Wir alle empfinden Neid. Ist das so schlimm?

Etwas zu wollen, was andere haben, ist menschlich. Wenn wir das anerkennen, kann Neid konstruktive Kraft entfalten.

25. Juni 2020  –  10 Minuten

»Du bist doch nur neidisch!« – Wie fühlst du dich, wenn dir das jemand vorwirft? Vielleicht ungerecht behandelt, vielleicht schämst du dich ein bisschen, wenn du erkennst, dass dein Gegenüber recht hat. Mit ziemlicher Sicherheit fühlst du dich nicht besonders gut. Denn »Neid« ist ein durch und durch negativ behaftetes Gefühl.

Das negative Image, das Neid anhaftet, zeigt sich schon im Sprachgebrauch: Einzelne werden davon »zerfressen«, ganze Gesellschaften dadurch »zersetzt«.

In der christlichen Religion ist »Neid« sogar in unzähligen Krimis und realen Kriminalgeschichten gar der Auslöser für Morde. Schlimmer geht es also kaum.

Dass Neid ein Gefühl mit derart schlechtem Ruf ist, hat Folgen: Wird über soziale Ungleichheit diskutiert und darüber, dass der vermögende Teil der Gesellschaft mehr Steuern zahlen könnte, kommt es nicht selten vor, dass die Diskussion mit dem Label abgewürgt wird. Die Bezeichnung legt nahe: Wer selbst nicht so gut dasteht – etwa finanziell –, will den Bessergestellten etwas wegnehmen. Und zwar einfach, weil er oder sie neidisch ist und den Reichen ihren Erfolg missgönnt – und über ein Gefühl so abgrundschlecht wie Neid muss gar nicht erst diskutiert werden.

Dabei wohnt dem Neid nicht nur zerstörerische Kraft inne, er hat auch viel konstruktives Potenzial. Um das zu erkennen, müssen wir das Gefühl jedoch besser verstehen lernen. 3 Erkenntnisse können dabei helfen:

Erkenntnis 1: Wir können nicht anders, als uns mit anderen zu vergleichen

Dass Menschen überhaupt Neid empfinden, hängt vor allem eng damit zusammen, dass wir uns ständig mit anderen vergleichen – ob wir es wollen oder nicht. Jede Bewertung, die wir treffen, geht mit einem Vergleich einher: egal ob es dabei um Umweltbewusstsein, Ernährung, Sport oder etwas ganz anderes geht. Wer etwa sagt »Ich kann schnell laufen«, der kann das nur, weil es andere Läufer gibt, mit denen er sich vergleichen kann.

Freiwillig kleinere Brötchen (oder Törtchen) backen ist für Menschen undenkbar. Warum können wir nicht anders, als uns ständig zu vergleichen? – Illustration: Mirella Kahnert

»Es gibt kaum etwas, bei dem wir uns nicht mit anderen vergleichen«, sagt der Sozialpsychologe Jan Crusius, der sich seit Jahren in seiner Forschung mit dem Thema Neid auseinandersetzt. Hinter dieser Erkenntnis steht die »Theorie des mit der sich die Sozialpsychologie schon seit den 1950er-Jahren auseinandersetzt – und die sie bis heute immer weiterentwickelt.

Der Sozialpsychologe Jan Crusius lehrt und forscht an der Universität Köln. Sein Profil und mehr zu seiner Arbeit findest du hier.

Bildquelle: Jan Crusius

Die Tatsache, dass wir uns ständig vergleichen, erklärt allerdings noch nicht, warum wir dies tun – und vor allem nicht, warum wir Neid empfinden, wenn wir feststellen, dass jemand anderes etwas hat, was wir (anscheinend) ebenfalls gern hätten.

Unser Hang dazu, uns an anderen zu messen, habe durchaus einen Zweck, sagt Sozialpsychologin Katja Corcoran. Auch sie forscht schon lange zu den Themen Neid und sozialer Vergleich. »Das Sinnvolle am Vergleichen ist, dass es uns wichtige Informationen zur Verfügung stellt«, sagt Corcoran.

Wir fragen uns unbewusst: Was können andere, was ich nicht kann? Was haben andere, was ich nicht habe? Dieser Vergleich enthält eine relative Statusinformation. Und diese Information ist wichtig für uns, weil wir in sozialen Gruppen leben. Wir müssen wissen, wo wir stehen, damit wir sinnvoll in der Gruppe agieren können.Katja Corcoran, Sozialpsychologin

Derartige Vergleiche können in verschiedene Richtungen ablaufen: Manchmal vergleichen wir uns mit Menschen, die mehr haben als wir, ein anderes Mal mit Menschen, die weniger haben. Und während ein Abwärtsvergleich eher dazu führen kann, löst der Aufwärtsvergleich vielleicht dieses kleine stechende Gefühl in der Magengegend aus, das wir Neid nennen.

Katja Corcoran lehrt und forscht an der Universität Graz. Hier findest du das Profil der Sozialpsychologin und mehr zu ihrer Arbeit.

Bildquelle: Thomas Corcoran

Egal ob wir uns nach oben oder unten vergleichen: Meist messen wir uns an den Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie wir selbst. »Das liefert die größte Informationsdichte, weil wir es leicht auf unsere Situation übertragen können«, sagt Jan Crusius.

Ich würde mich nicht mit einem Weltrekordler oder Olympiasportler vergleichen, sondern mit jemandem, der ein ähnliches Training und ähnlichen Status hat wie ich.Jan Crusius, Sozialpsychologe

Nicht jeder Vergleich geht dabei automatisch mit einem Gefühl von Neid einher. Wir sind vor allem dann neidisch, wenn es um Dinge geht, die uns wichtig sind: Leistung, Sport oder Besitztum zum Beispiel. Versetzt uns das Gefühl von Neid einen Stich, können wir darauf auf 2 verschiedene Arten reagieren. Und genau hier zeigt sich, dass Neid nicht unbedingt schädlich sein muss.

Erkenntnis 2: Neid ist mehr als nur Missgunst

Ein aktueller Ansatz der Neidforschung ist, dass Neid nicht ein einzelnes, sondern gutartigen und bösartigen Neid – und je nachdem, welche der beiden Formen wir empfinden, reagieren wir:

  1. Wir empfinden gutartigen Neid und versuchen, das zu erreichen, was wir haben wollen – etwa indem wir jemandem nacheifern, der beruflich schon das erreicht hat, was wir uns selbst wünschen würden. Neid ist dabei in der Lage, uns zu Höchstleistungen anzuspornen – mehr noch, als bloße Bewunderung für eine Leistung das könnte. Trotzdem ist diese Neidform nicht automatisch gut: Denn nacheifern kann ebenso bedeuten, viele Dinge anzuhäufen, die wir nicht brauchen – oder ein ungesundes Schönheitsideal zu verfolgen.
  2. Wir empfinden bösartigen Neid und versuchen, dem anderen das wegzunehmen, was wir begehren, um uns auf das gleiche Level zu heben. Das ist nicht immer so schlecht, wie es sich anhört: Denn besteht eine enorme Ungleichheit zu Unrecht, kann Neid darauf hinweisen und den Anstoß dazu geben, den Missstand wieder geradezurücken.

In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen Crusius und sein Team gerade, ob es sich beeinflussen lässt, welche Art von Neid Menschen erleben. Fragt man Testpersonen danach, was sie selbst hätten anders machen können, um das beneidete Ziel zu erreichen, empfinden diese eher gutartigen Neid. Fragt man dagegen, was bei der anderen Person hätte anders laufen können, damit sie selbst besser dastehen, fördert dies das Empfinden von bösartigem Neid. »Aus unseren Experimenten schließen wir: Wenn Leute eher wahrnehmen, dass Erfolge anderer erreichbar und verdient sind, dann sollte das gutartigen Neid auslösen«, sagt Crusius.

Neid kann uns zu großen Leistungen anspornen. Oder uns dazu bringen, das Kuchenstück, das wir so sehr begehren, jemand anderem wegzunehmen. – Illustration: Mirella Kahnert

Doch egal ob wir gutartigen oder bösartigen Neid empfinden – meist fühlen wir uns schlecht dabei, wenn wir anderen etwas neiden. Dabei kann Neid auch Positives bewirken.

Erkenntnis 3: In Neid wohnt konstruktives Potenzial, wir müssen es nur entdecken

Neid, da sind sich die Sozialpsycholog:innen Corcoran und Crusius einig, ist kein durchweg schlechtes Gefühl. Im Gegenteil: Es könne uns anspornen, uns zu verbessern. Wie sich dieser Ansporn letztendlich ausprägt, hängt unter anderem davon ab, was uns selbst wichtig ist. Während manche neidisch auf ein dickes Auto sind, sind es andere vielleicht auf eine besonders konsequente umweltbewusste Lebensweise.

Weil wir nur auf Dinge neidisch sind, die wir selbst auch haben oder erreichen wollen, gibt Neid uns Informationen darüber, was wir anstreben und was wir erreichen wollen. Das ist uns selbst nämlich gar nicht immer bewusst.Katja Corcoran, Sozialpsychologin

Anspornen kann Neid uns allerdings eher dann, wenn er gutartig ist. Darauf deutet unter anderem ein Experiment hin, das Crusius und sein Team durchgeführt haben: Vor einem großen Marathon in Köln stellten die Psycholog:innen mithilfe eines Fragebogens fest, ob die einzelnen Läufer:innen eher zu

Zwar ist in dem Fall schwer nachweisbar, dass die guten Leistungen tatsächlich mit dem Empfinden von Neid zusammenhingen und nicht zufällig durch etwas anderes verursacht wurden. Jedoch zeigen sich ähnliche Leistungssteigerungen ebenfalls in Laborexperimenten, in denen gezielt gutartiger Neid

»In unserer Forschung zeigt sich, dass gutartiger Neid mit einer sehr spezifischen Zielsetzung verbunden ist«, sagt Crusius. Weil das Ziel so klar ist, als es beispielsweise Bewunderung ist. »Wer Bewunderung empfindet, spricht von Zielen, die sehr abstrakt sind. Zum Beispiel: ›Ich will irgendwann mal was Tolles machen.‹« Ein solch abstraktes Ziel sei schwieriger zu verfolgen als ein konkretes,

Neid kann zerstörerisch sein: Lässt sich das verhindern?

Doch Neid hat eine dunkle Seite – daher das schlechte Image der Emotion. Wie zerstörerisch Neid sein kann, davon erzählen Menschen schon seit Jahrtausenden. In der biblischen Geschichte von Kain und Abel wird beispielsweise von der zerstörerischen Kraft des Neids berichtet:

Und ganz aus der Luft gegriffen ist das, was in der biblischen Geschichte passiert, tatsächlich nicht. Crusius und seine Kollegen konnten zeigen, dass Menschen, die zum Neiden neigen, auch einen Hang zur Sie umfasst die Eigenschaften die allesamt als gesellschaftlich unerwünschte Persönlichkeitsmerkmale gelten.

»Dass Menschen, auch wenn sie diese Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, ist insgesamt aber sehr selten«, sagt Crusius. Denn etwas zu empfinden ist das eine – welche Handlung auf eine Emotion folgt, ist das andere.

So schaffen wir es, das Gute im Neid zu wecken

Wenn Neid ebenso zerstörerisch wie nützlich sein kann, wie schaffen wir es dann, vor allem die positiven Seiten der Emotion zum Vorschein zu bringen?

Neid nicht grundsätzlich als etwas Negatives sehen: Die Forschung zeigt, dass Neid ein wichtiges Gefühl für unser Zusammenleben ist. Ein erster Schritt wäre es also, Neid als wichtige und durchaus nützliche Emotion zu akzeptieren. Dann wäre es vielleicht irgendwann nicht mehr möglich, Debatten mit dem Schlagwort Neid zu delegitimieren und abzuwürgen. Denn selbst wenn sie auf Neid beruhen, kann das Gefühl auch auf einen tatsächlichen Missstand hindeuten.

Den eigenen Neid erkennen und reflektieren: »Nur weil eine Emotion wichtig und sinnvoll ist, ist sie nicht automatisch in jeder Situation richtig«, sagt Katja Corcoran. Das gilt auch – oder gerade – für Neid. »Kommen wir in eine Situation, in der wir Neid empfinden, können wir nur schwer verhindern, dass wir so fühlen«, sagt Corcoran. Was wir dagegen kontrollieren könnten, ist unsere Reaktion auf die Emotion. Diese können wir reflektieren und noch einmal darüber nachdenken, ob unsere Empfindung wirklich zur Situation passt. Wir können uns fragen: Warum hat diese Situation Neid in mir ausgelöst? Geht es dabei wirklich um etwas, was ich auch haben oder erreichen will? Wie fast alles sind auch unsere Ziele und Wünsche ein dynamisches System, das sich ändern kann – und das wir aktiv beeinflussen können. Werden wir uns über unsere eigenen Werte und Ziele klar, kann es sein, dass wir in der Folge in anderen – vielleicht sogar in weniger –

Wenn wir auf eine größere Torte neidisch sind, sollten wir uns fragen, ob es wirklich Kuchen ist, den wir wollen, oder ob wir nicht ohnehin lieber Sandwich mögen? – Illustration: Mirella Kahnert

Emotionen sind schnell da, im nächsten Moment kann ich aber noch mal darüber nachdenken und schauen, was ich aus der Emotion mache.Katja Corcoran, Sozialpsychologin

Unsere Werte und Ziele beeinflussen wir allerdings nicht allein –

Werte vermitteln und dafür einstehen, was einem wichtig ist: Weil wir soziale Wesen sind, ist es uns immens wichtig, was andere von uns denken – ob wir wollen oder nicht. »So können sich die Maßstäbe dafür ändern, worauf ich neidisch bin: Wenn ich sehe, dass sich immer mehr Leute mit Nachdruck für etwas einsetzen, dann führt das vielleicht dazu, dass ich meine Einstellung überdenke und etwas Ähnliches anstrebe.«

Ein Beispiel: Ich selbst fahre viel Auto, lebe aber in einem Umfeld, das Autofahren eher negativ bewertet, weil es der Umwelt schadet. Mit der Zeit verspüre ich vielleicht ein Stück Neid darauf, dass andere es schaffen, umweltbewusst mit Fahrrad und Zug zu pendeln. Was genau es ist, was wir im Einzelfall anstreben und beneiden, kann durch unser persönliches Umfeld, aber beeinflusst werden,

Dass wir uns vergleichen, können wir nicht verhindern. Wir neigen einfach dazu, Dinge zu bewerten und daraus Hierarchien zu schaffen: Was ist besser, was ist schlechter? Was als erstrebenswert gilt, kann jedoch jeder Einzelne mitbeeinflussen – je nachdem, für welche Werte er eintritt.Katja Corcoran, Sozialpsychologin

Jeder Einzelne kann also ein bisschen mitbestimmen, und Medien können das erst recht.

Eine Gesellschaft gestalten, in der gutartiger Neid mehr Chancen hat als bösartiger Neid – weil alle die gleichen Chancen haben: Die gute Seite des Neids kommt vor allem dann zum Vorschein, wenn das Beneiden dazu führt, dass sich Einzelne in eine positive Richtung verändern. Allerdings kommt es dazu vor allem dann, wenn jemand gutartigen Neid empfindet. Die Frage ist: Wie können wir möglichst Situationen schaffen, in denen vorrangig dieser entsteht?

»Wenn ich Menschen deutlich mache, dass es in ihrer Macht liegt, sich zu entwickeln und zu verändern, dann kann das helfen«, sagt Corcoran. Wenn kann das dazu führen, dass dieses Kontrollbewusstsein verlorengeht. Damit vor allem gutartiger Neid entsteht, muss klar sein, welche Schritte jeder Einzelne tun kann, um ein Ziel zu erreichen. Und bis das so ist, haben wir als Gesellschaft noch eine Menge zu tun.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

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von Lara Malberger 
Das Netz ist voller Tipps und Ratschläge – und Menschen, die damit ihre Probleme lösen wollen. Doch meistens gibt es nicht »die« eine richtige Lösung. Aber was ist sinnvoll? Und was kann weg? Um so nah wie möglich an eine Antwort heranzukommen, hat Lara Wissenschaftsjournalismus mit Schwerpunkt Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und Digital Journalism in Hamburg studiert.
Themen: Psychologie   Gesellschaft