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Wie West Virginia den Kater seines Kohle-Rauschs abschütteln will

Wo früher der Bergbau brummte, klafft heute ein schwarzes Loch: West Virginias Wirtschaft strauchelt. Seine Bewohner beginnen, nach Alternativen zu suchen.

27. Oktober 2016  14 Minuten

Etwa eine Autostunde südlich von Charleston, der Hauptstadt des US-Bundesstaates West Virginia, schlängelt sich eine kaum befestigte Straße den Berg hinauf zum Kayford Mountain. Hier kommen nur geübte Fahrer mit einem Pickup herauf. Oben angekommen bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Es gibt keinen Berggipfel zu erklimmen, keine Bäume, kaum Vegetation. Wo früher eine saftig grüne Bergkuppe ruhte, endet die Straße nun in einer Mondlandschaft, spärlich mit Gras bewachsen, hier und da behauptet sich eine kleine Pflanze.Schätzungsweise 200 Höhenmeter haben Arbeiter in 20 Jahren weggesprengt. Gewaltige Massen Erde und Gestein sind hier bewegt worden: Schätzungsweise 200 Höhenmeter haben Arbeiter in 20 Jahren weggesprengt. Nun ist die Kohle abgebaggert, der Abraum mit Schwermetallen und Chemikalien in das Tal gekippt. »Das war einmal der höchste Berg in dieser Gegend«, erzählt der Umweltschützer Paul Corbit Brown. Nie wieder werde hier Wald wachsen, sagt der Umweltschützer.

Die Kohle hat den Kayford Mountain zu dem gemacht, was er heute ist. West Virginia ist heute gezeichnet vom schwarzen Rohstoff – dabei fing alles ganz gut an.

Die Kohle gab den Ton an

Seit der Gründung von West Virginia Ein Großteil des Bundesstaates liegt in den Appalachen, der Bergkette, die für eine lange Zeit die natürliche Grenze für die europäischen Siedler bei der Besiedlung Nordamerikas darstellte. Nur wenige Menschen leben hier, gerade einmal 1,8 Millionen Einwohner zählt West Virginia, das nur wenig kleiner ist als Bayern. während des amerikanischen Bürgerkriegs spielen die Rohstoffvorkommen eine entscheidende Rolle: Zunächst bekriegten sich die Nord- und Südstaaten wegen der Rohstoffe, später prägte die Kohle die gesamte Wirtschaft des neu gegründeten Bundesstaates. Die Ausgliederung aus dem abtrünnigen Südstaat Virginia hatte vor allem politische und wirtschaftliche Gründe: Die Menschen im Westen fühlten sich unterdrückt und wollten ihr Holz, Salz und ihre Kohle in den Norden verkaufen – Ein Artikel über »Virginias große Trennung« (englisch, 2013) und wurden von der Union dankend aufgenommen.

Beim Mountain-Top-Removal (MTR) werden hunderte Meter hohe Bergkuppen weggesprengt, um die darunter liegenden Kohle-Vorkommen freizulegen. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Seit dieser Zeit ist West Virginia abhängig von der Kohleindustrie: Dass die Regierung nicht mit sich spaßen ließ, wenn es um die Kohle ging, zeigte sich im frühen 20. Jahrhundert: Als es zwischen 1912 und 1921 zu großen Streikbewegungen der Arbeiter und einem bewaffneten »Kohlekrieg« in West Virginia kam, zeigten die Kohlefirmen, wozu sie im Stande waren. Die Aufstände wurden mit Hilfe der US-Armee blutig niedergeschlagen, die Gewerkschaften erhielten erst viele Jahre später mehr Rechte. Von den Arbeitsplätzen in den Kohleminen und Zulieferbranchen, von den Steuereinnahmen und von der Infrastruktur, die die Firmen aufgebaut haben. Der Kohlebergbau hat das Land über viele Jahrzehnte geprägt, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Gerade in den Appalachen gibt es eine große Bergbautradition, die oft viele Generationen zurückreicht. »Es ist eine Kultur«, sagt Jeremy Richardson, der für die renommierte Umweltorganisation Website der Union of Concerned Scientists (englisch) Union of Concerned Scientists in Washington die Energiewende begleitet und aus West Virginia stammt. Seine ganze Familie arbeite im Kohlesektor, erzählt er. Für viele Menschen ist die Kohle mehr als nur ein Job – sie ist ihre Identität.Für viele Menschen sei es mehr als nur ein Job – es sei ihre Identität.

Doch die Globalisierung stellt diese Identität zunehmend in Frage: Mindestens 50 US-Kohlekonzerne haben in den vergangenen Jahren Bankrott gemacht. Ende April musste mit Peabody Energy der größte private Kohleförderer der Welt Insolvenz anmelden. Sie alle sind oder waren auch in West Virginia groß im Geschäft. Noch vor 5 Jahren war Peabody 20 Milliarden US-Dollar wert, seitdem ging es bergab. Einige Firmen verlegen ihre Aktivitäten weiter nach Westen, in Montana und Wyoming ist Kohleförderung einfacher und billiger. Mit gewaltigen Maschinen graben die Arbeiter dort nicht unter Tage, sondern im offenen Tagebau, seit gut 20 Jahren wird das dortige Powder River Basin immer weiter erschlossen. Denn nirgendwo auf der Welt liegen die Steinkohleflöze dichter an der Oberfläche. Daten zur Kohleproduktion und Kohlepreise in den USA 2015 (englisch, 2015) Noch 2011 bekamen die Firmen 70 US-Dollar für eine Tonne Appalachen-Kohle, mittlerweile sind es nur noch gut 40 US-Dollar. Kohle aus dem Westen der USA kostet Daten zu den aktuellen Kohlepreisen (englisch, 2016) aktuell gerade einmal 9 US-Dollar pro Tonne.

Durch MTR lässt sich die Kohle wesentlich günstiger heben, als unter Tage. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Ein weiteres Problem für die Kohlebranche in West Virginia ist der Boom der Fracking-Technologie zur Erdgasförderung. Beinahe überall im Land wurden in den vergangenen 5 Jahren neue Fracking-Gebiete erschlossen, auch in West Virginia. Mit den günstigen Gaspreisen kann die Kohle nicht mithalten. Zudem ist der weltweite Hunger nach Kohle nicht so stark angewachsen wie erhofft, die Weltmarktpreise sinken und andere Weltregionen können deutlich günstiger fördern. China als einer der größten Märkte hat aufgrund starker Umweltprobleme und des zurückgehenden Wirtschaftswachstums den Kohleverbrauch zurückgefahren. Hausgemachte Belastungen wie eine starke Verschuldung der Kohlekonzerne kommen dazu. Die amerikanische Energieinformationsagentur EIA Der vierteljährliche Kohlebericht der USA vom zweiten Quartal 2016 (englisch, 2016) rechnet mit einem Rückgang der amerikanischen Kohleexporte von 20% im Jahr 2016 und zusätzlich 7% im Jahr 2017, nachdem die Quote im vergangenen Jahr bereits um fast 25% gesunken war.

Die Kohleminen, die zuerst dichtmachen, liegen unter Tage. Hier ist die Förderung am teuersten. Weniger betroffen sind die Minen über Tage, denn dort wird größtenteils mit der Mountaintop Removal Methode (MTR) (englisch, etwa Berggipfel-Abtragung) gearbeitet. Dabei werden Bergkuppen, -kämme und -spitzen mit viel Dynamit weggesprengt und abgetragen, um an die darunterliegenden Kohleflöze zu gelangen. Mit riesigen Maschinen wird anschließend nach dem schwarzen Gold gegraben. Der meist giftige Abraum aus den Minen wird größtenteils in die Täler gekippt, »valley fills« Seit der Änderung des »Clean Water Act« unter der Bush-Regierung 2002 ist dieses Vorgehen sogar legal. Dabei werden die Wasserläufe in den Tälern mit Schwermetallen wie Quecksilber und Arsen, Sulfaten und anderen Chemikalien aus dem Tagebau vergiftet und Quellläufe begraben. nennen die Firmen das. Genehmigungen werden von den Behörden großzügig erteilt, erzählt Paul Corbit Brown, der auch Präsident der lokalen NGO Website der »Keeper of the Mountains« »Keeper of the Mountains« ist. Und das, obwohl Biologen die Appalachen als eine der wichtigsten »biodiversity hotspots« So bezeichnet man Gegenden, in denen eine besonders hohe Biodiversität herrscht. Hier gibt es also besonders viele Arten, Tiere und Biomasse. in Nordamerika bezeichnen.

Die Hobet-Mine rund 50 Kilometer südlich von Charleston in West Virginia, aufgenommen zwischen 1984 und 2015 von einem Satelliten der NASA.

Gleich neben dem mondähnlichen Kayford Mountain hat der Kohleförderer Blackhawk Mining eine neue Mine eröffnet – und sprengt mit deutschem Geld den Berg in die Luft. Die schmutzige Kohle aus West Virginia wird auch in deutschen Kohlekraftwerken Der nordrhein-westfälische Kohlekonzern RWE ist über die Tochterfirma RWE Supply & Trading seit 2012 Miteigentümer des amerikanischen Kohleförderers. Treuer Geldgeber dabei: Die Deutsche Bank. verfeuert. In der Ferne, hinter der Mine, sind 2 weitere weggesprengte Bergkuppen zu erkennen.

Die Kohle macht Menschen und Natur krank

Der Abgang der großen Kohlekonzerne hinterlässt nicht nur in der Natur Spuren: 2015 arbeiteten nach Angaben staatlicher Stellen gut 48.000 Menschen in West Virginia im Kohlesektor – 10.000 weniger als noch 5 Jahre zuvor. Zwischen 2015 und 2017 soll die Zahl der Beschäftigten um weitere 23% sinken. Auch landesweit sind massiv Arbeitsplätze verloren gegangen: Während 1985 in den USA noch über 170.000 Menschen im Kohlesektor beschäftigt waren, sind nach aktuellen Angaben nicht einmal 1/3 davon übriggeblieben. Charleston, die größte Stadt West Virginias, verliert seit Jahren Einwohner. Kürzlich rutschte die Stadt unter die 50.000-Marke.

Mit dem Abraum füllen die Bergabau-Unternehmen Täler auf. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Die Infrastruktur des Bundesstaats ist marode, das betrifft nicht nur Straßen und Energieversorgung. Die Internetanbindung ist sogar im Zentrum der Hauptstadt Charleston mittelprächtig, die verlegten Kabel sind alt und können mit dem steigenden Datenverkehr nicht mithalten. Zukunftsfähige Geschäftsfelder lassen sich so kaum etablieren. Das Haushaltsjahr 2016 wurde mit einem Ein Artikel über den Haushalt von West Virginia (englisch, 2016) Loch von 464 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Kommunen waren gezwungen, ihre Ausgaben massiv zurückzufahren, Bürgerdienste wurden gestrichen und Ein Artikel über Lehrer-Entlassungen in West Virginia (englisch, 2016) vereinzelt sogar Lehrer entlassen. Schätzungen zufolge werden 2017 etwa 550 Millionen US-Dollar fehlen, 2018 weitere 300–400 Millionen. Sorgen bereiten wieder einmal einbrechende Steuereinnahmen aus der Kohleindustrie und das Wegbrechen der gut bezahlten Kohlejobs. »Dadurch wird weniger Geld in den Shopping Malls ausgegeben, in Restaurants oder beim Autokauf«, Ein Artikel über West Virginias Wirtschaftslage mit Zitaten von John Deskins (englisch, 2016) analysiert John Deskins, Direktor des Bureau of Business and Economic Research der West Virginia University. »Es gibt eine Art Welleneffekt.«

So geht der wirtschaftliche Niedergang der Kommunen weiter, und die gesundheitlichen Auswirkungen des Kohleabbaus müssen bezahlt werden. Wie nahezu alle Einwohner West Virginias hat auch der Umweltschützer Brown Familienangehörige, die in der Kohleindustrie gearbeitet haben. Sein Großvater habe bereits als 10-Jähriger in den Kohleminen geschuftet. Sein Vater könne nicht mehr arbeiten, Sein Großvater hat bereits als 10-Jähriger in den Kohleminen geschuftet. Sein Vater leidet an einer Kohlenstaub-Lunge.er leide an einer schweren Kohlenstaub-Lunge.

Tatsächlich ist die Lebenserwartung in West Virginia auffallend niedrig: Sie Der »American Human Development Report« von 2013–2014 (englisch, 2014) liegt im Durchschnitt bei 75,4 Jahren. Damit belegt der Kohlestaat den vorletzten Platz aller US-Bundesstaaten. Auf Hawaii leben die Einwohner im Schnitt fast 6 Jahre länger. Studien zeigen die desaströsen gesundheitlichen Folgen des MTR-Kohleabbaus auf: »Im Vergleich zu Sterblichkeitsraten in anderen Teilen der Appalachen kommt es in den Kohleabbau-Gebieten zu 1.460 zusätzlichen Todesfällen jedes Jahr, die weder durch Alter noch durch andere Faktoren zu erklären sind«, Die Rede von Michael Hendryx auf der Jahreshauptversammlung von RWE (2016) erklärte jüngst Professor Michael Hendryx vom Institut für Gesundheitswesen an der Indiana University auf der Jahreshauptversammlung des deutschen Kohlekonzerns RWE. Laut seinen Studien liegt das Risiko für Herzfehler bei Neugeborenen in MTR-Gebieten um 181% höher als in vergleichbaren Regionen. Lungenkrebs bei Erwachsenen sowie Herz- und Nierenerkrankungen treten dort Ein Artikel über Gesundheitsrisiken in MTR-Gebieten (englisch, 2015) ebenfalls deutlich häufiger auf.

Dabei gelangen Schwermetalle wie Quecksilber, Arsen und Sulfate ins Grundwasser. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

So kaputt wie viele Kumpel ist auch die Natur in West Virginia: In drei Vierteln der Wasserläufe und Seen der Region solle die Bevölkerung laut den Behörden nicht baden, erzählt Brown. Nur zu bestimmten Jahreszeiten sollten selbst gefangene Fische verzehrt werden, und wenn, dann nur bestimmte Arten.

Wer verarztet die offenen Wunden?

Für einen Großteil der Umweltverschmutzungen können keine Firmen direkt haftbar gemacht werden, sagt Energieexperte Richardson. Sei dies doch einmal möglich, erklärten die Unternehmen am nächsten Tag ihre Insolvenz. Wäre etwa der Hudson River in New York von solchen täglichen Verschmutzungen oder Unfällen betroffen, müssten sicher etliche Politiker ihren Hut nehmen. In West Virginia dagegen würden die Kohlelobbyisten ganze Arbeit leisten, um Vorschriften zu verwässern und strengere Gesetze zu verhindern.

Lokale NGOs wie Keeper of the Mountains und Website von Appalachian Voices (englisch) Appalachian Voices treibt zudem Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich auf den weggesprengten und abgetragenen Bergkuppen wieder Wald ansiedelt.die Frage um, was mit den verlassenen MTR-Kohleminen geschieht, wenn die Kohlevorräte erschöpft sind. Eigentlich sind die Konzerne gesetzlich dazu verpflichtet, die Natur wiederherzustellen. Oft beschränke sich die Wiederherstellung allerdings auf das Ausbringen von Grassamen, erzählt Umweltaktivist Brown. Die lokalen Behörden würden das Problem ignorieren. Ein Bericht der Umweltbehörde EPA über die Auswirkungen der MTR-Kohleminen auf die aquatischen Ökosysteme (englisch, 2011) Nach Angaben der nationalen Umweltbehörde EPA wird es Jahrhunderte dauern, bis sich auf den weggesprengten und abgetragenen Bergkuppen wieder Wald ansiedelt, die natürliche Vegetation der Region.

Aufgrund der Insolvenzen der großen Kohlefirmen sind sogar die kleinsten Wiederherstellungsmaßnahmen in Gefahr. Allein Peabody Energy hatte bei der Insolvenzanmeldung entsprechende offene Verpflichtungen in Höhe von 723 Millionen US-Dollar, Ein Artikel über die Auswirkungen des Bankrotts von Peabody Energy auf die Wiederherstellungsmaßnahmen (englisch, 2016) wie durch das Verfahren bekannt wurde. Betroffene Kommunen fürchten, für die Verfehlungen der Kohleindustrie gerade stehen zu müssen.

Deshalb können die Bürger nur sehr eingeschränkt in den Gewässern baden oder den Fisch essen. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Die Politik hält stur am Alten fest

Bevölkerung und Politiker in West Virginia setzen zwar große Hoffnungen darauf, dass sich der Abwärtstrend in West Virginia verlangsamen wird, aber eines ist klar: Die verlorenen Kohlejobs werden nicht wiederkommen. Umweltschützer und externe Beobachter machen die Regierung des Bundesstaats für eine verfehlte Politik verantwortlich. Diese halte noch immer an den alten Seilschaften und an der Kohleindustrie fest, sagt Brown.

Ein Blick auf die am 8. November zusammen mit den US-Präsidentschaftswahlen stattfindenden Wahlen für den neuen Gouverneur von West Virginia gibt ihm Recht. Auf Seiten der Demokraten, die seit 2001 das Amt in ihrer Hand haben, tritt der Kohlemagnat Jim Justice an. Ein Artikel über Jim Justice (englisch, 2016) Er ist West Virginias einziger Milliardär und einer der größten privaten Kohleinvestoren im Osten der USA. Ähnlich schillernd wie Donald Trump, wird ihm vorgeworfen, mit seinen Firmen ausstehende Steuernachzahlungen zu verzögern und sich geschäftlich stets an der Grenze zum Illegalen zu bewegen.

Was von den abgetragenen Bergen bleibt, gleicht toten Mondlandschaften. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright
Sein Gegenspieler ist der Republikaner Bill Cole, der – anders als der Demokrat Justice – kein eigenes Kohlegeld Ein Artikel über die Wahlkampffinanzierung in West Virginia (englisch, 2016) in Höhe von bislang 2 Millionen US-Dollar in den eigenen Wahlkampf stecken konnte. Cole wird im Gegenzug unter anderem von den großindustriellen Koch-Brüdern Die Gebrüder Charles G. und David H. Koch stehen für die alte Energiewelt aus Kohle, Öl und Gas, Coles Kampagne haben sie bislang 100.000 US-Dollar zukommen lassen. Beide Kandidaten versprechen den Wählern unentwegt, die verlorenen Kohlejobs in West Virginia zurückzubringen. unterstützt, die als erzkonservativ gelten und seit vielen Jahren republikanische Kandidaten für politische Ämter mit großzügigen Summen unterstützen. Besonders jene, die sich gegen das staatliche Gesundheitssystem einsetzen und den Klimawandel ignorieren. Ein echter politischer Wandel sieht anders aus.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Politik in West Virginia sich gegen das Unabwendbare sträubt? Noch immer stammen Daten zur Stromerzeugung in West Virginia (englisch, 2016) 94% des in West Virginia produzierten Stroms aus Kohlekraftwerken. Während nahezu alle US-Bundesstaaten staatliche Vorgaben für einen Mindestanteil an erneuerbarem Strom beschlossen haben, hat das Parlament in Charleston den Renewable Portfolio Standard (RPS) Bericht über den Renewable Portfolio Standard (englisch, 2001) bereits Anfang 2015 wieder gekippt – mit 95 zu 4 Stimmen.

Auch wenn ein übergreifendes, zukunftsträchtiges Konzept für West Virginia fehlt, gibt es kleine lokale Programme, die größtenteils auf dem Engagement von Menschen und Unternehmen vor Ort beruhen. Wie die kleine Organisation Website der Coalfield Development Corporation (englisch) Coalfield Development Corporation in Wayne County im Südwesten West Virginias, bilden sie ehemalige Kohlearbeiter im nachhaltigen Hausbau und der Installation von Solarmodulen aus. Das Sozialunternehmen Website von Refresh Appalachia (englisch) Refresh Appalachia wiederum versucht, lokale Landwirtschaftsbetriebe aufzubauen und so neue Perspektiven zu eröffnen.

Es dauert viele Jahre, bis sich die Wälder hier wieder ansiedeln. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Die »Appalachen-Mentalität«

Finanzielle Unterstützung kommt von einem nationalen Programm: Präsident Barack Obama hat erkannt, dass den ehemals stolzen und wirtschaftlich prosperierenden Kohleregionen des Landes geholfen werden muss. Mit dem Website von »Power+« Programm »Power+« sollen deshalb in den gesamten USA Kommunen unterstützt werden, sich an den Strukturwandel anzupassen und neue Strukturen aufzubauen. Insgesamt 10 Milliarden US-Dollar stehen dafür zur Verfügung. Hilfe bei der Umsetzung erhalten sie unter anderem vom »WV Hub« in Charleston, einer Einrichtung, die Kommunen bei den Anpassungen berät und unterstützt.

»Power+« sei zwar wichtig, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, berichtet die Leiterin des Hubs, Stephanie Tyree. Mit den Die Leute lieben ihr Land, West Virginia und die Berge.Geldern könnten nur kleine Leuchtturm-Projekte angestoßen werden. Deshalb setzt das Hub besonders auf das Engagement der Menschen vor Ort. Diese liebten ihr Land, West Virginia und die heimischen Berge, erzählt Tyree, die selbst nach Jahren in New York wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Die Bevölkerung wolle etwas verändern, wenn man ihnen nur Chancen aufzeigen und Mut zusprechen würde.

Als Lichtblick gilt für sie der Ort Harpers Ferry im Osten West Virginias, an der Grenze zu Maryland und Virginia. In und um das Dorf mit etwas mehr als 300 Einwohnern blüht der Tourismus, auch aufgrund der Nähe zur amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. Eine bewegte Geschichte im Bürgerkrieg, die idyllische Lage und nicht zuletzt das Engagement der Bürger haben das kleine Nest wieder attraktiv gemacht. Erstmals seit den 1950-Jahren Daten zur Bevölkerungszahl in den US-Staaten von 2010 bis 2015 (englisch, 2015) steigt die Bevölkerungszahl wieder leicht an.

Die Behörden geben die Lizenzen, die zum Bewegen der Erdmassen nötig sind, leicht heraus. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Was Tyree und andere besonders stolz macht: Ein großes Feuer zerstörte im Juli 2015 etwa ein Drittel des historischen Zentrums und stürzte kleine Geschäftsinhaber in Existenznöte. Die Denkmalschutzbehörde, Bürger, Vereine und die West Virginia University ziehen seitdem an einem Strang. Jeder in der Stadt arbeite mit Hingabe zusammen und helfe einander, berichtet Chad Proudfoot, der als Experte der Universität nach Harpers Ferry abgestellt wurde. »So katastrophal das Feuer war, ist es doch ein Katalysator für wundervolle Dinge«, sagt er, offensichtlich angetan vom Elan seiner Mitstreiter. Es ist diese Anpacker-Mentalität, die Tyree, Brown und Richardson den Menschen in West Virginia bescheinigen – und die wollen sie wecken.

Viele neue Ideen gegen alte Kohle

Unterstützung kommt auch von anderer Seite: Seit 2013 versucht die Union of Concerned Scientists unter Federführung von Jeremy Richardson und regionalen Partnern in West Virginia, Bericht der Union of Concerned Scientists »A Bright Economic Future for the Mountain State« (englisch, 2013) unter dem Titel »A Bright Economic Future for the Mountain State« einen Wandel des gesamten Staates auf die Agenda zu setzen. Auch hier lautet das Zauberwort: Diversifizierung. Die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung in West Virginia sei weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltig. »Dabei wäre beides möglich«, so Richardson. Studie von Jeremy Richardson »Economic impacts on West Virginia from projected future coal production and implications for policymakers« (englisch, 2013) Er schlägt vor allem die Spezialisierung auf Zulieferbranchen für die Wind- und Solarenergie vor, etwa die Fertigung von Turbinen, Rotorblättern und Metalltürmen für Windkraftanlagen. Auch im Bereich Biomasse habe West Virginia aufgrund der vielen Wälder großes Potenzial, zum Beispiel zur Herstellung von Holzpellets.

Dass diese Bereiche in den nächsten Jahren nicht allein das wirtschaftliche Ruder West Virginias herumreißen können, ist Richardson klar. Deshalb hat er noch eine weitere Idee: Der Staat könne in verschiedene Sektoren jeweils 1 Million US-Dollar investieren. Das sei zwar keine große Summe, um ausreichend Arbeitsplätze zu generieren, helfe aber bei der Bestimmung des Potenzials einzelner Branchen. Denn die gleichzeitigen Investitionen und die festgesetzte Summe helfe beim Vergleich und könne neue Diversifizierungs-Möglichkeiten für West Virginia aufzeigen. In einem Gedankenspiel kommt Richardson bereits zu möglichen Sektoren: Land- und Forstwirtschaft (Ökolandbau inbegriffen), Holzpellet-Herstellung und Tourismus Datenanhang zur Studie von Jeremy Richardson (englisch, 2013) stehen auf seiner Liste ganz oben.

Die Unternehmen kommen selten für die Rückbau-Arbeiten auf, da sie am laufenden Band bankrott gehen. – Quelle: Paul Corbit Brown copyright

Auf einen Punkt geht Richardson allerdings kaum ein: Den Bau und Betrieb von Erneuerbaren-Energien-Anlagen in West Virginia. Denn mit dem Abstieg der Kohle in den USA geht nicht nur der Fracking-Boom einher, sondern auch der rasante Aufstieg von Solar- und Windenergie. Bei den Daten zu neu installierten Stromerzeugungs-Kapazitäten (englisch, 2015) neu installierten Kapazitäten haben Wind und Solar 2015 sogar die Führung übernommen und Gaskraftwerke hinter sich gelassen. In wind- und sonnenreichen Regionen wie Texas werden Energiepreise von nur Ein Artikel über Strompreise (englisch, 2015) 5 US-Cent je Kilowattstunde gehandelt. Damit können die Erneuerbaren Energien mit Kohle- und Gaskraftwerken mithalten und bieten zudem ein lukratives Geschäft, das Arbeitsplätze schafft sowie Pacht- und Steuereinnahmen in die Kassen der Kommunen spült.

Glaubt man neuesten Studien, besitzt West Virginia großes Potenzial, die Erneuerbaren Energien in der bergigen Region aus dem Tiefschlaf zu holen. In wind- und sonnenreichen Regionen wie Texas werden Energiepreise von 5 US-Cent je Kilowattstunde gehandelt.Einer Studie der staatlichen Website des National Renewable Energy Laboratory (englisch) Forschungsbehörde NREL von Anfang des Jahres zufolge liegt Zusammenfassung der Studie zur Solarenergiekapazität in den USA (englisch, 2016) das Potenzial für Hausdach-Solaranlagen in West Virginia bei 6.300 Megawatt installierter Kapazität. Das würde reichen, um 22,9% des jährlichen Stromverbrauchs West Virginias zu decken. Das US-Energieministerium rechnet zudem im aktuellen Studie zur Windenenergie in West Virginia (englisch, 2016) Wind Vision Scenario vor, dass die Windenergie in West Virginia im Jahr 2030 bis zu 80% der Daten zur Bevölkerung in West Virginia (englisch, 2015) Haushalte mit Strom versorgen könnte.

Vorausgesetzt die Politik schafft die notwendigen regulatorischen Voraussetzungen dafür, wäre der gesteuerte Wandel im Energiesektor weg von Kohle und hin zu Erneuerbaren Energien ein gewaltiger Gewinn für die Menschen, Wirtschaft und Umwelt in West Virginia. Es schlummert nicht nur Kohle unter den Bergen West Virginias. Die Gipfel verbergen ungenutztes Potenzial, das helfen kann, den Fluch der Kohle dauerhaft zu brechen.

Die Recherchereise nach West Virginia wurde Clemens Weiss durch das Transatlantic Climate & Energy Media Fellowship der Heinrich-Böll-Stiftung Nordamerika ermöglicht.

Titelbild: Paul Corbit Brown - copyright

von Clemens Weiß 

Clemens Weiß ist seit dem Jahr 2012 Mitarbeiter in der Redaktion von energiezukunft, ein Magazin, das vom Ökostromanbieter Naturstrom AG herausgegeben wird. Er hat in Berlin, Göteborg und Greifswald Sozialwissenschaften, Nordeuropastudien und Nachhaltigkeitsgeographie studiert. Sein journalistisches Handwerk hat er an der Freien Journalistenschule Berlin erlernt. Im Sommer 2016 war er mit der Heinrich-Böll-Stiftung auf Recherchereise in den USA, die daraus entstandene Reportage erschien ebenfalls bei Perspective Daily. Clemens Weiß schreibt gern über nationale und internationale Energiepolitik, Innovationen, den Klimawandel und seine Folgen. Dieser Text erscheint zeitgleich in leicht veränderter Form auf energiezukunft.eu.

Themen:  USA   Energie  

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