6 neue Bücher, die uns diesen Herbst bewegen

Passend zur Frankfurter Buchmesse fragen wir uns: Können Bücher eine Rettung sein? Diese 6 schon, finden wir. Sie zeigen, wie wir die größten Probleme unserer Zeit anpacken.

14. Oktober 2019 –  11 Minuten

Als der 31-jährige Schriftsteller George Orwell im Oktober 1934 eine Stelle in der Londoner Buchhandlung Booklover’s Corner annahm, musste er bald feststellen, dass sich die meisten Ladenbesucher eigentlich gar nicht für Bücher interessierten. Viel häufiger als »echte Büchernarren« kamen »Snobs, die aus reinem Geltungsbedürfnis unbedingt Erstausgaben haben mussten«, »Studenten, die um billige Lehrbücher feilschten« und »Frauen, die Geburtstagsgeschenke für ihre Neffen suchten«. Es sei zwecklos gewesen, seinen Kunden Autoren wie Charles Dickens oder Jane Austen nahezulegen.

Etwa zur gleichen Zeit notierte Hermann Hesse: »Die heutige Welt neigt ein wenig zum Unterschätzen der Bücher.« Den jungen Menschen erscheine es »lächerlich und unwürdig, statt lebendigen Lebens Bücher zu lieben«, beklagte der Schriftsteller 1929. Das Zitat ist der Hesse-Biografie »Hermann Hesse: Der Wanderer und sein Schatten« von Gunnar Decker entnommen. Die Zitate von George Orwell entstammen seinem Text »Erinnerungen an eine Buchhandlung«.

Jeder Dritte greift mindestens einmal pro Woche zu einem Buch.

Heute, fast 100 Jahre später, lesen die Menschen noch immer. Das auf Papier gedruckte Buch kann sich neben dem wachsenden Angebot an Streaming-Diensten, Podcasts, Nachrichtenseiten und Social-Media-Diensten weiter behaupten. Zwar ist die Zahl der Buchkäufer in den vergangenen Jahren gesunken. Im Jahr 2017 kauften laut Statistischem Bundesamt 20,2 Millionen private Haushalte in Deutschland Bücher, einschließlich E-Books. Das sind 54% aller Haushalte. Vor 10 Jahren lag der Anteil noch bei 65%. Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist die Zahl der Buchkäufer im Jahr 2018 aber erstmals seit 2012 wieder gestiegen. Verlage und Buchhandlungen konnten 2018 demnach rund 300.000 Buchkäuferinnen und -käufer zurückgewinnen. Die Branche habe 2018 ihren Umsatz gehalten und sei sogar mit Zuwächsen ins Jahr 2019 gestartet. Doch gleichzeitig wächst die Zahl sogenannter Intensivkäufer: Damit bezeichnet die Buchbranche Leserinnen und Leser mit einer besonders hohen Kaufintensität. Im Jahr 2016 kaufte jeder Buchkäufer im Schnitt Titel für 134 Euro ein. 2015 waren es nur 123 Euro. Zuletzt ist die Zahl der Buchkäufer und der verkauften Bücher insgesamt sogar wieder leicht Das zeigt eine Studie des Börsenvereins, über die du hier mehr erfahren kannstgestiegen.

Warum wir noch an die Kraft der Bücher glauben

31% der Deutschen lesen mindestens einmal pro Woche in einem Buch, weitere 6% in einem E-Book. Das geht aus dem Freizeit-Monitor 2019 hervor. Die Untersuchung zeigt: Am meisten lesen Menschen im Ruhestand. 40% nehmen mindestens einmal pro Woche ein Buch zur Hand, bei Jugendlichen sind es nur 18%. Außerdem lesen Frauen mehr als Männer: 39% der Frauen nehmen jede Woche ein Buch zur Hand, bei den Männern sind es nur 22%. Mehr als jeder Dritte weiß eine gepflegte Buchlektüre also noch immer zu schätzen. Woran liegt das?

Vielleicht liegt es an dem minimalistischen, fast meditativen Charakter, den das Lesen eines Buches ausmacht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Wissen der Welt zwar jederzeit verfügbar ist, aber ein Unterschied darin besteht, ob man »NSA-Affäre« in die Suchmaschine eintippt oder man sich die Zeit nimmt, 432 Seiten aus der Feder Edward Snowdens darüber zu lesen. Die Bildung durch kluge Sachbücher und schöne Literatur lässt sich nicht einfach ersetzen oder mit anderen Mitteln beschleunigen.

Auch wir als Redaktion eines digitalen Magazins glauben noch an die Kraft der Bücher. In diesem Text verraten wir euch, mit welchen Werken wir uns diesen Herbst auf die Couch zurückziehen.

Die Titel, die wir ausgesucht haben, verbindet dabei eines: Sie machen Mut, dass es für die vielen drängenden Probleme da draußen in der Welt Lösungen gibt – und Menschen, die sie anpacken. Und das ist ganz im Sinne des Mottos der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, ein Zitat des norwegischen Dichters Olav H. Hauge: Norwegen ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die am 16.–20. Oktober stattfindet. Olav H. Hauge gehört zu den bekanntesten norwegischen Lyrikern. Das Zitat stammt aus einem seiner berühmtesten Gedichte: »Det er den draumen«. »Das ist der Traum, den wir tragen, dass etwas Wunderbares geschieht.«

Edward Snowden: Permanent Record – Meine Geschichte

von Dirk Walbrühl

Er ist ohne Frage der berühmteste Geheimnisverräter der Welt. Deshalb ist der Inhalt von Edward Snowdens Autobiografie Permanent Record nicht nur schnell erzählt, sondern dürfte nach seinen Enthüllungen im Jahr 2013 und der darauf folgenden NSA-Affäre zur Allgemeinbildung gehören: Nach den Anschlägen auf das World Trade Center tritt ein junger Nerd der Armee bei, findet Anstellung bei den Geheimdiensten der USA, wo er die enormen Ausmaße des US-Überwachungsapparats entdeckt, diese öffentlich macht und damit der Welt vor Augen führt, wie wenig Privatsphäre heute noch gilt.

Quelle: fischerverlage copyright

Permanent Record ist eine nervenaufreibende Spionagegeschichte aus dem echten Leben – und Was hinter der Klage gegen Snowden steckt, berichtet die F.A.Z. (2019)ein Buch, wofür die US-Regierung den Autor und seine Verleger aktuell verklagt. Doch es will keine neuen Enthüllungen liefern, sondern dreht sich um eine zentrale Frage: Warum hat er das getan? Was hat den Sohn einer konservativen Familie dazu gebracht, sein Land zu verraten und nach Russland zu fliehen? Wie wurde aus dem Patrioten ein Whistleblower?

Ein Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, der ein »kaputtes System« nicht mehr mittragen wollte.

Die Antwort ist, wenn man seiner Autobiografie glaubt, vielschichtig: Edward Snowden begriff sich nicht als Held und verfolgte keine Ideologie. Vieles passierte aus Zufall und dem ehrlichen Entsetzen über die Ausmaße der weltweiten totalen Überwachung – die er als Verrat der Regierungen an ihren Bürgern begreift. Ein Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, der ein »kaputtes System« nicht mehr mittragen wollte.

Snowdens Gedanken über Privatsphäre sind 2019 noch genauso aktuell wie 2013. Denn man spürt zwischen den Zeilen deutlich seine »Das Internet ist kaputt!«, sagt sein Erfinder Tim Berners-Lee. So will er es rettenEnttäuschung darüber, wie wenig sich seither verändert hat. Er spricht von einer »Tyrannei, die Technologie nicht zu verstehen« Snowdens »tyranny of not understanding the technology« meint, dass erst durch das Nichtverstehen der Technologie eine absolute Kontrolle durch Unternehmen und Staaten möglich wird. Das Unvermögen der einzelnen Nutzer ermöglicht also eine technologische Tyrannei. und wendet seine Kritik damit auch gegen alle Nutzer, die sorglos ihre Daten Google, Darum verlasse ich FacebookFacebook und damit letztlich Regierungen zuspielen.

3 Gründe, warum du deine Daten schützen solltestWas soll mir schon passieren? Diese Frage stellt spätestens nach Permanent Record niemand mehr.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten

von Juliane Metzker

Tut mir ja leid, dass ich euer Bild von Deutschland mit meiner braunen Haut störe, aber ich will euch Mut machen. Ich sehe schon mein ganzes Leben lang kaum Personen, die so aussehen wie ich. Ich komme auch irgendwie klar. Ihr kriegt das bestimmt hin. – Alice Hasters

Das würde Buchautorin und Journalistin Alice Hasters gern all denen sagen, die behaupten, kaum noch »Deutsche« auf der Straße zu sehen. Was sie aber meinen: Weiße. Das ist nur ein Beispiel aus Hasters’ gerade erschienenem Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, mit dem sie zeigen möchte: Rassismus tritt nicht nur so radikal wie in Person von Nazis auf.

Auf der Frankfurter Buchmesse werden gleich mehrere Bücher vorgestellt, die sich mit Formen und Umgang des Alltagsrassismus beschäftigen: Der Lies hier einen exklusiven Buchauszug aus Ali Cans Buch »Mehr als eine Heimat«Sozialaktivist Ali Can will Deutschsein neu definieren, die Künstlerin und promovierte Linguistin Reyhan Şahin, besser bekannt als Rapperin Lady Bitch Ray, »Yalla, Feminismus!« bei buch7prangert in ihrem Buch Rassismus und Sexismus in Hip-Hop und Wissenschaft an.

Quelle: Hanser Literaturverlage copyright

Nicht zuletzt hat der Aufruf #Was war das Hashtag MeTwo? Wie zeigt es Rassismus auf? Hier findest du eine Datenanalyse dazuMeTwo für Aufmerksamkeit gesorgt, als im Juli 2018 Betroffene unter diesem Hashtag ihre Rassismuserfahrungen in Deutschland öffentlich teilten.

Alice Hasters’ These ist: »Wir sprechen falsch über Rassismus.« Und zwar immer noch. Denn in der öffentlichen Debatte ginge es ständig nur darum, was man jetzt noch sagen und fragen dürfe. Und wenig bis gar nicht darum, zu verstehen, was überhaupt hinter dem Schreckgespenst des Alltagsrassismus stecke.

Deshalb spricht ihr Buchtitel provokativ »weiße Menschen« an. Warum das wiederum nicht rassistisch ist, kann man in ihrem Buch nachlesen oder Für das Magazin »heart work« liest Alice Hasters aus ihrem Buchhier nachhören. Wer noch mehr von ihr hören will: Monatlich erscheint ihr Hier geht es zum Freundinnenpodcast von Alice Hasters und Sprecherin Maxi HäckePodcast Feuer & Brot.

John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt

von Lara Malberger

Wie verhält sich die Menschheit, wenn das Ende der Welt droht? Wenn Wasser, Essen und Strom knapp werden? Das klingt nach einer Geschichte, die eigentlich nur düster enden kann. Deshalb war ich überrascht, als ich eine Rezension gelesen habe, in der es hieß, John Ironmongers Roman ließe trotz Endzeit-Thematik »ein wohliges Gefühl« zurück. Weltuntergang und Wohlfühlen? Das klang so skurril, dass ich das Buch lesen wollte.

Der Wal und das Ende der Welt spielt in St. Piran, einem fiktiven kleinen Fischerdorf in der englischen Grafschaft Cornwall, das so einsam gelegen ist, dass sich kaum ein Mensch dorthin verirrt. Als eines Tages der Investmentbanker Joe Haak am Strand im Ort gefunden wird, nackt und fast ertrunken, ahnen die Dorfbewohner nicht, wie der Londoner ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

Quelle: fischerverlage copyright

Denn Joe weiß von einer drohenden globalen Katastrophe. Ein Computerprogramm, das der Mathematiker für seine Bank entwickelt hat, prognostiziert einen Zusammenbruch der weltweiten Lieferketten. Joe ist klar, was das bedeutet: Die gesamte Gesellschaft könnte kollabieren.

Ironmonger hinterfragt das Bild des egoistischen Menschen, der, wenn es ernst wird, nur das eigene Überleben im Sinn hat.

Er beschließt, St. Piran und seine Bewohner zu retten. Während ihn anfangs noch alle für verrückt halten, als er tonnenweise Lebensmittel ins Dorf schafft, stellt sich schnell heraus, dass er mit seiner Vorhersage recht behalten soll: Eine Ölkrise löst erste Engpässe aus, dann verschärft ein Virus die Situation, das tödlicher ist als die spanische Grippe. Und so dramatisch das auch klingt – blutige Einzelheiten des Kollapses und der Verzweiflung haben in der Erzählung keinen Raum.

In seinem Roman hinterfragt Ironmonger das Bild des egoistischen Menschen, der, wenn es ernst wird, nur das eigene Überleben im Sinn hat. In seiner Erzählung finden Theorien von Komplexitätsforschern Mithilfe von Computermodellen beschäftigt sich die Komplexitätsforschung unter anderem mit der Frage, wie vielschichtige Systeme auf Veränderungen reagieren. Komplexitätsforschung kann Bestandteil verschiedenster Disziplinen sein: von den Naturwissenschaften über Geistes- und Sozialwissenschaft bis hin zur Wirtschaftswissenschaft. Ebenso unterschiedlich sind Beispiele für komplexe Systeme, etwa das menschliche Verhalten, das Zusammenspiel verschiedener Körperzellen oder die Entstehung von Märkten. und Philosophen Platz, die viel Stoff zum Nachdenken liefern. Am Ende hat es Der Wal und das Ende der Welt tatsächlich geschafft, mich mit einem guten Gefühl zurückzulassen – und mit der Frage, was ich selbst wohl tun würde, wenn der Weltuntergang droht.

Ryan Holiday: In der Stille liegt dein Weg

von Niklas Bub

Blinkende Werbetafeln, ständige Erreichbarkeit, mediale Dauerbeschallung: Wie gelingt es uns, in einer Welt voller Ablenkungen unsere eigentlichen Ziele zu verfolgen und dabei nicht den Kontakt zu uns selbst zu verlieren? Für Ryan Holiday lautet der Schlüssel: Stille.

Inspiriert von stoischen Die stoische Philosophie entstand im antiken Griechenland und zeichnet sich vor allem durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung und Gelassenheit aus. und buddhistischen Lehren öffnet der Autor seinen Lesern die Tür zu einem gelasseneren Leben. Nach eigenen Aussagen entdeckte der US-amerikanische Autor, Unternehmer und Marketing-Experte mit 19 Jahren seine Begeisterung für die stoische Philosophie. Für ihn lautet die wesentliche Idee dahinter: Die »New York Times« über Ryan Holiday (englisch, 2016)»Du kontrollierst nicht die Welt um dich herum, sondern du kontrollierst, wie du reagierst.«

»Du kontrollierst nicht die Welt um dich herum, sondern du kontrollierst, wie du reagierst.« – Ryan Holiday

Dafür bedarf es einer starken inneren Ruhe und eines distanzierten Umgangs mit seinen Gedanken und Emotionen. Anhand der Lebensgeschichten berühmter Persönlichkeiten illustriert Holiday, wie wir diese innere Ruhe kultivieren können: von John F. Kennedys John F. Kennedy regierte in der Hochphase des Kalten Krieges die Vereinigten Staaten von Amerika. Er trat sein Präsidentenamt im Jahr 1961 an und wurde 1963 bei einer Wahlkampfreise ermordet. besonnener Bewältigung der Kubakrise Neben dem Mauerbau in Berlin gilt die Kubakrise im Oktober 1962 als einer der Höhepunkte des Kalten Krieges. Sie beginnt, als die US-Regierung von der Sowjetunion stationierte Raketen auf Kuba entdeckt, die in der Lage sind, Nuklearsprengköpfe zu tragen – und das unmittelbar vor der amerikanischen Küste. Der damalige US-Präsident John F. Kennedy ordnet daraufhin eine Seeblockade Kubas an. Etwa 14 Tage lang steht die Welt kurz vor einem Atomkrieg. In geheimen Verhandlungen gelingt es Kennedy und dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow schließlich, die Krise zu entschärfen. über Anne Franks Anne Frank erlebte als deutsch-jüdisches Mädchen die Gräueltaten des Holocaust und versteckte sich die letzten Jahre ihres Lebens vor der Verfolgung der Nationalsozialisten in den Niederlanden. In dieser Zeit schrieb sie beinahe täglich ihre Gedanken und Erlebnisse in ein Tagebuch, welches nach dem Krieg als historisches Dokument veröffentlicht wurde. kontemplatives Tagebuchschreiben bis hin zur täglichen Arbeit des römischen Politikers und Philosophen Seneca. Seneca lebte als römischer Philosoph und Politiker vor etwa 2.000 Jahren und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der stoischen Lehre.

Das »In der Stille liegt dein Weg« erscheint am 13. November 2019 in deutscher AusgabeBuch ist unterhaltsam geschrieben, gibt praktische Tipps und eröffnet vor allem Lesern, die sich bisher wenig mit »Macht uns Meditation zu Egoisten?« – darüber diskutieren Katharina Wiegmann und Stefan BoesAchtsamkeit beschäftigt haben, einen guten Einstieg in die Tugenden der Stille und Gelassenheit. Wer tiefer in die Philosophie der uralten Stoa und des Buddhismus eintauchen möchte, wird von diesem Buch aber möglicherweise enttäuscht sein. Der Autor kratzt oft nur an der Oberfläche dieser Ideen und widmet sich eher pragmatischen Ratschlägen.

Quelle: Münchner Verlagsgruppe copyright

Trotzdem habe ich, neben den wunderschön erzählten biografischen Anekdoten, vor allem eine Weisheit aus In der Stille liegt dein Weg mitnehmen können: Die tiefste Ruhe liegt immer im gegenwärtigen Moment – wir müssen nur lernen, sie wahrzunehmen.

Naomi Klein: Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann

von Stefan Boes

Die Klimakrise beherrscht nicht nur die Schlagzeilen in den Medien, sondern ist auch eines der zentralen Themen dieses Bücherherbsts. Zu den wichtigsten Stimmen in dieser gesellschaftlichen Debatte gehört bereits seit Jahren die Schriftstellerin und Umweltaktivistin Naomi Klein. 2016 veröffentlichte sie das viel beachtete Buch »Die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus«. Nun hat sie eine Sammlung von Essays über die Klimakrise veröffentlicht, die in Deutschland am 4. November erscheint.

Quelle: Hoffmann und Campe copyright

Naomi Klein vertritt darin die Position, dass individuelle Kaufentscheidungen nichts mehr ändern. Es gehe nicht darum, was wir als Einzelpersonen tun. Es sei für viele Menschen nur angenehmer, über den persönlichen Konsum zu sprechen als über systemrelevante Veränderungen, wie sie kürzlich in einem taz-Interview sagte: Hier findest du das ganze Interview»Wir wurden darauf trainiert, uns zuerst als Verbraucher zu sehen und sehr klein zu denken.«

Doch nur ein breites politisches und gesellschaftliches Bündnis könne die Bedrohung noch abwenden. Es brauche tief greifende Veränderungen unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, einen »Green New Deal«, Das ist eine Anspielung auf den »New Deal«, mit dem eine Reihe von großen Wirtschaftsreformen in den Jahren 1933–1938 in den USA beschrieben wird. Der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt reagierte damit auf die anhaltende, schwere Weltwirtschaftskrise, die in den Jahren 1929–1933 auch die USA hart getroffen hatte. Der »Green New Deal« beschreibt Konzepte für eine ökologische Wende. Bereits 2009, wiederum angesichts einer schweren globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, benutzten die UN die Formulierung »Global Green New Deal«. Um die globale Wirtschaft zu beleben und Arbeitsplätze zu sichern, forderte die UN eine Wirtschaftsweise, die viel stärker nach Gesichtspunkten des Umwelt- und Klimaschutzes ausgerichtet ist. Zuletzt wurde die Notwendigkeit eines »Green New Deals« wieder häufiger artikuliert. der die ökologische Wende vollzieht. Interessant ist Naomi Kleins Analyse, wie es Greta Thunberg gelungen ist, dem Rest der Welt zu zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie beschreibt aber zugleich, dass der globale Aufstand der Jugend nicht erst mit dem Engagement Greta Thunbergs begonnen hat – und auch nicht damit endet. Es gebe eine Sache, die diese Generation weltweit verbinde: »Sie sind die ersten, für die die Klimakrise keine Bedrohung in der Zukunft ist, sondern eine gelebte Realität.«

Interessant an Naomi Kleins Analysen ist aber auch, dass sie die Klimakrise nicht isoliert betrachtet, sondern den Klimawandel im Zusammenhang mit anderen wachsenden, politischen Problemen unserer Zeit betrachtet: Rassismus, Nationalismus, Krieg, Vertreibung und Flucht. Für alle, die in diesem Herbst eine fundierte Gegenwartsanalyse lesen wollen, die uns den drohenden Kollaps unseres Klimas vor Augen führt, die aber zugleich Hoffnung gibt, dass wir das Schlimmste noch abwenden können, ist Naomi Kleins Buch Pflichtlektüre.

Sascha Lobo: Realitätsschock – Zehn Lehren aus der Gegenwart

von Benjamin Fuchs

Realitätsschock nennt Sascha Lobo dieses »diffuse Störgefühl«, diese plötzliche Erkenntnis, dass die Welt irgendwie aus den Fugen geraten ist. In 10 Kapiteln arbeitet er sich durch verschiedene Bereiche, in denen er die großen Debatten unserer Zeit entdeckt und die treibenden Kräfte dahinter: Globalisierung und Digitalisierung.

Quelle: Kiepenheuer&Witsch copyright

Klima, Migration, künstliche Intelligenz, Katharina Wiegmann fragt, ob wir »Google« und »Facebook« verstaatlichen solltenPlattformkapitalismus – alte Lösungsmuster funktionieren hier nicht mehr. Manch einer verbarrikadiert sich deswegen in reaktionärem Gedankengut, Augen und Ohren fest verschlossen vor den Umwälzungen, die da draußen vor sich gehen. Sascha Lobo erklärt, woraus sich die Schocks zusammensetzen, was wir daraus lernen können. Das ist vor allem eine Erkenntnis: Einzelmaßnahmen helfen nicht, ein großflächiges Umdenken ist notwendig. Das Zeug dazu hat laut Lobo vor allem die junge Generation. Warum, fasst er pointiert zusammen:

Während viele Erwachsene die Welt kaum mehr verstehen, hat die Jugend ein erstaunlich präzises Gegenwartsgespür entwickelt und begreift im Schnitt früher, was los ist. Der Fluss der Erfahrung hat sich umgedreht, junge Menschen erklären ihren Eltern die Jetztzeit. Oder ihren Lehrern, wie das Netz funktioniert. Oder der Politik, warum sie den Klimawandel für relevanter halten als Zylinderkopfdichtungen. – Sascha Lobo, Autor des Buchs »Realitätsschock«

Sascha Lobo plädiert nicht dafür, der Jugend »blindlings zu folgen«, sie aber ernst zu nehmen und Unser Text über 7 junge Menschen, die für deine Zukunft kämpfenvon ihr zu lernen. Denn sie sei in der Lage, ganz anders an Probleme heranzugehen. Es gehe letztlich um Kooperation auf Augenhöhe zwischen den Generationen. Das ist eine Kernerkenntnis des Buches.

Malala Yousafzai, Malala Yousafzai ist eine Aktivistin, die für den Zugang von Frauen zu Bildung kämpft. Sie überlebte in Pakistan einen Anschlag der Taliban und setzte danach ihren Kampf fort. Inzwischen ist sie die jüngste Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte. Emma Gonzalez, Emma Gonzalez überlebte das Parkland-High-School-Shooting, bei dem im Februar 2018 ein Ex-Schüler 17 Menschen tötete. Seitdem engagiert sie sich für strengere Waffengesetze in den USA. Greta Thunberg, Alaa Salah Alaa Salah ist eine Studentin aus dem Sudan, die eine wichtige Rolle bei den Protesten gegen Ex-Machthaber Omar al-Bashir gespielt hat. Ikonisch ist ein Video, in dem sie auf einem Pick-up-Truck in einer Menschenmenge steht und sie zu Protestgesängen animiert. – die starken Stimmen in den großen zukunftsgerichteten Debatten der Welt sind jung und zudem oft weiblich. Jetzt müssen die alten Männer sich noch durchringen, ihnen auch wirklich zuzuhören. Am Ende könnten alle profitieren.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von PD Team 
Uns ist wichtig, in der Redaktion gemeinsam zu arbeiten: In der Regel wird jeder Artikel während seiner Entstehung mit 3–4 Autorinnen und Autoren aus dem Team besprochen. Es gibt aber auch Texte, die in einer noch engeren Zusammenarbeit entstehen oder womit wir uns als Redaktion geschlossen positionieren wollen. Diese Texte stehen dann für das ganze Team von Perspective Daily.
Themen:  Klima   Bildung   Aktivismus  

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