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Eine Zeitung drängt Unternehmen zum Klimaschutz – und die sind dankbar dafür

Skandinaviens größte Wirtschaftszeitung veröffentlicht auf ihrer Börsenwebsite jetzt auch CO2-Emissionen von Unternehmen. Für den Unternehmenserfolg sei das Klima genauso wichtig wie Finanzen.

24. März 2020  4 Minuten

Auf dem eher kleinen Medienmarkt in Schweden gehört die Tageszeitung »Dagens Industri« noch zu den Großen. Mit 328.000 Leser:innen am Tag ist sie die größte Wirtschaftszeitung Skandinaviens. Ein wichtiger Bestandteil sind – wie bei vergleichbaren deutschen Zeitungen auch – die Börsenseiten, auf denen Anleger:innen und andere Interessierte sich mithilfe von Kennzahlen ein Bild über die finanzielle Situation von Unternehmen machen können.

Seit Oktober 2019 aber veröffentlicht »Dagens Industri«, kurz DI, dort auch andere Kennzahlen: solche, die die Treibhausgasemissionen der Unternehmen beschreiben. Die Idee zu dieser Initiative entwickelte die DI-Reporterin Jenny Stiernstedt im Frühjahr 2019 gemeinsam mit Johan Falk, Wissenschaftler am Stockholm Resilience Center und Initiator der Hier geht es zur Website der »Exponential Roadmap Initiative« Exponential Roadmap Initiative. »Wir waren uns einig, dass auf den Börsenseiten die Nachhaltigkeit fehlte«, erzählt Stiernstedt.

Johan Falk findet: »Wir brauchen heute mehr Unternehmen, die Klimafragen in ihre Strategie einbinden.« Die Klimaspalten im Börsenteil sollen ihren Beitrag leisten. – Quelle: A Nordin copyright

Wir brauchen heute mehr Unternehmen, die Klimafragen in ihre Strategie einbinden und aktiv ihre Emissionen senken. Transparenz ist wichtig. Diejenigen, die investieren und Entscheidungen treffen, sollen Zugang zu den relevanten Informationen haben. – Johan Falk, »Stockholm Resilience Center«

Im Detail listet die Zeitung für 124 schwedische Unternehmen jeweils 3 Werte: Scope 1, Scope 2 und Scope 3. Dahinter stecken die Emissionen innerhalb eines Unternehmens (Scope 1), von eingekaufter Energie (Scope 2) und von Stationen weiter unten oder oben in der Lieferkette (Scope 3). Einfacher erklären lässt sich das anhand eines Beispiels: Bei einer Supermarktkette etwa landen die Emissionen der unternehmenseigenen Lkw unter Scope 1. Die Emissionen des Stroms für die Geschäfte fließt in Scope 2, die Treibhausgase, die bei der Herstellung der einzelnen Lebensmittel anfallen, die die Filialen vertreiben, gehören zu Scope 3.

So zeigt Skandinaviens größte Wirtschaftszeitung auf ihrer Börsenseite, wie klimaschädlich oder -freundlich die größten Unternehmen sind. Gerade auch die leeren Zeilen üben auf die entsprechenden Unternehmen Druck aus – für den diese größtenteils dankbar sind. – Quelle: Dagens Industri copyright

Das System mit den 3 Scopes stammt aus dem sogenannten Hier gibt es mehr Informationen zum GHG-Protocol Greenhouse Gas Protocol, das ein verbreiteter Standard ist, um Treibhausgase zu bilanzieren. Das »Greenhouse Gas Protocol« wurde in den 90ern gemeinsam von einer NGO und einem Unternehmensverband entwickelt, um einen gemeinsamen Standard zur Bilanzierung von Treibhausgasen festzulegen. Heute wird es von Hunderten Unternehmen weltweit genutzt und ist auch Grundlage für manche staatlichen Standards. Zusätzlich hat DI noch den Umsatz der Unternehmen in die Tabelle aufgenommen und eine »Intensität« ausgerechnet, die In diesem Beitrag werden die Umsätze der DAX-Konzerne mit ihren Emissionen verglichen Emissionen und Umsatz miteinander in Verbindung setzt.

Die Werte, die DI veröffentlicht, stammen aus den eigenen Jahres- und Nachhaltigkeitsberichten der jeweiligen Firmen. Hier allerdings zeigt sich noch eine zweite, ganz banale Absicht hinter der Tabelle: Die Unternehmen dazu zu bringen, ihre Emissionen überhaupt zu erfassen. »Ich wusste aus früheren Recherchen, dass viele Unternehmen kaum einen Überblick haben«, erzählt Jenny Stiernstedt. Entsprechend sind viele Zeilen der Tabelle komplett leer, etwa beim Autohersteller Saab oder beim Baumarkt und Haushaltswaren-Verkäufer Clas Ohlson. Bei anderen fehlen einzelne Zahlen, meistens aus der Spalte Scope 3: Etwa bei Volvo oder Husqvarna, Muttergesellschaft des deutschen Gartengeräteherstellers Gardena, die folglich nicht darüber Bescheid wissen, wie viel CO2 ihre Zulieferer ausstoßen.

Und die Zahlen, die es gibt, sind mit Vorsicht zu genießen. »Gerade bei Scope 3 gibt es große Unterschiede, wie einzelne Unternehmen die Zahl erfassen. Das liegt auch daran, dass die Definition undeutlich ist. Daher haben wir sie außen vor gelassen, als wir die ›Intensität‹ Die »Intensität« in der Tabelle bringt die Emissionen mit dem Umsatz des Unternehmens in Verbindung. Dazu wurden die Emissionen aus Scope 1 und 2 addiert und durch den Umsatz geteilt. Die Emissionen werden in Kohlendioxidäquivalenten erfasst, der Umsatz in Millionen Schwedische Kronen. H&M landet so zum Beispiel bei 0,3, der schwedische Stahlriese SSAB dagegen bei 146. berechnet haben«, erklärt Johan Falk. Er meint: »Das, was wir jetzt haben, ist erst der Anfang, mit klaren Einschränkungen. Wir haben die Zahlen zusammengestellt, soweit es zu diesem Zeitpunkt möglich ist.«

Jenny Stiernstedt, DI-Reporterin, war der Meinung: Auf den Börsenseiten fehlt die Nachhaltigkeit! – Quelle: Dagens Industri copyright

Als hätten die Unternehmen darauf gewartet

Sowohl den Unternehmen als auch Leser:innen scheint die Idee zu gefallen.

Als wir angefangen haben, hieß es in der Redaktion, wir haben selten so viele positive Rückmeldungen auf eine einzelne Veränderung bekommen wie für diese. Es fühlte sich fast an, als hätten die Unternehmen auf so etwas gewartet. – Jenny Stiernstedt, Reporterin für Nachhaltigkeitsthemen bei »Dagens Industri«

Anfang des Jahres hat DI eine Umfrage unter den enthaltenen 94 Firmen gemacht, die in der Tabelle mindestens ein leeres Feld hatten. 67 Unternehmen antworteten, 43 davon geben an, dass sie ab diesem oder kommendem Jahr mehr Scopes als bisher erfassen werden. 18 Unternehmen planen sogar, alle 3 zu erfassen. Die Aktion der Zeitung scheint also Wirkung zu zeigen. »Natürlich ist nicht alles unser Verdienst«, meint Jenny Stiernstedt. »Es ist einfach der Zeitgeist. Aber ich bin sicher, dass wir dazu beigetragen haben.« Ob die DI-Tabelle die Aktienkurse beeinflusst hat, lässt sich dagegen nicht sagen.

Geplant ist nun, die Zahlen mindestens 1/4-jährlich in der gedruckten Zeitung zu veröffentlichen. Das ist nicht besonders oft, andererseits ändern sich Emissionszahlen auch nicht täglich. Online ist die aktuelle Tabelle jedoch immer einsehbar. »Das Ganze ist ein langfristiges Projekt, das wir weiterentwickeln werden«, sagt Jenny Stiernstedt. »Ich hoffe, dass andere Zeitungen die Idee übernehmen. Das Beste wäre, wenn es auch in anderen Ländern einen Effekt hätte. Wir haben die schwedischen Unternehmen, aber das Klima ist eine globale Frage.«

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Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Henrike Wiemker 

Henrike Wiemker hätte gut und gerne ewig weiter studieren können, beschloss dann aber doch, ihre Neugier lieber als Wissenschaftsjournalistin zu stillen. Meist geht es bei ihr um Umwelt, manchmal um Technik und immer wieder auch um anderes. Henrike Wiemker lebt in Uppsala und ist in schwedischen und deutschen Medien zu lesen und zu hören.

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