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So bekommen Gesellschaften den Klimawandel in den Griff

Der Podcast gegen die Weltuntergangsstimmung – auch zum Lesen. Heute: Der Mann von den versinkenden Inseln, der für Klimaasyl kämpft, und Forschung, die erklärt, was Menschen zum Handeln bewegt.

6. März 2020  –  4 Minuten
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Der vollgut-Podcast kommt in neuem Gewand daher – er ist kürzer und partizipativer. Eine gute Nachricht bringen die Autorinnen mit, die andere wählt ihr. Das hat im ersten Durchlauf schon gut geklappt, mehr als 400 von euch haben abgestimmt!

Deshalb findet ihr bereits die nächste Umfrage für die neue Folge in 2 Wochen am Ende dieses Texts.

Los geht es mit unseren 2 guten Nachrichten in Sachen Klima.

UN entscheidet zum ersten Mal über Klimaflüchtling

Meine gute Nachricht beginnt mit der Geschichte eines Mannes namens Ioane Teitiota. Für ihn geht diese Geschichte leider nicht so gut aus. Der liegt auf einem Atoll im Pazifischen Ozean, auf halber Strecke zwischen den USA und Australien. Der Inselstaat ist eines der ersten Länder, das droht, im Meer zu versinken. Schon jetzt sind durch den steigenden Meeresspiegel einige Inseln unbewohnbar geworden. Und die Überschwemmungen nehmen zu.

Doch sein Asylgesuch wurde abgewiesen und er musste mitsamt seiner Familie nach Kiribati zurückkehren. So leicht gab sich Teitiota aber nicht geschlagen. Im Jahr 2015 reichte er eine Beschwerde beim UN-Menschenrechtsausschuss ein und argumentierte, Jetzt, im Januar 2020, hat dann dieser Ausschuss entschieden.

Wie bereits angekündigt gibt es (noch) kein Happy End für Teitiota – denn der Menschrechtsausschuss kam zu demselben Urteil wie Neuseeland. Nämlich, dass die Abschiebung in seinem Fall rechtmäßig gewesen sei. Dennoch hat Teitiota einen Präzedenzfall in Sachen Klimaflucht geschaffen. Das Urteil sei »die erste Entscheidung eines UN-Menschenrechtsvertragsorgans über die Beschwerde einer Person, die Asyl vor den Auswirkungen des Klimawandels sucht«. Regierungen sollten in Zukunft auch den Klimawandel als Fluchtursache in Asylverfahren untersuchen.

und nicht rechtsbindend. Dennoch ist er ein wichtiges Signal, dass sich die UN mit dem Sachverhalt beschäftigt und einen – wenn auch zaghaften – Schritt nach vorn tut: Im Migrations- und Flüchtlingspakt, der vor über einem Jahr von vielen Ländern angenommen wurden,

Wie sehr wird der Klimawandel unserer Gesundheit schaden? Lara Malberger hat Risiken und Lösungen recherchiert.

Wann kippen Gesellschaften – im positiven Sinne?

Eure gute Nachricht der Woche, die wir unter die Lupe genommen haben: ein jüngst veröffentlichter Aufsatz, der unter dem Titel »So bekommen Gesellschaften den Klimawandel in den Griff« zusammengefasst werden könnte. In dem

Kipppunkte sind im Klimakontext eigentlich negativ konnotiert. Sie setzen einen Dominoeffekt in Gang. Ein Beispiel, das oft genannt wird: die Permafrostböden in Sibirien, die bislang viel Methan und CO2 gebunden haben. Aufgrund der Erderwärmung taut das Eis; Methan und CO2 entweichen in die Atmosphäre – und beschleunigen wiederum die Erderwärmung.

In ihrem Beitrag haben sich die Wissenschaftler:innen mit gesellschaftlichen Kipppunkten beschäftigt, die dazu führen könnten, dass die Klima-Kipppunkte der Erde gar nicht erst erreicht werden. Das Team der Forschenden hat 6 Bereiche identifiziert, in denen Kipppunkte liegen müssten, damit die Gesellschaften weltweit bis spätestens 2050 ihre Treibhausgasemissionen auf null reduziert haben. aber auch Werte und Normen, Bildung und Transparenz – es sollte zu jeder Zeit transparent sein, welche wirtschaftlichen Prozesse und Handlungen wie viel CO2-Emissionen produzieren und was das bewirkt.

Die gute Nachricht: In allen 6 Bereichen sind schon positive Entwicklungen zu beobachten. Die Forschenden sind optimistisch, was den Energiesektor betrifft. Dort wird der kritische Kippmoment dann erreicht, wenn die klimaneutrale Stromerzeugung höhere Erträge erzielt als die Stromerzeugung durch fossile Energieträger. Die Fachleute glauben, dass dieser Moment gar nicht mehr so weit entfernt ist. Die Preise erneuerbarer Energien seien in den letzten Jahren massiv gesunken und in einigen Weltregionen sogar schon billiger als die für fossile Energie.

Ein anderes Thema ist das Bauen und Wohnen in Städten.

In diesem Artikel liest du, welche Alternativen es zum Klimakiller Beton gibt:

Hier berichten die Forschenden zum Beispiel die sich damit beschäftigt, wie sich Städte klimaneutral aufstellen können.

Was den Finanzsektor betrifft, geht es darum, Banken und Versicherungen kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen, wenn diese es in klimaschädliche Industrien pumpen. In den vergangenen Wochen hat beispielsweise der Großinvestor BlackRock angekündigt,

Solche Initiativen von Wirtschaftsriesen sind nicht unbedingt intrinsisch motiviert, sondern spiegeln einen Wandel der Werte und Normen in der Gesellschaft wider.

Die Wissenschaftler:innen weisen in ihrem Beitrag darauf hin, dass gesellschaftlicher Wandel meistens kein linearer Prozess ist, in dem eines auf das andere folgt. Vielmehr treffen an einem Kipppunkt verschiedene Faktoren in einer bestimmten Gemengelage aufeinander, bis kleine Impulse – die Forschenden sprechen von »Interventionen« – ausreichen, den Wandel unumkehrbar in Gang zu setzen.

Podcast-Produktion: Juliane Metzker

Titelbild: Charly W. Karl - CC BY-ND 3.0

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von Juliane Metzker 
Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Berlin und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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Als Politikwissenschaftlerin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie fragt sich: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.
Themen: Flucht   Klima   Gesellschaft