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Warum wir immer mehr Allergien haben – und was wir dagegen tun können

Allergien haben in den Industrienationen stark zugenommen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Woher kommt diese Zivilisationskrankheit und wie können wir sie aufhalten?

22. August 2019  11 Minuten

Ich bin Allergiker, seit ich denken kann. Und zwar gegen alles, was mit Pollen um sich wirft. Schon in der Schulzeit störte ich regelmäßig den Unterricht durch minutenlange Niesanfälle – zur großen Belustigung meiner Mitschüler. Damals war ich der Einzige, der so die Aufmerksamkeit auf sich zog; heute sieht das anders aus.

Seit den 70er-Jahren ist die Prävalenz von Allergien in Deutschland im »Journal of Health Monitoring« (2017) Allergiehäufigkeit in Deutschland stark gestiegen. Während 1992 noch 10% der Deutschen an Heuschnupfen litten, waren es Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (2013) 2013 bereits 14,8%. Allerdings scheint sich dieser Trend zu verlangsamen. Insgesamt sind heutzutage schätzungsweise 28,1% der erwachsenen Bevölkerung von Allergien betroffen. Aber laufende Nasen und geschwollene Augen sind nicht nur unangenehm und gesundheitsschädigend, sondern auch teuer: Die durch die Behandlung von Pollenallergien verursachten Kosten belaufen sich deutschlandweit auf 240 Millionen Euro im Jahr. Jährlich müssen 30.000 Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen, weil sie an Allergieforschungsatlas »Allergieforschung in Deutschland« (2008, PDF, Seiten 9–11) Allergien erkranken.

Weltweit sind Allergien im Aufwärtstrend, besonders jedoch in den Industrienationen. Schuld daran ist unser moderner Lebensstil. Doch woher genau kommt der sprunghafte Anstieg der Zivilisationskrankheit Unter Zivilisationskrankheiten versteht man bestimmte Krankheitszustände, die in Industrienationen häufiger vorkommen als in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dazu gehören insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Atemwegserkrankungen und Krebs. Allergie?

Allergien haben viele Ursachen

Im Rückblick ist es nicht verwunderlich, dass ich eine Pollenallergie gegen sämtliches blühendes Unkraut entwickelt habe. Zunächst ist ein Elternteil von mir ebenfalls Allergiker, Bei der in diesem Text beschriebenen Allergie handelt es sich um den »Soforttyp«, also die Typ-I-Allergie. Zu ihren Ausprägungen gehören unter anderem Heuschnupfen, Allergisches Asthma, Nahrungsmittelallergien und der anaphylaktische Schock. Eine Allergie geht immer mit einer typischen Reaktion des Immunsystems einher: Der Körper reagiert auf das Allergen – also die allergieauslösende Substanz – mit Entzündungszeichen und der Bildung von speziellen »IgE-Antikörpern«. Zeigt der Betroffene allergische Symptome, aber bleibt die Allergie-spezifische Immunreaktion aus, handelt es sich nicht um eine Allergie, sondern um eine Intoleranz beziehungsweise Pseudoallergie. was mein Allergierisiko bereits um 20% erhöht. Wären beide Elternteile Allergiker, läge es sogar bei über 50%. Doch damit nicht genug: Als Einzelkind, welches durch einen Kaiserschnitt zur Welt kam und auch noch in der Stadt aufwuchs, erfülle ich sämtliche Risikofaktoren, die eine Allergie begünstigen. Ein höheres Risiko, an Allergien zu erkranken, besteht außerdem, wenn man als Kind Zigarettenrauch ausgesetzt ist. Das liegt vermutlich am fehlenden Kontakt zu Bakterien, doch dazu später mehr.

All diese Faktoren allein reichen aber nicht aus, um eine Allergie auszulösen. Ihre Entstehung ist ein komplexes Zusammenspiel von Genen und Umwelt, wobei bisher weder ein »Allergien-Gen« noch ein spezieller Umweltfaktor gefunden wurde. Wir wissen nur, dass das Immunsystem normalerweise harmlose Umweltstoffe, etwa Pflanzenpollen, fälschlicherweise als schädlich wahrnimmt und mit einer überschießenden Abwehr reagiert. Diese – von unserem Immunsystem eigentlich gut gemeinte – Abwehr spüren wir dann als allergische Reaktion. Sie äußert sich meistens in Augenjucken, Atembeschwerden oder Hautausschlägen. Wenn ein eigentlich harmloser Umweltstoff eine Allergie auslöst, nennen Mediziner ihn »Allergen«.

Vergleichen lässt sich die allergische Reaktion mit einem stressigen Arbeitstag. Jeder kennt die Tage, an denen wir schon morgens mit dem falschen Fuß aus dem Bett steigen. Das Risiko, abends total gestresst nach Hause zu kommen, ist höher als an anderen Tagen. Während wir also aus dem Bett purzeln, stoßen wir zum Beispiel mit dem kleinen Zeh gegen den Bettpfosten. Der erste Ärger kocht in uns hoch. Fällt uns dann beim Verlassen des Hauses auf, dass der Fahrradreifen schon wieder einen Platten hat und wir zum Bus hetzen müssen, um noch rechtzeitig ins Büro zu kommen, steigt der Stresspegel schon vor der Arbeit auf ein hohes Level. Wenn uns an diesem Tag auch noch unser Chef wegen einer Nichtigkeit anbrüllt oder wir in einen Streit mit einem Kollegen geraten, läuft das Fass schließlich über und wir explodieren: die »anaphylaktische Reaktion« tritt ein.

Hätte uns die Standpauke vom Chef an den meisten Tagen kaltgelassen, reagieren wir in diesem Moment über. Dafür ist eine Vielzahl von Faktoren verantwortlich. Und so ist es auch bei der Allergie. Nur dass diese, haben wir sie einmal entwickelt, leider nicht nach einer Mütze Schlaf wieder verschwindet.

Ein traditioneller Lebensstil schützt vor Allergien

Amische leiden nur selten an Allergien. – Quelle: Randy Fath CC0

Dass die hohen Allergieraten mit unserem modernen Lebenswandel zu tun haben, legt das beeindruckende Ergebnis einer Angeborene Immunität und Asthma-Risiko in Amischen und Hutteren (englisch, 2016) Studie nahe, die das Allergierisiko von in den USA lebenden Amischen und Hutterern vergleicht. In beiden Gemeinschaften führen die Menschen ein gesundes Bauernhofleben. Auch ihr ethnischer Hintergrund ist beinahe identisch. Amische und Hutterer sind sehr ähnliche, streng protestantische Religionsgemeinschaften, die zurückgezogen im ländlichen Amerika leben. Beide vereint eine ähnliche ethnische Herkunft: Im 17. und 18. Jahrhundert sind die Amischen aus der Schweiz und die Hutterer aus Südtirol nach Amerika ausgewandert. Überraschenderweise leiden bei den Hutterern trotzdem 21,3% der Schulkinder an Asthma, bei den Amischen nur 5,2%. Wie kann das sein?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied, den die Forscher im Verdacht haben, für die ungleiche Verteilung der Allergiepatienten verantwortlich zu sein: die Viehzucht. Während die Hutterer mit moderner Technik arbeiten und Viehställe und Wohnungen klar voneinander getrennt sind, leben die Amischen – wie vor 500 Jahren – mit Kuh und Schwein unter einem Dach. Sie wirtschaften ohne Maschinen, ohne Technik, ohne Distanz zu den Tieren. Während die Amischen ihre Viehställe in der Nähe der Wohnung haben und ihre Kinder von klein auf darin spielen, befinden sich die hoch technologisierten Viehställe der Hutterer oft weit weg von den Wohnungen und die Kinder halten sich von ihnen fern.

Es ist also das traditionelle Bauernhofleben, das vor Allergien schützen kann, während das moderne Leben einen Haufen schädigender Faktoren mit sich bringt. Es bleibt nun die Frage: Welche Faktoren sind es, die den modern lebenden Menschen zum Allergiker prädestinieren?

Titelbild: Brandon Nickerson - CC0

von Niklas Bub 

Nach 4 Jahren Medizinstudium kennt Niklas Bub sowohl die Stärken als auch die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems. Er geht medizinischen Problemen auf den Grund und sucht nach wirkungsvollen Lösungen, die bisher nur wenig bekannt sind. Im Zeitraum März–Mai 2018 unterstützte er die Redaktion als Praktikant und arbeitet seitdem als Gastautor für »Perspective Daily«.

Themen:  Klima   Gesellschaft   Gesundheit  

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