City-Lofts für alle!

In deutschen Städten sind Wohnungen knapp. Dabei haben Architekten Lösungen parat – zu Land, zu Wasser und in der Luft. Sie gehen deutlich über »Zwei-Zimmer-Küche-Bad« hinaus.

30. Juni 2016  11 Minuten

Die Wohnungssuche führt hinaus aus dem Stadtzentrum, vorbei an einem Getreidefeld, raus aus dem Bus, 17 Minuten Fußweg. Ein Neubaugebiet voller Mehrfamilienhäuser aus dunkelbraunen Klinkern, die manche bestimmt schön finden. Ein giftgrünes Gymnasium, Aldi, Bäcker, Grünstreifen, Pflaster und Asphalt. Und zwei L-förmige Blöcke, Baujahr 2013, Niedrigenergiehäuser mit insgesamt 197 Wohnungen. »Hier hängt eine Kamera, alles videoüberwacht«, deutet der Hausverwalter über die Eingangstür. Treppenhaus, erster Stock, ein langer, kahler Flur, der Hall verschluckt die routiniert vorgetragenen Erläuterungen: Holländischer Investor, lebt in der Karibik, deshalb der Hausverwalter, der zur Demonstration die vierte Wohnung links aufsperrt.

Die Wohnung besteht aus einem einzigen stickigen Raum. Sofort beginnt die Vorführung, elektrische Rollläden zum Balkon, Küchenzeile, Bad, »alles da, nur den Duschvorhang müssen Sie mitbringen«. 488 Euro warm, jede Info kommt wie aus der Pistole geschossen. »Welche Klientel wohnt hier sonst so?« – »Wissen Sie, wir haben ja Kameras überall… aber vor allem Studenten, Krankenschwestern, Ärzte, Anwälte.« Die Wohnung, die wir gerade besichtigt haben, ist schon vermietet, »aber die sind ja eh alle gleich.« Von der Straße aus zeigt der Hausverwalter, welche Wohnungen zum Monatswechsel frei sind. Insgesamt dauert die Besichtigung 11 Minuten.

Man sieht also: Wohnungssuche in einer attraktiven Stadt kann so einfach sein! Es sei denn, man will in guter Lage wohnen, vielleicht sogar schön und idealerweise nicht völlig überteuert. Eine solche Wohnung zu finden, ist schwer; in attraktiven Gegenden ist gerade der bezahlbare Wohnraum längst knapp. Wo Geflüchtete dezentral untergebracht werden sollen, wird er noch knapper. Dabei treibt die Nachfrage die Preise weiter in die Höhe. War früher häufig von Wohnungsmangel die Rede, sprechen wir heute oft von Wohnungsnot – das Problem ist alt, die Brisanz ist neu.

Langfristig muss die Politik gegensteuern, Der Bundestag debattiert über Sonderabschreibungen für neue Mietwohnungen, einige Länder wie Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben Förderprogramme ausgeweitet. aber einige Architekten in Deutschland sagen: »Wir fangen schon mal an.« Ihre Ideen zeigen: Wenn wir die gängigen Konventionen hinterfragen, steht in unseren Städten viel frischer Wohnraum zur Verfügung.

Kein Platz zum Wohnen: Unsere Städte sind doch voll

Der Bedarf ist groß: Die Bundesregierung schätzt, dass in Deutschland bis 2020 jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen entstehen müssen, um die Schere zwischen Angebot und Nachfrage wieder zu schließen. Im vergangenen Jahr sind gerade einmal Selbst Bauministerin Hendricks hatte mit 270.000 gerechnet. knapp 250.000 Wohnungen fertig geworden, in diesem Jahr geht der Bau jedoch deutlich zügiger voran. Im ersten Drittel 2016 gab es 31% mehr Baugenehmigungen als im Vorjahreszeitraum. Der größte Zuwachs entsteht zwar in der Kategorie »Wohnheime« (+210%) und ist der Unterbringung von Geflüchteten geschuldet. Rechnet man diese Kategorie heraus, beträgt der Anstieg der Baugenehmigungen jedoch immer noch 24%.

Dass es die Gesellschaft immer stärker Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung beschreibt die fortschreitende Urbanisierung in die Städte zieht, ist nichts Neues. Gerade viele junge Menschen wollen zentral, gut angebunden inmitten eines gemütlichen, grünen Viertels mit guten Geschäften leben, am liebsten auch noch günstig. Wer in solchen Vierteln einmal eine Wohnung gesucht hat, weiß: Es gibt kaum freien Wohnraum. Um halbwegs zentrales Bauland neu zu erschließen, müssen in Städten wie Köln, Hannover oder Noch radikaler ist die Idee, die Liegewiesen von Berliner Freibädern zu bebauen. Berlin mittlerweile Kleingartensiedlungen schrumpfen. Also neue Wohnblöcke statt Naherholung?

Ganz Berlin und Köln unterbringen – auf Flächen, die eh schon bebaut sind

Jörg Friedrichs Buch "Refugees Welcome" schlägt Aufstockung vor allem vor, um Geflüchtete unterzubringen. – Quelle: jovis Verlag copyright

Tatsächlich gibt es auch in vielen dicht besiedelten Wohnsiedlungen Freiflächen –nur halt einige Meter über der Straße. Auf den Dächern Deutschlands ließen sich gut 1,5 Millionen neue Wohnungen bauen, berechneten die Technische Universität Darmstadt und das Pestel-Institut Hannover. In ihrer Die Studie wurde im März 2016 vorgestellt. Studie ermittelten sie, dass knapp 600.000 Häuser Die Studie grenzt den Bestand mehrfach ein: Von 3,16 Millionen Mehrfamilienhäusern in Deutschland stehen 1,72 in Regionen mit erhöhtem Wohnungsbedarf. Aus baulichen und wirtschaftlichen Gründen wurden nur Häuser der Baujahre 1950 bis 1990 in Betracht gezogen, das sind 970.000. Von diesen Häusern sind 620.000 in der Hand eines oder weniger Eigentümer. Zum Schluss wurden ca. 40.000 Gebäude in Randlagen abgezogen, für die eine Aufstockung weniger rentabel wäre. optimal für eine Aufstockung geeignet wären. Weitere 200.000 Gebäude betrachtet die Studie als Sekundärpotenzial, Hier werden auch Häuser in Randlagen, mit mehreren Eigentümern und älter als Baujahr 1950 berücksichtigt. bei denen sich eine Prüfung lohnen würde. Die Architekten schätzten, dass jedes Haus durchschnittlich um 1,3 Etagen Wie viele sind 1,3 Etagen? Ein Beispiel: Wenn in einer Straße 3 Häuser aufgestockt werden, bekommt eines 2 neue Etagen, die anderen beiden je eine. aufgestockt werden könnte – das entspricht mehr als 84 Millionen Quadratmetern dazugewonnener Wohnfläche. Ist jede Wohnung im Schnitt 75 Quadratmeter groß, so ergeben sich somit 1,1 Millionen neue Wohnungen. Oder bei zusätzlicher maximaler Ausnutzung des Sekundärpotenzials die bereits erwähnten 1,5 Millionen. Wenn durchschnittlich 3 Menschen in jede neue Wohnung einziehen, reicht der Platz für alle Einwohner von Berlin und Köln zusammen.

Und die Macher der Studie betonen: Weil die neuen Etagen nach heutigen energetischen Standards aufgesetzt werden, geht weniger Heizenergie verloren – im Stockwerk direkt darunter sogar bis zu 50%, die bisher oft durch schlecht gedämmte Dächer verpufft.

Neue Etagen, neue Probleme?

Hat die neue Höhe der Wohnhäuser einen negativen Einfluss auf die Wohnqualität? Das kann passieren, wird aber mit guter individueller Planung unwahrscheinlicher. Die klassische Zum Weiterlesen: Ein BPB-Dossier zum Image urbaner Wohnsiedlungen. Wohnsiedlung im Ballungsgebiet ist meist gar nicht so schlecht wie ihr Ruf, »Die Medien bedienen und verstärken mitunter abwertende Klischees. Die oft anzutreffende Verengung auf Platte (neue Länder) und dicht bebaute Hochhausensembles (alte Länder) beschreibt nur einen Teil der Wirklichkeit.« – Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Architekturzentrums vom Januar 2015. den die Städte ganz nebenbei mit architektonisch gelungenen Aufstockungen aufpolieren könnten. Die TU Darmstadt und das Pestel-Institut meinen, Aufstockung könne ein Quartier sogar aufwerten. Sie führe womöglich zu stärkerer sozialer Durchmischung und könnte die graue Tristesse mancher Wohnblöcke aufbrechen.

Jedoch müsste eine Gentrifizierung Gentrifizierung ist ein Prozess, der das Zusammenleben in einem Stadtviertel verändert, während die Preise für Mieten und Konsumgüter steigen: Wenn viele Menschen in ein Viertel ziehen, die im Durchschnitt reicher sind als die alteingesessenen Bewohner, stellt sich die Umgebung auf die neue Klientel ein, die allmählich überhandnimmt. Ein bekanntes deutsches Beispiel ist Berlin-Kreuzberg, wo auch die Mieten inzwischen auf »Digitalagentur-Hipster-Niveau« angekommen sind. vermieden werden. Daher dürften Baukosten nicht auf die Mieter darunter umgelegt werden, die sich dann eine günstigere Wohnung suchen müssten. Und eine Aufstockung braucht – genau wie konventionelle Neubauten – Zeit, die in einigen Städten bereits knapp ist. Wie wär’s als Übergang mit Wohncontainern?

»Wohncontainer sind hässlich.« Containerwohnungen können auch anders

»Liebe Bürgermeister, gebt einfach mal die Erlaubnis, dass Flachdächer in euren Innenstädten um 2 Geschosse erhöht werden!« – Jörg Friedrich

Peter Weber Webers Berliner Planungsbüro »artdepartment berlin« entwirft die Container unter dem Projekt-Label »2x20ft.com«. baut Schiffscontainer so um, dass Menschen sogar langfristig darin wohnen können. »Das Schöne gegenüber normalen Baucontainern ist: Man kann architektonisch kreativ werden«, sagt der Berliner Architekt. In seinen Entwürfen setzt er Container auch versetzt oder diagonal übereinander, Dämmung und Fenster erfüllen alle Standards. »Wir arbeiten mit dem TÜV zusammen und bieten zertifizierte Bauten an«, sagt Peter Weber. In den meisten Entwürfen kombiniert er mehrere Container zu einem zusammenhängenden Gebäude, damit sich die Bewohner nicht eingepfercht fühlen. Preislich sind die Containerhäuser mit konventionellen Bauten konkurrenzfähig: Je nach Ausstattung kostet der Quadratmeter zwischen 1.200 und 1.400 Euro. Ein Seecontainer ist dreimal so schnell bewohnbar wie ein konventionelles Haus: Etwa 4-5 Monate dauert es, bis ein Containerhaus einzugsbereit ist, wobei die meiste Zeit für die Baugenehmigung draufgeht.

Wenn Rohre und Leitungen im Inneren entsprechend verlegt werden, können Containerhäuser aus mehreren Modulen sogar beliebig ab- und aufgebaut werden. Und genau wie auf einem Ozeanriesen können die Seecontainer auch an Land gestapelt werden, technisch sind 8 oder 9 Etagen möglich. »In Berlin muss man unter 22 Metern bleiben, da sind 4 bis 6 Etagen ökonomisch machbar«, sagt Peter Weber. Im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick ist bereits ein Statt Überseecontainern kamen hier Recycling-Stahl-Elemente aus Belgrad zum Einsatz. Studentenwohnheim aus Containern entstanden, in dem bis zu 400 Studenten leben sollen.

Architektonisch ansprechende, aber bezahlbare Containerwohnungen sind nur dann eine schnelle Lösung, wenn der Platz dazu bereitsteht. Und was, wenn nicht?

Die Container-Entwürfe von Peter Weber werden unter anderem von Studenten bewohnt, hier in Wien. – Quelle: art department copyright

Mit mehr Flexibilität ins Stadtzentrum

Darüber hat sich Jörg Friedrich Gedanken gemacht. Er ist Professor für Entwerfen und Architekturtheorie an der Leibniz Universität Hannover. Vor einem Jahr hat er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und Studenten das Buch Aktuell ist das Buch leider vergriffen. »Refugees Welcome« herausgebracht, in dem Unterbringungskonzepte vorgestellt werden: Wohnraum in Parkhäusern, auf Kohleschiffen, in Kleingärten. »Wir wurden damals relativ schräg angeschaut, das seien ja Billighütten und keine Architektur«, sagt Jörg Friedrich. »Die meisten Lehrstühle und Architekten machen kaum Minimalbau, sondern entwerfen nur Kirchen und Museen.«

Bei einer schnellen Lösung hilft auch ein wenig Pragmatismus: So können Häuser zunächst mit einem reduzierten Ausbaustandard gebaut werden und später Aufzüge, Balkone und Solarpanels nachgerüstet werden. Jörg Friedrich betont die Nachhaltigkeit der Vorschläge seines Teams: »Wir wehren uns strikt gegen Provisorien. Ein Haus soll für 30 Jahre Wohngebäude sein, muss sich anpassen und energietechnisch für die Zukunft gerüstet sein.«

Die Intention bei allen Entwürfen sei gewesen, Ärmere aus der Peripherie zurück in die Zentren zu bringen. Dafür verlangt der Professor den Städten Flexibilität ab: »Liebe Bürgermeister, gebt einfach mal die Erlaubnis, dass Flachdächer in euren Innenstädten um 2 Geschosse erhöht werden!« Er fordert, die Aufstockung nicht nur auf Wohnhäusern, sondern etwa auch auf Sparkassen und Universitäten in Betracht zu ziehen. Dieser Vorschlag geht also noch über die gut 1,5 Millionen Wohnungen der TU Darmstadt und des Pestel-Instituts hinaus. Dazu müsste es lediglich möglich sein, die Gebäude gleichermaßen für die Nutzung zum Wohnen und Arbeiten freizugeben.

Neues Wohnen im Hausboot oder Parkhaus

Die Ideen des Hannoveraner Professors gehen noch weiter: »Wir haben herausgefunden: Im Ruhrgebiet liegen tausende Schlepper, die man umrüsten kann und deutschlandweit an jedes Flussufer bringen kann.« Einst als Kohle- und Erztransporter im Dauereinsatz, werden die Kähne seit dem Niedergang der Montanindustrie nicht mehr gebraucht. Jörg Friedrich will sie am Flussufer deutscher Städte vertäuen und Wohnungen darauf bauen. Hausboote als Nutznießer des Strukturwandels in der ehemaligen Bergbauregion also, die in bester Innenstadtlage doch kein Grundstück wegnehmen.

Aus ungenutzten Lastkähnen will Jörg Friedrich Hausboote machen. – Quelle: jovis Verlag copyright

Wir bauen bessere Siedlungen, wenn wir die Bedürfnisse der späteren Bewohner kennen.

Auch für tausende »City-Lofts« in den Stadtzentren sei der Platz bereits da: Die Rede ist nicht von alten Industriebauten und Speicherbauten, sondern: Parkhäusern. Übers Jahr gerechnet seien die mehrgeschossigen Parkhäuser in deutschen Innenstädten nur zu 60% ausgelastet, sagt Jörg Friedrich. Sein Vorschlag: »Bauen wir 20% der Parkplätze um!« Die erste Reaktion war nicht besonders positiv, das Konzept sei menschenverachtend. Auch hier wusste sich Jörg Friedrich zu helfen und gab den Parkhauswohnungen einen neuen Namen. Die »City-Lofts« Diese Technik nennt die Psychologie »Reframing«: Dabei setzt man eine Sache oder ein Ereignis in einen neuen Kontext, der ihm eine völlig andere, meistens bessere Bedeutung verleiht. So lassen sich schwierige Themen und festgefahrene Debatten wieder in Schwung bringen. Perspective Daily versucht das jeden Tag, die Werbeindustrie sowieso und auch im Haushalt ärgern wir uns über zerbrochenes Porzellan nur kurz, wenn wir beim Aufräumen sagen: »Scherben bringen Glück.« sorgten direkt für Interesse bei Künstlern. »Wir haben eine Klientel gefunden, die das Projekt unterstützt hat.«

Im Kern geht es bei Suche nach neuen Wohnkonzepten vor allem um die Bereitschaft, unkonventionelle Lösungsansätze anzuerkennen. Das einzige Argument, das in der Diskussion nicht zählt, lautet: »Das haben wir ja schon immer so gemacht.« Dabei bedeutet eine neue Flexibilität nicht, alle sinnvollen Regeln, wie zum Beispiel Brandschutzverordnungen, zu übergehen. Sondern vielmehr, situationsangemessen darauf zu reagieren.

Die Lösungssuche beginnt mit dem Bebauungsplan

Lefteris Roussos vor seinem Haus in Laer. – Quelle: David Ehl copyright

»Man übernimmt nichts ungefragt, was man an Lösungen vorfindet«, sagt auch Lefteris Roussos. Er berät hauptsächlich andere Architekten von einem soziologischen Standpunkt heraus; zwischen 1993 und 1995 hat er außerdem das ökologische Neubaugebiet im westfälischen Laer entwickelt, in dem er seitdem wohnt.

Um die Unterschiede hervorzuheben, lenkt Lefteris Roussos seinen Kombi zu Beginn unseres Treffens durch ein später erschlossenes, konventionelles Neubaugebiet. Auf rechteckigen Grundstücken stehen Einfamilienhäuser, die sich allesamt stark ähneln: Gleich hoch, gleiche Dachschräge, ähnliche Formen, ähnliches Sichtmauerwerk, gleicher Abstand zur Straße. Wir fahren einmal über die U-förmige Straße, vorbei an den neuen Häusern, dann steuert Lefteris Roussos seine Siedlung an.

Die Unterschiede springen sofort ins Auge: Hier gibt es zu Beginn einen gemeinsamen Parkplatz, sodass die immer wieder gebogene, schmale Straße fast autofrei bleibt. Die 15 Einzelfamilienhäuser sind zu großen Teilen identisch geplant und gleichzeitig gebaut, das brachte 30% Kostenersparnis. Die Gärten sind so angelegt, wie es Sinn ergibt und nicht unbedingt so, wie das Grundbuch es vorschreiben würde – davon abgesehen nutzen die Bewohner sie ohnehin gemeinsam. Und die Pflanzen, aber auch die Fenster sind so ausgerichtet, dass sich Nachbarn nicht gegenseitig in den Wohnbereich schauen.

Erfolg und Ersparnis durch gemeinsame Entscheidungen

Die Siedlung in Laer ist sehr durchdacht, aber als Impuls für den Wohnungsbau ist vor allem die Entstehung selbst interessant: »Wir haben zu Beginn die gegebene Situation analysiert: Wer baut, zu welchem Zeitpunkt seines Lebens, wie ist die finanzielle Situation?«, erklärt Lefteris Roussos. »Der entscheidende Punkt ist: Der Gemeinderat muss die Gesetze so abstrakt halten, dass man planerischen Spielraum hat.« Also hinterfragte der Architektursoziologe zu Beginn der Planungen, welches Ziel hinter jeder einzelnen technischen Bestimmung steckte, und suchte so gemeinsam mit seinen Mitstreitern nach der optimalen Bauform. Das brauchte Zeit und Energie: Lefteris Roussos und die anderen Bauherren haben mit der Gemeinde über jede Silbe des Bebauungsplans verhandelt Im Normalfall sagt eine Gemeinde zum Beispiel: »Wir wollen nicht, dass direkt am Ortseingang ein dicht gedrängter Eindruck entsteht.« Diesen optischen Eindruck würden zum Beispiel entsprechend spitze Dächer auflockern. Also legt die Gemeinde im Bebauungsplan einen Winkel für die Dachschräge fest. Ist dieses Kriterium erst einmal niedergeschrieben, müssen sich die Bauherren daran halten. Darum plädiert Lefteris Roussos dafür, dass sich Gemeinde und Bauherren gemeinsam überlegen, wie man die Wünsche beider Seiten gleichermaßen berücksichtigen kann. und dadurch den Bauherren neue Möglichkeiten eröffnet.

Irgendwann werden wir alle per App mitbestimmen können, was in unserer Stadt passiert.

Das Ergebnis: Sämtliche Bordsteinhöhen, Geschossvolumina, Materialien, Traufhöhen, Dachneigungen und so weiter entsprechen nun den Vorstellungen der Bewohner und erfüllten trotzdem die Wünsche der Gemeinde. »Die Leute wissen mit dem Instrument Politik nicht umzugehen«, sagt Lefteris Roussos, der für sein Neubaugebiet regelmäßig im Bauamt zu Gast war. Das hat am Ende sogar die Prozesse beschleunigt: »Vom ersten Bierchen und der Entscheidung, gemeinsam zu bauen, bis zu den letzten Pflanzen hat es 2 Jahre gedauert«, sagt Roussos. Davon 13 Monate für Bürokratie, 11 Monate für die Bauarbeiten. Dabei haben die Bauherren über sämtliche Punkte gemeinsam entschieden. Fünfzehn Bauherren, die zu jeder Gestaltungsfrage eine gemeinsame Antwort finden? Das klingt ziemlich utopisch. Aber es hat funktioniert, erzählt Roussos: Er findet, dass anstatt praktischer Anforderungen an eine Wohnung zu oft über Geschmack diskutiert wird, den die Häuslebauer zudem gar nicht selbst entwickelt haben, sondern nur kopieren. »In unserer Gesellschaft sind Wohnträume eine Utopie. Letztendlich ist Wohnen aber eine Ware, die Geld kostet«, sagt Roussos. »Man muss radikal alle Träume weglassen; ein Haus ist kein Statusobjekt.« Nur mit diesem Argument sei es gelungen, über jeden Punkt mit allen Bauherren gemeinsam zu entscheiden.

Allein deshalb ließen sich seine Überlegungen nicht auf ein anderes Projekt übertragen, sagt Lefteris Roussos: »Eine konformistische Übernahme ist falsch. Der Schlüssel ist, etwas von Grund auf zu diskutieren.« Beim Bau von neuen Siedlungen spielen die Bedürfnisse der späteren Bewohner also entscheidende Rolle – im Optimalfall bilden sie die Diskussions- und Planungsgrundlage.

Lefteris Roussos lebt seit 1995 in seiner ökologischen Siedlung im westfälischen Laer. – Quelle: David Ehl copyright

Per App bestimmen, wie gebaut wird

Idealerweise kommen Ideen für das Wohnen in der Stadt also direkt von den Menschen, die bereits darin wohnen. Das gilt nicht nur auf der Bauherrenebene, sondern auch auf der Ebene der Mitbestimmung, welche Flächen wie neu bebaut werden sollen. War Stadtplanung früher ein klassischer »Top-Down«-Prozess, wird in unserer digitalen Welt eine »Bottom-Up« »Top-Down« beschreibt die Hierarchieebene, auf der die Entscheidung getroffen wird: Die Entscheidung wird von der Politik getroffen und beeinflusst das Leben der Bürger darunter. Zwar liegen vor städteplanerischen Entscheidungen die Pläne offen aus, die Hürde für Mitbestimmung bleibt jedoch sehr hoch. »Bottom-Up« beschreibt das umgekehrte Phänomen, also die auf Graswurzelebene getroffene Entscheidung, die sich nach oben fortpflanzt. Eine Revolution ist in aller Regel ein »Bottom-Up«-Prozess. –Problemlösung immer einfacher. Irgendwann werden wir alle Artikel des BBSR über e-Partizipation von 2011 per App mitbestimmen können, was in unserer Stadt passiert.

Ohne App, aber trotzdem mit moderner digitaler Technik, ist das bereits in Hamburg möglich: In insgesamt 42 Bürgerworkshops, 6 pro Bezirk, sollen die Bürger gemeinsam überlegen, wo in ihrer Nachbarschaft Wohnungen für Geflüchtete entstehen könnten. Dabei hilft eine digitale Projektion des Bezirks, auf der die Bürger Legosteine als Wohneinheiten platzieren. Erklärvideos, Hintergründe und Zwischenstände zum Projekt findest du auf FindingPlaces.hamburg Bislang haben die Workshop-Teilnehmer knapp 100 Flächen gefunden, die nun von der Stadt geprüft und womöglich bebaut werden. Und das keineswegs nur in Randlagen, wo zuvor die meisten Flüchtlingsheime der Hansestadt geplant waren.

Wenn die Städte sie konkret einbinden, können so auch Bürger dabei helfen, die Wohnungsnot zu lindern. Schließlich wissen die Einheimischen einer Stadt am besten, wo Platz für neue Mitbewohner ist. Vor Ort wird klar: Die Platznot ist nicht so gravierend, wie die Stadt glaubt. In den Innenstädten stecken teils verborgene Potenziale, die es individuell zu nutzen gilt. Tun wir dies, können mehr Menschen als bisher im Zentrum leben – und der Weg hinaus aus dem Stadtzentrum, inklusive 17 Minuten Fußweg, bleibt der Erholung vorbehalten.

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 
Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.
Themen:  Flucht   Urbanes Leben   Gesellschaft  

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