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3 Gründe, warum die Welt ohne Superreichtum eine bessere wäre

Heute im Podcast gegen die Weltuntergangsstimmung: Was superreich bedeutet und warum die drängendsten Probleme unserer Zeit damit zu tun haben.

14. August 2020 –  9 Minuten

Wieso denken wir über eine Welt ohne Superreichtum nach?

Um das zu verdeutlichen, hier ein kleines Gedankenexperiment: Stelle dir vor, es ist dein Geburtstag und den feierst du ausgelassen mit 99 Gästen. Natürlich gibt es auch eine große Torte. Was wäre, wenn einer deiner Gäste sich frech 1/3 davon abschneidet, 9 weitere Gäste krallen sich das zweite 1/3. Das heißt für den Rest der Geburtstagsgesellschaft, dich inbegriffen, bleibt nur das letzte 1/3 der Torte übrig. Nachdem der erbitterte Streit darum vorüber ist, müssen einige Gäste dann sogar mit leerem Magen nach Hause gehen.

Kuchen für alle? Von wegen! – Quelle: Perspective Daily copyright

Eine absurde Geschichte?

Nein. Denn genau so ist Hier schreibt Chris über alle Details der neuen Studie zur Vermögensverteilung in Deutschlandin Deutschland Vermögen unter den Bürger:innen verteilt, wie es eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) darstellt. DIW-Studie »Millionär:innen unterm Mikroskop« (2020)Das obere Prozent der Bevölkerung besitzt nämlich 35% des gesamten Vermögens, die oberen 10% 2/3.

Damit ist das Vermögen in der deutschen Gesellschaft noch konzentrierter als gedacht. Die Forschenden des DIW fanden heraus, dass es in Deutschland eine Million Millionär:innen gibt. Gleichzeitig besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung fast nichts – viele haben sogar Schulden.

Grund genug, dass wir uns heute einmal vorstellen wollen, wie eine Welt ohne superreiche Menschen aussehen könnte. Dabei wollen wir ein wenig utopisch werden und zeigen, warum wir alle von einer gerechteren Verteilung profitieren würden – nicht nur in Deutschland.

Hier liest du den Artikel zur aktuellen Folge. Du hast eine verpasst? In unserer Audiothek gibt es alle Episoden zum Nachhören. Den vollgut-Podcast findest du übrigens auch bei Spotify, iTunes, Google und vielen anderen Webplayern. Suche einfach nach dem »Zeigen, was geht!«-Kanal von Perspective Daily.

Was heißt hier eigentlich »superreich«?

Aber wer gilt denn eigentlich als »reich« oder sogar »superreich«? Auf diese Frage gibt es nicht nur eine Antwort.

Klar ist: Finanzieller Reichtum ist immer relativ. Wir leben in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Durchschnittsverdiener:innen hier werden verglichen mit der Mehrheit von Arbeitnehmer:innen aus Ländern des globalen Südens wohl in jeder Definition als reich durchgehen. Dass dieses Gefälle mit der Ausbeutung eben dieser Länder zusammenhängt, soll nicht unerwähnt bleiben.

Betrachten wir hingegen die Verteilung von Vermögen innerhalb Deutschlands (wie oben beschrieben), der EU oder auch dem globalen Norden insgesamt, Damit wollen wir Superreiche aus beispielsweise den Golfstaaten nicht ausklammern. geht es nicht darum, wer sich einen Porsche leisten kann. Wer Reichtum in Konsumgütern bemessen will, muss hier schon nach Privatjets und Luxusyachten im Wert von mehreren Millionen Euros im Hafen von Monaco Ausschau halten.

Du willst mehr vom Ökonomen Heinz-Josef Bontrup lesen? In der Frankfurter Rundschau schreibt er regelmäßig mit WirtschaftsbezugWird der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und emeritierte Professor Heinz-Josef Bontrup nach einer Definition gefragt, wie es Juliane im Interview mit ihm getan hat – dann antwortet er grundlegend:

Aus meiner Sicht ist man superreich, wenn man selbst nicht mehr arbeiten muss, um sich zu reproduzieren. Denn das tun wir Menschen durch Arbeit. Wer aber in einem arbeitsfähigen Alter ist und nicht arbeiten MUSS, während er andere für sich arbeiten lässt – ja, der ist reich. – Heinz-Josef Bontrup

Auch Bontrup warnt davor, Superreichtum nicht oberflächlich an kapitalistischen Statussymbolen wie teuren Autos festzumachen: »Ein Porschefahrer allein hat null Macht über andere. Wenn einer aber eine Maschine besitzt, von der andere abhängig sind, weil sie dem Besitzer dieser Maschine ihre Arbeitskraft anbieten und verkaufen müssen; dann entsteht ein Macht- und damit auch ein Ausbeutungsverhältnis.«

Der deutsche Professor für praktische Philosophie Christian Neuhäuser nähert sich der Definition noch einmal aus einer anderen Richtung. In Hier findest du das Buch von Christian Neuhäuserseinem Buch »Wie reich darf man sein? – Über Gier, Neid und Gerechtigkeit« schlägt er verschiedene Möglichkeiten vor, Superreichtum zu definieren. Die einfachste bestehe darin, nur Dollar-Milliardär:innen als Superreiche zu bezeichnen. Damit wird der teils extreme Unterschied zwischen ihnen und Millionär:innen deutlich.

Ein Beispiel: Eine Milliarde Dollar sind umgerechnet eintausend Millionen Dollar. Jeff Bezos, Amazon-Gründer und reichster Mensch der Welt, besitzt Jeff Bezos führt die Listen der Superreichen des Forbes Magazins an (englisch)(Stand 13. August 2020) sagenhafte 190 Milliarden Dollar, das sind 190.000-mal eine Millionen Dollar. 11 Fakten über das Vermögen von Jeff Bezos (englisch)Jede Minute verdient er ca. 150.000 Dollar dazu. Bezos Vermögen ist damit größer als das jährliche Bruttoinlandsprodukt von Island, Costa Rica und Afghanistan zusammen.

Daran wird deutlich: Sprechen wir von superreich, meinen wir eigentlich unvorstellbar reich.

Doch wo ist nun das Problem mit Jeff Bezos und Co.? Und was hätten wir davon, wenn Menschen wie er einen Gutteil ihres Vermögens und den Status »superreich« abgeben würden?

Mehr Geld für Investitionen, die der Allgemeinheit dienen

»Dafür ist kein Geld da!« ist ein Satz, der häufig fällt, wenn es um unterfinanzierte Pflegeheime, marode Straßen und Brücken oder entschiedene, nachhaltige Förderprogramme geht. Dabei ist an sich jede Menge Geld in unserer Gesellschaft vorhanden. Die Frage ist nur, wie es verteilt ist und ob es dort, wo es ist, der Allgemeinheit dient.

Ein wichtiger Grund dafür, dass in vielen Staatskassen kein Geld für Investitionen liegt, ist, dass die Einnahmen aus Steuern von besonders Vermögenden in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen sind, etwa durch die Abschaffung der Vermögenssteuer im Jahr 1997.

Der Steuerrechtler Joachim Wieland beschreibt die Folgen so: »Der Staat hat in dieser Zeit auf die Hier schreibt Chris über die Abschaffung der Vermögenssteuer und andere Gründe, warum wir zu viele Steuern zahlenEinnahmen aus der Vermögenssteuer verzichtet und die Ausgaben nicht gesenkt. Daher mussten die Einnahmen in einem anderen Bereich erhöht werden.« Das fehlende Geld im Haushalt wurde ab dem Jahr 2005 mit Hier fordert Chris, dass die Mehrwertsteuersenkung im Rahmen der Coronahilfen dauerhaft statt zeitlich begrenzt sein sollteder Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16% auf 19% von jede:r Bürger:in eingefordert.

Doch nicht nur in Deutschland wurden die Steuern für Reiche und Superreiche in den letzten Jahrzehnten abgeschafft: Der sich seit den 1970er-Jahren ausbreitende Neoliberalismus führte weltweit dazu, dass Steuern gesenkt und soziale Sicherungssysteme abgebaut wurden. Die Folgen: Vielerorts fehlt Geld für wichtige öffentliche Investitionen, In seiner 3-teiligen Artikelserie erzählt Chris die Geschichte des Neoliberalismusgleichzeitig wächst die Ungleichheit überall auf der Welt weiter.

Dass viele Milliardär:innen große Beträge für wohltätige Zwecke spenden, ändert daran wenig. Denn ohne Superreichtum bräuchte es gar keine Philanthropie.

Der niederländische Historiker Rutger Bregman spricht sich auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos für eine Reichensteuer aus:

Spätestens angesichts der Coronakrise gewinnt diese Frage noch mal zusätzlich an Brisanz: Besonders viele Kleinunternehmer:innen und Freiberufler:innen bangen in diesen Zeiten um ihre Existenz. Überall auf der Welt überbieten sich Staaten mit gewaltigen Konjunkturpaketen. Doch wer profitiert am Ende von den Hilfszahlungen? Und wer zahlt am Ende die milliardenschwere Zeche, wenn wir das Schlimmste überstanden haben?

Nach und nach erkennen inzwischen sogar mehr und mehr Superreiche selbst, dass eine Welt ohne eine derart starke Vermögenskonzentration wahrscheinlich eine bessere wäre. Millionär:innen für die Menschheit (Millionaires for Humanity) nennt sich eine Gruppe aus 83 Superreichen aus der ganzen Welt, die sich nun in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit wendet: Sie fordern von ihren Regierungen »unmittelbare, substanzielle und permanente« Millionaires for Humanity fordert selbst die Steuererhöhungen für Superreiche (englisch)Steuererhöhungen für »Menschen wie uns«.

Menschen würden wieder mehr füreinander arbeiten als für gesichtslose Investor:innen

Wenn wir Das Magazin Forbes führt die weltweit am meisten anerkannte Liste der Superreichendie Liste der 100 reichsten Menschen der Welt betrachten, wird schnell klar: Superreich ist, wer ein großes Vermögen geerbt hat und/oder mindestens einen internationalen Großkonzern sein Eigen nennt. Meist werden die Arbeitnehmer:innen solcher Unternehmen ihre Chefetage nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn das Geld, das an beteiligte Aktionär:innen ausgezahlt wird.

Das wollten sich Arbeiter:innen einer Teefabrik in Frankreich nicht mehr gefallen lassen. Sie errechneten, dass bereits in den ersten 4 Monaten eines Geschäftsjahres mit ihrer Arbeit die Umsätze der Produktionskosten und die eigenen Löhne gedeckt waren. Die Erträge, die in den restlichen 8 Monaten des Jahres erwirtschaftet wurden, flossen als Gewinne an die Eigner:innen und Aktionär:innen des internationalen Lebensmittelriesen Unilever, dem die Fabrik gehörte.

Als Unilever im Jahr 2010 die Fabrik schließen wollte, um die Produktion in ein Billiglohnland auszulagern, besetzten Arbeiter:innen die Fabrik, 1.336 Tage lang. Im Jahr 2014 gab der Konzern nach, und die Mitarbeitenden führen den Betrieb seit 4 Jahren unter dem Namen Scop Ti (Abkürzung für Société Coopérative Ouvrière Provençale de Thés et Infusions: Arbeitergenossenschaft der Provence für Tee und Aufgüsse) als Genossenschaft selbst weiter.

Ihr Beispiel zeigt: Eine Arbeitswelt ohne Superreiche und Großkonzerne ist möglich, wenn Arbeitnehmer:innen Einfluss auf die Investitionsfunktion nehmen.

Das Entscheidende in der Ökonomie ist nicht die Konsumfunktion. Sondern immer nur die Investitionsfunktion, über die nur die Kapitaleigentümer entscheiden. Nämlich wann, wo und wie investiert wird. Deshalb bleiben die abhängig Beschäftigten im Kapitalismus auch immer Habenichtse. – Wirtschaftswissenschaftler Heinz-Josef Bontrup

Hier stellen wir 7 Genossenschaftsideen vor, die den Problemen unserer Zeit mit mehr Gemeinschaft entgegentreten.

Der CO2-Ausstoß wäre schlagartig wesentlich geringer

Untersuchungen wie etwa Der Oxfam-Bericht »Extreme Carbon Inequality« über die konsumbedingten Emissionen der Menschen (englisch, PDF)der Oxfam-Bericht »Extreme Carbon Inequality« belegen: Die Klimakrise und die extreme soziale Ungleichheit sind unmittelbar miteinander verbunden. Die Forschenden fanden unter anderem heraus, dass ein Angehöriger des reichsten Prozents der Weltbevölkerung für 175-mal mehr Treibhausgase verantwortlich ist als ein Angehöriger der ärmsten 10%.

In den Jahren 1970–2000 verzehnfachte sich die Zahl der Privatjets. Schätzungen zufolge sind zudem für die kommenden 10 Jahre bereits 8.000 weitere neue Privatjets von multinationalen Konzernen und Superreichen bestellt. Im Vergleich zu einem Fluggast in einer regulären Airline The Guardian über den zu erwartenden Anstieg der Privatjets (englisch, 2019)verbrauchen private Flieger das 40-Fache an CO2 pro Passagier:in.

Und auch Einschätzung von Allied Market Research über den Anstieg des Luxusyachtmarktes (englisch, 2019)die Nachfrage nach Luxusyachten steigt ungebrochen. Mit katastrophaler Auswirkung für unsere Umwelt: Das Boot des russischen Oligarchen Roman Abramowitch (Kaufpreis: 340 Millionen Dollar) etwa verbraucht auf einer kleinen Ausfahrt von 20 Kilometern zwischen Monaco und Der Spiegel über die Luxusyachten der Superreichen (2010)der französischen Hafenstadt Nizza bis zu 1.800 Liter Schiffsdiesel.

Als wäre das nicht genug, setzen einige superreiche Industrielle ihr riesiges Vermögen sogar noch dafür ein, die fatalen Folgen ihres Tuns durch die Finanzierung von skeptischen Studien gegenüber der Klimakrise zu widerlegen. Die Geschichte der Koch-Brüder aus den USA zeigt dies beispielhaft:

Ohne Superreichtum wäre also auch der Klimawandel womöglich besser in den Griff zu bekommen. Vielleicht wären wir noch nicht einmal an dem kritischen Punkt der Erderwärmung, an dem wir heute stehen.

Wie kann es weitergehen?

Gibt es etwas, was jede:r von uns sofort tun kann, um dem Superreichtum zukünftig entgegenzuwirken? Ja, und zwar den (eigenen) Wirtschaftsanalphabetismus bekämpfen – und dabei auch die politischen Entscheider:innen mit in die Pflicht nehmen.

»Ich erwarte auch von der Politik, ein Volk intellektuell zu entwickeln. Machen wir uns nichts vor: Nehmen wir 100 Menschen. Und wir stellen diesen repräsentativ ausgesuchten Menschen ganz einfache ökonomische Fragen. Die können die nicht beantworten«, bemängelt Wirtschaftswissenschaftler Heinz-Josef Bontrup im Interview.

Und er fährt fort: »Ich brauche nun einmal Wissen, um etwas verändern zu können. Wir würden ja auch nicht einfach 3 Pillen schlucken, die uns ein Arzt verschreibt, ohne Untersuchung und ohne, dass wir wüssten, was darin ist und gegen was es hilft. Aber in der Wirtschaft verhalten wir uns so!«

Wer sich mit Wirtschaft und ihren Funktionsweisen nicht auskennt, wird immer denen gegenüber im Nachteil sein, die die Zusammenhänge verstehen. Deshalb braucht es nicht nur Eigeninteresse an dem Thema, sondern auch Bildungszugänge – denn wie die Gesundheit bestimmt auch unser Wirtschaftssystem unser aller Leben.

Genau aus diesem Grunde würde es mittelfristig auch nicht viel verändern, wenn wir eines Tages in einer Welt ohne Superreichtum aufwachen würden: Solange wir nicht grundlegend etwas an unserem System verbessern oder es komplett verändern, wird es innerhalb kürzester Zeit andere Superreiche geben, die sich über global wachsende Konzerne zu neuen Höhen aufschwingen.

Die Umfrage, in der ihr über das Thema für die nächste Folge abstimmen könnt, reichen wir nächste Woche nach.

Titelbild: sergio souza - CC0

von Juliane Metzker 
Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Berlin und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

von Chris Vielhaus 
Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

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