Was die Arbeitswelt von Netflix lernen kann

Schnell, flexibel, jederzeit kündbar: WeWork will die Arbeitswelt revolutionieren. Das milliardenschwere Start-up vermietet dafür nicht nur Büros, es verkauft Träume. Doch der Traum vom neuen Arbeiten droht zu platzen.

12. September 2019  6 Minuten

In der neuen Wirtschaftswelt muss immer erst Bestehendes zerstört werden, bevor das Neue entstehen kann. Disruption lautet der gängige Begriff dafür und ein Unternehmen, das mit der kreativen Zerstörung Milliarden machen will, ist WeWork. Der US-amerikanische Büroanbieter, der nun an die Börse strebt, hat nach eigener Aussage nicht weniger vor, als die Art und Weise, wie Menschen arbeiten, zu revolutionieren. Eine Welt zu errichten, in der Menschen Lebenswerke schaffen können, lautet ganz unbescheiden die »Mission« des Unternehmens, das sich selbst 123-mal taucht das Wort Technologie in den Börsenunterlagen auf als Tech-Company begreift.

WeWork ist eines der wertvollsten Start-ups der Welt. 2010 gegründet, wurde sein Wert bereits nach 4 Jahren auf 5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Anfang dieses Jahres lag die Bewertung bei 47 Milliarden. Das alles für ein Unternehmen, das Büroräume vermietet. Die Finanzwelt blickt jetzt gespannt, aber auch mit großer Skepsis auf den angekündigten Börsengang. Es wäre der zweitgrößte dieses Jahr. Der US-Fahrdienstvermittler Uber war im Mai mit einer Marktkapitalisierung, wie es in der Fachsprache heißt, in Höhe von 82 Milliarden US-Dollar gestartet. Zum Vergleich: Das wertvollste deutsche Unternehmen ist SAP mit einem aktuellen Marktwert von 134 Milliarden Euro. Das sind umgerechnet etwa 147 Milliarden US-Dollar. »WeWork« ist nach aktuellen Schätzungen nur noch knapp 20 Milliarden US-Dollar wert. Das entspricht aber immer noch in etwa dem Börsenwert des deutschen Energiekonzerns RWE.

Auch auf WeWork richten sich nun viele Hoffnungen. Aber warum? Was steckt hinter der Geschäftsidee und hinter dem Phänomen Coworking, das gerade in den Metropolen und auf dem Land weltweit so stark an Bedeutung gewinnt? Coworking steht für gemeinsames Arbeiten in geteilten, offenen und modern gestalteten Büros. In Coworking-Spaces kommen Gründer, Selbstständige, Start-ups, aber auch ganze Abteilungen größerer Unternehmen zusammen, um sich mit den anderen Nutzern auszutauschen, mit ihnen zu kooperieren und von ihnen zu lernen. Im Idealfall entsteht so ein lebendiges Netzwerk, das in den Büroräumen, aber auch auf digitalem Weg miteinander verbunden ist. Und warum mehren sich bei Investoren trotzdem von Tag zu Tag die Zweifel, die sogar dazu führen könnten, dass der Börsengang ganz abgeblasen wird?

Hipster-Möbel und Käseproben: die schöne neue Büro-Welt

Es ist eine exklusive, glanzvolle Welt, die man am Potsdamer Platz in Berlin, am Friesenplatz in Köln, am Gänsemarkt in Hamburg oder an einem der 800 weiteren WeWork-Standorte betreten kann. Auf allen Kontinenten ist das Unternehmen inzwischen vertreten. WeWork vermietet dort aber nicht nur schöne Arbeitsplätze mit edlen Schreibtischen in gläsernen Büros – mit gesichertem Highspeed-Internet, Aktenvernichtern, schalldichten Telefonkabinen, ja sogar mit Käseproben und Kaffee einer Privatrösterei.

Das Unternehmen verkauft vor allem eine Vision von Arbeit. Coworking-Spaces sind die Idealbilder der modernen Arbeitswelt, die unter dem Schlagwort New Work für neue Arbeitsformen, mehr Selbstbestimmung, empathische Führungsstile und digitalen Fortschritt steht. Im Coworking-Büro kommen Kreative, Freiberufler und Gründerinnen zusammen, die diese Werte teilen.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Arbeit  

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