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»Mein Leben soll geschützt werden, während deins riskiert wird«

Die Gefahr für Millionen Inder im Lockdown lässt unsere Journalistin vor Ort, Anuradha Sharma, nicht mehr schlafen. In diesem Brief aus den Mitternachtsstunden lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben und lehrt eine wertvolle Lektion über Demut.

8. Mai 2020  6 Minuten

In Indien gilt der härteste Lockdown weltweit für 1,3 Milliarden Menschen. Am 24. März erließ Premierminister Narendra Modi eine komplette Ausgangssperre. Die Regelungen sollen Menschen vor der Infizierung mit Covid-19 schützen, doch in Indien haben sie bereits Leben gekostet. Mehr Hintergründe über die Existenzbedrohung der Arbeiter in Indien findest du in diesem Artikel der »NZZ« Denn die, die sich nicht zu Hause verbarrikadieren können, sind plötzlich auf sich allein gestellt und vergessen. Das lässt unsere Journalistin vor Ort, Anuradha Sharma, nicht mehr schlafen. In diesem Brief aus den Mitternachtsstunden lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben und lehrt eine wertvolle Lektion über Demut.

An meine trauernde Schwester,

ich komme gleich zur Sache: Es ist deine Schuld.

Ich sah das Video von dir. Hörte deine Wehklagen. Sie fühlten sich an wie 1.000 Nadelstiche, die meinen Körper malträtierten.

Du hattest einen Sohn. Er war 3 Jahre alt und starb in deinen Armen, als du und dein Mann von Krankenhaus zu Krankenhaus rannten. Sein Vater sagte, dass euch ein Krankenwagen verweigert wurde; Triggerwarnung: Hier findest du Ausschnitte dieses verstörenden Videos. Nach dem Tod des 3-Jährigen wurde der Krankenhausdirektor entlassen (englisch, Hindi, 2020) wegen des kompletten Lockdowns konntest du keinen Transport für dein schwer krankes Kind finden, um es in die Klinik zu bringen, in die ihr überwiesen wurdet.

Es ist weit nach Mitternacht. Ich sitze auf dem Bett und betrachte meine 2 Kinder, die friedlich neben mir schlafen. Und ich denke an dich, meine Schwester. In religiösem und kulturellem Kontext in vielen Ländern wie Indien spricht man auch Fremde als Bruder oder Schwester an und schafft so eine Nahbarkeit und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, trotzdem keinerlei familiäre Verbindung besteht.

Es ist dein Fehler, dass du arm bist. Wusstest du das nicht? Dass es eine Straftat ist, arm in diesem Land zu sein? Vor allem jetzt, da eine Pandemie wütet.

Ich bin wütend auf dich

Es tut mir leid, dass ich wütend bin. Ich bin wütend, weil es mich in meiner Hilflosigkeit tröstet. Ich bin wütend auf dich, weil … auf wen soll ich sonst wütend sein? Auf die Regierung, die diesen Lockdown beschlossen hat, ohne an Menschen wie dich zu denken? Oder auf die Privilegierten, zu denen ich mich zähle – deren Leben jetzt geschützt werden sollen, während deins riskiert wird? Lass mich auf dich wütend sein und all die Menschen, die in Armut leben. Wieso gerade bewusstes Hinschauen oft gegen eine gefühlte Hilflosigkeit helfen kann, erklärt dir Juliane Metzker hier Denn ich kann nicht wegschauen. Ich sehe euer Elend, das so groß ist, dass ihr nicht einmal Zeit habt, euch darüber zu beschweren.

Während ich diese Zeilen schreibe, Abstand zu halten ist angesichts der gewaltigen Anzahl der in die Heimat pilgernden Menschen kaum möglich, wie diese Bilder zeigen (2020) sind Tausende Gastarbeiter zu Fuß unterwegs auf den Autobahnen. Sie laufen seit Tagen oder sogar Wochen aus den Städten zurück in ihre Dörfer, Hunderte oder Tausende Kilometer, mit ihren Habseligkeiten auf dem Kopf und ihren Kindern auf den Schultern.

Hast du die Rede von Premierminister Narendra Modi gehört, in der er den Lockdown verkündete? Hat er nur ein Wort verloren über Menschen wie dich? Ein großer Teil der indischen Bevölkerung ist so arm wie du, und nichts wurde darüber verkündet, wie ihr alle die Ausgangsbeschränkungen überleben sollt – Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, von zu Hause zu arbeiten oder sich von anderen zu distanzieren.

Wie sollt ihr die Hygieneverordnungen einhalten, wenn ihr nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser habt, geschweige denn genug Geld, um ein Stück Seife zu kaufen?

Ich weiß nicht, ob es dir hilft, zu wissen, dass du nicht allein bist, meine Schwester. Millionen leiden wie du. Die plötzliche und totale Abriegelung des Landes, die die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen soll, hat Lies hier mehr über die prekäre Situation der Wanderarbeiter in der Coronakrise (englisch, 2020) mindestens 40 Millionen Menschen ihrer Existenz beraubt – und manchen das Leben gekostet. Alle 3 Schicksale sind hier beschrieben (englisch, 2020) Der 8-jährige Rakesh, ein Lumpensammler, starb in Bihar an Hunger und Krankheit. Die 12-jährige Jamlo brach zusammen, nachdem sie 3 Tage lang 150 Kilometer zu Fuß gegangen war. Sie wollte von den Chilifeldern in Telangana in Südindien, wo sie arbeitete, zu ihrem Haus in Chhatisgarh in Zentralindien gelangen. Mukesh, ein Tagelöhner in der Nähe von Delhi, verkaufte sein Handy, um Lebensmittel für seine Familie zu kaufen, und erhängte sich dann.

Hier findest du mehr Informationen über die unsichtbaren Toten in der Coronakrise in Indien (englisch, 2020) Hunderte sind bereits gestorben, Schwester, Hunderte – bei dem Versuch, nach Hause zu kommen, oder weil ihnen Nahrung oder die Behandlung ihrer Krankheiten wie Tuberkulose und Krebs fehlte. Sie sind nicht Teil der Covid-Statistik, wohlgemerkt. Sie sind Opfer des Lockdowns, der den Tod durch Corona verhindern soll.

Eine massive humanitäre Krise entfaltet sich. Aber wer stört sich daran? Während die Armen befürchten, dass der Hunger sie noch vor dem Virus erwischt, und die Reichen vor Langeweile eingehen, ist die größte Sorge der Regierung, dass sie gut dasteht.

Sie versprach, Warum das helfen kann, beschreibt Chris Vielhaus in diesem Artikel den Armen Geld zu überweisen. Der öffentlich-rechtliche Sender Doordarshan zeigte viele Frauen – alle wohlhabend und in großen Häusern lebend – wie sie Modi für die Summe von 500 Rupien (5,90 Euro) dankten. Hast du diese winzige Spende erhalten? Das war das Umfrageergebnis der Nichtregierungsorganisation Jan Sahas (englisch, 2020) 94% der Bauarbeiter warten noch immer darauf.

Die Regierung hat währenddessen mit der Arbeit am Das Mammutprojekt wird von vielen Seiten kritisiert (englisch, 2020) Central-Vista-Projekt begonnen, das den zentralen Verwaltungsbezirk von Delhi bis zum Jahr 2024 mit Kosten von über 200 Milliarden Rupien sanieren soll. So viel zu Prioritäten!

Im Grunde genommen bist du also auf dich allein gestellt. Was wirst du tun? Aufzugeben ist niemals eine Lösung, meine Schwester. Unsere einzige Hoffnung sind Menschen – Menschen wie du und ich.

Denn in einer Zeit, in der sich die Regierung vom Volk, insbesondere von den Armen, distanziert hat, haben wir es selbst in die Hand genommen, uns gegenseitig durch diese Krise zu helfen.

Das sind fast die Hälfte der 29 Staaten Indiens (englisch, 2020) In 13 Bundesstaaten Indiens haben Hilfsorganisationen die Regierung bei der Bereitstellung kostenloser Mahlzeiten für die Armen und Wanderarbeiter übertroffen. Sogar einige meiner Nachbarn haben sich zusammengetan, um Familien zu versorgen, die in Armut leben oder durch den Lockdown arbeitslos geworden sind.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass diese Menschen sich gegenseitig helfen, ohne Rücksicht auf ihren religiösen Hintergrund zu nehmen. Wie du weißt, leben wir in stark polarisierten Zeiten. Nachdem die Medien – was mir leid tut und auch mich als Journalistin beschämt – immer wieder darüber berichtet haben, dass das Coronavirus eine islamische Verschwörung sei, weil viele Mitglieder der muslimischen Gemeinde positiv getestet wurden, Lies dazu »Muslime als Sündenbocke« bei »Qantara« (2020) erlebt die Islamophobie hier einen neuen Höhepunkt. Doch trotz dieser Spaltungsversuche vor den Augen der Regierung sind die Menschen über sich selbst hinausgewachsen, um sich gegenseitig zu helfen. Weil Verwandte wegen des Lockdowns nicht zu ihren verstorbenen Liebsten gelangen können, begruben Hindus Muslime nach islamischem Brauch, und Muslime taten dasselbe für Hindus.

Wie wir das Positive aus einer Krise ziehen und in eine Welt danach retten können – darüber philosophiert Juliane Metzker in diesem Essay Dieser Geist der Einheit soll uns durch die Pandemie und darüber hinaus begleiten.

Bevor ich nun ende, Schwester, gestatte mir, mich bei dir zu entschuldigen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich wollte dir sagen, dass wir alle gemeinsam in dieser Situation stecken, aber ich bin mir meiner Privilegien nur allzu bewusst – ich gehöre zu den Leuten, die »von zu Hause aus arbeiten« und genügend Essen in der Küche haben. Auch Quian Sun macht sich aus der Quarantäne in Indien Gedanken über die Rolle von Nationalitäten während der Coronapandemie Das Virus selbst wird nicht zwischen uns unterscheiden, aber es wird uns sicher anders treffen. Bei dem Gedanken fühle ich mich so völlig hilflos. Und es erstaunt mich, wie tolerant du bist; und all die Menschen in Armut, die plötzlich in den Städten arbeits- und obdachlos wurden, weil das Virus mit den Privilegierten einflog. Dennoch hasst ihr uns nicht! Diese Widerstandsfähigkeit und Freundlichkeit eurerseits werden den Tag retten.

Hoffnungsvoll,

deine Schwester in Gedanken

Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Metzker

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Anuradha Sharma 

Anuradha Sharma ist freie Journalistin mit Sitz im indischen Siliguri. Sie schreibt über Politik, Kultur, soziale Gerechtigkeit und Medien. Außerdem ist sie Indien-Korrespondentin für Reporter ohne Grenzen.

Themen:  Gesundheit   Gesellschaft   Geld  

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