke: Wer meditiert, ist produktiver.

Dass sich Meditation auch im Alltag wachsender Beliebtheit erfreut, ist verständlich. Denn sie hilft dabei, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der heute Habe ich verlernt, mich zu konzentrieren?, fragt Katharina Ehmann in diesem Text ständig bedroht ist. Es geht um das Gefühl, voll und ganz im Augenblick gegenwärtig zu sein.

Quelle: Max van den Oetelaar CC0

»Wir sind im Hier und Jetzt nicht etwa sicher verankert, sondern reagieren nur noch auf den allgegenwärtigen Ansturm simultaner Impulse und Anforderungen«, schrieb der Medientheoretiker Douglas Rushkoff vor wenigen Jahren in seinem Buch »Present Shock. Wenn alles jetzt passiert«.

Die ständigen Ablenkungen, die auf unser Smartphone drängen, vermitteln uns das Gefühl, wir müssten mit ihrem Tempo mithalten, um nicht den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren, so Rushkoff. Dabei ist es doch in Wirklichkeit andersherum: Wir verlieren den Kontakt zur Gegenwart, weil wir ständig abgelenkt sind und Dinge gleichzeitig erledigen.

Meditation und Achtsamkeit setzen dem etwas entgegen. Aber nicht allen gefällt das. Die Achtsamkeitsbewegung bekommt Gegenwind aus Meditation macht unpolitisch, schreibt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung (Paywall) Wissenschaft und Medien. Der Vorwurf: All die schönen Übungen führen uns zwar näher an unser Selbst heran, doch sie führen auch weg von der Welt, führen zu einer Flucht vor den Warum uns negative Nachrichten hilflos zurücklassen, erklärt Maren Urner in diesem Text negativen Ereignissen und Entwicklungen in unserer Umgebung, seien sie vor der Haustür oder in ferneren Weltregionen.

Doch wenn man sich näher mit der Bedeutung von Meditation beschäftigt, sieht man: Das, was auf den ersten Blick nach Juliane Metzker fragt sich: Ist es gesünder, wenn du wegschaust? Weltflucht aussieht, ist tatsächlich das genaue Gegenteil. Zu meditieren bedeutet nicht, die Augen vor etwas zu verschließen, sondern die eigene Wahrnehmung zu schulen. Verlangsamtes und geistesgegenwärtiges Handeln bedeutet eine Hinwendung zur Welt. Es stimmt zwar: Fokussierung heißt, dass man etwas ausblenden muss. Aber ohne die Aufmerksamkeit konzentriert auf einen Gegenstand zu richten, ist Weltwahrnehmung nicht möglich. Erst dadurch gewinnen wir eine eigene, innere Haltung und hören auf, Getriebene im öffentlichen Nachrichten- und Meinungsaustausch zu sein.

Achtsamkeit bedeutet, die Umwelt zu begreifen und sich selbst in ihr zu verorten. Und damit hat Meditation eben etwas mit sozialer Verantwortung zu tun. Das sieht auch Jack Kornfield so, einer der bekanntesten westlichen Meditationslehrer. In seinem Bestseller »Meditation für Anfänger« schreibt er:

Der tiefere Sinn der Meditation besteht darin zu erkennen, dass wir ein Teil von allem sind, und nicht darin, vor irgendeinem Aspekt unseres Lebens davonzulaufen. Ein wichtiger Aspekt unseres Lebens ist die soziale Verantwortung. – Jack Kornfield, Meditationslehrer und Bestsellerautor

Jack Kornfield hält Meditation weder für einen Luxus noch für einen Weg zur Weltflucht, sondern sieht darin die Möglichkeit, ein tiefes Verständnis für die eigene Verantwortung zu entwickeln.

Ich unterstütze diese Sicht. Meditation bedeutet allenfalls einen kurzen Rückzug aus allem, das uns umgibt. Aber nur, um dann umso klarer aus der Versenkung aufzutauchen.

Titelbild: Isabell Winter - CC0

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin und Philosophin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.


von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Psychologie   Gesundheit   Gesellschaft  

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