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Das kannst du für »Black Lives Matter« sofort tun: ein Selbsttest im »Kritischen Weißsein«

Struktureller Rassismus existiert nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Es ist an der Zeit herauszufinden, was du mit dem rassistischen System zu tun hast und welche Position du darin einnimmst.

9. Juni 2020  5 Minuten

Der Schwarze Der Begriff »Schwarz« ist eine von Schwarzen Akademiker:innen gewählte sozialpolitische Selbstbezeichnung und wird als Adjektiv groß geschrieben. US-Amerikaner George Floyd starb am 25. Mai 2020, weil ihm ein Polizist knapp 9 Minuten sein Knie in den Nacken gepresst hat. Demonstrant:innen in Minneapolis, Chicago oder New York gehen seitdem auf die Barrikaden und auch die internationale Solidarität wird immer lauter, sei es in Madrid, Rom oder Berlin. Die Debatte um Rassismus und Polizeigewalt in den USA bestimmt seither auch die Schlagzeilen in den deutschen Medien und es steht die Frage im Raum: Was können wir für die Bewegung Black Lives Matter Die »Black Lives Matter«-Bewegung gründet auf dem gleichnamigen Hashtag, der unter anderem von der Aktivistin Alicia Garza als Reaktion auf Rassismus und (Polizei-)Gewalt gegen Schwarze initiiert wurde. Auslöser war der Freispruch von George Zimmerman, der im Februar 2012 den afroamerikanischen Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, weil er ihm verdächtig vorkam. Der Protest breitete sich nach dem Freispruch in den sozialen Medien aus und mündete in Demonstrationen in vielen US-amerikanischen Städten. Inzwischen setzt sich die Bewegung auf der ganzen Welt gegen Rassismus und Gewalt gegen PoC ein. tun? Was hat das mit uns zu tun?

Antirassistische Initiativen in Berlin rufen derzeit dazu auf, für Schwarze Organisationen in Minnesota oder die Familie von George Floyd zu spenden. Wenn du aber wirklich langfristig etwas gegen Rassismus Der britische Kulturwissenschaftler Stuart Hall versteht Rassismus als eine Ideologie, die dazu dient, Machtverteilung in der Gesellschaft zu sichern und den Zugang von Menschengruppen zu Ressourcen zu sichern. tun willst, solltest du dir die folgenden Zeilen zu Herzen nehmen: Rassismus gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Um ihn aber als ein System zu überwinden, ist es notwendig, dass du die Geschichte und die Formen des Rassismus in Deutschland verstehen lernst.

Rassismusdebatten in Deutschland drehen sich oft um die Nutzung des »N-Wortes«

Inmitten des Landtags in Mecklenburg-Vorpommern ruft der weiße Der Begriff »weiß« bezeichnet eine gesellschaftlich konstruierte, privilegierte Position und wird als Adjektiv kleingeschrieben. Typisch für die »weiße« Position ist, dass sie unausgesprochen als Norm gesetzt wird. Die Begriffe »Schwarz« und auch »weiß« werden in diesem Artikel in dem Sinne gebraucht, wie Schwarze Akadamiker:innen es etabliert haben. Sie stellen wissenschaftliche Analysekategorien dar, die Forscher:innen zur Beschreibung von rassistischen Strukturen verwenden. In der Tradition des Konstruktivismus verstehen Forscher:innen Rassismus als ein gesellschaftlich konstruiertes System, das ungleiche politische Positionen verursacht. AfD-Politiker Nikolaus Kramer das N-Wort in den Saal. Das »N-Wort« zur Beschreibung einer Schwarzen Person aus einer weißen Perspektive wird als eindeutig rassistisch gewertet und deshalb bewusst nicht ausgeschrieben. Warum, liest du später im Text. Einige Abgeordnete empören sich, doch Kramer wähnt sich im Recht, immer wenn er mit seinem Zwischenruf in die Rede der Linken-Politikerin Karen Larisch grätscht. Aus Unwissen? Wohl kaum, wie Kramer selbst zugibt: Hier findest du das Urteil des Landesverfassungsgerichts zum Vorfall (2019) »Das Wort N. habe ich bewusst gewählt, weil ich mir eben nicht vorschreiben lasse, was hier Schimpfwort sei oder nicht«, erläutert Kramer vor dem Plenum laut Protokoll.

Der Fall löste besonders in der afrodeutschen Community Empörung aus, als das Landesgericht einer Klage Kramers recht gab: Im Dezember 2019 entschied das Gericht, dass die Verwendung des Wortes nicht pauschal zu verurteilen sei, sondern in bestimmten Kontexten erlaubt sei. Hier kannst du das Urteil nachlesen. Der AfD-Mann ging gegen den Ordnungsruf im Anschluss an jene Landtagssitzung an mit der Begründung, dass das von ihm verwendete Wort die vermeintlich »historisch übliche Bezeichnung« für Schwarze Menschen gewesen sei. Kramer verbuchte den gewonnenen Fall als Erfolg für sich und seine Erzählweise.

Natasha A. Kelly ist Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten Kolonialismus und Feminismus. – Quelle: Pablo Bernardo copyright

Für Fachkreise dagegen ist das Urteil ein Fall von institutioneller Diskriminierung. »Dass das N-Wort rassistisch ist, ist wissenschaftlich nicht anzuzweifeln«, sagt die Schwarze Rassismusforscherin Natasha A. Kelly im Interview.

Das Problem an den Debatten ist, dass nicht verstanden wird, was Rassismus ist

Wenn in Deutschland Debatten wie die um das N-Wort geführt werden, liege das Problem vor allem darin, dass nicht verstanden werde, was Rassismus überhaupt ist, sagt Kelly. »Das N-Wort verkörpert den Rassismus. Denn die Einteilung von Menschen in vermeintliche ›Rassen‹ Die UN erklärte den Rassebegriff für obsolet. Laut einer UN-Deklaration vom 27. November 1978 existiert für Theorien, die Unterschiede zwischen Menschen aufgrund von vermeintlichen ›Rassen‹ aufzeigen, keine wissenschaftliche Evidenz. Theorien über vermeintliche ›Rassenunterschiede‹ zwischen Menschen entstanden zunächst während der europäischen Kolonialherrschaft und entwickelten sich im Nationalsozialismus oder der Apartheid weiter. Nach dem Stand der heutigen Wissenschaft existieren zwischen Menschen keine biologisch nachweisbaren ›Rassenunterschiede‹. Deklaration vom 27. November 1978 bekam in dem N-Wort einen Namen«, erläutert die Soziologin. An dem Wort werde deutlich, wie sich die historische und politische Ebene des Rassismus mit der sprachlichen vermischt habe.

Für den Rassismus in Deutschland ist Kelly zufolge aus historischer Perspektive die deutsche Kolonialgeschichte relevant – anders als in den USA. Dieser Abschnitt der deutschen Geschichte sei unsichtbar gemacht worden und das präge somit den strukturellen und institutionellen (Alltags-)Rassismus hierzulande.

In den USA sei das anders gewesen. Dort wurden Afrikaner:innen versklavt und galten nicht als Menschen: »Der überwiegende Teil der Gesellschaft versteht nicht, dass die Schwarzen US-Amerikaner:innen erst Mensch werden mussten«, sagt die Soziologin.

»Das ›N-Wort‹ verkörpert den Rassismus.« – Natasha A. Kelly, Rassismusforscherin

»Weiße Menschen müssen anfangen, sich mit Rassismus zu beschäftigen. Und zwar nicht erst dann, wenn Schwarze betroffen sind«, plädiert Kelly. »Sie müssen Rassismus als systemisches Gebilde verstehen.« Es gibt Kelly zufolge 3 unterschiedliche Dimensionen von Rassismus, mit denen sich emotionale Distanz zum Thema schaffen lässt:

  1. Rassismus ist als ein Phänomen zu begreifen, das in seiner Struktur historisch gewachsen und gesellschaftlich verankert ist.
  2. Diese Strukturen erlernt ein jeder Mensch durch die Sozialisation. Dadurch können rassistische Diskriminierungen oder Handlungen unbewusst passieren.
  3. Es gibt Personen, die kontinuierlich rassistisch handeln und als Rassisten bezeichnet werden können.
Die meisten Schwarzen Menschen seien gezwungen, gibt Kelly zu bedenken, sich im Laufe ihres Lebens mit Rassismus zu beschäftigen. Bei weißen Menschen sei es in der Regel nicht so: Sie können wählen, ob sie sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen oder nicht – und das sei ein Privileg. Weiße Menschen müssten daher lernen zu verstehen, dass sie von rassistischen Strukturen profitieren. Ansätze für tiefere Aufklärung bieten Trainings nach dem Konzept der »Critical Whiteness Studies« (CWS). Darin geht es darum, die Rolle der weißen Position im rassistischen System zu reflektieren. Die »Critical Whiteness Studies« sind eine Forschungsrichtung, die aus der Rassismusforschung im angloamerikanischen Raum heraus entstanden sind. Zentrale Annahme dabei ist es, die Perspektive aus der traditionellen Rassismusforschung umzukehren. Die »Critical Whiteness Studies« richten den Blick vom traditionellen Gegenstand der Rassismusforschung – der Schwarzen diskriminierten Perspektive – hin zur weißen privilegierten Perspektive. Zu Deutsch werden die CWS auch »Kritische Weißseinsforschung« genannt. Für Einsteiger:innen in die Thematik bietet sich folgende Literatur an: »Exit Racism« von Tupoka Ogette.

Selbsttest: Wie bist du im rassistischen System positioniert?

Um Rassismus also zu überwinden, egal ob in Deutschland oder den USA, ist es ratsam, dir über deine eigene Position im rassistischen System bewusst zu werden. Hier kannst du Noah Sows Buch »Deutschland Schwarz weiß« in deine lokale Buchhandlung bestellen Die afrodeutsche Autorin Noah Sow hat in ihrem 2008 erschienenen Buch »Deutschland Schwarz weiß« einen Selbsttest entwickelt, mit der Leser:innen herausfinden können, wie sie im rassistischen System positioniert sind. Ausschlaggebend dafür ist nach Sow der eigene Erfahrungshorizont. Hier eine Auswahl der Fragen für deine kritische Reflexion:

  • Wirst du als Individuum betrachtet und nicht in eine pauschale Gruppe gesteckt?
  • Wirst du als vollwertiges Mitglied der Bevölkerung betrachtet?
  • Wirst du nicht automatisch als »fremd« betrachtet?
  • Musst du dich nicht rechtfertigen, weshalb du in deinem eigenen Land lebst?
  • Darfst du dich und deine Gruppe selbst benennen?
  • Darfst du alle Menschen, die nicht weiß sind, benennen, einteilen und kategorisieren?
  • Darfst du bestimmen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen von Menschen, die nicht weiß sind, relevant sind, selbst wenn diese Menschen gebildet sind?
  • Darfst du aufwachsen, ohne rassistisch beleidigt zu werden?
  • Kannst du ungehindert und unkontrolliert in die ganze Welt reisen?
  • Musst du auf Rassismus nicht reagieren?

Je mehr Fragen eine Person mit Ja beantwortet, desto eher ist sie in einer privilegierten, also weißen Position aufgewachsen – und umgekehrt.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Thuy-An Nguyen 

Thuy-An Nguyen schreibt über die Themen Migration und Interkulturalität. Nicht zuletzt, weil sie selbst als Dauermigrantin quer von Köln über Düsseldorf bis ins Ruhrgebiet gelebt hat. Ihr Masterstudium machte sie auch noch im Fach Interkulturelle Kommunikation und Bildung. Als Journalistin arbeitete sie unter anderem bei der Funke Mediengruppe, Spiegel Online und bei der Deutschen Welle.

Themen:  Deutschland   Gesellschaft  

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