Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

PD Daily 

Die »Corona-Warn-App« ist da: 7 Fragen und Antworten

Was taugt die 20-Millionen-Euro-App?

16. Juni 2020  4 Minuten

Andere Länder haben sie bereits, diese Woche startet sie in Deutschland: Die Corona-Warn-App. Nach monatelanger Entwicklung, Verzögerung und Streit um Datenschutz soll sie nun die Bevölkerung vor Covid19 schützen und eine zweite Welle des Virus unwahrscheinlicher machen.

Deshalb gibt es am heutigen Starttag die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die App:

1. Wer steht hinter der Anwendung?

Die Bundesregierung hat die App in Auftrag gegeben, nachdem ein erster Ansatz unter Leitung des Heinrich-Hertz-Instituts nach Die »Tagesschau« berichtet über die Kritik an der ersten App und das politische Umschwenken (2020) öffentlicher Kritik und Datenschutzbedenken eingestellt wurde. Entwickelt wurde die neue App gemeinsam von der Deutschen Telekom und dem baden-württembergischen Softwarekonzern SAP. Auch das Helmholtz Zentrum für Informationssicherheit CISPA in Saarbrücken sowie die Fraunhofer Gesellschaft mit ihren Instituten haben mitgewirkt. Als Grundlage für die Entwicklung dienten bestimmte Protokolle und Schnittstellen von Apple und Google, Die Konzerne waren deshalb involviert, weil ihre Betriebssysteme auf Smartphones vorinstalliert sind. Insbesondere »Apple« musste bei »iPhones« sogar nachbessern, damit diese Apps ermöglichen, beständig Bluetooth-Signale im Hintergrund zu senden und zu empfangen. Und auch »Google« optimierte den Parallelbetrieb seiner Apps. Die Macher der App erklären auf »Github« ihren Plan und worauf sie sich stützen (englisch, 2020) die jedoch nicht an der Entwicklung direkt beteiligt waren. Herausgegeben wird sie offiziell vom Robert Koch-Institut (RKI). Die Entwicklung hat 20 Millionen Euro gekostet.

2. Wie funktioniert die App?

Natürlich kann eine App nicht verhindern, dass sich jemand mit SARS-CoV-2 ansteckt. Sie kann aber dabei helfen, Infektionsketten nachzuvollziehen. Außerdem soll sie den Zeitraum vom Testergebnis bis zur Benachrichtigung von Kontaktpersonen verkürzen. Dazu zeichnet die App per Bluetooth LE Bluetooth LE steht für eine Bluetooth-Variante mit geringem Stromverbrauch. Die App dürfte daher Smartphones weit weniger belasten als normales aktives Bluetooth. den Kontakt zwischen Personen auf.

Und so funktioniert es mit installierter App:

Tracing statt Tracking

Die App setzt auf »Tracing«, also das Nachverfolgen von einzelnen Kontakten. Die vielkritisierten »Tracking«-Apps anderer Staaten (wie etwa in Korea), die Bewegungsverhalten der Bevölkerung aufzeichnen, funktionieren technisch ganz anders und wären in Deutschland sowieso verboten, weil sie gegen Grundrechte verstoßen.

Hältst du dich länger als 15 Minuten in der Nähe (etwa 2 Meter oder näher) einer Person auf, Die App wertet die Dauer des Kontakts aus und registriert dabei, wie stark das Bluetooth-Signal war. Aus der Signalstärke lässt sich der ungefähre Abstand berechnen. die ebenfalls die App installiert hat, tauschen eure Smartphones Den Unterschied zwischen anonym und pseudonym erklärt »Digitalcourage« hier (2020) pseudonymisierte Identifikationsnummern (IDs) des jeweils anderen Geräts – eine Art digitaler Abdruck des Kontakts. Die technischen Details: Die App sendet rund alle 5 Sekunden stoßweise Nachrichten aus. Alle 5 Minuten scannt sie die Umgebung nach ankommenden Nachrichten. Wenn jemand in der Nähe ist, empfängt die App also Nachrichten und bekommt darin bestimmte Identifikationsnummern – diese werden von jedem Smartphone periodisch ausgewechselt, um anonym zu bleiben. Dabei wichtig: Die Identifikationsnummer ist nur eine Kennzahl, andere Daten werden nicht übertragen. Das heißt, es bleibt unbekannt, welche Person hinter der Kennung steht.

Umstände des Kontaktes (wie der Ort) zeichnet das Smartphone dabei nicht auf. Die Daten werden 14 Tage auf dem Handy gespeichert.

Erkrankst du später an Covid-19, dann sollst du das deiner App melden. Dazu scannst du einen QR-Code von der Stelle ein, die die Erkrankung festgestellt hat, Die QR-Code-Lösung ist noch nicht überall implementiert. Als Zwischenlösung soll eine Hotline bei der »Telekom« helfen, berichtete »Heise« (2020) oder rufst bei einer Hotline der Telekom an.

Das soll Missbrauch verhindern, etwa wenn sich jemand scherzhaft krankmeldet.

Dein Smartphone sendet dann alle Kontakt-IDs an einen zentralen Server (der Telekom). Alle Smartphones mit der App laden von dort regelmäßig die positiven IDs herunter und gleichen sie mit den eigenen Kontakten ab – und warnen bei einem Treffer die Nutzer:innen, dass sie kürzlich mit jemandem Kontakt hatten, der nun erkrankt ist.

3. Wie fehleranfällig ist die App?

Das muss in der Praxis erprobt werden. Es ist das erste Mal, dass die Bluetooth-Technologie für eine solche Anwendung eingesetzt wird. Theoretisch sind Fehler möglich, denn Bluetooth durchdringt auch Wände. Es ist also denkbar, dass die App zum Beispiel Nachbar:innen durch die Wohnungswand oder Menschen in unterschiedlichen Zugabteilen als Kontakt zählt, ohne dass sie echten Kontakt hatten.

Natürlich können Nutzer:innen das Bluetooth am Smartphone auch jederzeit ausstellen, um etwa heimlich illegale Coronapartys zu besuchen. Das kann die Nachverfolgung von Ansteckungswegen verfälschen, ist aber der Preis einer freiwilligen Smartphone-App und kaum anders zu machen.

So sieht die deutsche »Corona-Warn-App« aus. Das Bild stammt von einer von »Chip.de« kompilierten »Preview APK« vor Veröffentlichung. – Quelle: Corona-Warn-App

4. Muss ich die App unbedingt nutzen?

Nein, die App steht freiwillig zum Download bereit. Die Ministerin für Verbraucherschutz Christina Lambrecht (SPD) betonte, dass es keine »Vorzüge oder Belohnungen« für diejenigen geben werde, die die App installieren, oder Nachteile für diejenigen, die das nicht tun. Dennoch sorgen sich Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke, dass letzteres passieren könnte. Auch andere Datenschützer wie das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) sehen das ähnlich und befürchten, dass Restaurants oder öffentliche Gebäude die App als Zugangsbedingung festsetzen. Dagegen ließe sich dann aber juristisch im Sinne der Diskriminierung vorgehen.

»App oder Lockdown?«

Bei einer neuen Welle könnte die Bundesregierung der Bevölkerung theoretisch vermitteln, dass sie auf stärkere Maßnahmen verzichtet, wenn möglichst viele die App nutzen. Das wäre ein starker Anreiz, der zu starkem Gruppendruck und Diskriminierung derer führen könnte, die sie nicht installieren wollen.

5. Wie geht die App mit deinen Daten um?

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber, der sonst kaum Skrupel vor Kritik hat, Ulrich Kelber spricht in der »Zeit« von seiner Einschätzung der App (2020) lobte die Corona-App als »datenschutzfreundliche Lösung«.

Die App erfüllt die Richtlinien der DSGVO und sendet und speichert Daten nur verschlüsselt. Anders als zum Beispiel in der französischen App werden die Daten hierzulande auch nicht zentral gespeichert, sondern nur bei einer bestätigten Infektion gesendet. Auch politische Netzexpertinnen der Opposition wie Die Meldung des »TÜV Informationstechnik« bei der »Deutschen Presseagentur«, hier im Bericht bei »T3N« (2020) Anke Domscheit-Berg von der Partei Die Linke sehen aktuell keine Datenschutzbedenken. Der TÜV Informationstechnik Die Aussagen des »TÜV Informationstechnik« über die »Corona-Warn-App« im Bericht bei »T3N« (2020) hält die App aktuell für »stabil und sicher«, hätte nur gern mehr Zeit zum Testen gehabt.

Kurzum: Eine überneugierige Überwachungs-App sieht anders aus.

Allerdings könnte ausgerechnet die zugrunde liegende Technik, Hier eine aktuelle Bluetooth-Schwachstelle, die ein Risiko für Smartphonebesitzer sein könnte (englisch, 2020) sowohl Bluetooth als auch die von Google und Apple bereitgestellten Schnittstellen, theoretisch empfindlich für gezielte Angriffe sein. Die Studie der Technischen Universität Darmstadt, der Universität Marburg und der Universität Würzburg warnt generell vor Corona-Apps (englisch, 2020) Davor warnten etwa deutsche Wissenschaftler:innen in einer Studie. Dafür wäre aber viel Zeit und Geldaufwand nötig.

6. Wie gut ist die App gemacht?

Wie es scheint: recht gut. Die erste Dokumentation der »Corona-Warn-App« bei »Github« (2020) Der Code der App kann als Open Source samt Dokumentation öffentlich eingesehen werden. Und genau das tun bereits einige Wissenschaftler:innen Der Algorithmus- und IT-Experte Wolfgang Mühlbauer der Technischen Hochschule Rosenheim im Gespräch mit »OVB-Online« (2020) sowie IT-Expert:innen und bestätigen die Ausrichtung auf Sicherheit und Datenschutz. Die Entwickler:innen Anfang Juni kritisierte der Datenschützer und Kommunikationsdesigner Alvar C.H. Freude die App auf »Twitter« und half damit bei der Nachbesserung (2020) reagierten auch auf Kritik von Programmierer:innen und arbeiten weiter daran, die Datenbanken der App sicher gegen mögliche Angriffe zu machen.

Die »Zeit« gibt Ende Mai die »Telekom«-Meldung über 65.000 Expert:innen weiter (2020) Die von manchen Zeitungen wiedergegebene Meldung der Telekom, 65.000 Software-Entwicker:innen hätten die App bereits überprüft, ist aber eine klassische Falschmeldung. Bei der Zahl handelt es sich nur um alle eindeutig identifizierbaren Besucher der Entwicklerwebsite auf »Github«. Was die Besucher dann machten und ob sie überhaupt etwas überprüft haben, ist genauso unklar wie ihre Fachkompetenz. Tatsächlich gab es nur 285 Verbesserungsvorschläge, was »Netzpolitik« hier aufklärt.

Für zukünftige Viren gewappnet

Die »Corona-Warn-App« muss nicht nur für Corona wirken. Die bestehende Infrastruktur könnte leicht auf andere Krankheiten übertragen werden und das App-Melde-System damit zu einem festen Bestandteil der Seuchenprävention werden; vorausgesetzt die App wird in Deutschland gut angenommen.

7. Hilft die App denn wirklich?

Das kann noch niemand sagen. In diesem Interview zeigt sich Dirk Brockmann vom »Robert Koch-Institut« (RKI) skeptisch gegenüber »Corona-Tracing« Manche Forscher:innen sind grundsätzlich skeptisch, ob die App Wirkung zeigt. Die Entwickler:innen gehen davon aus, dass die App am besten dann funktioniert, wenn über 60% der Deutschen sie nutzen – Die »Süddeutsche Zeitung« berichtet über die Untersuchung des »Nürnberg-Instituts für Marktentscheidungen« (2020) nach Umfragen wären auch 53–69% der Deutschen dazu bereit.

Doch nicht alle Menschen hierzulande, darauf weist etwa der Verein Digitalcourage hin, »Digitalcourage« kritisiert Aspekte der »Corona-Warn-App« (2020) besitzen die passenden Smartphones, die mit Bluetooth LE die technischen Voraussetzungen haben. Vor allem unter den Risikogruppen der Senior:innen dürften hier große Lücken sein. Der Verein kritisiert auch, dass sich Menschen durch die App in falscher Sicherheit wiegen könnten.

Allerdings ist die 60%-Zahl auch kein fester Richtwert. Sie stammt aus Die Oxford-Studie zur Wirksamkeit von Corona-Apps bei »Github« (englisch, 2020) einer vielzitierten Oxford-Studie, deren Macher:innen sich aber missverstanden fühlen und mit einer klaren Ansage nun zu Wort meldeten: Die Macher der Oxford-Studie korrigieren deren öffentliche Wahrnehmung im Gespräch mit »Heise« (2020) »Wir schätzen, dass für alle 1–2 Nutzer eine Neuinfektion vermieden wird.«

Die Corona-Warn-App ist vor allem eine weitere (und noch unerprobte) Maßnahme, die zusammen mit Hygienebewusstsein, Maskenpflicht und Abstandsregeln das Fortschreiten der noch immer aktuellen Pandemie bis zum Impfstoff verlangsamen kann.

Wirst du sie installieren? Schreibe es mir in den Diskussionen.

Da die Justizministerin aktuell vor Nachahmer-Apps warnt, gibt es hier die Links zum Download der echten App:
im Google PlayStore für Android Geräte
Im AppleStore für iPhones

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Titelbild: Daria Nepriakhina - CC0

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich