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Gegen Fake News kann man impfen. Zum Beispiel mit diesem Online-Game

Desinformation im Netz spaltet die Gesellschaft und verfälscht Wahlergebnisse. Ein simples Online-Spiel hilft dir, dich gegen die wichtigsten Techniken der Trolle zu schützen.

10. März 2020  3 Minuten

Das musst du wissen, um Fake News zu verstehen Fake News werden im Internet nicht erst dann zum Problem, wenn sie gezielt Wahlen beeinflussen sollen. Polarisierte Debatten, gefälschte Accounts und Bots, die Diskussionen künstlich aufblasen, verschärfen das gesellschaftliche Klima. Vor allem in sozialen Medien wie Facebook und Twitter .

Doch Lösungen für das Problem gibt es kaum. Auf soziale Medien verzichten ist für die Wenigsten eine Alternative. Also irgendwie die »Medienkompetenz« verbessern – aber wie? Einen konkreten Ansatz verfolgt das digitale Spiel Bad News . Es soll seine Spieler:innen immun machen gegen Desinformation und Hetze.

Die Idee des Spiels: Du schlüpfst selbst in die Rolle eines typischen Internet-Trolls und hast das Ziel, möglichst viele Follower zu gewinnen.

Was ist ein Internet-Troll?

Der Netzjargon-Begriff »Troll« meint abwertend eine Person, die sich an Diskussionen im Internet zur Provokation anderer beteiligt. Seine subversiven Taktiken (darunter das Teilen von Fake News) können Gesprächsräume verunsichern und einen Diskurs verschieben. Ob dieses Verhalten zum Spaß geschieht oder politische Motive hat, ist dabei nur schwer auszumachen.

In einer einfachen Klick-Umgebung, die entfernt einem Twitter -Thread ähnelt, lässt du frustrierte Tweets los, gründest ein eigenes Nachrichtenportal, gibst dich als jemand anderes aus und verbreitest Verschwörungstheorien. Selbst ausdenken musst du dir nichts, das Spiel gibt dir Alternativen, zwischen denen du wählen kannst.

Quelle: DROG

So lernst du die Taktiken derer kennen, die dich im Netz verunsichern wollen – ganz im Sinne der Wissenschaftler und ihrer Theorien, die dahinterstehen.

Das steckt hinter »Bad News«

Bad News ist 2018 von Wissenschaftler:innen an der Universität Cambridge in Zusammenarbeit mit der niederländischen NGO DROG entwickelt worden, Hier geht es zur englischen Version des Spiels zunächst in einer englischen Version. Inzwischen sind auch Versionen in anderen Sprachen verfügbar. Das Spiel basiert auf der sogenannten »Inauculation-Theory«, die das Prinzip des Impfens in die Psychologie überträgt. Die Idee: Setzt man sich dem Virus – also der Desinformation – in geringen, kontrollierten Dosen aus, erreicht man eine gewisse Immunisierung.

Im Verlauf des Spiels erhältst du Abzeichen in 6 verschiedenen »Troll-Techniken«, die dir das Spiel gleichzeitig erklärt: Identitätsbetrug, Immer wieder geben sich Menschen mit gefälschten Accounts in sozialen Medien als prominente Personen oder Organisationen aus und verbreiten Falschinformationen, manchmal erkennbar an falsch geschriebenen Eigennamen. Emotionen, Emotionen sind ein beliebtes Mittel, um Debatten anzuheizen. Wut und Angst sind dabei besonders wirksam. Polarisierung, Durch Weglassen an einer und Übertreiben an einer anderen Stelle werden Fakten verzerrt und Geschichten aufgebauscht. Das fördert extreme Standpunkte und spaltet die Gesellschaft. Verschwörung, Verschwörungstheorien lassen sich im Internet leicht verbreiten. Wo sich scheinbar irgendeine geheime Macht gegen die »normalen Leute« verschworen hat, wachsen Misstrauen, Angst und Wut (siehe: Emotionen). Verruf, Der Ärger der Community wird gezielt auf einzelne Personen gelenkt, über die negative Behauptungen in die Welt gesetzt werden. In manchen Fällen erinnert das Verhalten an eine Hetzjagd. und »Trollen« – Beim sogenannten »Trollen« werden mehrere Desinformationstechniken kombiniert: Trolle nutzen gezielt Emotionen, verbreiten Falschinformationen und sähen Zweifel bei möglichst vielen Menschen auf einmal. also möglichst viele Nutzer:innen in eine Richtung lenken und eine Massenbewegung auslösen.

Quelle: DROG

Thomas Nygren forscht im Bereich Bildungswissenschaften an der Universität Uppsala und hat in einer Studie gemeinsam mit einem Forschungsteam aus Cambridge anderssprachige Versionen des Spiels untersucht. »Die 6 Techniken, die im Spiel eingebaut sind, kommen einerseits Chris Vielhaus schreibt über den Mann, der Propaganda in Marketing verwandelt hat, um dir buchstäblich alles zu verkaufen aus der klassischen Propagandaforschung. Andererseits sind es die psychologischen Tricks, die heute im Netz genutzt werden. Emotionen sind zum Beispiel ein beliebtes Mittel der Desinformation. Fühlen die Leute zu viel, denken sie schlechter«, erklärt Nygren.

Impfen gegen schlechte Informationen wirkt – sagt die Wissenschaft

Seit das Spiel 2018 online ging, ist ausführlich untersucht worden, ob es tatsächlich funktioniert. Die kurze Antwort lautet: ja. In mehreren Studien wurden Spieler:innen zu Beginn und am Ende des Spiels aufgefordert, die Glaubwürdigkeit bestimmter Tweets zu bewerten. In einer Studie an der englischen Version aus dem Jahr 2019 zeigt sich, dass die Teilnehmer:innen nach dem Spiel unterschiedliche Formen von Desinformation häufiger als unglaubwürdig einschätzen, echte Nachrichten aber nicht – eine wichtige Erkenntnis. In der Studie wurden 14.266 Antworten ausgewertet, die im Zeitraum Februar–April 2018 eingesammelt wurden. Die Befragten nahmen auf eigene Initiative an der Studie teil, sodass das Sample nicht repräsentativ für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ist und männliche, gebildete, jüngere und liberale Menschen überrepräsentiert sind. Die Wissenschaftler:innen konnten jedoch keine bedeutsamen Unterschiede abhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsgrad oder politischer Ausrichtung feststellen. Die Studie erschien 2019 im »Journal Palgrave Communications« und ist hier frei zugänglich.

Wir wollten nicht, dass Menschen insgesamt skeptischer werden und Vertrauen in klassische Medien und die Politik verlieren. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. – Thomas Nygren, Bildungswissenschaftler an der Universität Uppsala

Die aktuelle Publikation hat nun die Spiel-Varianten auf Deutsch, Polnisch, Griechisch und Schwedisch untersucht. In der Studie wurden Antworten von insgesamt 10.729 Befragten ausgewertet. Die gefundenen Effekte ähneln stark denen in der englischen Studie aus dem Jahr 2019 und bestätigen deren Ergebnisse. Die Studie erschien 2020 in »The Harvard Kennedy School Misinformation Review« und ist hier frei zugänglich. »Hier sehen wir, dass der gewünschte Effekt auch in anderen Sprachen und Kulturkreisen eintritt«, erklärt Nygren. »Das ist nicht selbstverständlich, weil die Medienlandschaften sich schon innerhalb von Europa sehr unterscheiden.«

Er betont aber auch die Grenzen des Spiels, das stark an Twitter angelehnt ist und nur mit Text und Memes »Memes« sind einprägsame Bilder oder Bewegtbilderfolgen (Gifs), die vor allem in sozialen Netzwerken geteilt werden. Sie können zu eigenen Trends werden, Emotionen vermitteln und politische Botschaften enthalten. arbeitet. »In anderen sozialen Medien spielen Bilder und Videos eine viel stärkere Rolle. Wie man dem begegnen kann, wird gerade zum Beispiel in Frankreich erforscht.« Außerdem reiche es gegen Desinformation nicht, die Techniken der Trolle entlarven zu können, das sei nur ein Aspekt: »Ein zweiter Aspekt ist eine gute Allgemeinbildung, ein dritter ist im Grunde journalistisches Denken: Quellen kritisch beurteilen und Informationen an mehreren Quellen überprüfen«, so Nygren.

Aktuell arbeitet er an einer Variante des Spiels, um sie in Schulen einsetzen zu können. Ähnliches ist in Deutschland geplant, wo die Schwarzkopf-Stiftung in diesem Jahr ein Kursformat in Schulen testen will, das die niederländische Organisation DROG gemeinsam mit dem Unternehmen Diversion entwickelt hat. Darin enthalten ist eine Mehrspieler-Version von Bad News . Die ursprüngliche Online-Version des Spiels ist weiterhin frei verfügbar, inzwischen sogar in 12 Sprachen und in einer Version für Kinder im Alter von 8–11 Jahren.

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Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Henrike Wiemker 

Henrike Wiemker hätte gut und gerne ewig weiter studieren können, beschloss dann aber doch, ihre Neugier lieber als Wissenschaftsjournalistin zu stillen. Meist geht es bei ihr um Umwelt, manchmal um Technik und immer wieder auch um anderes. Henrike Wiemker lebt in Uppsala und ist in schwedischen und deutschen Medien zu lesen und zu hören.

Themen:  Populismus   Internet   Demokratie  

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