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Was wir von Momo über Arbeit lernen sollten

Die Post-Work-Bewegung möchte, dass Arbeit nicht mehr unser Leben bestimmt. So kommen wir dahin.

5. August 2020  15 Minuten

Wenn ich über Arbeit und Arbeitszeit nachdenke, Falls du »Momo« nicht kennst, findest du hier eine kurze Inhaltsangabe kommt mir oft Michael Endes Geschichte »Momo« in den Sinn. Das Waisenmädchen Momo lebt allein in einem Amphitheater und besitzt nichts bis auf eine Flickenjacke und die besondere Gabe, zuzuhören. Sie hat viele Freund:innen, die sie besuchen kommen. Bis eines Tages die sogenannten grauen Herren in die Stadt kommen und den Menschen versprechen, ihre Zeit anzulegen und zu vermehren. Doch letztlich stehlen sie deren Zeit und rauchen sie in Zigarren, um auf diese Weise selbst am Leben zu bleiben. Die Welt ändert sich seit dem Auftauchen der grauen Herren grundlegend: Alle arbeiten immer mehr und schneller, um möglichst viel Zeit für später anzusparen. Das Ergebnis ist aber das Gegenteil: Niemand hat mehr Zeit, nicht füreinander, nicht für sich selbst und nicht für Momo, die in dieser Welt, in der alle nur noch ihrer Zeit hinterherlaufen, eine Außenseiterin geworden ist.

Auch heute noch taugt die betagte Geschichte, um zu verdeutlichen, wie zentral Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft ist. Die Zahlen zur durchschnittlichen Wochenarbeitszeit vom Statistischen Bundesamt (2018) Vollzeitbeschäftigte arbeiteten laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2018 durchschnittlich 41 Stunden pro Woche. Im Jahr 1991 schaffte das wiedervereinigte Deutschland 41,4 Stunden in Vollzeitjobs, verändert hat sich in den vergangenen rund 30 Jahren also wenig. Fast 3 Millionen Menschen haben heute zusätzlich zum Hauptjob eine Nebenbeschäftigung, Sozialwissenschaftler Stefan Sell über Mehr­fach­be­schäf­ti­gung (2020) arbeiten also am Ende mehr als der Durchschnitt.

Die Annahme, Automatisierung und Digitalisierung würden zu eklatant weniger Arbeit führen, hat sich bisher nicht bestätigt. Es ist auch anders gekommen, als es der Ökonom John Maynard Keynes vorausgesehen hatte. In den 30er-Jahren prophezeite er Zum Text von John Maynard Keynes über die Arbeitsaussichten für seine Enkelgeneration (englisch, PDF, 1930) eine Zukunft, in der Menschen nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten würden.

Momos graue Herren würden in unserer heutigen Zeit ihre Zigarren aus »Stundenblumen« ebenso genussvoll paffen wie eh und je. Steigender Konsum und das Dogma des Wirtschaftswachstums machen es möglich. Der Deutschlandfunk über den 1972er-Bericht »Die Grenzen des Wachstums« und mit einer Einordnung seiner historischen Bedeutung Dabei ist seit dem 1972er-Bericht »Grenzen des Wachstums« des Club of Rome klar: So wie bisher kann es nicht weitergehen, die planetaren Grenzen erlauben es nicht.

Arbeit, Wachstum und Ressourcenverbrauch hängen zusammen. Vor allem Vertreter:innen der Postwachstumsbewegung weisen immer wieder darauf hin, dass sich Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch nicht voneinander entkoppeln lassen. Bekannte Postwachstumsvertreter sind Niko Paech oder der Brite Tim Jackson, die beide diesen Zusammenhang in ihrer Arbeit immer wieder thematisieren und begründen. Die neuere arbeitskritische »Arbeitskritik« bezeichnet die Ablehnung des Arbeitszwanges oder bestimmter Formen der Arbeit. Dabei wird nicht jede Tätigkeit grundsätzlich als Arbeit angesehen. Abgelehnt werden insbesondere Fremdbestimmung und Entfremdung der Arbeit. Die Entfremdung entsteht vor allem in Fabriken, wo die Arbeit in einzelne Handgriffe ohne Bezug zum fertigen Produkt zerlegt ist. Es wird unterschieden zwischen Lohnarbeit und Tätigkeiten, die unbezahlt und aus eigenem Antrieb stattfinden. Post-Work-Bewegung stellt deswegen eine provokante Frage: Wenn Arbeit auf so vielen Ebenen negativ wirkt und obendrein viele Menschen stresst – könnten wir sie nicht einfach abschaffen?

Arbeit abschaffen? Ja, bitte! Und was dann?

Tobi Rosswog ist Post-Work-Aktivist. In seinem Das Buch »After Work« bei Buch 7 Buch »After Work« stellt er den Kreislauf aus Lohnarbeit und Konsum infrage, anscheinend unermüdlich. Meine Interviewbitte beantwortet er schnell. Um 8 Uhr am nächsten Morgen habe er noch einen Slot frei. Er hält Vorträge über seine Rebellion gegen die Arbeit, zum Teil für große Konzerne und Unternehmer:innenverbände. Tobi Rosswog lebt in einer Gemeinschaft mit 5 Menschen, alle Einnahmen gehen auf ein gemeinsames Konto, von dem jede:r nimmt, was gebraucht wird. »Arbeit? Nein, danke. Faul sein? Keine Lust.« So lautet eine seiner zentralen Formulierungen. Tobi Rosswog macht einen Unterschied zwischen Lohnarbeit und sinnvoller, selbstbestimmter Tätigkeit.

Tobi Rosswog geht es darum, nachhaltig und solidarisch zu leben. – Quelle: Tobi Rosswog/oekom Verlag copyright

»Wir müssen mal wieder anfangen, darüber nachzudenken und zu streiten, was wir hier eigentlich gerade machen. Wir können uns zurzeit gar keine andere Weise vorstellen, unsere Gesellschaft zu organisieren«, sagt er. »Alle müssen ihre Ware Arbeit auf dem Arbeitsmarkt anbieten, um dann das Eigentum anderer zu bezahlen, die Wohnung oder die Lebensmittel.«

Tobi Rosswog geht es darum, hervorzuheben, dass Arbeit und Konsum eine Art Teufelskreis bilden, der weder für die Umwelt noch für den Menschen gut sei. Seine Idee von weniger Arbeit hängt auch viel mit Genügsamkeit und Konsumverzicht zusammen. Auf diese Weise kann jede:r sofort schon anfangen: Wer weniger kauft, muss auch weniger arbeiten.

In seiner Vision einer idealen Gesellschaft werde danach geschaut, welche Arbeit wirklich notwendig sei, erklärt er. Diese werde dann aufgeteilt, den Rest der Zeit kann dann jede:r nach eigenen Wünschen verbringen. Es gebe auch in einer von Jobs »befreiten« Gesellschaft notwendige Tätigkeiten, aber eben keine, die erfunden wurden, damit auch wirklich alle den ganzen Tag schuften gehen.

Post-Work

»Post-Work« sieht sich in der Tradition der Arbeitskritik. Sie kritisiert die zentrale Stellung der Arbeit in der modernen »Arbeitsgesellschaft« für die Sicherung des Lebensunterhalts, soziale Sicherung und persönliche Identitätsbildung. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht unbedingt auf dem Wunsch nach der Abschaffung von Arbeit an sich, sondern darauf, ihre Wichtigkeit infrage zu stellen: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Arbeit nicht mehr derart prägend ist? Und wie kann dieser Zustand erreicht werden?

»Der große Unterschied zwischen der aktuell kapitalistischen Arbeitsgesellschaft und der befreiten ist, dass wir heute arbeiten, weil wir das müssen, weil wir uns verwerten müssen auf dem Arbeitsmarkt, uns im Konkurrenzkampf gegen andere durchsetzen, um im Grunde für einen anonymen Markt irgendwelche Produkte oder Dienstleistungen zu erschaffen, die am Ende vielleicht gar nicht gebraucht werden.«

Jobs abschaffen? Auf den ersten Blick wirkt dieser Gedanke weltfremd. »Wir können uns eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende der Arbeit«, fasst Tobi Rosswog die Lage zusammen. Er bezieht sich auf ein berühmtes Zitat, nach dem es leichter sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Das Zitat wird sowohl dem US-amerikanischen Literaturkritiker Fredric Jameson als auch dem slowenischen Philosophen und Kulturkritiker Slavoj Žižek zugeschrieben. Und tatsächlich tun sich selbst Post-Work-Aktivist:innen schwer damit, eine konkrete Utopie einer Post-Work-Gesellschaft zu skizzieren, so stark ist der Arbeitsgedanke in unserem Denken verankert, so scheint es.

Warum ist Arbeiten eigentlich so wichtig?

Den Schalter, auf dem »Arbeit ›AUS‹« steht, einfach so zu drücken, würde ins Chaos führen. Arbeit ist zentral in der Welt, in der wir leben. Geld und damit Wohlstand werden in unserer Gesellschaft maßgeblich über sie verteilt. Und es geht noch weiter:

»Man braucht einen Job, um Geld zu verdienen, um sich überhaupt versorgen zu können, um Zugang zu Sozialleistungen zu haben. Der komplette Wohlfahrtsstaat funktioniert nur auf der Grundlage von Arbeit, ansonsten hat man keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang dazu«, sagt die In diesem Text fassen Maja Hoffmann und Roland Paulsen den Stand der aktuellen Post-Work-Debatte zusammen (englisch, 2020) Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Hoffmann von der Wirtschaftsuniversität Wien im Interview.

Klar: Durch Arbeit verdienen wir Geld, das wir zum Überleben brauchen. Aber sie formt auch die Identität von Menschen maßgeblich. Das zeigt sich in der Freizeit, beispielsweise auf Partys. Die erste Frage, die sich Fremde gegenseitig stellen, lautet oft: »Was machst du so?« Wer auf diese Frage mit einem Hobby antwortet, merkt schnell, dass es dem Gegenüber darum eigentlich nicht geht, sondern um den bezahlten Job. Wer arbeitslos ist, fürchtet oft diesen Moment. Denn arbeitslos zu sein heißt nicht nur, nicht arbeiten zu gehen und weniger Geld zur Verfügung zu haben als die meisten. Arbeitslosigkeit haftet ein gesellschaftliches Stigma an. Es macht Menschen zu Außenseiter:innen, auf die manch andere herabblicken oder für die sich andere nicht besonders interessieren. So wie bei Momo, die durch den Einfluss der zeitstehlenden grauen Herren immer einsamer wurde. Das Buch »No More Work« ist nicht leicht zu bekommen. Hier findest du einen Text Livingstons, der viele Argumente aus dem Buch beinhaltet (englisch, 2017) Mit Arbeitslosigkeit gehen moralische Urteile einher, bemerkt der Historiker James Livingston in seinem Buch »No More Work«.

Zuschreibungen wie Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Initiativkraft – all das werde seit Jahrhunderten fest mit der Arbeit verbunden, spätestens seitdem die reformatorische Strömung der Calvinisten im 16. Jahrhundert Hier findest du Max Webers Text »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« (PDF, 1904/1905) Arbeit, Fleiß und Disziplin als Basis für ein tugendhaftes Leben bestimmt hat, das eine größere Chance auf den Einzug ins Himmelreich eröffnete. Arbeit wurde zum Lebenszweck. Und auch wenn die ursprünglich religiöse Dimension heutzutage stark an Bedeutung verloren hat, Lies hier mehr über die heutige religiöse Dimension von Arbeit, bezogen auf die USA (englisch, 2019) so ist die Arbeit selbst beinahe zu einer Ersatzreligion geworden, zum sinnstiftenden Element. Zumindest ist sie aber allein aufgrund des Zeitumfangs im Leben zentral. Die moralische Bewertung von Arbeit und Nichtarbeit ist mächtig.

Durch die Arbeitsmarktreformen, mit denen die Regierung Gerhard Schröders zu Beginn des Jahrtausends unter anderem das Prinzip »Fördern und fordern« und Ökonom Patrick Nüß erklärt mir im Interview, wie Arbeitslose stigmatisiert werden die Grundsicherung »Hartz IV« verankert hat, hat sich das Narrativ von »faulen Arbeitslosen« weiter verfestigt. Der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering benutzte sogar die Formulierung: Mehr zur Auseinandersetzung um »Hartz IV« und den Ausspruch Münteferings findest du hier »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!« Ein Zitat, das aus der Bibel stammt und ursprünglich die Herrschenden kritisierte, die sich von vorne bis hinten bedienen ließen. Über die Jahrhunderte drehte es seine Bedeutung und dient heute dazu, Menschen ohne Arbeit als faul, unsolidarisch und letztlich als des Essens unwürdig zu stigmatisieren.

Eine Erzählung, die Boulevardmedien gern immer wieder aufgreifen. Mit »Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern« etwa Hier bekommst du einen Eindruck, worum es in der TV-Dokuserie geht gab es beim TV-Sender RTL2 sogar eine Dokuserie, die »Hartz-IV-Empfänger:innen«, also Langzeitarbeitslose, ausschließlich als arbeitsscheu darstellte und hart arbeitende Niedriglöhner:innen heroisierte. Dahinter steckt folgende Erzählung: Wem Selbstachtung wichtig ist, möchte nicht zu ersterer Gruppe gehören, sondern sich lieber ehrenhaft kaputt schuften. Das Narrativ dient als Herrschaftsinstrument, das die Stabilität der Arbeitsgesellschaft gewährleistet. Hier findest du das »Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft« »Wachstum und ein hoher Beschäftigungsstand« sind in Deutschland sogar im Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 verankert, das bis heute gilt.

Es ist also keine Kleinigkeit, Arbeit infrage zu stellen – es bedeutet, die Funktionsweise unserer Wirtschaft und letztlich unsere ganze Gesellschaft infrage zu stellen. Arbeitgeber:innen wie Gewerkschaften vertreten zwar unterschiedliche Interessen, von der Wichtigkeit der Arbeit an sich sind sie aber gleichermaßen überzeugt. Der Waliser Sozialforscher David Frayne schreibt dazu in seinem Buch »The Refusal of Work«, es sollte klar sein, dass diese Bewertung dennoch »ein soziales und historisches Konstrukt ist und nicht ein festes Merkmal irgendeiner natürlichen Ordnung«.

Maja Hoffmann ist Nachhaltigkeitswissenschaftlerin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Arbeit wird ihrer Ansicht nach nicht von allein verschwinden, wir müssen sie aktiv abschaffen. – Quelle: privat copyright

Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Hoffmann sagt, der Post-Work-Gedanke stehe in der Tradition der klassischen Arbeitskritik, die wohl schon so lange betrieben werde, wie es Lohnarbeit in ihrer modernen Form gibt. Menschen vom Arbeitszwang zu befreien, ihn als Zentrum der Gesellschaft schlechthin erst einmal infrage zu stellen und eine Debatte zu eröffnen, sei in der Post-Work-Bewegung ein Hauptanliegen, erklärt sie.

Von »Bullshit-Jobs« und systemrelevanter Arbeit

Der US-amerikanische Anthropologe David Graeber ist ein populärer Arbeitskritiker. Hier findest du den ursprünglichen Text David Graebers aus dem Strike!-Magazin (englisch, 2013) Er prägte 2013 mit dem Aufsatz »On the Phenomenon of Bullshit Jobs: A Work Rant« und einige Jahre später Die deutsche Übersetzung des Buchs kannst du hier kaufen mit dem daraus entstandenen Buch den Begriff der sogenannten »Bullshit-Jobs«. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, Jobs von außen nach ihrer Nützlichkeit zu beurteilen. Vielmehr geht es darum, wie Menschen ihre eigene Tätigkeit einschätzen. Graeber berichtet auf der Basis eigener Nachforschungen, dass es erstaunlich viele Menschen gebe, die ihre Arbeit als komplett sinnlos empfänden. Seine These: Maschinen hätten viele manuelle Tätigkeiten überflüssig gemacht und Jobs zerstört. An Weggabelungen, wo es galt, sich zwischen mehr Freizeit und mehr Konsum zu entscheiden, sei der Mensch jedoch in Richtung Konsum abgebogen.

Anstatt eine massive Arbeitszeitverkürzung zu ermöglichen, damit die Weltbevölkerung ihre eigenen Projekte, Vergnügungen, Visionen und Ideen verfolgen kann, haben wir erlebt, wie (…) der Verwaltungssektor in die Höhe geschossen ist, bis hin zur Schaffung ganz neuer Industrien wie Finanzdienstleistungen oder Telemarketing oder der beispiellosen Expansion von Sektoren wie Gesellschaftsrecht, (…) Gesundheitsverwaltung, Personalwesen und PR. Dieses Zitat stammt aus David Graebers ursprünglichem Artikel fürs Strike!-Magazin (englisch, 2013) David Graeber, Anthropologe und Arbeitskritiker

Hinzu kamen laut Graeber Dienstleistungen, die nur existierten, weil alle ständig mit Arbeiten beschäftigt seien und keine Zeit (oder Lust) hätten, diese Dinge selbst zu übernehmen. Als Beispiele nennt er Hundefriseure oder 24-Stunden-Pizzalieferanten. Graeber, der sich politisch als Anarchist Anarchismus ist eine politische Ideenlehre, die die Herrschaft von Menschen über andere Menschen und damit jede Art von freiheitsunterdrückenden Hierarchien ablehnt. Entgegengestellt wird das freie Individuum, das sich selbstbestimmt mit anderen Menschen organisiert. einordnet, sieht in der zeitintensiven Arbeit auch Kalkül einer herrschenden Klasse – wer immer arbeite, habe auch keine Zeit, den Herrschenden unbequem zu werden.

So sei Keynes’ Vision von der 15-Stunden-Woche ins Reich absurder Träume verbannt worden, argumentiert Graeber und plädiert unter anderem dafür, Arbeit und Einkommen voneinander zu entkoppeln, etwa durch Chris Vielhaus und Stefan Boes schreiben über die Idee des Grundeinkommens ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Seine Thesen erlangten in der Coronapandemie neue, breitere Bekanntheit. Plötzlich entstand der Begriff der »systemrelevanten Berufe«, nicht nur in Deutschland: Pflegepersonal, Kassierer:innen im Supermarkt, Müllarbeiter:innen oder Lehrpersonal. Sie alle üben, das war den meisten intuitiv klar, keine Bullshit-Jobs aus, sondern sie decken zwingend notwendige Bedürfnisse ab. Es gibt also einen Sinn dafür, welche Tätigkeiten zwingend gebraucht werden und welche eher nicht.

Wie realistisch ist das Ende der Arbeit durch Automatisierung?

Eine Debatte über Visionen und Ideen gibt es bereits, auch wenn sie oft noch eher abseits der Öffentlichkeit geführt wird. Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Hoffmann teilt die Post-Work-Debatte in 2 Strömungen oder Denkrichtungen ein: Zum einen gibt es Menschen, die an ein fast zwangsläufiges Ende der Arbeit glauben, herbeigeführt durch technische Entwicklungen, wie der Bei Buch 7 findest du das Buch »Das Ende der Arbeit« von Jeremy Rifkin US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin. In seinem Buch »Das Ende der Arbeit« argumentierte er schon 1995, dass Automatisierung und Digitalisierung Millionen Arbeitsplätze vernichten würden. Um das aufzufangen, schlägt er ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Der Begriff der Arbeit umfasst hier vor allem Arbeit für die Gemeinschaft, soziale Arbeit, Erhalt der Infrastruktur oder Pflege- und Erziehungsarbeit.

Ob die Arbeit tatsächlich praktisch von selbst verschwindet, darüber streiten Expert:innen. Während Lies hier die sogenannte »Oxford-Studie« zur Zukunft der Arbeit (englisch, PDF, 2013) eine viel zitierte Studie aus dem Jahr 2013 etwa die Hälfte der Jobs durch Automatisierung gefährdet sieht, geht eine neuere Studie der »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD) von moderateren Entwicklungen aus. Hier findest du die OECD-Studie zur Zukunft der Arbeit (englisch, 2019) Sie schätzt, dass 14% aller Jobs in den Mitgliedstaaten in den kommenden 10–15 Jahren wegfallen, 32% der Arbeitsplätze sollen sich zudem massiv verändern.

Die zweite Post-Work-Strömung zweifelt am Ende der Arbeit, schließlich ist das auch bei anderen technologischen Umbrüchen in der Vergangenheit nicht geschehen, wie auch der Anthropologe David Graeber betont. Hier geht es mehr darum, Arbeit aktiv aus dem Zentrum der Gesellschaft wegzudenken. Ein starker Antrieb, wenn auch nicht der einzige, ist dabei der Nachhaltigkeitsgedanke. Weniger zu arbeiten, weniger zu produzieren und weniger zu konsumieren, ermöglicht eher ein Leben innerhalb der planetaren Grenzen. Post-Work-Aktivist Tobi Rosswog denkt deswegen darüber nach, wie Menschen schnellstmöglich arbeitsfreie(re) Inseln im System bilden können: Karriereverweigerung, Job-Sharing oder Firmen, die ohne Wachstum und im unabhängigen Kollektiv funktionieren. Post-Work fügt sich bei ihm in ein Im Buch »Das gute Leben für alle« ist dieses Konzept konkreter beschrieben größeres Konzept einer »solidarischeren« Lebensweise ein. Das bedeutet, er versucht, in einer Welt zu leben, die möglichst nicht den Planeten und andere Menschen ausbeutet.

Ein Weg zu weniger Arbeit

Ein sehr konkreter Vorschlag, in Richtung weniger Arbeit aufzubrechen, kommt von einem britischen Thinktank namens Hier findest du das Konzept zur 4-Tage-Woche von Autonomy (englisch, PDF, 2019) Autonomy, der die Zukunft der Arbeit erforscht und Konzepte entwickelt, wie diese Zukunft zu gestalten wäre. Autonomy hat die 4-Tage-Woche wieder ins Gespräch gebracht. Eine Variante der Idee einer 4-Tage-Woche wurde ab 1993 bereits bei Volkswagen praktiziert. Damals ging es darum, den strauchelnden Konzern zu retten und gleichzeitig möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Die Arbeitszeit wurde damals um 20% gekürzt, das Gehalt um 10%. Erst 2006 hob VW die 4-Tage-Woche wieder auf. Dabei spielen nicht nur ökologische Gründe eine Rolle, Der deutsche Ökonom Niko Paech, ein Verfechter der Postwachstumsökonomie, schlägt seit einigen Jahren eine 20-Stunden-Arbeitswoche vor. Er möchte die Industrieproduktion schrittweise halbieren und denkt Vollbeschäftigung auf der Basis einer deutlich kürzeren Arbeitswoche durch eine Umverteilung der Arbeit. Die britische New Economics Foundation schlug bereits 2010 eine 21-Stunden-Woche aus ähnlichen Gründen vor. sondern Menschen seien auch gesünder und zufriedener, wenn sie weniger arbeiten müssten. Ein Grundeinkommen könnte auch Teil dieses Modells sein – um Einkommen und Arbeit voneinander zu lösen.

Weniger Arbeit bedeutet zudem mehr Zeit für wichtige Dinge wie Freund:innen, Familie oder gesellschaftliches Engagement in Ehrenämtern, kurz: Die Gesellschaft erhält so mehr sozialen Kitt, der sie zusammenhalten kann. Während der Coronapandemie hat die Idee neue Aufmerksamkeit erhalten: Volkswirtschaften straucheln, Jobs brechen weg – auch ohne weitere Automatisierung. In der Coronakrise bewirbt Autonomy die 4-Tage-Woche als Strategie gegen die Massenarbeitslosigkeit (englisch, PDF, 2020) Ein Ausweg könnte die Umverteilung von Arbeit sein. Linken-Politikerin Katja Kipping hat sich kürzlich öffentlich dafür ausgesprochen, ein Das ZDF berichtet über Katja Kippings Vorschlag zur 4-Tage-Woche 4-Tage-Modell mit staatlichen Zuschüssen in Deutschland einzuführen. Ein Jahr lang sollten Unternehmen, die ihre Mitarbeiter:innen (nicht aus wirtschaftlicher Not) weniger arbeiten lassen, einen Lohnkostenzuschuss erhalten.

Dass es ein Bedürfnis danach gibt, weniger zu arbeiten, zeigen immer wieder Umfragen, auch einige, die jetzt im Eindruck der Coronapandemie durchgeführt wurden. Hier stellt der Autonomy-Thinktank seine Umfrage zur 4-Tage-Woche vor (englisch, 2020) Der Autonomy-Thinktank hat Zahlen einer neueren Umfrage veröffentlicht, nach denen 63% der Befragten eine 4-Tage-Woche zumindest ausprobieren wollen. Das britische »Work Autonomy, Flexibility and Work-Life Balance Research Project« hat Zahlen veröffentlicht, nach denen Hier geht es zur Umfrage über Eltern und Arbeit (englisch, PDF, 2020) 2/3 aller befragten Eltern gern die Arbeitszeit reduzieren würden, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

In Deutschland gab es auch vor der Pandemie schon viel Sympathie für eine deutliche Arbeitszeitverkürzung: Eine repräsentative Umfrage des Instituts zur Zukunft der Arbeit und der Karriereplattform Xing ergab im Jahr 2019, dass Hier findest du mehr Informationen zu der Umfrage von Xing und dem IZA 39% der Angestellten gern wöchentlich bis zu 10 Stunden weniger arbeiten würden, auch wenn die Bezahlung dann gekürzt würde.

Die Diskussion um die Zukunft der Arbeit muss also vielleicht weniger darüber geführt werden, wie mehr Jobs entstehen können und wie diese möglichst sinnstiftend werden, sondern eher darüber, wie viel Arbeit eigentlich wirklich notwendig ist, wie sie verteilt werden kann und ob Sinnstiftendes nicht auch in der arbeitsfreien Zeit getan werden kann, wenn davon auf einmal viel mehr da ist.

Für die grauen Herren von der Zeitsparkasse in Michael Endes Roman »Momo« wäre eine solche Entwicklung existenzbedrohend. So existenzbedrohend wie am Ende der Geschichte, als Momo die Zeit in Form der Stundenblumen aus den Lagerräumen befreit und diese zurück zu den Besitzer:innen fliegen. Die grauen Herren lösen sich in Luft auf und die Menschen sind frei, wieder in das alte Amphitheater zu Momo zu kommen, um ihre Zeit selbstbestimmter zu verbringen. In Momos Welt ist das ein Gewinn für alle.

In einer Post-Work-Gesellschaft wären den verschiedenen Ideen nach vielleicht alle ein bisschen mehr Momo und Momo auch ein bisschen mehr wie die anderen. Eventuell lohnt es sich also, darüber nachzudenken, wie wir nicht unbedingt gleich für immer ausstempeln, aber vielleicht seltener und für kürzer einstempeln.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Konsum   Gesellschaft   Arbeit  

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