PD Daily 

Was wir übersehen, wenn von Barrierefreiheit die Rede ist

Constantin Grosch hat genug vom bloßen Gerede über Inklusionsthemen. Der Aktivist will endlich die Barrieren abbauen, die Menschen behindern. Dabei räumt er auch mit einigen Missverständnissen auf.

4. Februar 2020  4 Minuten

Als ich mich kurz vor dem Jahreswechsel mit Constantin Grosch am Bielefelder Campus treffe, um über Barrieren zu sprechen, habe ich klare Vorstellungen im Kopf: Wir würden über defekte Aufzüge sprechen, über Treppenstufen, nicht abgesenkte Busse und barrierefreie Hotelzimmer. Constantin Grosch will mir von seiner neuen Initiative berichten, die er gemeinsam mit Raúl Krauthausen ins Leben gerufen hat. Der Name und das Ziel der Initiative lauten gleich: Barrieren brechen.

Die beiden Initiatoren wollen zeigen, wo Menschen durch Barrieren behindert werden, und sie wollen mit der Unterstützung einer großen Community dazu beitragen, dass diese Barrieren verschwinden. »Fangen wir an, die Hürden zu entfernen, die uns bisher daran hindern, genauso an der Gesellschaft teilzuhaben wie Menschen ohne Behinderung. Eine nach der anderen«, heißt es dazu Hier kommst du zur Website der Initiative auf der Website. Als Constantin Grosch mir von dem Projekt berichtet, verstehe ich, dass mein bisheriges Verständnis von Barrierefreiheit zu kurz greift.

»Es ist ein Kampf, dass man nicht auf seine Behinderung reduziert wird.« – Constantin Grosch, Inklusionsaktivist

Funktionierende Aufzüge, Rollstuhlrampen, Automaten mit Sprachsteuerung – das alles sind wichtige Bestandteile einer Welt, die Menschen nicht länger behindert. Doch Barrierefreiheit ist mehr, erklärt Constantin Grosch und nennt einige Beispiele: Behördenformulare, die alle Menschen verstehen können. Veranstaltungen mit Dolmetscher:innen für Gebärden und Leichte Sprache. Leitlinien und Schrift für Sehbehinderte. Hotels, die Zimmer für Begleitpersonen bereithalten und ein entsprechendes Buchungssystem anbieten. Ein Arbeitsmarkt, der allen offensteht und Menschen nicht hindert, ein eigenes Einkommen zu verdienen. Barrieren sind eben nicht nur materiell, sondern auch Ergebnis sozialer Handlungen und Strukturen. »Ich glaube, wir benötigen ein anderes Verständnis von Barrierefreiheit«, sagt Constantin Grosch.

Constantin Grosch in der Halle der Universität Bielefeld. Neben seinem Engagement als Aktivist und Politiker studiert er hier Soziologie. – Quelle: Stefan Boes copyright

Auf vielen Ebenen arbeitet der 28-Jährige aus dem niedersächsischen Hameln daran, dass Barrieren fallen. Sein Blog, den »Inklusions-Podcast« und weitere Informationen zur Person findest du auf der Website von Constantin Grosch Er ist als Blogger, Podcaster und Vortragsredner aktiv. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Verkehrsgesellschaft Hameln-Pyrmont, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke und Patient:innenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem wichtigsten Gremium des deutschen Gesundheitswesens.

Seit Januar 2020 ist er außerdem Fraktionsvorsitzender der SPD im heimischen Kreistag. Daneben studiert er auch noch Soziologie an der Universität Bielefeld – als theoretisches Fundament, um soziale Strukturen und Vorgänge noch besser zu durchschauen, wie er selbst sagt.

Dass ihm der Schwerbehindertenausweis einen Behinderungsgrad von 100 attestiert, hält ihn nicht davon ab, seine Arbeit zu machen. Constantin Grosch sitzt im Rollstuhl, im Alter von 3 Jahren wurde bei ihm Muskeldystrophie diagnostiziert. Die Erkrankung führt zu einem langsamen Abbau der Muskelkraft. »Es ist ein Kampf, dass man nicht darauf reduziert wird«, sagt er. Als Mischung aus Aktivismus und politischer Arbeit beschreibt Constantin Grosch seine Tätigkeiten.

Informieren, benennen und aufklären, all das ist ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Doch mit Barrieren brechen will er zeigen, dass das Sprechen über Inklusion und das Bewusstsein für die Bedürfnisse behinderter Menschen nicht ausreichen. Veränderung braucht etwas anderes: Aktion.

Ein Bewusstseinswandel ist nicht genug

Seit Jahrzehnten werde davon gesprochen, dass sich zuerst das Bewusstsein für Menschen mit Behinderung ändern müsse. Erst wenn die Probleme erkannt seien, könnten Verbesserungen erzielt werden, so das traditionelle Verständnis.

Constantin Grosch will die Zielrichtung umdrehen. Zuerst müssen die Barrieren fallen, damit Begegnung möglich wird. Der Mentalitätswandel ist dann das Ergebnis dieser Begegnungen. Was theoretisch klingt, ist tatsächlich gut erforscht. Bereits 1954 formulierte der Psychologe Gordon Willard Allport die sogenannte »Kontakthypothese«. Sie besagt, dass positive Kontakte zwischen Mitgliedern einer dominanten Mehrheitsgesellschaft zu Mitgliedern häufig benachteiligter Minderheitengruppen dazu führen, dass Vorurteile reduziert werden und das gegenseitige Verständnis erhöht wird. Diese Hypothese wurde durch zahlreiche sozialpsychologische Analysen bestätigt. »Vorurteile lassen sich am besten durch Begegnungen abbauen«, sagt Constantin Grosch. Es mangele nicht an Aufklärung, sondern an Begegnungen und Konfrontationen. Nur dadurch könnten sich Menschen und Strukturen ändern. Erst wenn das passiert, können Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Allzu häufig werden behinderte Menschen in eine Sonderrolle gedrängt. Ihr Leben findet oft am Rand der Gesellschaft statt, in speziellen Bildungseinrichtungen, Werkstätten und Heimen. Besondere Angebote werden als »inklusiv« gekennzeichnet. Ein gutes Beispiel dafür sei die »Inklusionsdisco«, sagt Constantin Grosch. »Das ist ein Signal an die Mehrheit: Dieses Angebot ist gezielt für Menschen mit Behinderung.«

Um Inklusion handelt es sich dabei natürlich nicht. Denn eine tatsächlich inklusive Disco hätte das Etikett »inklusiv« gar nicht nötig. Constantin Grosch erklärt mir den Unterschied zwischen »Inklusion« und »Integration«:

Integration bedeutet, dass sich Menschen einer integrationswilligen Mehrheitsgesellschaft anpassen müssen. Inklusion bedeutet: Die Gesellschaft passt sich an die Bedürfnisse der einzelnen Individuen an. – Constantin Grosch, Inklusionsaktivist

Inklusionsbemühungen nehmen also die Gesellschaft in die Pflicht, während Integration stärker auf die Anpassung seitens der Minderheitengruppen abzielt. Constantin Grosch spricht in diesem Zusammenhang auch vom »Disability Mainstreaming«. Es ist einer von vielen neuen Begriffen, die ich bei unserem Gespräch kennenlerne, das wir am einzigen Tisch in der Unihalle führen, der genug Platz für einen Rollstuhl lässt.

»Disability Mainstreaming« steht – entsprechend der 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention – für die Gleichstellung von Behinderten auf allen gesellschaftlichen Ebenen. An behinderte Menschen solle nicht erst »hinterher« oder »extra« gedacht werden, erklärt Constantin Grosch. Stattdessen solle das im »Mainstream« permanent geschehen.

»Wir können genauso etwas geben«

Constantin Grosch und Lies hier ein Interview mit Raúl Krauthausen zum Thema Behinderung und Inklusion Raúl Krauthausen gehören zu den bekanntesten Aktivist:innen, die für das Ziel einer inklusiven, barrierefreien Gesellschaft kämpfen. Doch sie sind auf die Unterstützung einer Community angewiesen. Und diese Gemeinschaft, zu der viele Menschen gehören, die die Mehrheit so gern an den Rand der Gesellschaft drängt, sie wird lauter und sichtbarer – auch dank der digitalen Vernetzungsmöglichkeiten. Barrieren brechen lebt nicht zuletzt von der Dynamik in sozialen Medien. Dutzende Nachrichten mit Hinweisen auf Barrieren in Orten in ganz Deutschland haben die Initiatoren nach eigener Aussage bereits erhalten.

»Wir können produktiver Teil dieser Gesellschaft sein – wenn man uns lässt.« – Constantin Grosch, Inklusionsaktivist

Schaut man sich die Leitideen von Barrieren brechen näher an, fängt dieser Kampf gerade erst richtig an. »Wir wollen und können nicht mehr auf die vermeintlichen Heilsbringer in den Institutionen warten und organisieren uns ab sofort selbst«, heißt es dort. Soziale Teilhabe ist ein Ziel, das Constantin Grosch in seiner täglichen Arbeit umtreibt. Ich treffe an diesem Tag jedoch keinen zornigen Aktivisten, der von Wut getrieben ist. Im Gegenteil: Er spricht in einem ruhigen, sachlichen Ton, äußert seine Kritik ausgewogen und mit Bedacht. Wir lachen viel – und das bei einem Thema, dem normalerweise mit größtem Ernst begegnet wird.

Und dann lerne ich noch ein weiteres Wort, das ich mir merken werde. Lies hier einen Gastbeitrag von Raúl Krauthausen über das Teilhabegesetz und wie es Menschen einschränkt Denn so sehr Constantin Grosch für Teilhabe kämpft, geht es ihm um noch mehr. Er wünscht sich mehr Teilgabe. Er erklärt mir, was er damit meint und nennt dafür das Beispiel eines Kinosaals. Kann ein Mensch mit Behinderung diesen Raum barrierefrei erreichen, um einen Film anzusehen, handele es sich um Teilhabe. Doch bei einem Schauspieler mit einer Behinderung, der in einem Kinofilm mitspielt, handele es sich um mehr: Teilgabe.

Wie bereichernd die Vielfalt von Perspektiven sein kann, liest du in meinem Text über »Diversity« in der Arbeitswelt »Wir können genauso etwas geben und können produktiver Teil dieser Gesellschaft sein – wenn man uns lässt«, sagt Constantin Grosch. Zeit also, dass wir gemeinsam die Hürden abbauen, damit alle geben können, was sie haben.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Titelbild: Lukas Kapfer - copyright

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

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