Terror ohne Anführer: So funktioniert moderne Radikalisierung von rechts

Wie wird aus einem »Normalo« ein Attentäter? Was haben Anschläge mit Stochastik zu tun? Lerne mit diesem Text eine neue Form des Terrors kennen und verstehe, was wir dagegen tun können.

22. Juni 2020  12 Minuten

Hildesheim in Niedersachsen, Deutschland, 2020: Als die Polizei in die Wohnung eines 21-jährigen Mannes eindringt, findet sie Waffen, mit denen er seine Drohungen im Internet wahr machen wollte. Sein Ziel war es, viele Muslime zu ermorden und damit internationale Aufmerksamkeit zu erregen. Der NDR berichtet über den geplanten Anschlag des Hildesheimers (2020)Auf Datenträgern finden die Polizisten rechtsextreme Inhalte.

Einbeck in Niedersachsen, Deutschland, 2020: Es ist tief in der Nacht, als ein Sprengsatz frühzeitig hochgeht und einen stadtbekannten Neonazi an der Hand verletzt. Ziel seines geplanten Anschlags war eine »linke Aktivistin«, die wohl Glück hat, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der ganze Vorfall des Briefkastenattentatsversuchs im Bericht bei der »Taz« (2020)Trümmer ihres Briefkastens flogen mehrere Meter weit in die Wohnung.

Die Täter sind nur ein paar der vielen, die in den vergangenen Jahren rechtextreme Terroranschläge geplant oder ausgeführt haben: Christchurch, Hanau, NSU, Halle – die Liste ist erschreckend lang und immer wieder ist die Gesellschaft entsetzt und überrascht. Die Täter:innen haben auf den ersten Blick keine Verbindung zueinander – Die »Deutsche Welle« hat hier eine Chronologie der rechten Gewalt in Deutschland zusammengestellt (2020)für viele Medien sind sie oft verwirrte Einzeltäter:innen, »einsame Wölfe«, die ohne Befehl zu Gewalt greifen.

Doch rechter Terror passiert nicht »einfach nur so«. Hinter den Taten stecken eine gemeinsame Gedankenwelt und dahinter ein System der Radikalisierung, das mittlerweile international aufgestellt ist und tief in den Mainstream vordringt.

Um den Terror von rechts zu beenden, müssen wir dringend anfangen, ihn zu verstehen. Dieser Text ist ein Versuch dazu.

Was Stochastik mit Terrorismus zu tun hat

Was hinter den Tätern von Hildesheim, Einbeck oder Halle steht, ist eine recht neue Form des Terrorismus, die etwas mit einem erst mal langweilig klingenden Begriff zu tun hat: Stochastik.

Stochastik

Stochastik ist ein Teilgebiet der Mathematik, das Wahrscheinlichkeiten und Statistiken behandelt. Vereinfacht gesagt geht es bei Stochastik darum, zu ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Ereignisse eintreffen – vom Münzwurf über Meinungsumfragen bis zum Lottogewinn.

Beim »stochastischen Terrorismus« gibt es keine klassischen Terrorzellen mehr, keine geheimen Untergrundgruppen mit Ausbildungscamps, die sich auf gemeinsame Anschläge vorbereiten. Die Recherchen der »New York Times« bringen es auf den Punkt: »There are no lone wolves« (englisch, 2019, Paywall)Stattdessen arbeitet dieser neue Terrorismus mit Ideologien, Followern, Influencern und eigenen Medien. Über diese Kanäle werden Menschen so weit radikalisiert, bis irgendwann, irgendwo, irgendwer einen Anschlag verübt. Anders gesagt: Die Radikalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit für Gewalt ohne direkten Befehl dazu.

Dabei hat stochastischer Terrorismus für Terroristen klare Vorteile:

  • Die klassische Terrorabwehr hat es schwer, diese Gewalt zu verhindern oder vorherzusagen, da es keine klaren Netzwerke verbundener Personen mehr gibt.
  • Die Demagog:innen im Hintergrund, die ihre politischen Ansichten durch Terrorakte durchsetzen wollen, sind rechtlich kaum zu belangen, da sie keine direkten Anweisungen geben und alles abstreiten können.
  • Dabei verstärkt sich die Maschinerie selbst: Jeder neue Anschlag erhöht die Wahrscheinlichkeit für weiteren Terror, denn Gewaltbereite nehmen sich vorhergegangene Taten zum Vorbild und glorifizieren diese. So bewunderte der 21-Jährige aus Hildesheim etwa den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik.
  • Und stochastischer Terrorismus wirkt doppelt: Durch Hasskampagnen als Teil der Radikalisierung und die immer wieder medial berichtete Gewalt verändert sich langsam das gesellschaftliche Klima. Wer gegen Rechtsextremismus vorgeht, soll Angst haben, das Ziel von Anschlägen zu werden, wie die Aktivistin aus Einbeck. Menschen durch Angst gefügig zu machen ist immer das Ziel von Terror.

Die Mechanismen dahinter werden erst langsam immer klarer und erhalten erst seit diesem Jahr mediale Aufmerksamkeit. Die Journalistin und Extremismusexpertin Karolin Schwarz recherchierte »Hasskrieger – der neue globale Rechtsextremismus« von Karolin Schwarz bei »Buch7«etwa für ihr Buch Hasskrieger, dass lose Netzwerke und einkalkulierte Gewalt einen zentralen Platz haben in rechtsextremistischen Strategiepapieren, Büchern und Manifesten. Stochastischer Terrorismus ist damit ein bewusst eingesetztes Instrument des heutigen globalen Rechtsextremismus.

Auch die Bundesregierung beschäftigt sich seit den Anschlägen in Halle und Hanau verstärkt mit dem Phänomen und bestätigt, es gebe Deutscher Bundestag, Drucksache 19/17630, Antwort auf die Anfrage des FDP-Abgeordneten Konstantin Kuhle, Frage 26 (2020, PDF)»im extremistischen Spektrum durchaus Versuche, z. B. über die Bereitstellung von Handlungsanleitungen zu Attentaten/Anschlägen, Menschen zu entsprechenden terroristischen Attacken zu motivieren.«

Doch ein Phänomen zu benennen reicht noch nicht, um es zu verstehen. Wie wird ein Normalo radikalisiert? Wer sind die Demagog:innen dahinter? Wo beginnt das alles?

Wir müssen tiefer graben.

Humor als Einstiegspunkt – die Facetten der Radikalisierung im Netz

Die Idee von stochastischem Terrorismus ist provokant. Denn sie zieht eine direkte Verbindung zwischen extremen Punkten der Radikalisierung im Internet, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassen wollen: vom Humor zum Terror.

Wer nur diese beiden Punkte direkt nebeneinanderstellt, wird wenig Gemeinsamkeiten finden. Doch Radikalisierung, das weiß die Forschung mittlerweile, ist ein längerer Prozess – Ein Paper zur Erklärung der »Pyramid of Hate« im Sinne religiöser Gewalt im »Journal of Business Ethics« (2020)den man sich als Pyramide vorstellen kann. Sie wird als »Pyramid of Hate« etwa von der US-amerikanischen Anti-Defamation League oder der USC Shoah Foundation verwendet, die antisemitische Gewalt untersucht und darüber aufklärt.

Die Pyramide zeigt Zusammenhänge auf: So liegt unter der handfesten Gewalt etwa die sprachliche Gewalt. Anders gesagt: Es fällt leichter, jemanden zu verletzen, wenn dieser vorher beleidigt wurde. Der Zusammenhang zwischen Sprache und Gewalt im Forschungsüberblick bei »Spektrum« (2019)Und es fällt leichter, jemanden zu beleidigen, wenn über dessen Gruppe bereits Witze gemacht wurden.

Und gewisse Vorannahmen haben wir alle. Wir sind aufgewachsen und sozialisiert in einer sexistischen und rassistischen Gesellschaft. Wir alle stehen also auf der untersten Stufe der Pyramide.

Deshalb kann Humor auch tatsächlich als ein Werkzeug im Sinne der Radikalisierung missbraucht werden: Er kann Vorurteile verharmlosen und Menschen dazu bringen, diese offen auszusprechen und mit gewaltsamer Sprache und den darin transportierten Denkmustern und Emotionen zu spielen.

So wirkt rassistischer Humor

Ein rassistischer Witz hat nur 2 Reaktionen: Entweder man widerspricht dem Witzeerzähler und äußert sich politisch – was zum Konflikt führen kann. Oder man geht darüber hinweg und lacht einfach mit – womit man die Gruppenzugehörigkeit bestätigt. Letzteres ist intuitiver, denn Menschen wollen in sozialen Situationen vor allem Verbindungen mit anderen Menschen schaffen und keine »Spielverderber:innen« sein. Wer über den ersten Witz gelacht hat, wird wahrscheinlicher auch über den zweiten, etwas radikaleren Witz lachen.

Und genau hier kommt das Internet ins Spiel, denn dort hat der heutige Rechtsextremismus optimale Bedingungen, missbräuchlichen Humor zu verbreiten – und zwar über Memes. Diese vermeintlich witzigen oder ironischen Bilder (teilweise mit Beschriftungen) werden im Netz 1000-fach geteilt. Rechtsextreme arbeiten deshalb aktiv daran, sie zu prägen oder bestehende Memes zu kapern.

Rechtsextreme Witze und Memes erscheinen vielen Menschen (die nicht von ihnen betroffen sind) als harmlos. Doch es geht hier weder um Ironie noch um das Provozieren von »Überempfindlichen« oder die Verteidigung der Meinungsfreiheit. Es geht – ganz im Sinn des stochastischen Terrorismus – um eine Vorbereitung der nächsten Stufen der Pyramide. Indem Die »Süddeutsche Zeitung« erklärt die Theorie des »Overton-Fensters« (2018)Hass auf diese Weise sichtbar und normalisiert wird, erscheint der Schritt zu Drohungen oder Mobbing weniger radikal.

Das alles ist auch kein Geheimnis. Rechtsextreme Demagog:innen wie Donald Trumps Ex-Berater Steve Bannon schreiben offen in ihren Büchern darüber, wie sie über diese Methoden auf kurze Sicht erst mal Chaos und gesellschaftliche Radikalisierung stiften wollen, um mittelfristig den Diskurs zu zerstören und auf lange Sicht ihr politisches Ziel zu erreichen: die Vorherrschaft »der weißen Rasse«. Das politische Ziel rechtsextremer Demagog:innen ist »White Supremacy«, also die globale Dominanz einer willkürlichen Gruppe von Menschen mit heller Hautfarbe.

Wir sollten ihnen einfach glauben, was sie schreiben.

Ein Beispiel für radikalisierende Memes: Die »Pepe the Frog«-Figur (links) stammt eigentlich aus dem Webcomic des Zeichners Matt Furie. Sie wurde seit 2008 aber verstärkt von Rechtsextremen verwendet, die der eigentlich harmlosen Comicfigur rechtsextreme Attribute verliehen. Während der US-Präsidentschaftswahl 2016 nutzte die Alt-Right (die US-amerikanische Bewegung der »alternativen Rechten«) das Meme für Präsident Donald Trump (Mitte). Heute gilt es als rassistisches Hasssymbol und Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene im Netz (rechts). –

Wie geht es weiter von Memes zu Gewalt? Die rote und die schwarze Pille

In den Büchern der Demagog:innen finden sich auch die Versatzstücke, Vokabeln und Narrative der weiteren Stufen der Pyramide auf dem Weg zu Terror und Gewalt: etwa die »Opferrolle des weißen Mannes«.

»Widerlegt uns doch!« Der Haken beim Marktplatz der Ideen

Rechtsextreme beharren gern darauf, dass alle Ideen im Wettstreit miteinander stehen und zunächst »neutral« diskutiert werden müssten. Doch rechte Ideologie ist weder kohärent noch logisch, sondern emotional. Sie lässt sich auch nicht logisch widerlegen. Indem dies eingefordert wird und sich Menschen daran abarbeiten, ändern sie wenig und helfen im schlimmsten Fall Rechtsextremen dabei, ihre emotionalen Botschaften zu verbreiten.

Dessen Identität werde von einer »Multikulti-Gesellschaft« angegriffen, die den Status quo bedroht, indem sie Frauen und Minderheiten immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Die US-Filmemacherin Deeyah Khan unterhielt sich rund um die Charlottesville-Proteste mit rechtsextremen Vordenkern und beleuchtete deren Weltbild (englisch, Youtube)Was im Sinne der Gleichstellung nur logisch und gerecht ist, wird aus dieser Perspektive zu Untergangsszenarien stilisiert.

Im Internet entstehen aus und mit diesen Versatzstücken ganze Subkulturen, die die Radikalisierung weitertreiben: In verborgenen Chatgruppen, Foren oder gar offen unter Hashtags in den sozialen Medien gruppieren sich Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl erklärt, wie die extreme Rechte die Coronakrise für sich nutzen will und was »QAnon« istVerschwörungsideologien wie QAnon Der »Tagesspiegel« zeigt die Verbindung von Frauenhass, Pick-up-Artists und Rechtsradikalismus auf (2019)oder die Frauenhasser der Incel-Subkultur – deren Ideen sich etwa im Manifest des Terroristen Andreas Breivik wiederfinden.

Disclaimer: An dieser Stelle sollen nicht rechtsextremistische Verschwörungstheorien verbreitet werden. Ein kurzer Einblick in diese bizarre Subkultur im Internet ist dennoch hilfreich, um die Mechanismen zu verstehen, die aus Vorurteilen Hass werden lassen und diesen Hass in Handlungsimpulse umsetzen.

Incel steht dabei für »involuntary celibate« (auf Deutsch: »unfreiwilliges Zölibat«). Dahinter verbirgt sich die Idee, dass manche Männer ungewollt Single sind, ohne dafür selbst etwas zu können – etwa weil ihre physischen Merkmale wie Knochenbau oder Gesichtsform unattraktiv für Frauen seien. Das Frauenbild der Incels ähnelt dabei dem der sogenannten »Pick-up-Artists« Unter Pick-up-Artists versteht man Personen, die Anleitungen darüber verfassen, wie man Frauen »rumkriegt«. Diese Anleitungen sind fast immer oberflächlich, behaupten psychologische Tricks zu nutzen und strotzen nur so vor Sexismus. und ist eindeutig frauenfeindlich: Diese seien triebgesteuert und oberflächlich.

»Rechtsextreme Versatzstücke in der Incel-Kultur: Der angeblich arme weiße Mann als Opfer widriger Umstände.«

Die Incel-Ideologie zieht vor allem unsichere und einsame Jungs und Männer an, die online nach Unterstützung suchen. Sie finden sie in Onlineforen unter Gleichgesinnten – Der »Youtube«-Kanal »Contra Points« erklärt die Abgründe und Vokabeln der Incel. Szene (englisch, 2018)doch diese reproduzieren ihre sexistischen Vorurteile und verstärken beim gegenseitigen Bemitleiden das Gefühl von Hilflosigkeit. Mit starker Eingeschworenheit und paranoiden Denkweisen ähneln Incels einer Sekte – der Beitritt wird als »Red Pilling« bezeichnet. Die »rote Pille« ist eine Anspielung auf den Science-Fiction-Film »The Matrix«, in welchem dem Protagonisten Neo 2 Pillen angeboten werden: eine rote und eine blaue. Rot steht dabei für eine unbequeme Wahrheit, bei der es kein Zurück mehr gibt. Der Begriff ist in mehreren Bereichen des Rechtsextremismus und seinen Ideologien sowie Subkulturen verbreitet und meint meist einen »Aha-Moment«, in welchem Menschen sich dazu entschließen, den Ideologien zu folgen.

Dazu vermittelt die Incel-Kultur vor allem auch Hoffnungslosigkeit. Da die angebliche Ursache für die Enthaltsamkeit (und damit Einsamkeit) genetisch ist, lautet die Botschaft: Nichts wird sich für dich jemals ändern. Diese radikalere Stufe der Ideologie nennt sich »Black Pilling« und ihre Botschaft ist fatal: Wenn es keine Hoffnung gibt, bleibt nur, sich selbst das Leben zu nehmen – oder anderen.

Ein weiteres Meme der radikalisierenden Subkulturen: Wer versucht etwas in der Gesellschaft zu bewegen, ist ein »Clown«. Hier ein Bild aus dem Kinofilm »Joker«, in dem der fiktive Clown Arthur Fleck an einer grausamen Gesellschaft scheitert – und am Ende für eine gewaltsame Revolution verantwortlich ist. – Quelle: Warner Bros

Und genau hier kommen – ganz im Sinne der Radikalisierung hin zur rechtsextremen Gewalt – neue fixe Ideen ins Spiel: Etwa dass Einwanderer ihnen die »Frauen wegnehmen« würden, bei denen sie überhaupt noch Chancen gehabt hätten. Oder dass die Juden (durch den US-Investor George Soros) diese Immigration gezielt steuern, um den weißen Mann zu schwächen. Es ist interessant und auffällig, wie viele dieser Verschwörungsmythen im Kern einer solchen Radikalisierung klar antisemitisch sind.

Ideologische Isolation als Instrument

Anders als zum Beispiel Sekten fordern radikalisierende Communities wie die »Incels« nicht explizit dazu auf, Kontakte zu Familie und Freunden abzubrechen. Doch sie greifen anderslautende Positionen oder marginalisierte Menschen so lange an, bis ihre Vertreter:innen die Community freiwillig verlassen. So begegnet man in diesen Communities zum Beispiel nie direkt Argumenten von Feministinnen oder Linken, sondern immer nur Karikaturen von ihnen, die mutwillig so verzerrt sind, dass man sie gar nicht ernst nehmen kann. So fällt es leichter, sie als Feindbild zu missbrauchen.

Hier verschieben sich Selbsthass und Frauenhass zu Fremdenhass auf einen neuen Schuldigen. Und die Handlungsanweisung scheint klar und drängend – ohne dass jemand einen Befehl zur Gewalttat gibt.

Radikalisierung durchbrechen: So machen wir Taten weniger wahrscheinlich

An dieser Stelle sollten wir festhalten, dass all dies keine:n Täter:in entschuldigt. Der Prozess der Radikalisierung mag durch Subkulturen und Demagog:innen in Bahnen gelenkt werden. Doch es ist immer noch die Entscheidung jeder einzelnen Person, die nächsten Stufen der Pyramide zu erklimmen. Täter:innen sind keine armen Opfer einer automatischen Radikalisierungsmaschine im Internet – sie sind schuldig. Stochastischen Terrorismus zu verstehen macht ihre Gewalt und ihre Radikalisierung nur greifbarer und gibt Ansätze, präventiv zu wirken.

Denn diese neue Form des Terrorismus führt staatliche Terrorabwehr an ihre Grenzen. Es braucht daher neue Mittel, dem zu begegnen. Das könnten Elemente einer modernen Terrorabwehr sein:

  • Extremist:innen die Megafone abstellen: Moderne Radikalisierung passiert vor allem im Internet. Doch Foren und sozialen Medien mit dem Ruf nach »mehr Kontrolle im Netz« oder »Klarnamen für alle« die Schuld zuzuschieben, greift zu kurz. Es sind schließlich genau diese Kommunikationskanäle, die in autokratischen Staaten demokratischen Widerstand ermöglichen. Doch Unternehmen wie Twitter, Facebook und Co. haben keine Pflicht, Extremist:innen und Demagog:innen eine Plattform zu Tausenden Menschen zu bieten – sie hätten eher eine gesellschaftliche Verantwortung, das nicht zu tun. Auch Massenmedien sollten dringend reflektieren, wo sie in jeder noch so menschenfeindlichen Frage »alle Seiten hören« müssen oder wann sie auf Provokationen hereinfallen.
  • Aufklärungsarbeit leisten: Der Verfassungsschutz ist nicht die Instanz, die die Radikalisierung Einzelner unterbrechen kann. Die ganze Gesellschaft ist gefragt. Hier kann Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung gegenüber radikaler Sprache und Memes dabei helfen, radikale Tendenzen früher zu erkennen und Unterwanderungen in zentralen Institutionen unserer Gesellschaft aufzudecken. Das ist besonders wichtig für die Armee, Behörden, Polizei oder Lehrer:innen.
  • Betroffenen mehr Raum geben: Nichts schadet Radikalisierung mehr, als Opfern zuzuhören. Das können Opfer sein, die Gewalt durch Terror erfahren haben – und damit die Auswirkungen dessen zeigen, worauf stochastischer Terrorismus hinarbeitet; oder aber die Opfer struktureller Benachteiligung. Zu zeigen, wie ungerecht die Gesellschaft noch immer gegenüber Gruppen wie Homosexuellen, Muslimen oder Frauen ist, kratzt direkt am Opfermythos des angeblich »bedrohten weißen Mannes«, der so zentral für diese Radikalisierung ist. Auch Menschen am Anfang der rechten Radikalisierung, die Stimmen von Minderheiten nie direkt hören und nur als Karikatur kennen, werden so besser mit der Realität konfrontiert.
  • Gesellschaftliche Selbstwirksamkeit stärken: Anfällig für radikalisierende Erzählungen, Subkulturen und Ideologien – das weiß die Forschung mittlerweile – sind vor allem junge Männer in einer schwierigen Lebenssituation. Sie empfinden einen tiefen Kontrollverlust. Ein wirksames Mittel kann es deshalb sein, Menschen mehr Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen – zum Beispiel an Schulen mit mehr Schüler:innenbeteiligung, ausgelosten Bürgerräten oder übergreifenden Demokratieprojekten. Dazu müssen natürlich auch diejenigen, die bisher die Macht haben (etwa Lehrer:innen oder Politiker:innen), ein wenig davon abgeben.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Marina Weisband 
Marina Weisband ist Psychologin, Politikerin und Jüdin. Sie war von Mai 2011 bis April 2012 politische Geschäftsführerin und Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschland. Seit 2018 arbeitet sie politisch für Bündnis90/die Grünen. Hauptberuflich leitet sie ein Projekt zur digitalen Demokratiebildung.
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