Gastautorin: Christin Ihlefeldt

Lach’ doch mal ... über den Islamischen Staat?

4. Oktober 2016

Ist Lachen über Terroristen, Fremdenhass und Diskriminierung gesund?

2 Männer in traditionell saudischen Gewändern und eine junge Frau mit Kopftuch betreten lächelnd eine Wohnung. Der erste trägt ein hübsch geflochtenes Einkaufskörbchen. Darin sind dekorative, selbst gebastelte, leuchtend rote Sprengstoffkörper drapiert. Rasch stellt die junge Frau ihre vollen Discounter-Tüten vom Einkauf ab, während die Männer sofort die explosiven Mitbringsel begutachten.

Als musikalische Begleitung gibt es in dem YouTube-Video einen Ohrwurm aus der Werbeindustrie in etwas abgewandelter Form:

Voll gepackt mit Sprengstoffsachen, die den Teufel glücklich machen, hinein ins Höllenfeuer. Mit ISIS-Weltansichten quälen, töten und vernichten, hinein ins Höllenfeuer. Jag’ dich doch hoch, drück’ auf den Knopf, benutz’ nie wieder deinen Kopf! Mit IS ins Höllenfeuer. – Datteltäter

Noch schnell wetzen die beiden Märtyrer in spe die Säbel, wäre ja schade, wenn sie stumpf blieben. Währenddessen lässt ihre Komplizin den Koran in der Schublade verschwinden, um Platz zu schaffen für ein Tablett voll mit Butterfly-Messern, einer Pistole und noch mehr Sprengstoff. Auf dem Bildschirm steht zum Abschluss des Videos geschrieben: »ISIS quälen. töten. vernichten.« Hier geht’s zum Clip »Mit ISIS ins Weekendfeeling« von den Datteltätern Was für ein Szenario.

Ist das noch lustig?

Für die 5 YouTuber von Hier geht’s zum YouTube-Kanal der Datteltäter »Datteltäter« (Farah, Nemi, Younes, Marcel und Fiete) ist Humor in Form von Satire das Mittel der Wahl, um Fremd- und Feindbilder gegenüber Muslimen zu hinterfragen. Die 5 Freunde, junge Muslime und Nichtmuslime, zeigen auf ihrem YouTube-Kanal verschiedene Clips, in denen sie die weit verbreitete Narrative Narrative oder Erzählweisen folgen einem sich wiederholenden Muster. Es gibt in ihnen wiederkehrende Inhalte, Motive und Bilder. der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland über Migranten und Muslime aufs Korn nehmen – und was sie selbst von radikal-islamistischen Terroristen wie dem selbsternannten Islamischen Staat halten.

Vor gut einem Jahr riefen sie das Satire-Kalifat für ihr Empörium aus. Der Name Datteltäter ist ihre Wortneuschöpfung mit Provokationsbonus, bestehend aus den Worten Dattel Die Dattel – das Brot der Wüste – ist ein wichtiger Bestandteil im Monat Ramadan, mit der das Fasten allabendlich gebrochen wird. Man lädt sich Familie und Freunde dazu ein, und damit ist die Dattel auch ein Symbol der Freundschaft und des Teilens. und Attentäter. Die selbsternannten Satire-Kalifen verüben ausschließlich »positive« Attentate. Eine Gefahr besteht lediglich für fremdenfeindliche Denkstrukturen oder terroristisches Gedankengut. Denn für die gibt es in den Parodien der Satiriker kein Erbarmen.

Die 5 Berliner »Datteltäter« sind Gewinner des Deutschen Webvideopreises für Newcomer des Jahres 2016 – Quelle: Datteltäter copyright

Eroberungszug der lustigen Migranten

Die sogenannte Migrant-Comedy-Szene in Deutschland wächst. Comedians wie der in Deutschland geborene Hier geht’s zur Homepage von Kaya Yanar Kaya Yanar, Sohn türkischer Einwanderer, der bereits 2001 mit dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet wurde, haben es vorgemacht. Seine SAT1- Sendung Hier geht’s zum YouTube-Kanal von »Was guckst Du?« »Was guckst Du?« war sein großer Durchbruch und wurde im gesamten deutschsprachigen Raum gefeiert. Sein Markenzeichen: Das Spiel mit den Klischees verschiedener ethnischer Gruppen. Kaya Yanar gilt in Deutschland als Pionier auf dem Gebiet der Ethno-Comedy. Für den Begriff Ethno-Comedy gibt es noch keine wissenschaftliche Definition. Bisher wird der Begriff verwendet, um Komiker und Komikerinnen mit Migrationsbiografie in der Humor-Kategorie einzuordnen. Die Begriffe Migrant-Comedy und Ethno-Comedy werden häufig synonym verwendet, da sie sich auf die gleiche Kategorisierung beziehen.

»Wenn wir in eurer Gesellschaft nicht mitmachen dürfen, machen wir eure Sprache kaputt« – Jilet Ayse

Seinem Beispiel sind auch Künstler wie Hier geht’s zum YouTube-Clip »Adölfchen & Bdölfchen« von Bülent Ceylan Bülent Ceylan gefolgt. Der ebenfalls gebürtige Deutsche wuchs als eines von 4 Kindern in einem deutsch-türkischen Elternhaus auf. Die bi-nationale Ehe seiner deutschen Mutter Hilde und seines türkischen Vaters lieferten dem Künstler immer wieder Stoff für seine Sketche. Für Furore sorgte der Comedian unter anderem mit seinem Programm »Produzier misch net!«, außerdem konnte er 2009 den Deutschen Comedy-Preis in der Kategorie »Bester Newcomer« einheimsen.

Multikulturelle Comedy, die die Marotten von Migranten, Muslimen und der überwiegend nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft auf die Schippe nimmt, hat längst Einzug in die Welt des deutschen Bühnen-Entertainments gehalten. Das schafft Raum für interkulturelle Begegnungen, denn das Publikum setzt sich aus unterschiedlichen Nationen, Ethnien und Religionen zusammen. Ist das Anti-Rassismus-Arbeit mit Humor?

Die Migrant-Comedy ist ein junges Phänomen, das Vorurteile und Absurditäten im Umgang mit den verschiedenen Kulturen entlarvt, anprangert und lächerlich macht. In Deutschland lebende Minderheiten mit Migrationsbiografie haben in der 2. und 3. Generation ein neues und anderes Selbstbewusstsein als ihre Eltern oder Großeltern. Viele verstehen sich als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft, haben mittlerweile deutsche Wurzeln und leben oft mühelos in 2 Kulturen.

Humor kann Stereotype in ihrer Absurdität entlarven. Primär sind es Standard-Stereotype wie: Bildungsresistenz, Fanatismus, Abschottung oder Sozialschmarotzertum. Und genau diese werden in unseren Satire-Videos problematisiert. – Datteltäterin Farah Bouamar

Hier zieht die Migrant-Comedy-Szene ganz klar an einem Strang, wenn sie gegen Vorurteile und Stereotype gegenüber Migranten auf die Bühne gehen.

Seit 2011 ist auch Comedian Hier geht’s zur offiziellen Homepage von Schauspielerin und Comedian Idil Baydar Idil Baydar Teil dieser Szene, die mit ihren Kunstfiguren Jilet Ayse, Deutschlands Integrationsalbtraum, und Gerda Grischke, die Nazi-Oma aus Neukölln, kein Vorurteil und kein Klischee unbearbeitet lässt. Für alle gilt: Die eigenen kulturellen Eigenheiten werden nicht verschont.

»Ich glaube, ich gehe heute einen Ungläubigen töten«

»Humor verbindet hier eine junge Generation von Comedians und er schafft Selbstwert, indem man über andere und sich selbst lachen kann« - Professor Andreas Zick – Quelle: Andreas Zick copyright

Eine wissenschaftliche Analyse der Welt, wie und warum Lachen gesund ist Lachen ist gesund. Aber kann es auch heilend wirken, wenn Fremd- und Feindbilder bereits Teil der eigenen Realität sind? Ob und wie Humor sie aufbrechen kann, ist nicht zuletzt auch immer eine Frage der Dosis, die dem »Patienten« verabreicht wird.

Die wachsende Szene der Migrant-Comedy zeigt, dass Humor helfen kann, kulturelle Stigmatisierungen zu überwinden. Aber kann Humor eine echte Brückenfunktion in der interkulturellen Begegnung einnehmen? Professor Hier geht’s zur Homepage vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung Andreas Zick ist Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld und konnte im Rahmen seiner langjährigen Arbeit Stolperfallen und Türöffner ausmachen. Er forschte Hier geht’s zur Publikationsübersicht von Professor Andreas Zick unter anderem zum Thema Vorurteile und Rassismus und stellte fest: Humor kann als Brücke in der interkulturellen Begegnung funktionieren, jedoch nicht ohne dabei gewisse Voraussetzungen zu erfüllen.

Mit Blick auf eine Brückenfunktion sollten wir 2 Gruppen beachten. Jene, die Vorurteile haben, und jene, die von ihnen betroffen sind. Für Menschen, die ständig Vorurteile oder sogar menschenfeindliche Bilder hören, ist migrantische Comedy ein medialer und kultureller Raum für Zugehörigkeit. Ob auch eine Brücke zu denen, die Vorurteile und menschenfeindliche Einstellungen, Gefühle und Weltbilder haben, gebaut werden kann, hängt davon ab, ob sich diese Menschen durch Humor in ihren geglaubten Wahrheiten erschüttern lassen. – Professor Andreas Zick

Genau das versuchen die Datteltäter in ihren Videos zu zeigen: Zunächst bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken. Ein leichtes Unbehagen schleicht sich auch ein, wenn die 5 YouTuber vor der Kamera gähnend und räkelnd den Tag mit der Aussage beginnen: »Ich glaube, ich gehe heute mal einen Ungläubigen töten!«

Ein entscheidender Konfliktmoment für den Zuschauer, meint auch Professor Andreas Zick: »Humor kann mit Stereotypen so spielen, dass jene, die daran glauben, durcheinandergeraten. Die bewusste Abwertung zu durchbrechen, ist viel schwerer. Wichtig dabei ist, dass Humor sich nicht an Feindbildern abarbeitet, sondern die Motive der Abwertung thematisiert. Guter Multikulti-Humor muss am besten Konflikte erzeugen, die dann zu einer Veränderung führen, indem er weitergegebene Kategorien vom Fremden und Stereotype lächerlich macht.«

Humor macht resistent

Quelle: Moshtari Hilal copyright

In einem weiteren Video bettelt die Datteltäterin Nemi, dass ihr endlich das Kopftuch abgenommen werden solle. Ihr Gegenüber habe ihr nicht auf das Kopftuch geschaut, sondern unverschämterweise in die Augen. Ihm schleudert sie dafür totale Empörung entgegen. »Lasst uns endlich alle unsere Kopftücher abnehmen!«, ruft sie enthusiastisch-flehend. Dabei betont sie, zu allem entschlossen, dass sie sich jetzt erst einmal einen Mini-Rock kaufen werde, um endlich frei zu sein. Nur so könne sie dann endlich auch eigenständig denken.

Mit der Zeitung ihres permanent in Schweigen gehüllten und als Nichtmuslim dargestellten Clip-Kollegen haut sie zu guter Letzt richtig auf den Tisch: Hier geht’s zum Clip »Kopftuch runter! Rettet die Frauen!« der Datteltäter »Kauf’ dir mal ne BILD und frag mich bitte nicht nach meiner Meinung!« Eine schöne Ausgangssituation, um die oft unsägliche Kopftuch-Debatte, die nur allzu gern an Musliminnen vorbeigeführt wird, zu thematisieren.

Damit Fremd- und Feindbilder gar nicht erst entstehen, kommt Humor auch präventiv oder als Intervention im Rahmen des interkulturellen Miteinanders zum Einsatz. Das kann funktionieren, wie es die Datteltäter auf ihrem Satire-Kanal zeigen. Immer wieder werden in Schulen die Videos der 5 YouTuber im Unterricht eingesetzt, um die Schülerinnen und Schüler mittels Humor für »Diversity« Der Begriff »Diversity« bezieht sich auf die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Verschiedenheit und Vielfalt in einer Gesellschaft. und extreme Vorurteile zu sensibilisieren.

Schluss mit lustig!

Humor ist nicht nur Geschmackssache, sondern immer auch ein Kommunikationsprozess. Dazu gehört zum einen die Absicht des Humor-Schaffenden und zum anderen, wie der gewählte Humor vom Empfänger wahrgenommen wird. Rein rechtlich gibt es Stolperfallen, die bei Missachtung alles andere als komische Konsequenzen haben können. Im besten Fall gelingt es, an den bisherigen Denk- und Emotionsmustern zu rütteln, um das eigene Hinterfragen dieser Gedankenkonstrukte zu ermöglichen. Das ist allerdings nicht die einzige Herausforderung, der sich die Migrant-Comedy-Szene stellen muss. Auch rein rechtlich gibt es Stolperfallen, die bei Missachtung alles andere als komische Konsequenzen haben können.

Der sogenannte Hier geht’s zum Gesetzestext des sogenannten Gotteslästerungsparagraphen Gotteslästerungsparagraph § 166 aus dem deutschen Strafgesetzbuch gibt bei aller Heiterkeit auch dem Bereich Humor und Satire gewisse Grenzen vor. Immer wieder werden hitzige Debatten über das moralisch Richtige und die Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit durch Satire oder Karikaturen ausgelöst. »Das Recht setzt Grenzen für die Frage nach der Strafe. Das entlässt uns aber nicht aus der Diskussion. Wir kommen nicht umhin, über Moral und Ethik zu reden, wenn wir das nicht den Rechtspopulisten und -extremisten oder Islamisten überlassen möchten, die das ständig tun. Wenn Humor Konflikte darüber erzeugen kann, wie subtil Abwertungen erfolgen, kann das der Gesellschaft nur helfen«, so die Einschätzung von Professor Zick.

Quelle: Moshtari Hilal copyright

Wenn Google ein Imam wäre

»Okay, Google, suche mir Steinigung im Koran«, fragt ein junger Mann den fleischgewordenen Google-Imam. Der antwortet postwendend: »Okay. Das steht zwar nicht im Koran, aber da habe ich für dich Afghanistan und Saudi-Arabien.« Der Google-Imam reicht ein paar Unterlagen über den vollgepackten Schreibtisch. Der User ist jedoch nicht zufrieden und verfeinert die Suche. »Koran. Ehebruch. Steine. Werfen.« Erneut ist der Google-Imam angestrengt, aber gibt sich Mühe zu antworten: »Ja, kenne ich. Machen viele, steht aber nicht im Koran!« Der User wirkt immer noch nicht zufrieden und setzt ein weiteres Mal nach: Hier geht’s zum Clip »Wenn Google ein Imam wäre« der Datteltäter »Koran! Steinigung! Videos!«

Auch Fragen zu Islamfeindlichkeit finden ihren Platz. Wenn der nächste User nach »Pappaufsteller deutsche Frau« verlangt oder nach Flüchtlingsfallen fragt, ist das Schmunzeln, trotz der schwierigen Thematik, gewollt und wichtig.

Neben der witzigen Aufmachung klären die YouTuber damit auch über Fremd- und Feindbilder auf, indem sie widerspiegeln, welche gängigen Fragen im Kontext Islam, Islamfeindlichkeit und Terrorismus derzeit Hochkonjunktur haben.

»Alles klingt etwas verwirrender, wenn Google ein echter Imam wäre und er sich den Suchanfragen stellen müsste« – Quelle: Datteltäter copyright

Für die Macher von Datteltäter ist das Ziel ihrer Arbeit klar: »Wir wählen Humor und Satire als Mittel der Unterhaltung. Wir wollen zum Nachdenken anregen, das Eis brechen, um brückenschlagend zwischen der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Community zu wirken. Wir sehen uns in der Pflicht, etwas gegen die zunehmenden Diskriminierungen und rassistischen Angriffe auf Muslime zu starten, was auch unserem muslimischen Selbstverständnis entspricht: mit den verfügbaren Kapazitäten und Mitteln nützlich zu sein«, erklärt Farah Bouamar abschließend.

Die Migrant-Comedy-Szene ist nicht nur eine weitere Facette im bunten Potpourri der deutschsprachigen Humorlandschaft, sondern kann kulturell verbindend wirken. Vielleicht ist diese junge Comedy-Community auch ein Beweis für eine gelungene Integration, die den Muslimen in Deutschland gern mehrheitlich abgesprochen wird. Migrant-Comedy ist eine wichtige, mutige Bewegung, die hoffentlich weiterhin dazu beiträgt, Kulturen zu verbinden – denn was kann verbindender sein, als gemeinsam zu lachen? Humor ist eben nicht nur, wenn wir trotzdem lachen.

Moshtari Hilal - copyright

 

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