Reportage — 10 Minuten

7 Fußballfelder Wald oder eine Müllhalde?

11. September 2019
Themen:

In Wuppertal soll ein Stück Wald weichen für die Wirtschaft. Doch nach Protesten kommen jetzt Besetzer. »Es ist hier fast lauter als im Hambacher Forst.«



Als ich das erste Mal davon höre, kann ich es kaum fassen. Im Osterholzer Wald bei Wuppertal, wo ich als Kind tobte und als Jugendlicher joggte, sollen für eine Kalkgrube bis zu 5 Hektar Wald weichen. Seit vielen Jahrzehnten wird dort Kalk abgebaut. Deutlich länger, als ich lebe. Und irgendwie hat sich nie jemand so wirklich darüber aufgeregt. Doch seit dem Protest gegen die Abholzung des Hambacher Forsts ist auch meine Aufmerksamkeit für solche Meldungen größer.

Viel wurde überregional noch nicht berichtet über die geplante Erweiterung der Kalkgrube bei Wuppertal, obwohl bereits Aktivisten vor Ort das Waldstück besetzt halten. Deshalb mache ich mich selbst auf den Weg. Als ich auf den Trampelpfaden meiner Jugend durchs Osterholz gehe, sehe ich nach ein paar Kilometern links von mir, wo früher immer Wald war, eine Lücke klaffen.

Ich höre Bagger und Lastwagen zu einem Lärmbrei verschmelzen: Hämmern, Rattern, Schütten. Die Kalkgrube hat sich unverkennbar ein gutes Stück weiter in den Wald hineingefressen. Nach vielleicht 100 Metern schließt sich das Fenster in den Steinbruch wieder und der Bagger-Geräuschteppich ebbt ab. Ein weißes Laken ist hier mit einem Drahtseil über den Waldweg gespannt: »Wald statt Müll. Osterholz bleibt«, steht darauf. Ich bin bei den Osterholz-Aktivisten angekommen, meine erste Station im Wald. Später werde ich noch über Barrikaden zu einer Handvoll Waldbesetzern kraxeln und Till Iseke sprechen, den Assistenten der Geschäftsführung der Kalkwerke Oetelshofen.

Vor der eigenen Haustür kehren

Auf dem Waldweg treffe ich René Schuijlenburg von der Internetseite der Bürgerinitiative Initiative Osterholz Bleibt. Der Aktivist möchte mir das Waldstück zeigen, um das es konkret geht, deswegen haben wir uns hier verabredet. Eine Fläche von etwa 7 Fußballfeldern soll weg. Der ganze Wald hier ist rund 140 Fußballfelder groß, dient den Wuppertalern als Naherholungsgebiet und gehört den Besitzern des Steinbruchs, der Familie Iseke. Im Frühjahr 2019 hat sich die Protestgruppe aus Menschen formiert, die sich vorher zum Teil gar nicht kannten, berichtet René Schuijlenburg, inzwischen seien es etwa 30, die zum harten Kern gehörten. Er möchte nicht, dass ich ihn fotografiere, aber er berichtet viel von sich. Der Wald und die Gegend sind auch sein »Lebensraum«: Früher führte seine Rennrad-Trainingsstrecke hierdurch und im Zentrum Wuppertals betreibt er ein progressives Info-Café, wo sich Menschen treffen und über neue Ideen diskutieren können. Zuletzt ging es um Alternativen zum bislang In der »Frankfurter Rundschau« erfährst du, warum Zement umweltschädlich ist (2017) notwendigen, aber sehr umweltschädlichen Zement, für den man auch Kalk benötigt.

Kalkwerke »Oetelshofen«

Die Firma Oetelshofen baut seit 1900 in der Wuppertaler Grube Osterholz Kalk ab. Das Unternehmen ist auch heute noch in Familienbesitz und liefert Kalk nach eigenen Angaben zu jeweils 1/3 in die Bau- und Stahlindustrie sowie in den Bereich Umweltschutz. Zuletzt wurde die Grube 2013 erweitert. Inzwischen wird auf einem Areal von 50 Hektar Kalk abgebaut. Das entspricht etwa 70 Fußballfeldern. Für die geplante Haldenerweiterung sollen 5 Hektar Mischwald gerodet werden.

Titelbild: Benjamin Fuchs - copyright

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