Dirk Walbrühl

Oh nein, er hat Hitler gesagt!

26. Oktober 2016

Bei jedem Hitler-Vergleich ist die Aufregung groß. Dabei benutzen wir alle täglich die Sprache der Nazis. Ist das schlimm? So gehen wir richtig mit den kontaminierten Wörtern um.

»Jedem das Seine.« So lautete die Bildunterschrift eines unserer Artikel In Fish’n’Ketchup erklärt Gastautor Roy Fabian, wie Aquaponik unsere Nahrung revolutioniert. vor einigen Wochen. Unvoreingenommen klingt das nach Gerechtigkeit und danach, dass jeder das erhält, was er auch verdient. Die Aussage findet sich sinngemäß In der lateinischen Form »Suum cuique«. bei Platon, Aristoteles, Cicero und an den Decken vieler deutscher Gerichtsgebäude. Eine aufmerksame Leserin schrieb uns jedoch folgenden Kommentar:

»Bei den Worten ›Jedem das Seine‹ schwingen für mich sofort Konnotationen mit, die hier sicher nicht beabsichtigt sind.«

Recht hat sie und gab damit die Idee zu diesem Artikel. Der Ausspruch stand nämlich über dem Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald.

Sprache als Erinnerung: Im Inneren des Holocaust Memorials in Boston befinden sich Inschriften mit Zitaten und kleineren Geschichten von Überlebenden. – Quelle: Ben Sutherland CC BY

Betretenes Schweigen in der Redaktion.

»Irgendwie haben wir das alle überlesen.«

»Stimmt. Und ja auch ganz anders gemeint.«

»Müssen wir uns nun trotzdem entschuldigen?«

»Wenn ja, bei wem eigentlich?«

Fakt ist: Wir alle verwenden regelmäßig und unbewusst Worte aus der Propaganda des Nationalsozialismus – kontaminierte Sprache. Sie tauchen in der Werbung auf, in der Politik und finden sogar wieder Eingang in unsere Jugendsprache. Dabei wurden sie alle im Dritten Reich Dritten Reich Heute benutzen wir den Begriff für die Zeit des Nationalsozialismus. Doch er hatte nur zu Beginn der NS-Zeit einen zentralen Platz in der NS-Propaganda und sollte die vorhergehende Weimarer Republik (»Zwischenreich« genannt) herabsetzen und den Nationalsozialismus direkt in die Erbfolge des Deutschen Kaiserreiches (»Zweites Reich«) stellen. Später rückte die NS-Propaganda davon wieder ab und verwendete den Begriff »Tausendjähriges Reich« und »Großdeutsches Reich«. Viele Historiker verwenden den Begriff »Drittes Reich« deshalb mit Anführungszeichen und verwenden die unbelasteten Ausdrücke »NS-Zeit« oder »Hitler-Regime«. politisch missbraucht. Sollten wir sie nicht lieber aus unserem Wortschatz streichen und nie wieder benutzen? Und wo liegt eigentlich die Gefahr, wenn wir sie nutzen?

Ab in die Abgründe unserer Sprache …

So kamen die Nazis in unsere Sprache

»Deutsch ist nicht nur, was heute im Duden steht.«

Um zu verstehen, warum wir immer wieder über NS-Wörter stolpern, müssen wir erst einmal erklären, wo diese herkommen. Dabei hilft uns Heidrun Kämper. Sie ist Linguistin am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und hat sich intensiv mit der Sprache der NS-Zeit In diesem Buch untersucht Heidrun Kämper den sprachlichen Umbruch der Nachkriegsjahre (2005) auseinandergesetzt. Sie betont, dass die Nazis zwischen 1929 und 1945 keine eigene Sprache gesprochen haben, sondern Deutsch. Neu schuf der Nationalsozialismus nur wenige Worte, meist als Bezeichnung für neue Organisationen und Unterorganisationen, etwa NSKK – »Nationalsozialistisches Kraftfahrer-Korps«. Was ihnen jedoch anzulasten ist: Tatsächlich gaben die Nationalsozialisten vielen Worten aus der Zeit der Weimarer Republik eine andere Bedeutung. Dazu gehörten auch ganz unbelastete Formulierungen wie »Jedem das Seine«.

»Die allermeisten Wörter der Deutschen Sprache haben eine Geschichte, die deutlich älter ist als die NS-Zeit. Aber sie sind belastet, weil sie von Vertretern eines rassistischen Regimes verwendet wurden, die mit diesen Wörtern ihre Unmenschlichkeit praktiziert haben. Einige dieser Ausdrücke sind heute zu Symbolen der Diskriminierung und Verbrechen jener Zeit geworden.«

Der eigentlich noble Rechtsgrundsatz »Jedem das Seine« verwandelte sich am Tor von Buchenwald in eine Mahnung. Er war so angebracht, dass er nicht von außen, sondern aus dem Inneren des Lagers lesbar war. So mussten die Gefangenen beim Appell jeden Morgen diese Worte sehen. Dieser Zynismus war typisch für die NS-Propaganda. Denn wie bereits erwähnt, deutete sie besonders gern beliebte und bedeutende Vokabeln der damaligen Volksgemeinschaft Volksgemeinschaft Zum Beispiel das Wort »Volksgemeinschaft«. Das war aus der Sehnsucht nach einem Zusammenschluss von Menschen gleicher Herkunft, gleicher Kultur etc. entstanden und emotional hoch besetzt. Die Nazis verstärkten diese Bedeutung im rassistischen Sinne als »NS-Volksgemeinschaft«, eine auf Blutsverwandtschaft und gleichem politischen Glauben begründete Lebensgemeinschaft. In dieser sahen sie die Lösung aller Probleme der Weimarer Republik. für ihre eigene, fanatische fanatische Heute benutzen wir »fanatisch« negativ für blinden Eifer und Rücksichtslosigkeit beim Einsatz für eine Sache; vor allem in Bezug auf Terroristen. Während der NS-Zeit aber war der Begriff positiv geprägt und meinte glühenden Eifer und heldenhaften Einsatz für das eigene Volk. Fanatismus stand damit als löbliche Eigenschaft für die innere und geistige Stärke des Deutschen Volkes aus der Perspektive des Rassismus. Ideologie um. Die Idee war eine Genaueres über Sprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus im Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung Einheitssprache, die NS-Denkmuster festigte. So schrieben sich die Nazis über die Wörter quasi in die deutsche Kultur ein.

Erst nach 1945 wurde auch hierzulande langsam klar, welch wichtige Rolle Sprache im Nationalsozialismus gespielt hat. So ist es kaum verwunderlich, dass die deutsche Sprache kurz nach dem Krieg vielfach kritisiert und Etwa in Viktor Klemperers berühmten Tagebüchern unter die Lupe genommen wurde.

»Das geschah natürlich vor allem in intellektuellen Kreisen. Die normale Bevölkerung hatte ganz andere Sorgen, etwa ein Dach über den Kopf zu kriegen oder Essen auf den Tisch. Doch auch in den Zeitungen der sehr frühen Nachkriegszeit gab es immer wieder Sprach-Glossen, in denen man sich mit einzelnen NS-Ausdrücken auseinandersetzte. Das Sprachbewusstsein damals war sehr hoch.«

Doch die damalige Aufarbeitung der Sprache verliert sich nach der Gründung der Bundesrepublik. Bestimmte NS-Wörter wurden einfach mit einem Tabu belegt. Diese Sonderbehandlung Sonderbehandlung »Sonderbehandlung« hat einen positiven Klang. Man hebt jemanden aus der Masse heraus, macht ihn dadurch zu etwas Besonderem. Man nimmt Rücksicht. Doch zur NS-Zeit wurde umgebracht, wer eine Sonderbehandlung erfuhr. Es war Tarnsprache für den Mord an Menschen, meist politischen Gegnern. Der positiv klingende Begriff war von den Mördern gewollt und sollte verharmlosend klingen. geschah auch aus Respekt für die vielen Opfer der Kriegszeit. Andere NS-Ausdrücke wurden in die Standard-Sprache übernommen; meist, weil sie nur schwer ersetzbar waren oder es an rechtzeitiger Aufarbeitung fehlte. So geschah es auch mit »Jedem das Seine«. Das lag auch daran, dass das KZ Buchenwald mit dem Spruch direkt nach 1945 von der Sowjetischen Militäradministration als Internierungslager genutzt wurde. Zum Sinnbild für den Holocaust wurde stattdessen ein anderes Konzentrationslager: Auschwitz mit dem Spruch »Arbeit macht frei«.

Godwin sagt: Früher oder später kommt der Hitler-Vergleich

Heute findet man NS-Propaganda vor allem in Geschichtsbüchern und an den Stammtischen rechtsradikaler Kreise. Das hält einige Personen des öffentlichen Lebens aber nicht davon ab, mit Nazivergleichen immer wieder auf die Pauke zu hauen. So etwa der Kölner Kardinal Joachim Später relativierte Kardinal Meißner seinen Hitler-Vergleich, wie die Welt damals berichtete (2005) Meißner. In einer Predigt im Jahr 2005 verglich er Abtreibungen mit dem Holocaust. Hier der Wortlaut: »Es ist bezeichnend: Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthanasie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegenüber Gott.« Meißner entschuldigte sich und ließ den Hitler-Vergleich aus der Verschriftlichung der Predigt streichen. Doch bereits 2 Jahre später, im Jahr 2007, benutzte er erneut prominente NS-Begriffe und sprach in einer Rede im Kölner Dom von »entarteter Kultur«. Erneut war ihm die Aufmerksamkeit der Medien dadurch sicher.

Auch das ist Teil der kontaminierten Sprache, findet Heidrun Kämper:

»Die Entschuldigung hinterher ist dann eher halbherzig. Man hat ja schließlich bereits erreicht, was man wollte: Aufmerksamkeit.«

Hier spielt unser Umgang mit der NS-Zeit den Provokateuren in die Hände: Gerade weil der Vergleich mit dem Nationalsozialismus ein Tabu ist und die Presse regelmäßig darauf anspringt, wird durch ihn besonders viel Aufmerksamkeit für die eigene Position erzeugt. Doch das Tabu kommt nicht von ungefähr:

»Das Schlimme an solchen Vergleichen ist die Relativierung und Verharmlosung dieser einzigartigen historischen Verbrechen.«

Auch im privaten Rahmen scheint der gezielte Bruch des Tabus einen besonderen Reiz auszumachen, zumindest im Internet. Dort waren Nazi-Vergleiche so präsent, dass sie ein »Gesetz« prägten: Godwins Law, zuerst beschrieben vom Rechtsanwalt und Autor Mike Godwin. Es besagt:

»Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert 1 an.«

Anders formuliert: In einer hitzigen Online-Debatte begeht irgendjemand früher oder später mit Sicherheit den Vergleich. Der häufige Zusatz von Godwins Law »und verliert dadurch die Diskussion« ist jedoch problematisch. Denn echte Rechtsradikale gibt es auch heute noch und manchmal passt die Erwähnung der NS-Zeit eben doch.

Durch die Sprache kehren die Nazis ins Heute zurück

Abseits schädlicher Vergleiche feiert auch echte Nazi-Rhetorik ein Comeback im Jahr 2016, vor allem in sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Dort benutzen die neuen Nationalsozialisten von 2016 kontaminierte Sprache weiterhin zur Unterstützung der eigenen Ideologie, und um das Hitler-Regime zu verherrlichen: »Gleichschaltung«, »Gleichschaltung«, Der Begriff entstand aber ursprünglich als Wortschöpfung 1933, als die deutsche Gesellschaft auf den Nationalsozialismus ausgerichtet wurde. Das Ziel war es, den Pluralismus abzuschaffen und alle Bereiche von Politik, Gesellschaft und Kultur nach der nationalsozialistischen Ideologie neu zu organisieren. Konkret wurden demokratische Strukturen abgeschafft, jüdische Mitarbeiter entlassen und loyale Nazis an wichtigen Schlüsselstellen im Staat positioniert. Nach 1945 fand der Begriff auch in der DDR Verwendung. Prominent wurde er durch den Dichter Günter Grass, der im Jahr 2012 von einer »gewissen Gleichschaltung der Meinung« sprach. »Endlösung« »Endlösung« »Endlösung« findet sich ab dem Jahr 1979 als Kampf-Begriff für ein Atommüll-Endlager innerhalb der Umwelt-Bewegung. Das Problem daran: Es war auch der Begriff der Nazis für die »endgültige Lösung der Judenfrage« und damit für den Völkermord in den Gaskammern der Konzentrationslager. Ganz so einfach ist die Sache aber auch nicht: Bereits vor der NS-Zeit in der Weimarer Republik war »Endlösung« ein gängiger Begriff. Neu war bei den Nazis die Verbindung »Endlösung der Judenfrage«. Die Umweltbewegung meinte ihren Begriff allerdings genau in Anlehnung an diese kontaminierte Sprachformel und prägte in derselben Kampagne den Spruch »Gorleben ist Holocaust«. oder »entartet« »entartet« Als »entartet« wurde im NS-Regime das bezeichnet, was nicht dem Ideal der Nationalsozialisten entsprach. Vor allem verwendet wurde es im Bereich der Kultur und Kunst, um »undeutsche« Strömungen und Ideen zu verbieten, etwa Dada, Expressionismus oder Surrealismus. sind nur einige wenige Beispiele.

Dabei verlassen sich die rechten Jungs und Mädels Mädels »Mädel« steht salopp für Mädchen und kehrte zuletzt mit Germany’s Next Topmodel zurück ins Fernsehen und in die Jugendsprache. Eigentlich geht es auf das 14. Jahrhundert (Magd) zurück. Doch es war auch die Nazi-Bezeichnung für junge Frauen, etwa im Bund Deutscher Mädel, stand symbolisch für die Stärke der weiblichen NS-Jugend. 1957 wurde es sogar ins Wörterbuch des Unmenschen aufgenommen, als einer von 28 Ausdrücken, die den »Wortschatz der Gewaltherrschaft« verkörperten. Heutzutage hat es diese Bedeutung jedoch verloren. aber nicht nur auf die Sprachüberlieferung ihrer Vorbilder, sondern zeigen sich erstaunlich kreativ darin, neue Tarnworte Altbekannt ist etwa 88 für »HH« (also jeweils der 8. Buchstabe des Alphabets) als Kurzform für die Nationalsozialistische Grußformel »Heil Hitler«. Der Trick: Auch wenn die Behörden genau wissen, was damit gemeint ist, lässt sich schwer gegen einen Zahlencode vorgehen. Neuer ist zum Beispiel »Auschwitz-Mythos« statt »Auschwitz-Lüge«. Auch hier umgeht die sprachliche Unschärfe knapp den Tatbestand der Holocaust-Leugnung. zu erfinden und zu verbreiten.

Diese Tarnworte stehen stellvertretend für andere Begriffe der kontaminierten Sprache und helfen den Sprechern, die Gesinnung des Gegenübers zu erkennen und dem Verfassungsschutz zu entgehen. So postete ein Metzger aus Düsseldorf 2015 in einer einschlägigen Facebook-Gruppe:

Die Huffington-Post berichtet über das Urteil für den Facebook-Hetzer (2015) »Wir sollten die Duschen wieder öffnen und brauchen mehr Ascheplätze.«

Duschen stehen hier natürlich für Gaskammern, Ascheplätze für Konzentrationslager – die Aussage ist also ein Aufruf zum Völkermord. Das konnten auch die Richter lesen und so gab es eine Strafe von 500 Euro wegen Volksverhetzung, inklusive halbherziger Rechtfertigung: Es sei doch gar nicht so gemeint gewesen.

Ohne Worte: Nahe des Brandenburger Tors in Berlin erinnern 2711 stumme Stelen an die Verbrechen der NS-Zeit. Seit dem Jahr 2008 zeigen sich zunehmend Risse im Beton. – Quelle: Wynand van Poortvliet CC BY

Andere neue Tarnworte finden sich längst auch außerhalb rechtsradikaler Internetgruppen, Das Nach-Außen-Tragen solcher Tarn-Begriffe geschieht dabei zum Teil bewusst als von rechtsextremer Seite ausgerufener »Krieg um die Köpfe«. Zu dieser Taktik gehört auch, belastete NS-Begriffe positiv umzudeuten, um die damit verbundenen Verbrechen vergessen zu machen oder besser leugnen zu können. etwa »Kulturbereicherer« Der Begriff kommt aus dem rechtsradikalen Milieu. In seiner zynischen Verwendung drückt er die Vorstellung aus, Menschen aus anderen Ländern könnten die deutsche Kultur nicht bereichern. Damit ist der Begriff in dieser Verwendung rassistisch. für Migrant. Die gezielte zynische Verwendung solcher Ausdrücke entspricht dabei strukturell der NS-Propaganda. Anders formuliert: Goebbels hat es in seinen Hetzreden und Pamphleten Diese Studie analysiert den Effekt von Nazi-Propaganda auf die Deutschen während der NS-Zeit (englisch, 2011) ganz ähnlich gemacht.

Nicht weniger besorgniserregend ist das Wiederaufleben der NS-Sprache in der Politik. So erklärte Frauke Petry im Gespräch mit der Welt am Sonntag Frauke Petry im September 2016 in einem Interview, sie wolle den Begriff »völkisch« »völkisch« »völkisch« stammt als Adjektiv aus der rassistischen Lehre und tritt ab dem Jahr 1871 als Konkurrent zu »national« auf. Es ist prägend für die Völkische Bewegung, die eine »reinrassige« Nation hervorbringen wollte und in der das Rassendogma zentraler Bestandteil war. Es war eines der Lieblingsworte Hitlers und kommt besonders häufig in seinem Buch »Mein Kampf« vor, insbesondere in der Verbindung »Völkischer Staat.« Hitler selbst bemängelte die Unschärfe des Begriffs, war aber fasziniert von der ihm innewohnenden Botschaft: »Ähnlich wie mit dem Begriff ›religiös‹ verhält es sich mit der Bezeichnung ›völkisch‹. Auch in ihr liegen schon einzelne grundsätzliche Erkenntnisse. Sie sind jedoch, wenn auch von eminentester Bedeutung, ihrer Form nach so wenig klar bestimmt, daß sie sich über den Wert einer mehr oder minder anzuerkennenden Meinung erst dann erheben, wenn sie als Grundelemente in den Rahmen einer politischen Partei gefaßt werden.« (Mein Kampf, S. 416f). positiv neu besetzen.»Schritt 1: gezielter Tabubruch
Schritt 2: halbherziges Zurückrudern
Schritt 3: Aufmerksamkeit!«
Nur wenige Tage später setzte die CDU-Politikerin Bettina Kudla (CDU) in einem Twitter-Kommentar Bettina Kudla nach und kritisierte die deutsche Flüchtlingspolitik als »Umvolkung«. »Umvolkung«. Ein Begriff der nationalsozialistischen Volkstumspolitik. Er meinte die Re-Germanisierung eroberter Ost-Gebiete, vor allem von »Angehörigen der Deutschen Rasse«, die dort nach dem Ersten Weltkrieg unter andere Herrschaft geraten waren. Teil der Praxis war eine Aufteilung der Bevölkerung durch Umsiedlung, die für ethnische Einheitlichkeit sorgen sollte. In rechtsextremen Kreisen wird er neuerdings umgedeutet und für einen steigenden Anteil von Nicht-Deutschstämmigen verwendet – was mit der ursprünglichen Bedeutung nichts zu tun hat. Beide Begriffe waren Teil der NS-Sprache und transportieren im Kern rassistische Ideen.

Wenn Politiker diese Begriffe für einen kurzen Aufmerksamkeits-Schub verbreiten, erleichtern sie Neonazis ihre Arbeit. Doch die Medien stehen nun vor einem Problem: Wer darauf eingeht, spielt den Provokateuren in die Hände und sorgt für einen gelungenen PR-Stunt. Wenn niemand reagiert, werden rechtsextreme Deutungsmuster wieder salonfähig und sorgen damit bei rechten Bewegungen für sprachlichen Rückenwind.

Eine Zwickmühle.

Wir alle sind die Sprachwächter!

Hand aufs Herz: Das Thema Sprache ist nicht sexy oder aufregend. Aber Sprache ist wichtig! Wir nutzen sie alle jeden Tag. Genauso war und ist sie auch Teil des Nationalsozialismus. Sie stützte das Regime, verbreitete ihre Ideologie und wirkt in ihren Vokabeln bis heute fort.

Aber wie gehen wir nun mit kontaminierter Sprache um?

Horst Dieter Schlosser ist darin ein Fachmann. Der Linguist gründete im Jahr 1991 die Aktion »Unwort des Jahres«. Diese bemüht sich darum, die Sensibilität für die deutsche Sprache zu erhöhen, und kürt jedes Jahr mit ausführlicher Begründung ein besonders fragwürdiges Wort in der deutschen Öffentlichkeit. Der aktuelle Titelträger von 2015: »Gutmensch«. Ich habe mit ihm gesprochen.

»Sprache ist ständig im Fluss und wird auf vielen Ebenen verwendet. Ein Teil wird dabei ganz natürlich vergessen; das gilt nicht nur für negative Begriffe. Ein anderer Teil hält sich mit den alten Bedeutungen und wird auch bewusst weitergepflegt.«

Vokabeln und Bedeutungen werden dabei ständig neu verhandelt, und zwar nicht nur von Kulturschaffenden Kulturschaffenden Heute bezeichnen wir mit »Kulturschaffende« jeden, der künstlerisch oder kulturell tätig ist. Das Wort stammt aber wahrscheinlich aus dem Jahr 1933 im Zuge der Einrichtung der Reichskulturkammer und war damals nationalsozialistische Funktionärssprache. Nach dem Tod Hindenburgs im Jahr 1934 unterstützte der »Aufruf der Kulturschaffenden« die Machtergreifung Hitlers. Kulturschaffend waren damals aus der Perspektive der Nationalsozialisten vor allem jene, die das »Deutsche Volk« und die Kultur des Nationalsozialismus unterstützten. Der Begriff wurde später in der DDR als Bezeichnung für Berufsgruppen verwendet und seine belastete Bedeutung weitgehend vergessen. am Goethe-Institut und an Hochschulen, sondern überall, wo Deutsch gesprochen wird. Damit ist Sprache nicht nur etwas Persönliches, sondern etwas sehr Öffentliches. Sie ist die Der Medienwissenschaftler Erich Straßner beschreibt in diesem Buch die politische und gesellschaftliche Dimension von Sprache (1987) Basis unseres Zusammenlebens als Deutschsprechende.

Horst Dieter Schlosser betont allerdings, dass Worte an sich unschuldig sind. Es kommt auf den Sprecher und den Kontext an:

»Wer Worte aus der NS-Zeit neu benutzt, bezweckt dabei meist etwas. Mit dem Wort »völkisch« sollen wohl die Kreise angesprochen werden, die an der völkischen Ideologie festhalten und für die diese Vokabeln sehr reizvoll sind. Ich glaube, dass ein Großteil der Leute sich bei diesen Worten absolut nichts denkt. Es ist aber geradezu kriminell, dass Leute, welche ein Minimum an historischem Wissen besitzen, diese Worte wiederverwenden und diese für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.«

Wer kontaminierte Sprache unbewusst verwendet und nur den Geistlichen, Politikern und Journalisten nachredet, die bewusst mit dem sprachlichen Feuer der NS-Vergangenheit spielen, den trifft keine Schuld. Anders formuliert: Wer »Kulturbereicherer« sagt, ist nicht automatisch rechtsradikal – hier fehlt oftmals einfach das Sprachbewusstsein. Und genau dort setzt Horst Dieter Schlosser seine Lösung an und nimmt uns alle in die Verantwortung:

»Es ist geradezu eine moralische Verpflichtung aller derjenigen, die ein Minimum an sprachhistorischem Wissen haben, wachsam zu bleiben und gegen den bewusstlosen Gebrauch von Wörtern vorzugehen.«

Die Lösung für Jedermann lautet also: Mit gutem Beispiel vorangehen und das eigene Sprachbewusstsein schärfen. Und so könnte das aussehen:

  • Vergleiche meiden, wo sie nicht angebracht sind: Es gibt genug Superlative in der deutschen Sprache, es muss nicht immer die NS-Zeit als Vergleich sein. Wer gedankenlos Politiker mit Hitler oder Parteien mit der NSDAP vergleicht, um Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erhalten, der tut sich und der Gesellschaft keinen Gefallen.

  • Auf Kernausdrücke des Rassismus verzichten: Bestimmte Begriffe sind in der NS-Zeit stark geprägt und beinhalten rassistisches Gedankengut, etwa »Umvolkung« oder »völkisch«. Wer diese verwendet oder umdeutet, verwischt damit die historische Bedeutung.

  • Keine Ausdrücke zynisch verharmlosend benutzen: Die Verschleierung der Sprache war eine zentrale Taktik der NS-Propaganda und wird heute noch von Neonazis aktiv praktiziert. Wer rechtsextreme Vokabeln benutzt, hilft dabei mit, Neonazi-Codes salonfähig zu machen.

  • Bedeutungen auch in Vergessenheit geraten lassen: Bei weitem nicht alle Worte aus der NS-Zeit sind kontaminiert und in ihrer historischen Bedeutung erhaltenswert. Bestimmte Ausdrücke sind einfach in unseren normalen Sprachgebrauch übergegangen. Das ist normal und betrifft vor allem die Vokabeln, die wir in der Sprache nicht leicht ersetzen können oder die nur in bestimmter Kombination in der NS-Sprache verwendet wurden. Oder regt sich jemand über das Betreuungs- Betreuungs- Heute verwenden wir das Wort als Synonym für »versorgen«. In der NS-Diktatur stand »Betreuung« als vieldeutiger Euphemismus für jegliche Art staatlichen Eingriffs. Obwohl im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts noch selten gebraucht, erfuhr das Wort einen sprunghaften Anstieg im Nationalsozialismus. Im SS-Sprachgebrauch ist »betreuen« mit »deportieren«, »töten« und »Mord« gleichzusetzen. Geld auf? Oder über den Parteiführer? Parteiführer? Adolf Hitler wählte den Begriff »Führer« für sich und verengte dabei den Begriff des Parteiführers der NSDAP. Führer wurde im Laufe der NS-Zeit gleichgesetzt mit Diktator und stand im Zentrum des »Führerkultes« als Synonym für die Person Hitler selbst. Die NSDAP wurde auch »Führerpartei« genannt. Heute wird der Begriff jedoch wieder in der Politik verwendet, etwa als Parteiführer oder Oppositionsführer. Oder über den Sieg Sieg Ein zentraler Begriff des Nationalsozialismus, der prominent in der Grußformel »Sieg, Heil!« vorkam und im Wort »Endsieg« für den letztlichen Sieg Deutschlands über alle Kriegsgegner stand (und deren angedeutete Vernichtung). Während des Endes des Krieges wurde »Endsieg« zu einer Durchalteformel, die die angebliche, rassistisch-gedachte Überlegenheit des Deutschen Volkes beschwor. Doch selbst das Wort »Endsieg« ist älter als die NS-Zeit und wurde bereits im 1. Weltkrieg verwendet. Das Wort »Sieg« ist wieder in den normalen Sprachgebrauch zurückgekehrt – wohl auch, weil es schlecht ersetzbar ist. Es wird aber von Rechtsextremen in Anspielung auf die NS-Zeit besonders häufig verwendet. seiner Fußballmannschaft? Wohl kaum – und das ist auch gut so.

Und was, wenn uns echte kontaminierte Sprache begegnet? Dann hilft Empörung ohne Einordnung kaum weiter. Wer eifrig die Tabu-Keule schwingt, sorgt nur für Aufmerksamkeit und verstärkt den Reiz der betroffenen Wörter.

Namen als Erinnerung: 56.000 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern in vielen europäischen Ländern an das Schicksal der Menschen vor über 70 Jahren. – Quelle: Cory Doctorow CC BY-SA

Der richtige Weg sei, so Horst Dieter Schlosser, aufzuklären und immer wieder zu kritisieren. Das sei auch der einzige Weg, den echten Rassisten in unserer Gesellschaft den Wind aus den Segeln zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sie nicht klammheimlich die Bedeutung der Worte beliebig verdrehen können.

Kontaminierte Sprache kann und sollte dabei der Anlass sein, dass wir uns immer wieder mit unserer Geschichte und den Verbrechen der NS-Zeit auseinandersetzen – wie sprachliche Stolpersteine eben.

Hast du es bemerkt?

Ich habe im Artikel eine Reihe von Worten der NS-Sprache versteckt, deren kontaminierte Bedeutung wir heute kaum noch kennen. Klick auf »anzeigen«, um sie im Text zu markieren. Mit einem Klick auf den kleinen Pfeil dahinter, kannst du mehr über sie erfahren und dein Sprachbewusstsein schärfen.

Powered byTypeform

Titelbild: Ernest McGray, Jr. - CC BY-SA

 

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Werde jetzt Mitglied!

Als Mitglied erhältst du deine tägliche Dosis neuer Perspektiven:
Statt Nachrichtenflut ein Beitrag pro Tag - verständlich, zukunftsorientiert, werbefrei!



Du bist bereits Mitglied? Dann melde dich hier an.

Diesen Artikel schenkt dir Perspective Daily.

Jetzt Mitglied werden ›