Kommentar 

Warum es nicht reicht, der Fleischindustrie die Werkverträge zu verbieten

Miserable Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor sind seit Jahren ein Problem. Die Coronakrise deckt diese Missstände jetzt schonungslos auf – und bietet die Chance zum Umdenken.

26. Mai 2020  4 Minuten

Ob Spargel stechen, Wände mauern oder tote Tiere zerlegen: Glaubt man den Erzählungen der Arbeitgeberverbände, ist kaum mehr jemand bereit, solche Arbeiten auszuführen. Welche politischen Folgerungen das Bundeskabinett aus den Coronaausbrüchen in Schlachtbetrieben zieht, kannst du bei der »Tagesschau« nachlesen (2020) Selbst nach den massenhaften Coronainfektionen in den Fleischereibetrieben hält der Verband der Fleischwirtschaft an seiner Erzählung fest: Man könne auf Werkverträge und Subunternehmen nicht verzichten, denn für viele Das sagte die Hauptgeschäftsführerin des »Verbands der Fleischwirtschaft«, Heike Harstick, den Zeitungen der »Funke Mediengruppe« (2020) »manuelle Arbeiten wie in der Fleischwirtschaft fände man keine Arbeitskräfte mehr auf dem deutschen Markt«.

»Die Deutschen« sind sich also zu fein für diese Arbeiten? Das ist an Zynismus kaum zu übertreffen: Die Arbeitsbedingungen in den betroffenen Betrieben sind einfach derart schlecht, dass die Jobs nur noch von Menschen ausgeführt werden, denen keine Alternative bleibt.

»Die Beschäftigten beklagen unregelmäßige Arbeitszeiten, spontan angeordnete Überstunden und Einsatzplanänderungen und generell sehr lange Arbeitszeiten«, berichtet mir Szabolcs Sepsi, der die Hier geht es zur Website der Beratungsstelle Beratungsstelle Faire Mobilität des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Dortmund leitet.

Projekt »Faire Mobilität«

Das Projekt »Faire Mobilität« setzt sich dafür ein, gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer:innen aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchzusetzen.

Er und sein Team beraten besonders auch Arbeitnehmer:innen aus der Fleischbranche, die ihnen täglich aus erster Hand ihre Arbeitsbedingungen schildern. Ihre Jobs bei den Subunternehmen seien unsicher, die Mitarbeiterfluktuation enorm hoch. Am Ende würden dann häufig weniger Stunden abgerechnet, als tatsächlich geleistet wurden. Wer krank werde oder seinen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub wahrnehmen wolle, warte oft vergeblich auf den Lohn.

Bedingungen also, die nur gegenüber Arbeitnehmer:innen aufrechtzuerhalten sind, die ihre Rechte nicht genau kennen. Wer diese doch wahrnehmen will, ist dank der Werkverträge leicht loszuwerden: »Hier gilt nach wie vor: Wer sich wehrt, verliert schnell seinen Job«, sagt Sepsi. Daher begrüßt er die aktuelle Initiative der Bundesregierung zum Verbot von Werkverträgen, wie Gewerkschaften sie schon seit Jahren fordern. Wird diese nicht noch juristisch gekippt, wäre mit dieser Praxis nämlich Schluss: »Die großen Unternehmen könnten dann ihre ›Heuern und Feuern‹-Personalpolitik nicht weiter fortsetzen. Dies würde dann auch dazu führen, dass Massenunterkünfte abgeschafft und eine echte Integration der Menschen in den Kommunen vor Ort stattfinden könnte«, sagt Sepsi.

Szabolcs Sepsi leitet die Beratungsstelle »Faire Mobilität« des DGB in Dortmund. – Quelle: privat

Werkverträge sind nicht das einzige Problem im Niedriglohnsektor

Nun liegt der Ball also im Feld der ohnehin seit Jahren von Skandalen geschüttelten Fleischbranche: Werden sie die neuen Regelungen umsetzen? Oder werden sie doch lieber juristisch dagegen kämpfen, so wie es einige aus der Branche bereits angekündigt haben?

Beim RBB kannst du nachlesen, warum die Geflügelwirtschaft an den Werkverträgen festhalten will (2020) Der Verband der Geflügelwirtschaft etwa hält das Verbot von Werkverträgen für verfassungswidrig, weil es diese auch in anderen Branchen wie der Logistik gebe; andere Interessenverbände wollen nachziehen.

Und das absolut zu Recht.

Schlechte Arbeitsbedingungen wie in der Fleischbranche machen nicht Halt an den Toren der Schlachthöfe. Hier berichtet der DGB Niedersachsen über die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Erntearbeit Auch auf den Feldern, Baustellen und in den Paketzentren der Republik ermöglichen dubiose Verträge oft Hier geht es zu einer Sendung des WDR über Niedriglöhne bei Werkverträgen Dumpinglöhne und Arbeitsbedingungen, von denen sich viele Menschen in Deutschland schlicht nicht vorstellen können, dass sie in ihrer Nachbarschaft herrschen.

Also: Warum nutzen wir die Coronakrise nicht als Chance, um nicht nur die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche zu verbessern, sondern die Zustände für alle Beschäftigen im Niedriglohnsektor anzuheben?

Jetzt alle Werkverträge abzuschaffen wäre der logische Schluss – Die »Tagesschau« gibt Antworten auf Fragen rund um Werkverträge (2020) aber leider zu kurz gedacht. In vielen Fällen ergeben Werkverträge Sinn: Geht es zum Beispiel darum, dass sich ein kleines Unternehmen seine Website von einem Solo-Selbstständigen aufbauen und unterhalten lässt, kann ein Werkvertrag für beide Seiten von Vorteil sein.

Womit nun aber endlich Schluss sein muss: Diese Verträge dazu zu missbrauchen, um reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abzubauen, Lohnkosten zu drücken und Verantwortung gegenüber den Beschäftigten an Subunternehmen abzuschieben – und das gilt nicht nur für die Fleischbranche.

Wenn sich die Bedingungen bessern, haben auch die Unternehmen etwas davon. Davon ist auch Szabolcs Sepsi überzeugt: »Wenn Arbeitgeber feste, sichere und gut bezahlte Jobs schaffen, dann müssen sie auch keinen Arbeitskräftemangel befürchten.«

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Titelbild: picture alliance - copyright

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

Themen:  Gerechtigkeit   Arbeit  

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