Nikola Schmidt

Denn sie wissen nicht, was sie wählen. Autopilot an!

7. Oktober 2016

Nicht alle Wahlprogramme auf dem Schirm? Kein Problem, einfach Wahl-O-Mat aufrufen. Oder noch einfacher: Den Wahl-O-Mat gleich in den Stimmzettel integrieren. So ungefähr sieht eine neue Wahlmethode aus, die sich der Mathematikprofessor Andranik Tangian ausgedacht hat. Wie sie funktionieren soll und welche Schlüsse er aus einem ersten Experiment zieht, erklärt er uns im Interview.

Weißt du wirklich, was du wählst?

Worin unterscheiden sich die Rentenpläne von CDU, SPD, Grünen, AfD, FDP und Linken? Wie stehen diese Parteien zu Mehrwert- und Vermögenssteuer? Gibt es eine Partei, die eine einheitliche gesetzliche Krankenversicherung einführen will? Wie sieht es mit Gentechnik und Fracking aus? Bankenregulierung, Euro-Politik, Migration? Es ist eine Menge Arbeit, alle Wahlprogramme zu lesen und zu vergleichen. Wohl die wenigsten überlegen sich zu allen politischen Fragen einen eigenen Standpunkt, um anschließend die passende Partei auszuwählen.

Der Mathematiker Andranik Tangian – Quelle: KIT copyright

Der Mathematiker Andranik Tangian beschäftigt sich seit über 35 Jahren mit mathematischen Grundlagen der Demokratie. Er ist der Ansicht, dass die Menschen eine Partei nicht darum wählen, weil sie ihre Interessen vertritt, sondern aus Tradition, Ideologie oder wegen bestimmter Persönlichkeiten. Aufbauend auf Sein Buch heißt »Mathematische Theorie der Demokratie« (englisch) seiner Forschung hat er eine Wahlmethode entworfen, mit der die Wähler besser vertreten werden könnten.

Wie beim Beratungsangebot Hier geht es zur Website des »Wahl-O-Mat« »Wahl-O-Mat« der Bundeszentrale für politische Bildung können die Wähler ihre Meinung zu politischen Fragen angeben. Beim Wahl-O-Mat geschieht dies zu Hause am PC: Die Nutzer beantworten Fragen, die Antworten werden mit den Wahlprogrammen verglichen. Am Ende zeigt der Wahl-O-Mat ein Ranking der Parteien an, die am besten zum Nutzer passen. Bei Andranik Tangians Wahlmethode hingegen beantworten die Wähler die Fragen gleich auf dem Stimmzettel. So soll der Fragebogen direkt die Zusammensetzung des Parlaments bestimmen. Auf dem Stimmzettel stehen verschiedene Fragen, die die Wähler mit »ja« oder »nein« beantworten können. In Anlehnung an eine Veröffentlichung von Andranik Tangian, in der er die Methode beispielhaft anhand von Meinungsumfragen und der Bundestagswahl 2009 durchgespielt hat, gehen wir einmal von 32 Fragen aus.

Für jede einzelne Frage wird die Zustimmung bzw. Ablehnung der Wählerschaft errechnet, etwa auf die Frage, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel erlaubt werden sollen: »33% dafür, 67% dagegen.«
Daraus bestimmt man für jede einzelne Partei 2 Werte, die zeigen, inwieweit sie die Wählerschaft vertritt (das ist die sogenannte »Repräsentativität«):

Zum einen den Anteil der Fragen, in denen die Partei mit der Mehrheit übereinstimmt, etwa: »Die CDU/CSU stimmt bei 15 von 32 Fragen, also bei 47% der Fragen, mit der Mehrheit überein.«

Um bei knappen Entscheidungen nicht diejenige Partei zu benachteiligen, die die unterlegenen 49% vertritt, kommt noch ein zweiter Wert ins Spiel: Der durchschnittliche Anteil der Wähler, mit denen die Partei übereinstimmt. Die CDU/CSU, die für gentechnisch veränderte Lebensmittel eintritt, stimmt in dieser Frage also mit 33% der Wähler überein. Errechnet man aus allen 32 Fragen den Durchschnitt, kommt die CDU/CSU auf eine Übereinstimmung von 52%.

Der Durchschnitt dieser beiden Werte bestimmt die Sitzverteilung im Bundestag.
Die durchschnittliche Repräsentativität der CDU/CSU liegt also bei 49,5%. Die anderen Parteien liegen zwischen 45,5% (FDP) und 63% (Linke). Im Verhältnis zu diesen Werten werden die Sitze im Bundestag verteilt. Die CDU/CSU würde dann etwa 18% der Sitze bekommen, die Linke etwa 23%.
Auf etwas andere Ergebnisse kommt man, wenn man die Fragen je nach Bedeutung unterschiedlich gewichtet. Als Indiz dafür nutzt Tangian in einer noch unveröffentlichten Studie von 2016 die Anzahl der Google-Ergebnisse zum jeweiligen Stichwort.

Im Juli 2016 hat er die Hier geht es zur wissenschaftlichen Auswertung des Experiments (englisch) Methode bei der Wahl zum Studierendenparlament des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) erstmals getestet. Parallel zur Wahl des Studierendenparlaments des KIT im Juli 2016 konnten die Studierenden eine Liste von 10 Fragen zu hochschulpolitischen Themen beantworten und damit die Drittstimme ausprobieren. 1098 der 3671 Wähler nahmen an dem Experiment teil.
Aus den Ergebnissen der Fragebögen berechnete Andranik Tangian nach seiner Wahlmethode, wie die Sitze verteilt werden müssten, damit das Parlament die Meinungen der Studierenden am besten widerspiegelt. Die Probanden gaben auf ihrem Fragebogen außerdem an, welche Partei sie bei der tatsächlichen Wahl gewählt hatten. Diese tatsächlichen Wahlergebnisse der Probanden verglich Andranik Tangian mit seinen Berechnungen und stellte erhebliche Unterschiede fest. Die meistgewählte Partei steht im Ranking der passendsten Parteien nur an 4. Stelle.

Herr Tangian, Ihre Methode klingt ja wirklich praktisch. Ich brauche nicht einmal mehr den Wahl-O-Mat aufzurufen, sondern beantworte einfach auf dem Stimmzettel ein paar Fragen und schon geht meine Stimme an die passende Partei – ganz automatisch.

Andranik Tangian: Im Grunde ja. Mein Ausgangspunkt ist aber nicht der Wahl-O-Mat, das ist ein ganz anderes Modell. Die Daten sind gleich, aber die Ziele sind unterschiedlich: Der Wahl-O-Mat findet für jeden individuellen Benutzer die optimale Partei. Wir dagegen versuchen, ein allgemeines Profil der ganzen Wählerschaft zu erstellen. Wir finden also nicht für jeden einzelnen Wähler die richtige Partei, sondern für die gesamte Wählerschaft die richtige Mischung.

Aktuell wählen wir mit der Erststimme einen Kandidaten aus unserem Wahlkreis und mit der Zweitstimme eine Partei. Sie wollen diese Stimmen nicht abschaffen, sondern die Wahl-O-Mat-Fragen – ich nenne sie einfach trotzdem so – als dritte Stimme hinzufügen. Wie soll sich diese Drittstimme dann auf die Sitzverteilung auswirken?

Andranik Tangian: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Ich erkläre Ihnen erstmal die extreme Form. Dazu müssen Sie wissen, dass die Stimmen auf dem Wahlzettel unterschiedliche Funktionen haben. Zurzeit sind das folgende: Die Erststimme ist verantwortlich für die Hälfte der Sitze im Bundestag und verteilt diese an die Vertreter aus den einzelnen Wahlkreisen. Die Zweitstimme ist verantwortlich für zwei unterschiedliche Dinge: Zum einen ist sie ein Filter und soll unbedeutende Parteien aus dem Bundestag heraushalten. Die Parteien, die weniger als 5% der Stimmen bekommen, können nicht in den Bundestag einziehen. Das ist die sogenannte Sperrklausel. Als zweite Funktion soll sie bestimmen, welchen Anteil der Sitze im Bundestag jede Partei bekommt. Diese zweite Funktion soll nach meinem Vorschlag die Wahl-O-Mat-Stimme übernehmen.

Das heißt also: Welche Partei wie viele Sitze bekommt, hängt allein davon ab, inwieweit sie auf die Fragen genauso antwortet wie die Wähler. Wenn das die Extremform ist, was wäre Ihre Kompromisslösung?

Andranik Tangian: Einige Menschen können oder wollen vielleicht die Fragen nicht beantworten. Oder sie haben eine sehr starke Neigung für eine bestimmte Partei ohne rationale Gründe. Hier gäbe es die Möglichkeit, die Zweit- und Drittstimme zu kombinieren. Meine Methode soll zunächst nur ein Prototyp sein. Zum Beispiel so: Wenn jemand die Fragen nicht beantworten und somit die Drittstimme nicht nutzen möchte, dann wählt er indirekt alle Antworten im Sinne der Partei, die er mit der Zweitstimme gewählt hat. Wenn ich zum Beispiel die SPD wähle und die Drittstimme nicht abgebe, dann bekommt die SPD die entsprechende Anzahl an Zustimmungen zu ihren Antworten. Das wäre eine Lösung, ich kann mir aber auch noch weitere vorstellen.

In jedem Fall würde Ihr Vorschlag unser Wahlsystem ziemlich auf den Kopf stellen. Meinen Sie es ernst damit?

Andranik Tangian: Ja. Aber meine Methode soll zunächst nur ein Prototyp sein. Denn wenn es wirklich um die politische Anwendung geht, muss das Modell zuerst richtig getestet werden, was wir mit diesem Experiment zum ersten Mal getan haben.

Die fragliche Frage der Fragen

Wie ist das Experiment denn gelaufen?

Andranik Tangian: Ich bin nicht ganz zufrieden, ich sehe Schwachstellen des Verfahrens und muss dafür noch weitere mathematische Ansätze entwickeln. Eine Schwachstelle sind die Fragen. Wir können nur solche Fragen verwenden, auf die die Parteien unterschiedliche Antworten haben. Bei der Frage, ob wir die Deutsche Mark wiedereinführen oder den Euro behalten sollen, sind zum Beispiel alle großen Parteien gleicher Meinung: Euro behalten. Wenn alle Parteien einer Meinung sind, brauchen wir die Frage nicht. Wir brauchen diese Frage dann nicht. Dass alle Parteien gleich antworten, ist ein Extremfall. Es gibt aber häufiger den Fall, dass zum Beispiel nur eine Partei anders antwortet. Sollen wir diese Frage dann beibehalten oder entfernen? Ich sage: Je kontrastreicher, desto besser. Denn wenn wir 10 Fragen nehmen und die Parteien beantworten 8 der Fragen gleich, dann bekommen sie alle sofort sehr hohe – und fast gleich hohe – Werte. Damit bekommen sie am Ende fast den gleichen Anteil im Parlament und die Methode versagt. Wenn Sie aber Kontrastfragen stellen, auf die die Parteien unterschiedliche Antworten haben, dann bekommen sie am Ende unterschiedliche Sitzzahlen. Und dann ergibt es wirklich Sinn. Um diese Kontrastfragen herauszufinden, muss ich nun mathematische Methoden entwickeln.

Die Fragen auszuwählen ist ja nicht nur eine mathematische, sondern auch eine politische Frage. Nicht alle Themen sind jedem Wähler gleich wichtig. Beim Wahl-O-Mat kann ich zum Beispiel einige Fragen doppelt gewichten, die mir besonders am Herzen liegen. Kann ich das bei Ihrem Modell auch?

Andranik Tangian: Wenn die Fragen miteinander vergleichbar sind, kommt man rein statistisch auch ohne Gewichtung zum richtigen Ergebnis. Wenn sich die eine Frage auf Syrien bezieht und die andere auf eine grüne Wiese im Hinterhof, funktioniert das natürlich nicht. Aber die wichtigen Fragen, die in der Presse diskutiert werden, so die »Top 30«-Themen, die kann man vergleichen.

Die müssen ja aber für den einzelnen Wähler nicht alle gleich wichtig sein.

Andranik Tangian: Das ist richtig. Man könnte den Wähler auch selbst bewerten lassen, wie wichtig die einzelnen Fragen sind. All diese Bewertungen dann zusammenzurechnen, wäre kein Problem. Diese Möglichkeit haben wir aber noch nicht getestet.

Noch wichtiger als die Gewichtung durch die Wähler ist die Frage, wer überhaupt die Fragen auswählt und formuliert. Denn derjenige entscheidet ja darüber, welche Fragen überhaupt zur Diskussion stehen. Das ist eine sehr mächtige Position.

Andranik Tangian: Das sollen Experten entscheiden. Oder die Parteien selbst. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.

Ist das nicht Teil Ihrer Forschung?

Andranik Tangian: Wer die Fragen wie formuliert, kann ich mit dem mathematischen Modell nicht entscheiden. Nehmen wir zum Beispiel die Frage über die deutsche Präsenz in Syrien: Sie können die gleiche Frage auf verschiedene Weise formulieren. Etwa: »Sind Sie damit einverstanden, dass die deutschen Truppen in Syrien eingreifen?« Oder: »Wollen Sie, dass die deutsche Armee demokratische Werte in Syrien unterstützt?« Das ist vom Inhalt her die gleiche Frage, aber ganz anders formuliert. Und für die erste Frage bekommen Sie in der Bevölkerung dann vielleicht 45% Zustimmung, für die umformulierte Frage aber 70%, weil demokratische Werte ja gut klingen. Wie die Fragen formuliert werden sollen, ist also ein sehr fraglicher Bereich. Zurzeit habe ich dafür noch keine Lösung. Als Mathematiker interessiert es mich nicht so sehr, wie genau die Fragen formuliert werden. Das müssen wirklich kompetente Leute machen.

Die Auswahl der Fragen ist doch aber entscheidend, wenn man sich überlegt, ob Ihr Modell in der Praxis funktionieren kann.

Andranik Tangian: Ja, das ist eine entscheidende Frage, richtig. Aber auch in den traditionellen Wahlmethoden gibt es eine Reihe von problematischen Fragen, die wir einfach nicht bemerken. Weil wir uns an diese Methode gewöhnt haben.

Vertrauen in die Abgeordneten ist gut, Kontrolle ist besser

Zum Beispiel?

Andranik Tangian: Dass so viel vom Image der Kandidaten abhängt, obwohl es von ihren Inhalten sehr weit abweichen kann. Das ist eine Art Manipulation der öffentlichen Meinung. Unter anderem geben die Politiker Versprechen, die nicht unbedingt so erfüllt werden. Der sowjetische Generalsekretär Chruschtschow sagte mal bei einer Reise nach Amerika: »Die Politiker sind überall gleich. Sie versprechen, eine Brücke zu bauen, auch wenn es keinen Fluss gibt.«

Was kann denn Ihr Modell besser?

Auch traditionelle Wahlmethoden machen Probleme. Wir haben uns daran bloß gewöhnt.

Andranik Tangian: Ich denke, dass eine große Anzahl der Wähler wenig Ahnung davon hat, was die Parteien in ihren Programmen stehen haben. Sie wählen ganz intuitiv nach Personalien oder ideologischen Symbolen. Die Leute schauen wenig auf die Debatten, also welche Partei welche konkrete Ausrichtung in welcher Frage hat. Mein Modell klingt vielleicht etwas kompliziert, aber der Fragebogen macht es sehr einfach, dass Menschen ihre eigene Meinung finden und äußern können, auch wenn sie die Debatten nicht kennen.

Sie sagen, die Politiker erfüllen ihre Versprechen nicht. Das werden Sie sicher bei Ihrer Wahlmethode berücksichtigen. Sollen die Parteien dann an ihre Wahlversprechen gebunden sein?

Andranik Tangian: Nein. In der repräsentativen Demokratie sind die Abgeordneten Vertrauenspersonen. Wie ein Banker, der im Auftrag der Kunden Investitionen tätigt. Oder wie ein Anwalt, der besser als Sie weiß, was für Sie günstig ist. Das Parlament ist ein Club der Experten. Ein Grund dafür ist, dass sich die Lage der Dinge häufig ändert und man auf diese Veränderungen reagieren muss. Um jeden Preis an alten Versprechen festzuhalten, kann für die Gesellschaft auch schädlich sein. Die Abgeordneten sind eine Art Club der Experten und darum frei, die Entscheidungen zu treffen.

Aber solch ein Club kann ja auch eigene Interessen verfolgen. Wenn der Banker zum Beispiel selbst Geld verdienen will. Oder der Anwalt eigentlich für Ihren Gegner arbeitet.

Andranik Tangian: Natürlich kann das Volk unzufrieden sein. Dann wählt es bei der nächsten Wahl eben die Oppositionspartei. Bei meinem Modell kann man ähnlich vorgehen und zum Beispiel bei den Parteien, die bei der vorigen Wahl ihr Wort nicht gehalten haben, die Bewertungen künstlich reduzieren. Indem einer Partei Prozentpunkte abgezogen werden, wenn sie ein Versprechen nicht gehalten hat, für das sie bei der letzten Wahl Sitze im Parlament bekommen hat.

Auch für Volksentscheide interessant

Das ist eine interessante Idee. Viele Menschen wünschen sich aber mehr direkte Demokratie. Sie wollen selbst über die Sachfragen entscheiden und nicht sämtliche Verantwortung an die Abgeordneten abgeben.

Andranik Tangian: Mein Modell könnte man auch bei Volksentscheiden verwenden. Ich glaube zum Beispiel, das Brexit-Referendum wäre damit vernünftiger ausgefallen. Die Leute hätten ankreuzen können: Sind Sie bereit für eine 20%ige Abwertung des Pfunds? Ja oder nein. Sind Sie bereit, Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche außerhalb Großbritanniens in Kauf zu nehmen? Und so weiter. So hätten die Menschen leicht erfahren können, was der Hintergrund und die Folgen dieser vermeintlich einfachen Frage sind.

Illustration: Lukas Oleschinski

Die Folgen kennt man doch erst hinterher.

Andranik Tangian: Expertenmeinungen gibt es schon vorher. Durch diese Fragen kann man ein politisches Profil ermitteln: Hier ist ein Nachteil, da ein Vorteil, Nachteil, Vorteil und so weiter. Und dann nehmen wir die Meinung der Wählerschaft zu den Folgen und vergleichen sie mit den politischen Optionen. Damit können wir entscheiden: ja oder nein.

Experten haben auch nicht immer Recht. Wenn unsere Abstimmungsentscheidung allein auf ihren Prognosen beruht, machen wir uns sehr abhängig davon.

Andranik Tangian: Aber nichts anderes passiert ja auch im Parlament, hinter den Kulissen. Die bewerten alle Konsequenzen, gewichten sie und entscheiden dann: ja oder nein. Das Gleiche würde dann durch die Wählerschaft geschehen, nur indirekt, eben durch diese Fragen.

Ich bin mal Wahlhelferin bei einer Bundestagswahl gewesen und habe stundenlang Stimmen ausgezählt. Allein die Erst- und Zweitstimmen auszuzählen ist sehr aufwendig. Bei der Drittstimme, die Sie vorschlagen, müsste man ja jede einzelne Frage auswerten. Wie soll das zu meistern sein?

Andranik Tangian: Man kann von den Wählern nicht erwarten, dass sie 100 Fragen beantworten. Beim Experiment in Karlsruhe haben wir uns auf 10 Fragen beschränkt. Wie man die Antworten auswertet, ist eine rein technische Frage. Es wäre zum Beispiel möglich, dass in jeder Wahlkabine ein Computer steht, in den man seine Wahl eingibt. Oder man verwendet weiterhin Wahlzettel, aber lässt sie maschinell auszählen. Das Bundesverfassungsgericht hat Wahlcomputer 2009 für verfassungswidrig erklärt, weil sie fälschungsanfällig sind und der Wähler nicht überprüfen kann, ob seine Stimme wirklich erfasst wird. Die Stimmen mit technischer Unterstützung auszuzählen, ist hingegen zulässig (siehe Absatz 119 des Urteils).

Erhoffen Sie sich einen politischen Wandel, sollte Ihr Vorschlag umgesetzt werden?

Andranik Tangian: Wenn man sich so eine Idee überlegt, dann denkt man nicht daran, dass sie sofort angewandt wird. Als zum Beispiel Montesquieu seine Idee von der Gewaltenteilung 1748 veröffentlicht hat, war es absolut unvorstellbar, dass sie Realität werden kann. Aber innerhalb weniger Jahrzehnte wurde der Gedanke europaweit verbreitet. Oder als Michael Faraday die elektromagnetische Induktion erfunden hat. Hätte ihn jemand gefragt, ob das irgendeine Verwendung hat, er hätte gesagt: wahrscheinlich nicht. Aber jetzt haben wir alle industriellen Strom durch elektromagnetische Induktion. Transformatoren, Generatoren, Elektromotoren und was nicht alles. Vielleicht haben wir auch irgendwann dieses Wahlsystem.

Andranik Tangian wurde 1952 in Moskau geboren und studierte dort Mathematik. Nach seiner Habilitation an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR 1989 ging er nach Deutschland und habilitierte sich für mathematische Wirtschaftstheorie sowie Volkswirtschaftslehre um. Seit 2003 forscht er am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung und ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie.

Mit Illustrationen von Lukas Oleschinski für Perspective Daily

 

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