Kommentar 

Hört auf, Corona für die Klimakrise zu instrumentalisieren!

Seit Beginn der Pandemie kursieren Meldungen im Netz, welche die positiven Auswirkungen von Corona auf die Klimakrise bejubeln. Warum ich das problematisch finde.

24. März 2020  4 Minuten

In diesen Tagen bekomme ich wiederholt Kettenbriefe per Whatsapp weitergeleitet, in denen steht, man solle doch das Positive an Corona betrachten: Delfine und Schwäne würden wieder in den kristallklaren Kanälen in Italien schwimmen, Lies dazu »Weniger Luftverschmutzung in China« auf »tagesschau.de« (2020) Satellitenbilder von chinesischen Städten mit weniger Luftverschmutzung und sowieso sei die Luft überall viel besser. Überhaupt brauche die Erde eine Pause von uns, der Spezies Mensch – Corona sei sozusagen die Strafe der Erdgottheit über die sündigen Menschen, die nicht lernen wollten.

Ich schließe dann die Augen, atme tief durch und zähle bis 10, um Kurzschlussreaktionen zu vermeiden, die ich bereuen könnte.

Hier findest du Jenni Marrs Instagram-Account Als Instagrammerin, die sich viel mit Natur- und Umweltschutz beschäftigt, habe ich in den vergangenen Wochen viele solcher Statements in den sozialen Netzwerken gesehen; teilweise mit eingängigen Illustrationen versehen, werden sie vor allem in meiner Öko-Bubble geteilt und stoßen erschreckend oft auf kritiklosen Applaus.

An sich ist es schön, dass die Schwäne in Venedigs Kanälen sauberes Wasser haben. Eine Übersicht über die Auswirkungen von Corona auf das Klima hat die BBC zusammengetragen (englisch, 2020) Die CO2-Emissionen von China und Italien abnehmen. Und die Reaktionen sind im ersten Moment verständlich:

Gerade in krisenhaften Zeiten klammert man sich an jeden Strohhalm, der Gutes verspricht.

Manchmal ist man in dieser Sehnsucht nach den guten Nachrichten auch bereit, nicht genau hinzuschauen: »National Geographic« entlarvte die Fake News über Delfine und Schwäne in Venedig (englisch, 2020) Die Schwäne in Italiens Kanälen hat es, entgegen einiger Behauptungen im Netz, schon immer gegeben (wahr ist, dass die Wasserqualität gestiegen ist). Und die Delfine, die angeblich nach Venedig zurückgekommen sein wollen, Hier findest du das Originalvideo auf »Youtube« (italienisch) wurden Hunderte Kilometer entfernt in einem Hafen auf Sardinien gefilmt.

Doch das aus dem Kontext gerissene Delfinvideo ging anschließend viral und mit ihm die Überzeugung: Die Natur atmet auf, weil der Mensch sich (endlich) zurückgezogen hat.

Das Originalvideo aus dem Hafen von Cagliari

Man kann natürlich optimistisch darauf hoffen, dass Nachrichten von dem, was möglich ist, Menschen dazu animieren, nach der Krise bewusster zu handeln und den Status quo umso mehr infrage zu stellen.

Dennoch wünsche ich mir, dass wir (und damit meine ich alle, die das Klima schützen wollen) einen Moment innehalten, bevor wir unseren Jubel in Wort, Bild und Ton ins Internet stellen und uns fragen: Zu welchem Preis passiert das hier alles eigentlich gerade?

Denn die Währung, in der gezahlt wird, heißt Menschenleben. Damit will ich nicht unnötig dramatisieren. Hier findest du ein Video aus einem italienischen Krankenhaus (2020) Doch die Videos der katastrophalen Zustände aus italienischen Krankenhäusern und anderen Ländern machen das deutlich. Ich sehe auch nichts Positives, wenn ich in die überfüllten Flüchtlingslager blicke und Menschen sehe, Warum Geflüchtete vor dem Virus in Sicherheit gebracht werden sollen, erklärt Juliane Metzker hier die sich nicht ausreichend vor Corona schützen können. Auch die Lage von Menschen in ohnehin prekären Arbeitsverhältnissen, die nun ohne Einkommen dastehen, gehört dazu.

Irgendwo etwas Gutes

Ich verstehe: Man freut sich im ersten Moment und braucht die kurzweilige Erleichterung, dass das Ganze doch irgendwo etwas Gutes hat, in diesen angespannten Zeiten. Die daran anschließende Verantwortung liegt darin, von dieser ersten spontanen Emotion zurückzutreten und einen Moment das größere Bild zu betrachten.

Corona ist nicht der Retter des Weltklimas

Es ist generell ethisch problematisch, Krisen gegeneinander aufzuwiegen. Die Klimakrise ist nach wie vor da. Das sollten wir nicht vergessen. Corona, ein Virus, das viele Menschen an den Rand ihrer Existenz bringt, eine enorme mentale und physische Herausforderung für alle darstellt und am Ende Leben kostet, können wir so nicht zum Retter des Weltklimas erklären.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Bilder und Worte, die ausdrücken, was viele fühlen und auch das Positive nicht außer Acht lassen, sind wichtig in diesen Zeiten. Besonders wenn sie dazu beitragen, dass Menschen sich (wieder) als Gemeinschaft und weniger als miteinander konkurrierende Individuen begreifen.

Ich möchte mich aber an den Dingen erfreuen, die aus freien Stücken entstehen – Wie du anderen in diesen Zeiten helfen kannst, liest du hier Handlungen der Solidarität und des Gemeinsinns, die man derzeit überall sieht, vom Zettel mit dem Einkaufsangebot im Wohnungshausflur über gemeinsame Onlinetanzkurse bis zu Aufrufen, lokale Geschäfte zu unterstützen und somit vor dem Ruin zu retten. Das sind die Quellen meines positiven Gefühls dieser Tage – die Akte der Menschlichkeit untereinander, wo wir die Wahl hätten, nur an uns zu denken und Klopapier hortende Egoist:innen zu sein.

Das sind die Dinge, die mich wirklich freuen – nicht temporäre CO2-Abweichungen, die viel zu teuer erkauft sind.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

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Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Jenni Marr 

Jenni ist bei Perspective Daily eigentlich für den Instagram-Kanal zuständig, schreibt aber auch ziemlich viel – zum Beispiel auf ihrem Blog »Mehr als Grünzeug« und auf Instagram. Dabei interessieren sie vor allem die Macht der Worte und Schnittstellen zwischen Nachhaltigkeit, Feminismus und sozialer Gerechtigkeit. Und die Frage: Was können wir alle konkret für die bessere Welt von morgen tun?

Themen:  Nachhaltigkeit   Klima   Gesellschaft  

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