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Droht dieses Gebiet Europas Vietnam zu werden?

14. August 2019
Themen:

Soldaten, Geld und Diplomaten: Deutschland und seine Partner setzen alles daran, die Länder des Sahels vor dem Terrorismus zu bewahren. Warum es trotzdem immer schlimmer wird – und was eigentlich passieren müsste.



»Die Terroristen töten uns mit Waffen aus Frankreich, Deutschland, China und Russland. Wie ist das möglich? Kann Deutschland uns helfen?«

Es ist eine harte, aber berechtigte Frage, die Angela Merkel am 2. Mai von einem Das Gespräch ist bei »Youtube« dokumentiert (französisch, 2019) Studenten der Universität Ouagadougou in Burkina Faso gestellt bekommt. Eine wirklich überzeugende Antwort hat Merkel nicht zu bieten. Sie druckst rum, verweist auf die »sehr restriktiven« deutschen Kriterien für den Hier findest du einen PD-Artikel über Argumente für und gegen den Exportstopp deutscher Waffentransporte Export von Waffen.

Während ihres Besuchs im Mai sagt sie auch: Das Statement von Merkel gibt es hier im Wortlaut (2019) »Die Terroristen sind schnell, und deshalb müssen wir schneller werden, damit wir sie auch wirklich bezwingen können«. Das sei »nicht eine Verantwortung dieser 5 Staaten [des Sahels] alleine, sondern das ist eine Verantwortung, die auch Europa mit betrifft; denn wenn hier das Chaos die Oberhand gewinnen würde, was wir verhindern wollen, dann würde sich das auch auf andere Bereiche auswirken.«

Auf der einen Seite scheinen sich Deutschland und Europa alle Mühe zu geben, »schneller« zu werden und die Sahel-Staaten Geografisch beschreibt das Wort »Sahel« die halbtrockenen Landstriche südlich der Sahara, die sich vom Senegal an der Atlantikküste bis zum Sudan am Roten Meer ziehen. Politisch und auch in diesem Artikel sind damit aber in der Regel die Staaten Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad gemeint, die zusammen mit Mauretanien auch die Regionalorganisation »G5 Sahel« gegründet haben. Die Nachbarn dieser Staaten, insbesondere Algerien und Libyen im Norden, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Politik der Region. besser zu unterstützen. Keine Region erhält so viel finanzielle, politische und militärische Unterstützung von Deutschland und der Europäischen Union wie der Sahel. Das gilt insbesondere dann, wenn man die Sahel-Politik als gesamteuropäisches Projekt betrachtet. Andererseits ist die Kritik des Studenten an Merkel durchaus berechtigt: Die Gewalt in der Region eskaliert und es kann sich leicht der Eindruck aufdrängen, dass es schlimmer wird, je stärker sich Europa im Sahel engagiert. Ein Dilemma?

Die EU und der Sahel

Tausende europäische Soldaten, darunter mehrere Hundert deutsche, Nur in Afghanistan sind mehr deutsche Soldaten im Auslandseinsatz. kämpfen in Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad und Mauretanien gegen Terroristen, trainieren einheimische Sicherheitskräfte und teilen geheimdienstliche Erkenntnisse. Mehr als 8 Milliarden Euro haben die EU und ihre Mitgliedstaaten darüber hinaus für die Zeit von 2014 bis 2020 Dies entspricht der Laufzeit des stets auf mehrere Jahre festgelegten EU-Budgets. Etwa die Hälfte der 8 Milliarden Euro kommt nach Aussage einer Sprecherin der Europäischen Kommission von EU-Institutionen, der Rest direkt von den Mitgliedstaaten. für den Aufbau der Staaten und ihrer Wirtschaft eingeplant. So sollen die von Terrorismus und Gewalt geplagten Länder wieder auf die Beine kommen.

Dass Europa in der Region eine solche Verantwortung übernimmt, hat einen einfachen Grund: Es ist an der gegenwärtigen Situation nicht ganz unschuldig.

Egal ob bei Merkel, dem französischen Staatschef Emmanuel Macron, deren burkinischem Kollegen Roch Marc Kaboré oder einem Taxifahrer in Ouagadougou: Kommt die Sprache auf die Situation im Sahel, dann fällt schnell das Wort »Libyen«.

Unabhängigkeitskämpfer einer malischen Tuareg-Miliz. Viele haben vor 2011 in Libyen als Söldner gedient. – Quelle: Magharebia CC BY

Als »Ursünde« gelten die Ereignisse vom 20. Oktober 2011, als der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi von Rebellen aus den Trümmern seines Konvois gezerrt wurde, der kurz vorher von einer amerikanischen Rakete gestoppt worden war. Gaddafi überlebte seine Gefangennahme nicht. Dass der libysche Staat daraufhin kollabierte und seitdem sowohl Waffen als auch Kämpfer frei in der Region zirkulieren, ist für viele der Ursprung der Krise im Sahel.

Von diesem Tag aus scheinen die Ereignisse wie auf einer roten Linie geradewegs auf den Einmarsch Tausender französischer Truppen in Mali im Jahr 2013 zuzulaufen.

Wenn du mehr über die Hintergründe des deutschen und europäsichen Engagements im Sahel wissen willst, dann klicke hier.

Doch die Kurzversion lesen!

In Gaddafis Streitkräften waren auch etliche malische Staatsbürger tätig. Viele waren Angehörige der Tuareg, einer ursprünglich nomadisch lebenden Volksgruppe aus dem Norden Malis, die seit der Unabhängigkeit Malis 1960 mehrfach gegen den malischen Staat rebelliert hat. Diese Kämpfer kehrten nach dem Tod Gaddafis nach Mali zurück – zusammen mit Waffen und Geld.

Hier bildeten sich mehrere bewaffnete Gruppen, die trotz unterschiedlicher Ideologien anfangs als Verbündete auftraten. Neben Kämpfern für eine Unabhängigkeit Nordmalis waren das vor allem religiöse Fundamentalisten, die teilweise im internationalen Al-Kaida-Netzwerk zu verorten waren.

Im Januar 2012 starteten diese Gruppen eine Offensive und eroberten innerhalb kurzer Zeit den gesamten Norden Malis. Desillusionierte malische Soldaten putschten daraufhin im März gegen die eigene Regierung und jagten den Präsidenten aus dem Amt, wodurch das Land in eine tiefe politische Krise stürzte. Im Juni zerbrach dieses Rebellenbündnis schließlich und die islamistischen Fundamentalisten übernahmen im Norden fast überall die Macht.

Diesen Einsatz hatte Präsident François Hollande damals aus Angst vor einem von religiösen Fanatikern kontrollierten Kalifat auf der Türschwelle Europas angeordnet. Seitdem wird die Zusammenarbeit zwischen Europa und dem Sahel stetig enger, die Investitionen in Sicherheit und Stabilität wachsen, die Geldtöpfe werden größer. Das Ziel: die Wiederherstellung der Ordnung und die Befreiung von den Terroristen.

Der Einsatz der EU trägt kaum Früchte

Es gibt nur ein Problem: Es wirkt nicht – die Situation wird immer schlimmer.

Titelbild: dpa - copyright

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