Juliane Metzker / Interview

»Wir sind immer noch 2 komische Typen aus Syrien«

13. Oktober 2016

Jung, männlich, Syrer: potenziell integrationsresistent oder radikal islamistisch … Vorurteile, die sich viele Syrer lang genug angehört haben. 2 Studenten schlagen im Netz zurück.

Allaa Faham (19) zerrt seinen Freund Abdul Abbasi (22) am Publikum vorbei Richtung Bühne. »Komm’ jetzt!«, ruft Allaa. Abdul stemmt sich gegen ihn: »Nein, ich will nicht!« Doch er verliert das Kräftemessen mit Allaa. Als Abdul die Stufen zur Bühne hinaufstolpert, blickt er mit großen Augen ins Publikum und stellt fest: »Zu viele Blondies hier …« Die Zuschauer lachen.

Mit dieser Eisbrecher-Szene begannen die 2 jungen Syrer ihren Auftritt beim TEDx Talk TEDx steht für Technologie, Entertainment und Design und ist ein globales Konferenzformat, bei dem Menschen inspirierende Ideen in Form eines kurzen Vortrags vorstellen, meist unterstützt durch eine digitale Präsentation. Hinter TEDx steht die Sapling-Stiftung. Seit der ersten Konferenz im Jahr 1984 hat sich TEDx zu einem globalen Phänomen entwickelt: Millionen Internetnutzer schauen sich die Vorträge als kostenlose Videos online an. TEDx sind unabhängig organisierte TEDx-Veranstaltungen, die von jedem organisiert werden können, der eine kostenlose Lizenz von TEDx beantragt. im Schloss in Münster. Warum sie dort waren? Das Thema der TEDx-Veranstaltung lautete Programm vom TEDx Münster für 2016 »(Re)Start«. Also alles auf Anfang. Damit kennen sich Allaa Allaa Faham studiert am Studienkolleg in Hamburg. Seine Heimatstadt ist Idlib im Nordwesten Syriens, die rund 50 Kilometer von Aleppo entfernt liegt. Das Gebiet um die Stadt ist bekannt für seine Olivenhaine. und Abdul Abdul Abbasi studiert Zahnmedizin in Göttingen. Er kommt aus Aleppo. Allaa und er lernten sich erst in Deutschland kennen. nur allzu gut aus. Den Krieg in ihrer Heimat Syrien ließen sie hinter sich und kamen vor 2 Jahren nach Deutschland.

Hier verstanden sie erst einmal nicht so viel von Sprache, Kultur und Vorurteilen, die manche Deutsche ihnen entgegenschleuderten. Darüber machen sie heute Internet-Videos unter dem Namen »German Lifestyle« (kurz: GLS) und werden so immer bekannter. Heute haben sie schon über 90.000 Fans auf Facebook Hier geht’s zum Facebook-Auftritt von GLS. und 20.000 Abonnenten auf GLS-Videos auf YouTube YouTube .

Allaa, Allaa, Allaa!? Du hast in Syrien 4 Frauen, oder?! Jeder Mann dort braucht 4 Frauen. Eine reicht nicht. Kann ich verstehen … – Abdul Abbasi im TEDx-Talk

Das stimmt aber nicht … – Allaa Faham

Aber die Frauen arbeiten alle im Haus!? – Abdul Abbasi

Nein, meine Mutter arbeitet draußen. – Allaa Faham

Im Garten, meinst du … Wie könntest du draußen sonst die Frauen unterscheiden? Die sind doch alle verhüllt. Die sollten alle eine Nummer tragen, wie die Leute in der Olympiade. – Abdul Abbasi

Dem Bild über syrische Männer und Frauen, das Abdul und Allaa im TEDx-Talk parodieren, sind sie schon oft in Deutschland begegnet. Alle gleich in eine Tonne kloppen, das kann nicht nur die eine Seite: Die beiden Syrer wissen von sich selbst, dass auch Geflüchtete viele Vorurteile gegenüber Deutschen haben.

»Wir haben unser Projekt vor einem Jahr angefangen. Es geht darum, dass wir, Deutsche und Syrer, mehr miteinander sprechen. Dass wir die Vorurteile gegenüber den Deutschen, als auch gegenüber uns, den Syrern, abbauen. Dass wir die Unterschiede, die wir haben, auch verstehen«, sagt Allaa im TEDx-Talk – Quelle: Peter Schlegel / Janek Bleker copyright

Ein Interview zwischen Quatsch und Ernst machen

Mit Internet-Videos über Sprache und Kultur wollten sie zuerst anderen Neuankömmlingen Deutschland erklären, dann kam alles ganz anders. Wie sie heute mit ihrem Humor gegen Vorurteile kämpfen, haben mir Abdul und Allaa nach ihrem TEDx-Talk auf den Stufen vor dem Münsteraner Schloss erzählt. Sie sind noch ganz hibbelig, nachdem die Zuschauer beim Applaus für sie von ihren Plätzen aufgesprungen sind. Wie auf der Bühne sprechen sie auch im Interview Deutsch:

Fangen wir einmal von vorne an: War es für euch ein Kulturschock, nach Deutschland zu kommen?
Abdul Abbasi: Mein größter Kulturschock: der Fahrradweg. Ich bin immer auf dem Fahrradweg gelaufen. Und ich habe immer viele Wörter von Leuten gehört, die ich nicht verstanden habe. Jetzt verstehe ich, was sie sagen. Das hat Monate gedauert, bis ich kapiert habe: Der Weg ist für Fahrräder und der für Menschen.
Allaa Faham: Für mich war es etwas anders. Ich war die letzten 2 Jahre, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, in Saudi-Arabien. Saudi-Arabien nahm weniger Geflüchtete aus Syrien auf als andere arabische Staaten, obwohl das Land in dem Stellvertreterkrieg in Syrien Rebellengruppen mit Waffenlieferungen unterstützt und damit für das Fortbestehen der Kampfhandlungen mitverantwortlich ist. Syrer, die nach Saudi-Arabien flohen, konnten meist nur dann einreisen, wenn sie Familie vor Ort hatten. Viele syrische Staatsbürger planten, bei ihren Verwandten in Saudi-Arabien den Krieg in der Heimat »auszusitzen«. Ein Leben in dem islamisch-konservativen Staat konnten sich nur wenige junge Syrer vorstellen, weshalb viele wieder ausreisten. Darüber hinaus sind die meisten Ausländer in Saudi-Arabien Gastarbeiter und müssen das Land nach einem gewissen Zeitraum wieder verlassen. Von Saudi-Arabien nach Deutschland zu kommen, das war ein großer Unterschied, aber kein großer Schock. Ich habe mich schnell angepasst. In Syrien leben wir »kollektivistischer« als in Deutschland …
Abdul Abbasi: Was sagst du da?
Allaa Faham: Kollektivistisch! Ich habe das Wort vor 2 Tagen gelernt.
Abdul Abbasi: Ja, cool … ich kann das nicht sagen: kollektiwas?

Der Krieg und seine Vorteile

Wie würdet ihr euer Leben in Syrien und jetzt in Deutschland beschreiben?
Allaa Faham: Mein Leben in Deutschland ist ganz anders, als mein Leben in Syrien war. Krieg hat auch Vorteile. In unserer Gesellschaft, das muss man zugeben, gibt es viele Probleme. Und dort war ich ein normaler Mensch, der in die Schule ging und danach in die Uni. Das war der Plan. Jetzt in Deutschland habe ich eine ganz andere Idee und Vorstellung von meinem Leben. Das ist der Vorteil vom Krieg.
Einen Vorteil im Krieg sehen. Das ist eine krasse Aussage …
Abdul Abbasi: Ja, das ist eine krasse Aussage. Aber wir glauben daran: Wir müssen nicht alles immer negativ sehen. Der Krieg ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Man konnte aber auch etwas lernen: Wir hatten heftig viele Vorurteile. Wir wissen, wie schlimm diese Vorurteile sind, seit wir damals den Unterschied kennengelernt haben. Das ist das, was uns motiviert, zu sagen: »Ey, wir haben uns geändert. Warum ändern wir nicht andere, die Vorurteile haben?«
Ich kannte 3 Sachen aus Deutschland: Oktoberfest, Al-Mannschaft Arabische Fußball-Kommentatoren nennen die deutsche Nationalelf in der Weltmeisterschaft meist nur »Al-Mannschaft«, was soviel heißt wie »Die Mannschaft«. Deshalb kennen viele junge Araber dieses deutsche Wort. und den Satz »Ich liebe dich!« Ich habe diesen Satz auch ständig zu jedem hier gesagt. – Allaa Faham im TEDx-Talk

Was waren das denn für Vorurteile?
Abdul Abbasi: Es gibt ein sehr sensibles Thema bei uns in Syrien. Darüber rede ich immer gern: Homosexualität. Ich hatte viele krasse Vorurteile gegenüber Leuten, die homosexuell sind. Aber ich habe dann in einer WG mit einem Mädchen gewohnt, das lesbisch ist. Ich wusste am Anfang nicht, wie ich damit umgehen kann. Aber danach habe ich sie kennengelernt und sie ist einfach wie ich. Ich sage jetzt auch nicht einfach, dass alle Syrer Vorurteile gegenüber Homosexuellen haben. In diesem Bericht aus dem Jahre 2014 gibt »Al-Monitor« Einblick in das Leben Homosexueller in Damaskus (englisch) So ist das nicht. Aber es gibt diesen Teil und wir arbeiten daran.
Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Allaa Faham: Abdul hatte auf YouTube ein Video hochgeladen.
Abdul Abbasi: Warum erzählst du das immer? Das ist peinlich!
Allaa Faham: Also, Abdul hatte auf YouTube ein Video gepostet. Das war über 30 Minuten lang, über die deutsche Sprache, und er laberte nur. Das war voll langweilig. Ich habe kommentiert, obwohl ich ihn nicht kannte: Abdul, das geht nicht. Das ist langweilig. Er fragte: Wie kann ich das kürzer machen? Ich hatte eine Idee. Und dann kam Abdul nach Berlin und wir haben eine Shisha geraucht und dann unser erstes Video besprochen.

Geflüchtete und ihre Medienabhängigkeit

Ihr habt euch also über soziale Medien kennengelernt. Was für eine Rolle haben die für euch gespielt, als ihr nach Deutschland kamt?
Abdul Abbasi: Wir sind sehr abhängig davon. Das war für mich immer ein Weg, über den ich wusste, wo meine Familie ist oder wo meine Freunde sind. Ob sie immer noch leben. Meine Familie war auch auf der Flucht aus Syrien. Die BBC zeigt in diesem Video, warum Geflüchtete Smartphones brauchen (englisch) – am besten auf dem Mobiltelefon angucken Auf dem Handy habe ich immer verfolgt, wo sie sind. Weil ich manchmal keine Nachricht für 2 Wochen bekommen habe von meiner Mama und meinem Papa. Und deshalb spielen soziale Medien so eine große Rolle für uns. Natürlich spielt das auch eine große Rolle für andere Leute, um andere Kulturen kennenzulernen.
Wie nutzen Geflüchtete noch soziale Medien in Deutschland?
Allaa Faham: Man bekommt dort Hilfe, wenn man hier neu ankommt. Es gibt immer Gruppen von Syrern, die neu in Deutschland sind, und die helfen einander. Die geben Antwort auf die Fragen wie: Was soll ich machen, wenn ich diesen Brief von der Behörde bekomme oder eine Wohnung finden möchte?
Abdul Abbasi: Das ist auch für die Leute die beste Möglichkeit weiterzuleben. Ein Leben zu entwickeln. Ich bin abhängig von sozialen Medien.
Allaa Faham: Wir alle.
Eure Videos postet ihr deshalb auf Facebook und YouTube. Welche Themen besprecht ihr?
Allaa Faham: Wir haben zum Beispiel ein Video gemacht, damit man sich als Geflüchteter nicht ständig rechtfertigen muss: »Wie integriert man sich – in nur 3 Schritten!!!«
Abdul Abbasi: Im Video sagen wir: »Geh nicht ins Schwimmbad, weil die große Wahrscheinlichkeit besteht, dass du eine Frau sexuell belästigst.« Ein sensibles Thema. Nach Köln wurden so viele Geflüchtete kritisiert. Wir haben zu den Menschen gestanden, nachdem das in Köln passiert ist. Wir haben gesagt, dass wir alle zusammenhalten. Aber immer noch gibt es echt viele, die gegen uns Geflüchtete sind. Passiert zum Beispiel etwas in Bayern, müssen wir sagen: Nein, das ist nicht unsere Schuld.
Allaa Faham: Es gibt Leute, die das nicht kapieren wollen. Du bist nicht schuld! Aber das braucht Zeit.

Im Internet, da bekommen wir manchmal Hasskommentare, und da steht: Geh’ mal wieder zurück zu deinem Kamel … Das wäre eigentlich cool. Ich würde gern ein Kamel in Aleppo haben. Habe ich aber leider nicht. – Abdul Abbasi im TEDx-Talk

Wie sollen die Zuschauer über so sensible Themen lachen?
Allaa Faham: Manchmal muss Humor wehtun. Man muss auch einmal etwas Druck auf die Menschen machen, damit sie sehen: Jetzt müssen wir etwas ändern. Von Humor zu Ernst zu Humor – das transportiert Gefühle, die etwas in den Menschen auslösen.

Raus aus dem digitalen Raum

Für wen macht ihr eure Videos?
Allaa Faham: Wir haben mit arabischen Videos angefangen und dann dachten wir: Nee, wir müssen für beide Seiten arbeiten. Und ab diesem Punkt haben wir unsere Videos immer auf Deutsch gemacht. Ich sage mal 70 bis 80% unserer Zuschauer sind Araber. Und der Rest sind Deutsche oder nicht-arabische Migranten und Geflüchtete.
Abdul Abbasi: Besonders auf YouTube schreiben in den Kommentaren mehr Deutsche.

Unterschied muss nicht immer als etwas Negatives bezeichnet werden. Wir können viel miteinander teilen. Ich könnte dir zum Beispiel kochen beibringen und du könntest mir deinen deutschen Pass geben. – Abdul Abbasi im TEDx-Talk

Allaa möchte weiter Filme machen und irgendetwas mit Medien studieren. Abdul will nach seinem Studium der Zahnmedizin nur noch nebenberuflich an den Videos arbeiten. – Quelle: Samuel Zuder copyright

Tauschen sich Deutsche und Geflüchtete auf eurer Seite aus?
Allaa Faham: Ja. Und das ist, was uns freut.
Abdul Abbasi: Das ist unser Ziel, dass die Leute miteinander mehr reden. Da ist es uns egal, ob sie vielleicht auch manchmal schimpfen. Wenigstens reden sie miteinander.
Gerade in sozialen Medien sagt man offener seine Meinung und kann offener miteinander reden. Wie kann man die Leute dazu animieren, das auch im echten Leben zu tun?
Allaa Faham: Es ist nicht leicht. Wir versuchen das an unserem persönlichen Beispiel zu zeigen. Wie wir das gemacht haben. Zum Beispiel die Sprache zu lernen – das ist der erste und wichtigste Schritt.
Abdul Abbasi: Wir erwarten nicht von 10 Personen, dass die alles genauso schaffen oder nachmachen. Für uns reicht es schon, wenn einer von denen sagt: Ja, das würde ich gerne in meinem Leben ändern. Dieser eine erzählt es dann anderen Leuten und beeinflusst sie in ihrem Denken.
Wie geht es bei euch weiter?
Abdul Abbasi: Auf das »Rückflugticket« der NPD für alle Asylbetrüger haben Allaa und Abdul schon in diesem Video reagiert Wir machen bald ein Video über das, was wir in den Kommentaren lesen: Warum gehst du nicht zurück nach Syrien? Warum kämpfst du nicht? Warum hast du deine Familie verlassen? Sie verstehen zum Beispiel nicht, dass niemand gern seine Familie verlässt. Oder sie mit aufs Meer nimmt, wo sie sterben könnte. Dann müsste er sich ständig vorwerfen, dass seine Familie wegen ihm ertrunken ist. Er kommt also allein nach Deutschland und denkt, seine Familie nachzuholen dauert ein paar Monate, aber eigentlich dauert es 2 bis 3 Jahre. Das wissen viele Deutsche und Syrer nicht.
Allaa Faham: Ja, es gibt so viele Dinge, über die wir noch reden müssen.

Samuel Zuder - copyright

 

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