PD Daily 

Die Männer schulden den Frauen etwas: 10 Billionen Euro

Pünktlich zum Weltwirtschaftsforum erscheint ein Bericht, der den Grund zeigt: Millionen Frauen auf der ganzen Welt bekommen kein Geld für ihre Arbeit. Und reiche Männer arbeiten oft nicht für ihr Geld.

24. Januar 2020 –  3 Minuten

Auf den Flugplätzen um Davos herum ist dieser Tage wieder einiges los: Rund 1.500 Privatjets sind im Vorjahr gelandet, dieses Jahr wird es ähnlich aussehen. Die Superreichen und Mächtigen dieser Welt geben sich auf den Hangars um das ansonsten eher verschlafene 11.000-Einwohner-Dorf im Osten der Schweiz herum die Klinke in die Hand, um ohne zu hohe Komforteinbußen zum Wirtschaftsgipfel zu gelangen.

Dort, auf dem Weltwirtschaftsforum WEF kommen insgesamt rund 3.000 Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und dem öffentlichen Leben zusammen, um »Geschichte zu formen« – so jedenfalls erhoffte es sich der Gründer des Forums, der deutsche Wirtschaftsprofessor So sagte Schwab in der empfehlenswerten Arte-Doku »Das Forum« (2020)Klaus Schwab.

Vielen Millionen Menschen überall auf der Welt dürfte die Geschichte, die hier nunmehr seit einem halben Jahrhundert geformt wird, jedoch nicht sehr gut gefallen. Sie hätten sich ein anderes Ende gewünscht als das, das der kurz vor dem »Oxfam International« – »World’s billionaires have more wealth than 4.6 billion people«WEF veröffentlichte Bericht zur globalen Ungleichheit der Entwicklungsorganisation Hier geht es zur Website von »Oxfam International«Oxfam erzählt.

Der Vorsitzende von Oxfam India, der als Vertreter für Oxfam International ebenfalls am Weltwirtschaftsforum teilnahm, fasste den Bericht so zusammen:

Unsere kaputten Volkswirtschaften füllen die Taschen von Milliardären und Großkonzernen auf Kosten von normalen Frauen und Männern. Kein Wunder, dass die Menschen beginnen sich zu fragen, warum Milliardäre überhaupt existieren. – Amitabh Behar, CEO von »Oxfam India«

Warum Frauen von unserem Wirtschaftssystem grundsätzlich benachteiligt werden

Im Fokus des diesjährigen Berichtes stehen besonders Mädchen und Frauen, die von unserem globalen Wirtschaftssystem kollektiv benachteiligt werden. Das lässt sich an einigen Ergebnissen der Untersuchung besonders eindrücklich aufzeigen:

  • Mädchen und Frauen leisten laut Bericht etwa 12 Milliarden Stunden an unbezahlter Arbeit – und zwar jeden Tag. Für diese müssten sie …
  • … mindestens 10.000 Milliarden Euro Zur Verdeutlichung: Das sind 10.000.000.000.000 oder eben 10 Billionen. Ein weiterer Vergleich: Die gesamten Jahreseinnahmen des deutschen Staates lagen 2018 bei knapp 1,5 Billionen Euro. erhalten, wenn sie für diese Haus- und Pflegearbeit zumindest einen landesüblichen Mindestlohn gezahlt bekommen würden.
  • Dieses nicht gezahlte Einkommen macht 10% der globalen Gesamtwirtschaftsleitung aus und übertrifft so den Ertrag der gesamten globalen Technologieindustrie um das 3-Fache.

Das Einkommen, das den Frauen für ihre elementar wichtigen Aufgaben entgeht, wirkt sich nicht nur einfach negativ auf den Geldbeutel aus, sondern verbaut gleichzeitig mögliche Auswege aus dem System der unbezahlten Arbeit:

Es sind Frauen und Mädchen, die am wenigsten von unserem Wirtschaftssystem profitieren. […] Diese unbezahlte Arbeit ist der »versteckte Motor«, der unsere Volkswirtschaften, Unternehmen und Gesellschaften am Laufen hält. Er wird betrieben von Frauen, die deswegen oftmals keine Zeit dafür haben, um sich zu bilden, ihren finanziellen Lebensunterhalt zu bestreiten und mitzureden, wie wir unsere Gesellschaften gestalten. Und daher sind sie in der Wirtschaft ganz unten gefangen. – Amitabh Behar, CEO von »Oxfam India«

Um die extrem ungleiche Verteilung von Pflege- und Fürsorgearbeit sowie die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich zu verdeutlichen, greift Oxfam auf einen eindrücklichen Vergleich zurück:

So verfügen die 22 reichsten Männer der Welt über ein größeres Vermögen als alle Frauen auf dem gesamten Kontinent Afrika zusammen.

Die Auswege aus der Ausbeutung müssen nur in Angriff genommen werden

Ein erster Schritt, um dieses System der Ausbeutung aufzubrechen, kann der gezielte Auf- und Ausbau von öffentlicher Infrastruktur sein, die es Frauen und Mädchen ermöglicht, aus dem Teufelskreis unbezahlter Arbeit und den daraus entstehenden schlechten Zukunftsaussichten auszubrechen.

Dafür besteht überall auf der Welt enormes Verbesserungspotenzial: Während es in reichen Ländern wie bei uns in Deutschland nötig ist, vor allem die Betreuungszeiten von Kindern und Alten fair zu verteilen sowie Kitas und Schulen auszubauen, können in ärmeren Ländern schon ganz einfache Maßnahmen viel bewirken.

Wie du selbst möglichst effektiv helfen kannst, erfährst du in unserem Artikel über »effektiven Altruismus«:

So kann zum Beispiel der Bau von Wasserleitungen und regenerativen Energien sehr viel unbezahlte Arbeit einsparen, die aktuell noch für das tägliche Beschaffen von sauberem Wasser und Feuerholz verlorengeht. Auch sexuelle Aufklärung und Verhütung spielen eine wichtige Rolle, damit Frauen selbstbestimmter über ihre Familienplanung entscheiden können.

Man kann nicht mit einem System fortfahren, in dem Unternehmen letztlich weniger Steuern zahlen als die Bürger. – Amitabh Behar, CEO von »Oxfam India«

Diese und andere Maßnahmen könnten problemlos finanziert werden, wenn Superreiche wie die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums – dieses Jahr sind 119 Milliardäre anwesend – nur 0,5% Steuern auf ihr Vermögen zahlen würden. Allein innerhalb der nächsten 10 Jahre würde so laut Oxfam genug Geld zusammenkommen, um 117 Millionen Jobs in sozialen Bereichen wie Erziehung, Bildung und Altenpflege zu finanzieren. Bezahlte Jobs.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: Joshua Hanson - CC0

von Chris Vielhaus 
Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

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