PD Daily 

Deutschland droht das dritte Dürrejahr in Folge. Wie sich ein Gut in einer der trockensten Regionen wappnet

Die einfachste Gegenmaßnahme ist leider nicht sehr nachhaltig: mehr Bewässerung. Doch es geht auch anders.

12. Mai 2020  5 Minuten

Aus der nackten, knochenharten Erde schieben sich kleine Pflanzentriebe. Auf einem Maisacker am Elbsee bei Düsseldorf konnte ich am Wochenende praktisch vor der Haustür sehen, was die Landwirtschaft derzeit besorgt: Das Frühjahr war trocken, Über den sonnigen und trockenen April berichtete der »Deutsche Wetterdienst« (2020)der April sogar einer der sonnigsten und trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Von dem örtlichen Regen am Maianfang ist auf dem Acker schon jetzt nichts mehr zu spüren.

So sieht es derzeit in vielen Regionen Deutschlands aus – Hier warnt beispielsweise Klimaforscher Mojib Latif vor einer Dürreund Klimaforscher:innen befürchten nach den beiden sehr trockenen vergangenen Jahren ein drittes Dürrejahr. Dass die Böden trotz gelegentlicher Regenfälle Der Februar war beispielsweise überdurchschnittlich nass. trocken bleiben, liegt auch daran, Wie es um die Trockenheit der Böden bestellt ist, zeigt der »Dürremonitor« des »Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung«dass die letzten beiden Jahre so extrem trocken waren. Das Wasser kommt deshalb nur langsam in tiefere Bodenschichten, Das Pressegespräch zu den Dürrefolgen gibt es hier zum Anschauen beim »Science Media Center«erklärt Klimaforscher Andreas Marx vom »Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung« (UFZ) in einem Pressegespräch anschaulich:

Es gibt ein sehr schönes Beispiel: Beim Backen, wenn Sie eine Schüssel mit trockenem Mehl haben und Sie kippen da Milch drauf, dann haben Sie eine Linse [aus Milch] auf dem Mehl schwimmen. – Andreas Marx, Klimaforscher

Beim Boden sei es ähnlich: Ist er trocken, nimmt er den Regen schlecht auf. Auch die Wochen mit viel Niederschlag im Februar reichten nicht aus, um das Wasser tief genug in den Boden sickern zu lassen. Weil die harte Erde Wasser schlecht aufnimmt, wird zudem der nährstoffreiche Humus von den Ackerflächen gespült, Bodenerosion ist die Folge. Wie wichtig die Humusschicht für die Landwirtschaft ist, beschreibt der US-Geologe David R. Montgomery in seinem Buch »Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert«. Darin führt er den Niedergang früherer menschlicher Kulturen auf eine falsche Behandlung des Bodens in der Landwirtschaft zurück. Seine These: Zivilisationen, die die Humusschicht auf ihren Äckern verlieren, haben keine Zukunft.

Ein Problem, das sich in den kommenden Jahren wohl noch verschärfen wird, denn der langfristige Trend, Dabei handelt es sich um einen Trend – es ist dennoch möglich, dass es Jahre gibt, in denen Temperatur und Niederschlag »normal« verlaufen.

bedingt Hier findest du mehr zu den Extremwetterereignissendurch den Klimawandel, weist in Richtung längerer Trockenperioden, die durch Starkregenereignisse unterbrochen werden.

Der Hier findest du den »Dürremonitor Deutschland« des »Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung«Dürremonitor Deutschland, den das UFZ betreibt, zeigt, dass gerade zwar in vielen Regionen noch in den oberen Bodenschichten Wasser vorhanden ist, darunter aber ist es rappeltrocken. Vor allem in Süd- und Ostdeutschland gibt es Anzeichen für eine schwere bis außergewöhnliche Dürre.

Die Antworten der konventionellen Landwirtschaft darauf laufen bisher in 3 Richtungen:

  • Neue Pflanzen züchten: Forscher:innen arbeiten stetig daran, Getreide an die sich ändernden Bedingungen anzupassen. Obwohl es Fortschritte gibt, Hier findest du ein Webinar des »Science Media Centers« zur Dürre mit möglichen Antwortenstoßen die Wissenschaftler:innen aber an Grenzen.
  • Angepasste Pflanzen anbauen: Landwirt:innen bauen wegen der veränderten Temperaturen andere Getreidearten an als bisher. Agrarexpert:innen erwarten eine stärkere Verbreitung von Soja und Mais in Deutschland.
  • Mehr Bewässerung auf den Feldern: Bisher ist vor allem im Gemüseanbau Bewässerung üblich. Die aktuelle Trockenheit könnte mehr Landwirt:innen dazu bringen, ihre Felder zu bewässern, einige tun es schon. Der Nachteil: Bewässerung verbraucht Grundwasser und damit Ressourcen künftiger Generationen.

Agroforstplaner Renke de Vries vom Hier findest du mehr Informationen zum Unternehmen von Gründer und Inhaber Benedikt BöselLandwirtschaftsbetrieb Gut & Bösel in Brandenburg lehnt Bewässerung genau aus diesem Grund ab. Erstaunlich, denn die 1.100 Hektar Bewirtschaftungsfläche des Guts liegen in einem der trockensten Gebiete Deutschlands. De Vries ist sich sicher: Die Veränderungen müssen grundsätzlicher sein, die Landwirtschaft muss sich neu erfinden.

Wasser kann man pflanzen!

Das Gut experimentiert deshalb mit unterschiedlichen Landnutzungskonzepten, darunter auch eine Form von Agroforstwirtschaft, Agroforstwirtschaft setzt auf den Anbau von Bäumen und Sträuchern zusammen mit Nutzpflanzen. So entstehen hilfreiche Beziehungen zwischen den Pflanzen. Das Konzept der »aufbauenden Landwirtschaft« regeneriert Böden. Die sogenannte Permakultur, also »dauerhafte Landwirtschaft«, beobachtet natürliche Ökosysteme sowie Kreisläufe und baut sie nach. die sich »syntropische Landwirtschaft« nennt. Dafür hat der Hof im vergangenen Jahr Lies hier, wie Ernst Götschs Vision von nachhaltiger Landwirtschaft aussiehtden Schweizer Ernst Götsch eingeladen, der das Prinzip unter anderem in Brasilien entwickelt hat. Die Idee dahinter: Eine Landwirtschaft ohne Bewässerung, die den Boden verbessert, während sie höhere Erträge liefert als konventioneller Ackerbau. »Wasser kann man pflanzen« ist ein zentraler Satz von Ernst Götsch.

Was meint er damit? Das Konzept sieht vor, dass Pflanzen in mehreren Schichten wachsen: Von Kräutern, die den Boden bedecken, über Korn, Obstbäume bis hin zu größeren Waldbäumen. »Wenn das System in mehreren Schichten angelegt und der Boden bedeckt ist, sammeln die Pflanzen Tauwasser. Wenn das System in mehreren Schichten aufgebaut und der Boden bedeckt ist, dann ist es am Boden deutlich kühler als unter dem Kronendach. Das führt zum Kondensieren von Tauwasser auf den bodennahen Pflanzen. Die Menge des Wassers spielt für die Pflanzen eine bedeutende Rolle, sie können sich deutlich besser entwickeln, unabhängig vom Regen. Das ist auf konventionellen Äckern nicht möglich. Fällt wenig Regen, bleibt nur die Bewässerung als Rettungsmaßnahme. Ein vielschichtiger Mischwald sammelt beträchtliche Mengen, die dem Ökosystem dann zusätzlich zum üblichen Niederschlag zur Verfügung stehen. Ernst Götsch behauptet sogar, dass die Mykorrhiza, »Mykorrhiza«, aus dem Altgriechischen von »mykes« für Pilz und »rhiza« für Wurzel, bezeichnet die Wurzelsymbiose zwischen Pilzen und Pflanzen. Mykorrhizen können Bäume vor Schadstoffen schützen, sie halten zum Beispiel Schwermetalle ab. Außerdem tauschen die Organismen Nährstoffe aus. Bäume erhalten auch stärkere Abwehrkräfte gegen Krankheitserreger aus dem Boden durch diese Partnerschaft. So sind die Pflanzen besser für Herausforderungen ihrer Umwelt gewappnet, ohne dass mehr potenziell umweltschädigende Stoffe verwendet werden müssen – eine Win-Win-Situation für Pilz sowie Pflanze und ganz im Sinne des »integrierten Pflanzenschutzes«. mit ihren feinen, Hier erklärt Gastautorin Isabella Aberle, warum Pilze auf allen Äckern wachsen solltenalles verbindenden Pilzfäden, den Pflanzen Wasser aus der Luft zugänglich macht«, erklärt de Vries.


Die Versuchsflächen von Gut & Bösel in Brandenburg. In den Mulchrinnen aus gehäckseltem Heckenschnitt hat Renke de Vries Bäume gepflanzt und gesät.

Der Mulch speichert Regen lange und sorgt so dafür, dass der Boden nicht austrocknet, auch wenn es länger nicht regnet.

Die Biomasse zersetzt sich, bildet Humus und nährt die neuen Pflanzen. Auch Eidechsen fühlen sich wohl.

Er probiert das Konzept momentan auf einer Fläche von 3,5 Hektar aus. Reihen mit Obstbäumen und Sträuchern hat er angelegt und weitere Pflanzen gesät, die eventuelle Lücken schließen können. Im freien Raum dazwischen wächst die Viehfutterpflanze Luzerne. »Wir haben gerade erst angefangen, aber der Unterschied ist jetzt schon groß. Der Boden auf diesem Feld ist feucht, während er auf dem Acker ein paar Meter weiter komplett trocken ist«, sagt de Vries.

Der Haken: Diese Art von Bewirtschaftung funktioniert mit großen Maschinen wie Mähdreschern nicht. Deshalb entwickelt Ernst Götsch kleinere, leichtere Maschinen. Die Vision: GPS-gesteuerte Einheiten, die die Arbeit auf dem Feld allein erledigen.

Bis diese Vision für die breite Masse Realität wird, gibt es laut de Vries einige Dinge, die Landwirt:innen sofort und relativ kostengünstig, auch mit ihrem normalen Fuhrpark, umsetzen können, um der Hitze zu begegnen. Sie werden auch in der syntropischen Landwirtschaft genutzt:

  • Untersaaten nutzen: Im Ökolandbau ist es verbreitet, Gräser oder Kleesorten zur Bodenbedeckung zu säen. Vorteil: Der Boden ist nicht nur vor Sonne und damit dem Austrocknen geschützt, sondern er kann auch besser Wasser aufnehmen, wenn es regnet. Untersaat hilft, Humus aufzubauen.
  • Zwischenfrüchte anbauen: Der Boden solle nie unbepflanzt sein, rät Renke de Vries. Die so entstehenden Wurzelkanäle helfen, Regen aufzunehmen und ihn zu speichern.
  • Baumreihen pflanzen: Jede:r Landwirt:in könne relativ kostengünstig Baumsetzlinge in Forstbaumschulen kaufen und damit die großen Ackerflächen immer wieder unterbrechen. Die Bäume halten die Erde fest und schützen trockene Oberflächen vor Wind. Eine einfache Windschutzhecke könne man auf diese Weise bereits relativ günstig anlegen, so de Vries. Hier eignet sich eine Kombination aus schnell wachsenden Gehölzen wie Weiden oder Pappeln und verschiedenen Sträuchern für die untere Schicht. Bäume wie Ahorn und Eiche stellen die Zukunft des Systems langfristig sicher. Hier könnte die Politik eine Veränderung aktiv anstoßen: »Bisher werden Landwirt:innen bestraft, die Bäume pflanzen, denn die Fläche fällt dann aus den Subventionszahlungen heraus«, sagt de Vries.

Das sind Maßnahmen, mit denen Gut & Bösel langfristig arbeiten möchte. Den Hof vollständig auf eine regenerative Bewirtschaftung umzustellen braucht Zeit und kostet Geld. Anfangen könne aber jeder schon jetzt, da ist sich Renke de Vries sicher.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: Linda Loreen Loose - copyright

von Benjamin Fuchs 
Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!
Themen:  Nachhaltigkeit   Klima   Gesellschaft  

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