Du hast genug vom Kapitalismus? Wie Wirtschaft jenseits von Markt und Staat funktioniert

Menschen auf der ganzen Welt machen schon heute vor, wie es geht. Und auch du kannst sofort loslegen.

19. Juni 2019  12 Minuten

Einmal die Woche arbeite ich in einem Co-Working-Café im Berliner Bezirk Wedding. Bei einem meiner letzten Besuche ist es schon recht voll, als ich ankomme. Ich quetsche mich mit meinem Laptop an den letzten freien Tisch in einer Ecke, direkt neben einen Stapel Kisten, die bis an den Rand mit Kartoffeln, Karotten und Rhabarber gefüllt sind.

In den folgenden Stunden kommt hier immer mal wieder jemand vorbei, packt einen Beutel mit Gemüse, stellt ihn auf eine kleine Waage, notiert ein paar Zeilen in einem Notizbuch und verschwindet dann wieder – ohne am Tresen des Cafés etwas zu bezahlen. Als sich das Ganze ein paar Mal wiederholt hat, spreche ich eine Frau an. Für wen sie das Gemüse hier abhole? »Na, für zu Hause!« Sie sei, wie die anderen Gemüse-Abholenden an diesem Tag, Teil einer sogenannten »Solidarischen Landwirtschaft« (SoLaWi).

Auf der Website der Solidarischen Landwirtschaft findest du mehr Informationen Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft ist schnell erklärt: Anstatt Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen, finanziert eine Gruppe einen landwirtschaftlichen Betrieb direkt, ohne den Umweg über Zwischenhändler und Supermärkte. Die Bäuerinnen und Bauern rechnen einmal im Jahr vor, Ein Verfahren, um die Beiträge für das kommende Jahr festzusetzen, sind die sogenannten Bieterunden: Die Landwirtinnen und Landwirte geben an, wie viel Geld sie insgesamt benötigen. Die Nutzerinnen und Nutzer vermerken dann jeweils einen Betrag auf einem Zettel, der den eigenen Lebens- und Einkommensverhältnissen gerecht wird. Anschließend werden die Beträge auf den Zetteln addiert; wird die nötige Summe erreicht, ist das Verfahren beendet. Fehlt noch etwas, wiederholt sich das Prozedere – so lange, bis die Kosten der Produzierenden gedeckt werden können. wie viel Geld sie für die Erzeugung von Lebensmitteln brauchen, die Verbrauchenden verpflichten sich dazu, einen festgesetzten Betrag an die Betriebe zu zahlen, der die Kosten deckt – und zwar unabhängig davon, wie viele Karotten, Kartoffeln und Rhabarber-Stangen sie letztendlich aus den Kisten der Abholstationen mitnehmen. Die Gemeinschaft teilt sich die Ernte, sie trägt aber auch das Risiko mit, falls es einmal Ausfälle geben sollte.

Die Menschen, die in meinem Co-Working-Café ihr Gemüse abholen, sind Teil einer Wirtschaftsgemeinschaft, die jenseits von Märkten funktioniert. Für das, was sie tun, gibt es ein Wort: Sie betreiben »Commoning«.

Commoning hat 3 symbiotische Aspekte: alltägliches soziales Miteinander, bewusste Selbstorganisation durch Gleichrangige und sorgendes und selbstbestimmtes Wirtschaften. Das Buch kannst du hier kaufen – oder es kostenlos herunterladen Silke Helfrich & David Bollier: »Frei, fair und lebendig – Die Macht der Commons«

Durch Commoning entstehen »Commons«. Im Deutschen ist auch oft von Gemeingütern oder der Allmende die Rede – gemeint sind damit gemeinsam genutzte Ressourcen wie Wasser, Land, Energiequellen, aber auch Software-Code oder Wissen.

Für die Commons-Aktivistin und Autorin Silke Helfrich sind Commons sogar noch mehr als das, nämlich »soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen.« Helfrich beschäftigt die große Frage, wie alternative Wirtschaftskonzepte aussehen können, die jenseits von Hier schreibt Leonie Sontheimer über die 5 besten Gründe, warum wir uns vom Wachstumszwang verabschieden sollten Wachstumszwängen, Marktfundamentalismus und Im Interview mit Maite Vermeulen hat Juliane Metzker gelernt: Bürokratie ist langweilig, aber sie kann auch die Welt retten nationalstaatlichen Bürokratien funktionieren.

Silke Helfrich

Silke Helfrich hat romanische Sprachen und Sozialwissenschaften studiert. 1999–2007 arbeitete sie für die Heinrich-Böll-Stiftung für Zentralamerika, Mexiko und Kuba. Heute ist sie ist Autorin und Commons-Aktivistin. Wie sie Commoning betreibt? »Ich mache das, was ich produziere, nicht zur Ware, bin Mitglied der SoLaWi, baue Commons-Institutionen mit auf und kaufe im Prinzip nie etwas Neues.«

Bildquelle: A.K.

Sie meint: Das alte Team aus Markt und Staat ist ein Sanierungsfall.

Ob und wie sich Gemeinschaften auch jenseits von Markt und Staat organisieren und kooperativ Güter produzieren können, das beschäftigte auch die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom, die vor allem eines leistete: Mit akribischer Feldforschung auf der ganzen Welt hat sie den Mythos von der sogenannten »Tragik der Allmende« erfolgreich dekonstruiert.

Was sind Commons? Oder: Der Mythos von der »Tragik der Allmende«

Einer der geistigen Väter dieser Tragödie heißt Garret Hardin. In Garrett Hardin: »The Tragedy of the Commons« (englisch, 1968, PDF) einem Essay für die Zeitschrift Science beschreibt der US-amerikanische Mikrobiologe und Ökologe im Jahr 1968 das scheinbar unvermeidliche Schicksal einer Weide, auf die mehrere Schäfer ihre Schafe treiben dürfen.

Hardins Annahme: Jeder Schäfer versucht in dieser Situation, möglichst viel für sich herauszuholen und immer mehr Schafe auf der Weide grasen zu lassen – bis irgendwann gar kein Gras mehr auf der Wiese wächst. Der Einzelne hat rational gehandelt und seine Interessen verfolgt, auch wenn er schon vor der Katastrophe absehen konnte, dass sein unsoziales und unkooperatives Verhalten am Ende allen schadet. Aber schließlich will niemand der Dumme sein, der sich selbst zurückhält und dann am Ende dabei zuschaut, wie andere von frei zugänglichen Ressourcen profitieren.

Darin liegt die Tragödie. Jeder ist gefangen in einem System, das ihn dazu treibt, seine Herde grenzenlos zu vergrößern – in einer Welt, die begrenzt ist. Die Menschheit rennt also in Richtung Ruin, während alle ihre Interessen in einer Gesellschaft verfolgen, die daran glaubt, dass Gemeingüter frei sind. – Garret Hardin, Mikrobiologe und Ökologe (1968)

In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde der feste Glaube daran geprägt, dass Menschen unweigerlich unkooperativ handeln, wenn es da nicht jemanden gibt, der sie im Zaum hält. Und daran, dass es genau 2 Lösungen gibt, die verhindern, dass Meere überfischt, Wälder gerodet oder Wasserquellen zum Versiegen gebracht werden: zentrale, also staatliche Kontrolle und Verwaltung – oder die Umwandlung von Gemeingütern in Privateigentum.

Wenn der Weidegrund nur mir gehört, habe ich schließlich ein Interesse daran, ihn möglichst lange zu nutzen und werde also nur so viele Schafe auf die Wiese treiben, wie es im Sinne einer nachhaltigen Nutzung vernünftig ist. Solange mir und meinen Schafen niemand in die Quere kommt, geht meine Rechnung wahrscheinlich auf.

Fischkutter in Spanien. Wenn jeder fischen darf, wie er will, hat am Ende keiner mehr eine Lebensgrundlage. Oder? – Quelle: Juan Gomez CC0

Der Politologin Elinor Ostrom war das zu einfach, zu schablonenhaft gedacht – auf zahlreichen Forschungsreisen in der ganzen Welt hatte sie mit eigenen Augen beobachtet, dass es auch anders geht. Dass es nicht immer unbedingt eine Autorität von außen und oben geben muss, die Regeln durchsetzt und Strafen verhängt, wenn sie jemand bricht. Denn überall auf der Welt geben sich Gemeinschaften eigene Regeln und handeln kooperativ miteinander, wenn es um die Nutzung gemeinsamer Ressourcen wie Wasser, Wälder oder Weideland geht. Ihre Erkenntnisse veröffentlichte Ostrom im Jahr 1990 in dem Buch »Die Verfassung der Allmende« bei buch7.de »Die Verfassung der Allmende: Jenseits von Staat und Markt«.

Die wichtigste Erkenntnis: Allmenden funktionieren, aber sie brauchen Regeln.

Diese Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Commoning funktioniert

Titelbild: Elaine Casap - CC0

von Katharina Wiegmann 

Katharina interessiert sich dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist. Bei Perspective Daily schreibt sie über Menschen und Ideen, die den Status quo herausfordern. Katharina hat Politikwissenschaft und Philosophie in München und Prag studiert, inklusive kurzer Ausflüge in die Soziologie und Geschichtswissenschaft.

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