Kommentar 

Diese App soll die Ausgangssperren ersetzen. Kann das funktionieren?

Demnächst soll eine App melden, wenn du in die Nähe von Coronainfizierten gekommen bist. Das sind ihre Risiken und Nebenwirkungen.

3. April 2020  4 Minuten

Irgendwann muss das Leben nach Covid-19 weitergehen. Kontaktsperren und Vollbremsung der Wirtschaft lassen sich nicht ewig aufrechterhalten. Die Preisfrage lautet derzeit: Wie lässt sich verhindern, dass sich das Virus danach wieder rasant ausbreitet?

Ein Vorschlag, der derzeit in Forschung und Politik diskutiert wird: »Smartphones nutzen, um die Ausbreitung des Virus nachzuverfolgen.« Damit könnten Infizierte schneller isoliert und die Ausbreitung vermindert werden – ganz nach südkoreanischem Vorbild. Denn das asiatische Land hat die Pandemie anscheinend im Griff. Während Deutschland rund 4.000–5.000 Neuinfektionen pro Tag meldet, hat sich Südkorea bei 100 eingependelt.

Das Smartphone als elektronische Fußfessel

In Taiwan, Singapur und Hongkong geht man sogar einen Schritt weiter: Wer nur als Verdachtsfall gilt, muss in strenger Quarantäne bleiben und verpflichtend die Standortdaten seines Smartphones freigeben sowie von den Behörden überwachen lassen. Ist der Akku leer, steht oft die Polizei vor der Tür.

Dazu musste die Regierung »nur« die eigenen Bürger:innen durchleuchten und »MIT Technology Review« beschreibt die digitalen Überwachungs-maßnahmen Südkoreas gegen das Coronavirus (englisch, 2020) ihr Bewegungsprofil anhand von Kreditkartendaten, Überwachungskameras, Handydaten und einer staatlichen Tracking-App verfolgen. Dass letztere die Infizierten und Reisende sogar Wie transparente Daten bei der Coronaüberwachung zu Online-Prangern werden können, beschreibt Bernhard Zand für den »Spiegel« (2020) an den digitalen Pranger stellt, nimmt Südkorea dabei in Kauf.

Die Überwachungs-maßnahmen Südkoreas beschreibt »The New York Times« (englisch, 2020) Ein Albtraum für alle, denen Datenschutz und Privatsphäre am Herzen liegen.

Nun soll eine Coronasoftware auch in Europa eingesetzt werden. Diese Woche wurde ihre Funktionsweise Die Corona-App im exklusiven »Spiegel«-Bericht (2020) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie setzt auf Freiwilligkeit und sparsamen Umgang mit den gesammelten Informationen der Bürgerinnen und Bürger – und möchte Kritiker:innen damit den Wind aus den Segeln nehmen.

Dabei könnte sie aus einem einfachen Grund ein Rohrkrepierer werden und wenig bringen.

Das soll die neue Coronalösung der EU werden

Die europäische Antwort auf die koreanische Totalüberwachung heißt Pan European Privacy Protecting Proximity Tracing Website von »Pepp-PT« (kurz Pepp-PT ). Dahinter steht ein Konsortium von 17 europäischen Organisationen und Firmen rund um das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Etwa das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut in Berlin, das »Digital Epidemiology Lab« oder das Frankfurter Unternehmen »Arago«. Sogar die Bundeswehr hilft mit und hat die Entwickler mit Testläufen unterstützt, um die Algorithmen für die Abstandmessung zu kalibrieren. die einen gemeinsamen Software-Standard erarbeiten. Damit sollen die einzelnen EU-Länder später eigene Tracking-Apps entwickeln. Die deutsche App wird das Robert Koch-Institut voraussichtlich kurz nach Ostern veröffentlichen.

Wer sie nutzt, muss nur das Bluetooth des eigenen Smartphones einschalten und wird dann nachträglich alarmiert, wenn er oder sie sich in der Nähe einer auf das Coronavirus positiv getesteten Person aufgehalten hat. So kann anschließend die Selbstquarantäne beginnen und mit dem Nachweis auf einen Kontakt ein Covid-19-Test stattfinden. In Deutschland wird derzeit nur getestet, wer Symptome hat, die zum Coronavirus Sars-CoV-2 passen (beispielsweise Erkältung, Halsschmerzen), und innerhalb der letzten 14 Tage Kontakt zu einem bestätigten Coronavirus-Fall hatte. Die dahinterstehende Technologie (genannt »Proximity Tracing«) Dazu nutzt die Software die sogenannte »Bluetooth-Low-Energy-Technologie«, die nur dann Kontakt herstellt, wenn sich Geräte in wenigen Metern Abstand zueinander befinden. Die App generiert dabei alle paar Minuten eine neue temporäre ID und sendet diese aus. Kontakte zwischen 2 Personen-IDs werden lokal auf dem Smartphone gespeichert – und zwar, wenn die IDs für mehr als 15 Minuten in direkter Nähe zueinander waren. Wird jemand positiv auf das Coronavirus getestet, kann er oder sie (freiwillig) diese Kontaktdaten auf einen Server hochladen, wodurch dann die anderen Geräte ermittelt und ihre Nutzer gewarnt werden. funktioniert dabei nach Aussage der Entwickler:innen ohne die Abfrage von Daten, In diesem Gastbeitrag für »Netzpolitik.org« erklären 3 Entwickler die technischen Details, auf die auch die europäische Corona-App setzt (2020) durch die Personen identifiziert werden könnten.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass bei Pepp-PT die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger ernst genommen wird. Immerhin will das Konsortium als Sicherheitsmaßnahme gegen Missbrauch jede einzelne App überprüfen, die mit dem Standard entwickelt wird. Auch dass der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Ulrich Kelber (SPD), die Entwicklung begleitet, ist löblich. Ob die Versprechen gehalten werden und Transparenz sowie Kontrolle ausreichen, muss aber die finale Software erst noch zeigen – Nicht immer ist gut gemeint auch gut gemacht. Hier deckt die »c’t« etwa gravierende Sicherheitsmängel in der Covid-19-App der Telekom auf (2020) unabhängige Datenschützer:innen und Journalist:innen tun jedenfalls gut daran, bei jeder App genau hinzuschauen, die ein Großteil der Bevölkerung für medizinische Zwecke nutzen soll.

Die scheinbar bürgerfreundliche Herangehensweise hat aber auch eine kritische Schwäche: Sie könnte einfach nicht gut genug wirken. Die Umfrage des »Department of Economics« an der »University of Oxford« zur Akzeptanz App-basierter Kontaktnach-verfolgung (2020) Zwar würden laut einer repräsentativen Umfrage 70% der Deutschen eine Pepp-PT -App installieren. Doch die Nutzung ist genauso freiwillig, wie die eigenen Daten bei einer positiven Diagnose hochzuladen. Damit funktioniert das System für diejenigen, die sowieso schon solidarisch und vorsichtig sind. Es übergeht allerdings vor allem ältere Menschen, die kein Smartphone besitzen oder mit der Technik hadern (die gehören immerhin zur größten Risikogruppe). Und es bietet dazu keinen verlässlichen Schutz gegen menschliche Unvernunft und sogenannte »Superspreader«, die das Virus an Hunderte andere weitergeben – weil sie etwa die Gefahr nicht ernst nehmen.

Immerhin warnt das Robert Koch-Institut davor, Die Warnungen des »RKI« bei der »Tagesschau« (2020) dass viele Deutsche Covid-19 noch auf die leichte Schulter nehmen. Und nicht von ungefähr grassieren hierzulande neben dem Coronavirus Wenn alternative Fakten die Welt erklären. Hier gebe ich einen Einblick in die Denkweisen von Verschwörungstheoretikern auch Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsglauben.

Und wenn das mit der freiwilligen Nutzung nicht klappt, dürfte bei Entscheidungsträger:innen schon bald die Idee aufkommen, die Pepp-PT zu einer »Zwangsapp« umzuwandeln – und mit anderen Daten zu ergänzen. Südkorea macht es vor.

Gerade jetzt heißt es: wachsam bleiben!

Was Datenschützer:innen derzeit wirklich besorgen sollte, ist der Wille mancher Politiker, Überwachung und eingeschränkte Bürgerrechte im Kampf gegen das Coronavirus einzusetzen. So schwärmte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) noch vor wenigen Tagen im Interview mit dem Tagesspiegel vom Das Interview von Helge Braun mit dem »Tagesspiegel« (2020) »guten Vorbild« Südkorea und den dort herrschenden Maßnahmen.

Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wollte ursprünglich die Auswertung von Handydaten im reformierten Infektionsschutzgesetz unterbringen. Was Jens Spahn eigentlich beim Thema Handydaten wollte und woran es scheiterte, erklärt »Netzpolitik.org« (2020) Das war zwar recht schnell vom Tisch, doch an anderer Stelle will der Minister neue Daten einkassieren: Gesundheitsministerien sollen Zugriff auf Fluggastdaten erhalten – und zwar ohne konkreten Verdacht. Nur anhand der Reiseländer. Wer also aus einem Risikogebiet oder in ein Risikogebiet reist, fällt unter diese Massenüberwachung. »Netzpolitik.org« erklärt, warum die »Rasterfahndung am Himmel« problematisch ist (2020) Dass die »Rasterfahndung am Himmel« an sich heftig umstritten ist und gerade durch den Europäischen Gerichtshof überprüft wird, scheint in der Krise nicht weiter zu stören.

»Alle Maßnahmen der Datenverarbeitung müssen erforderlich, geeignet und verhältnismäßig sein.«  – Ulrich Kelber, Deutschlands Datenschutzbeauftragter

Ein weiteres besorgniserregendes Element ist die Zeit, denn sie spielt gegen die Freiheit: Je länger die Pandemie anhält, desto mehr Handlungsdruck wird auf der Exekutive lasten und desto attraktiver werden Lösungen wie die in Südkorea erscheinen. Dazu dürfte auch die Bereitschaft der Bevölkerung steigen, radikalere Maßnahmen wie einen Verlust von Privatsphäre zu akzeptieren. Und Bürgerrechtler:innen werden immer mehr Mühe haben, die schwer zu begreifenden Konsequenzen von steigender Überwachung gegen die konkrete Bedrohung eines Virus zu verteidigen.

Genau deshalb heißt es jetzt: wachsam bleiben. Denn einmal in Ausnahmesituationen akzeptierte Maßnahmen Tötet das Virus die freie Gesellschaft? Ein Essay von Katharina Wiegmann und aufgegebene Rechte sind nachher nur schwer wieder zurückzudrehen.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Titelbild: Perspective Daily - copyright

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Gesundheit   Psychologie   Technik  

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