PD Daily 

Mit diesen 6 Regeln wird aus jeder Demo eine echte Bewegung

Wer für Klimaschutz und Gerechtigkeit demonstriert, will etwas verändern. So kann das auch gelingen.

23. August 2019  4 Minuten

Viele gesellschaftliche Errungenschaften, die uns heute ganz normal erscheinen, haben wir Protestbewegungen zu verdanken: Die Bürgerrechte und das Frauenwahlrecht in den USA, die Unabhängigkeit Indiens und der Arabische Frühling sind nur einige Beispiele dafür.

Damit die Bevölkerung regieren kann, muss sie auch sprechen.

Probleme, gegen die es sich zu protestieren lohnt, gibt es aber auch heute genug: Hier zeigt Chris Vielhaus auf, wie ungleich der Wohlstand in Deutschland verteilt ist Die Ungleichheit zwischen uns Menschen wächst, und der Planet, den wir uns alle teilen, befindet sich aufgrund der Klimakrise in einem bedrohlichen Zustand.

Und das treibt immer mehr Menschen auf die Straßen.

In welche Richtung geht der Protest? – Quelle: Vegard Beyer copyright

Nur: Wie genau die Protestbewegungen die öffentliche Meinung und die Politik verändern sollen, bleibt oft unklar. Damit Bewegungen wie die Extinction Rebellion oder Fridays for Future die Welt wirklich zum Besseren verändern können, sollten sie diese 6 Demo-Tipps beherzigen:

1. Setzt euch ein klares Ziel!

Jede Protestbewegung braucht ein klar formuliertes Ziel, woran sich Erfolg oder Misserfolg klar messen lässt.

Ein Paradebeispiel für den richtigen Ansatz war die sogenannte Otpor -Bewegung Die prodemokratische Jugendbewegung existierte in den Jahren 1998–2004, als Serbien noch Teil der Jugoslawischen Republik war. »Otpor!« (»Отпор!«) bedeutet »Widerstand!« – so nannte sich die Bewegung selbst. Ihre über 70.000 Mitglieder trugen viel zum Sturz von Milošević im Jahr 2000 bei. Danach trieb sie mit ihren Kampagnen die Demokratisierung des Landes voran, bekämpfte Korruption und wurde schließlich Teil der »Serbischen Demokratischen Partei«. in Serbien. Ihr Ziel war klar und unmissverständlich: das Land von Diktator Slobodan Milošević zu befreien, ohne selbst Gewalt einzusetzen. Im Rahmen dieser Revolution wurde durch Miloševićs Regierung viel Gewalt gegen Personen ausgeübt; mehrere Demonstranten starben. Auf das Konto der Bürger gingen nur Sachbeschädigungen. Punkt. Alles, was sie taten, wirkte auf dieses Ziel hin. Sie erreichten es in nur 2 Jahren.

Eines von vielen Gegenbeispielen, das zeigt, worauf es häufig ohne ein klares Ziel hinausläuft, ist die Occupy -Bewegung. Für 2 Monate im Herbst 2011 besetzte die »Occupy«-Bewegung den Zuccotti Park in Manhattan und protestierte gegen die zerstörerische Macht der Finanzindustrie an der nahegelegenen Wall Street. Bevor diese nach einigem Aufsehen 2011 aus Manhattan vertrieben wurde, hatte sie sich auf mehr als 900 Städte weltweit ausgebreitet.

An der US-Politik allerdings hatte sich nichts verändert. Wie die Die »New York Times« über die »Occupy«-Bewegung New York Times bemerkte, hatte die Bewegung »viele Beschwerden«, die hauptsächlich die Unterdrückung von Arbeitnehmern durch Unternehmen betrafen, aber »kam nie über ihre eigenen Slogans hinaus.« Es reicht also nicht aus, darauf hinzuweisen, was man ablehnt. Eine langfristige Strategie kann nur auf einer klaren Zielsetzung aufgebaut werden.

2. Die Demo darf enden, aber die Kampagne nicht!

Demonstrationen sollten vor allem eines erreichen: Sie müssen »inspirieren, informieren und dann die Menge zum Handeln lenken, womit ich eine konkrete Aufgabe meine, und keinen vagen Aufruf zum ›Widerstand‹«, so der britische Journalist und politische Aktivist George Monbiot.

Anders gesagt: Auf die Demos muss etwas folgen, das die Gesetze und Normen eines Landes verändert. Monbiot bringt das in zwei Grundprinzipien für effektive Kampagnenführung auf den Punkt: »Ermitteln Sie genau, was Sie erreichen wollen, und stellen Sie sicher, dass jeder Schritt, den Sie auf dieses Ziel hin unternehmen, zum nächsten Schritt führt.« Wie beim Autoplay von Netflix -Serien muss es für die Teilnehmer verführerisch einfach sein, die Motivation des Augenblicks direkt in konkrete, politisch wirksame Maßnahmen Das sind zum Beispiel die Teilnahme an EU-Bürgerinitiativen, Engagement bei passenden Organisationen, persönliche Gespräche mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie Bürgermeistern, eine sinnbringende Ausrichtung des Berufslebens und die Steigerung der Wahlbeteiligung im eigenen sozialen Umfeld. Auf Demonstrationen können zum Beispiel Anmeldestationen folgen, an denen sich Teilnehmer für entsprechende Einführungstreffen oder E-Mail-Listen eintragen. zu lenken.

Genau daran scheitern viele Bewegungen, wie zum Beispiel Occupy Wall Street .

3. Weniger reden in weniger Reden!

Der Anfang eines echten Protests sollte keine Lehrstunde sein, sondern die Menschen motivieren. Welche und wie viele Redner auftreten, orientiert sich aber zu oft nicht am Publikum, sondern am Wunsch aller beteiligten Organisationen, auch etwas mitteilen zu dürfen. Aber wo bleibt dabei das Publikum?

Für sie muss das Ereignis gestaltet werden. Der richtige Weg sind wenige, kurze und aufeinander abgestimmte Reden.

4. Keine Revolution ohne Spaß!

Die meisten Menschen stoßen nicht durch Plakataktionen und soziale Medien zu Demos hinzu, sondern durch etwas anderes: die altbewährte Mundpropaganda, sprich durch Freunde und Familie. Mehr Emotionen – und auch Spaß – lohnen sich also im Sinne der Kampagne.

Ein paar Zutaten sind dafür essenziell: Es sollte eine früh mitgeteilte, gemeinsame These für die Demonstration geben – damit sich alle als Teil derselben Gemeinschaft fühlen. Passende und frische Slogans sollten vorher vereinbart werden, und eine zentral gelegene, nicht überlange Route macht die Demo für Außenstehende sichtbar, ohne ihre Teilnehmer zu ermüden. Bonus: Glückliche, Link zum Buch: »The emotions of protest: Affective and reactive emotions in and around social movements« motivierte Demonstranten ergeben auch bessere Pressefotos.

5. Bloß keine Gewalt!

Wir sind friedlich, was seid ihr? – Gängiger Sprechchor auf Demonstrationen

Wenn von Gewalt bei Kundgebungen berichtet wird, verhindert das nachweislich, dass unentschiedene Bürger zu einer Bewegung dazustoßen. So zeigten Forscher vom United States Institute of Peace auf, dass friedliche Protestbewegungen in den letzten 100 Jahren überall auf der Welt Warum gewaltfreie Bewegungen funktionieren: »Why civil resistance works: The strategic logic of nonviolent conflict« mehr als doppelt so erfolgreich waren wie gewalttätige Bewegungen. Gezielter und Wie wichtig Gewaltfreiheit für den Erfolg sozialer Bewegungen ist, berichtet Peter Dörrie gewaltfreier ziviler Ungehorsam erwies sich als besonders effektiv für sozialen Wandel. Eine Erkenntnis, die auch die Gründer der Extinction Rebellion Die britische Zeitung »The Guardian« schreibt über die Bewegung Extinction Rebellion (englisch, 2019) bei ihren Aktionen berücksichtigen.

6. Lasst etwas Fotografierbares geschehen!

Ein starkes Bild sagt mehr als ein 1.000-Wort-Post. Vielleicht ist das die besondere Stärke von Greenpeace : Immer neue, fantasievolle Aktionen sorgen dafür, dass die Aktivisten von Fotografen und Kamerateams geliebt werden.

Ein starkes Bild sagt mehr als ein 1.000-Wort-Post.

Der ehemalige britische Greenpeace -Stratege Chris Rose schreibt in seinem Buch über strategisches Demonstrieren Chris Rose empfiehlt Demonstranten, wie Filmemacher zu denken. Das Motto: Show, don’t tell. Zu Deutsch: Zeigen, nicht erklären. »Ich nenne es den Fototest«, schreibt er. »Wenn du kein Foto davon machen kannst, wenigstens in deiner Vorstellung, ist es nicht real.« Mit eindrucksvoll inszenierten Massensterben-Flashmobs, den sogenannten »Die-ins«, machen es heute Fridays for Future und die Extinction Rebellion genau richtig.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Titelbild: Jörg Farys / Fridays for Future - CC BY-SA

von Vegard Beyer 

Vegard Beyer hat Kommunikationsdesign (von Autowerbung bis Zigarettenpropaganda) in Krefeld studiert und gestaltet Kampagnen für gesellschaftlichen Wandel. Seine Abschlussarbeit drehte sich um die Psychologie hinter wirksamen Kommunikationsstrategien in Zeiten der Klimakrise. Er berät Weltverbesserer wie die »Nachhaltigkeitswoche Zürich«, »Fridays for Future Deutschland« und das »ThinkLab Mentale Gesundheit«.

Themen:  Gesellschaft   Aktivismus  

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