Interview 

194 Länder in 7 Jahren: »Ich hatte die Idee, als ich sehr betrunken war«

Der niederländische Fotojournalist Jeroen Swolfs hat 194 Länder bereist. Warum? Durch sein Objektiv sieht er, was Menschen auf der ganzen Welt verbindet.

3. Januar 2017 –  15 Minuten
Der niederländische Fotojournalist Jeroen Swolfs fokussiert auf die Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede der Menschen weltweit. – Quelle: Pepijn Vanthoor copyright

4 fehlen noch. Das würde Jeroen Swolfs auf die Frage antworten, in wie vielen Ländern er schon gewesen ist. Herausgekommen ist das Projekt »Streets of the World« und die Vision, über die Bilder Menschen unterschiedlicher Kulturen zu verbinden. Das Besondere an seinen Ausstellungen: Er hat aus jedem Land genau 1 Foto aus der jeweiligen Hauptstadt ausgewählt.

Jedes Bild wurde mit demselben Objektiv und den gleichen Einstellungen aufgenommen, Das bedeutet: ein 16-mm-Weitwinkel-Objektiv (Vollformat) mit einer Blende zwischen 8.0 und 11 sowie dem ISO-Wert 200 (wenn möglich). Außerdem ist der Horizont immer zentraler Punkt des Bildes und der Blick ist auf eine Straße gerichtet. um einen Gegenpol zu schaffen. Einen Gegenpol zu den Bildern, die uns sonst für gewöhnlich gerade aus Krisen- und Kriegsländern begegnen. Es geht ihm nicht um Dramatik, sondern darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu verdeutlichen. Darum, die Menschen und ihren Alltag im jeweiligen Land sprechen zu lassen.

Maren: Was war das beeindruckendste und intensivste Erlebnis während der 7 Jahre auf Reisen?
Jeroen: zögert kurz Die meisten Menschen fragen mich, was war das Aufregendste oder das Schrecklichste, was du erlebt hast. – Welches Wort hast du genau benutzt?

Teil der Realität werden, die sonst so weit weg scheint

Maren: Beeindruckend oder intensiv.
Jeroen: Ok, mir ist etwas eingefallen. Ich war im Irak, in Bagdad. Nicht wegen der ganzen Gefahr, die es dort gab – als ich dort war, war der IS nur 80 Kilometer von Bagdad entfernt. An dieser Stelle erzählt mir Jeroen von den »War Rooms«, die er mit seinem Sicherheits-Team besucht hat. Dort hat er die Bildschirme gesehen, auf denen der Krieg »live übertragen« wird. Es sei ein sehr angsteinflößender Ort gewesen, sagt er. Ich bin in eine Straße gegangen, in der immer ein Büchermarkt gewesen war. Diese Straße war zuvor von Al-Qaida zerstört worden. Die Bewohner hatten den Markt wiederaufgebaut. Dort war auch ein altes Teehaus, das dort seit Generationen war und schon immer Poeten und Intellektuelle angezogen hatte. Deshalb platzierten die Attentäter die Bombe direkt vor der Tür.

Der Besitzer hatte das Teehaus kurz verlassen, weil er etwas zu erledigen hatte, als die Bombe explodierte. Als er zurückkam, lag die ganze Straße in Schutt und Asche. Er selbst überlebte, aber seine 4 Söhne, die im Teehaus arbeiteten, und sein Schwiegersohn starben bei der Explosion. Zusammen mit ungefähr 60 Gästen. Vor meinem Besuch im Irak hatte ich von dieser schrecklichen Geschichte gelesen und wollte den Eigentümer des Teehauses besuchen. Ich wusste, dass ich am richtigen Ort war, als ich 5 Portraits von jungen Männern an der Wand sah. Es war ein wirklich seltsames Gefühl, als ich dem Mann in die Augen blickte, weil »die Nachrichten« plötzlich so greifbar waren. Du wirst plötzlich Teil der Realität, die sonst so weit weg scheint.

Was sagst du zu einem Mann, der alles verloren hat? Um mich herum waren ein Filmteam, ein Übersetzer und ein Sicherheitsmensch.
Al-Mutanabbi ist die 1.000 Jahre alte Bücherstraße in Bagdad. Nachdem eine Autobombe die Straße 2007 vollständig zerstörte und 68 Menschen tötete, begannen die Menschen sofort damit, sie wieder aufzubauen. Jeroen Swolfs traf den Besitzer des Teehauses, vor dessen Türe die Bombe explodierte. – Quelle: Jeroen Swolfs/Streets of the World copyright
Maren: Konntet ihr dann überhaupt miteinander sprechen?
Jeroen: Ich wollte unbedingt mit ihm reden, wollte ihm meine Anerkennung aussprechen und nicht einfach gehen. Also begannen wir zu reden – mit Hilfe des Übersetzers. Und etwas Seltsames passierte. Wir kamen aus 2 völlig unterschiedlichen Welten, in denen alles anders ist. Aber irgendwie gab es direkt eine Verbindung zwischen uns, als wir uns anschauten – und auf unsere jeweilige Übersetzung warten mussten.

Ich fragte ihn also: »Wie schaffst du es, weiterzumachen, weiter hier zu leben?« Er begründetet sein Durchhalten mit seiner religiösen Weltsicht und dass er glaube, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Dann fragte er mich: »Warum bist du hier?« Gute Frage: Warum war ich dort? Ich erzählte ihm von meinem Fotoprojekt und dass ich zeigen wollte, welche Gemeinsamkeiten wir alle teilen. Und dass ich die Straße ausgewählt hatte, weil ich die Stärke der Menschen zeigen wollte, die sich nach dem Anschlag nicht haben einschüchtern lassen und die Straße wieder aufgebaut haben. Das alles an einem Ort, der in den Nachrichten immer negativ dargestellt wird.

Er reagierte sehr emotional und beeindruckt, weil ich sein Teehaus ausgewählt hatte, um Stärke zu verdeutlichen. Das alles berührte mich sehr.

Eine Frage nach Verantwortung

Maren: Die Frage, die dir der Mann im Teehaus stellte, war auch die erste Frage, die mir in den Sinn kam, als ich von »Streets of the World« erfuhr: Warum 7 Jahre lang sämtliche Hauptstädte fotografieren?
Jeroen: Aufgrund meiner bisherigen Reisen weiß ich, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, dieses Projekt machen zu können, es finanzieren zu können, mir die Zeit dafür nehmen zu können. Ich spreche verschiedene Sprachen und hatte Zugang zu Bildung. Ich bin nicht nur in der Lage, eine positive Geschichte über die Welt zu erzählen, sondern fühle mich auch verantwortlich, es zu tun. Ich habe mich tatsächlich schon immer für mehr als mich selbst verantwortlich gefühlt.

Gleichzeitig dachte ich natürlich auch daran, wie cool es wäre, jedes Land der Welt zu bereisen und dieses riesige Abenteuer zu erleben. Als Fotojournalist war ich schon immer viel auf Reisen und hatte so viele Dinge gesehen, die es nie in die Nachrichten schafften. Ich wollte etwas schaffen, das – im positiven Sinne – so groß und konfrontierend wäre, dass es nicht ignoriert werden könnte. Dafür wollte ich die wenigen Talente, die ich habe, nutzen.
Maren: Wie kam der konkrete Plan zustande?
Jeroen: Ich glaube nicht, dass ich dir die Antwort liefern kann, auf die du wartest. Aber ich hatte die Idee, als ich sehr betrunken war.
Maren: lachend Sehr gut!
Jeroen: Im Ernst. Aber es ist natürlich sehr lange her. Muss jetzt auch lachen. Wie auch immer. Es hat mir die Idee beschert oder sagen wir mal: die Idee freigesetzt, denn sie war schon irgendwie in meinem Kopf.

Ich war zu Fuß auf dem Heimweg und fiel. Ich landete auf meinem Gesicht, blieb einen Moment liegen und fragte mich, wie viele Menschen auf diesem Gehweg wohl schon gelaufen waren. Und obwohl ich direkt um die Ecke wohnte, hatte ich keine Ahnung – ich kannte die Menschen, die diesen Weg mit mir teilten, nicht. Das ist der Raum, den wir alle miteinander teilen. Es ist der Ort, an dem das Leben stattfindet.

Es ist auf den Straßen, wo alles passiert – von einem Extrem zum anderen. Es ging mir am Anfang nicht darum, ein Projekt über Positives zu machen. Aber, je tiefer ich eintauchte, desto mehr Positives begegnete mir.
Maren: Und warum nur die Hauptstädte?
Jeroen: Ich wollte die Orte jedes Landes besuchen, die am weitesten entwickelt waren. Und bin davon ausgegangen, dass das in den meisten Fällen die Zentren der Hauptstädte sind, auch wenn sie manchmal dreckig und stinkig sind. Ich wollte, dass die Bilder absolut gleich sind, gleiches Objektiv, gleiche Einstellungen, gleicher Blickwinkel. Jedes Land wird in meiner Ausstellung durch genau 1 Foto repräsentiert, egal ob die USA oder Palau – ein kleiner Inselstaat im Ozean, den kaum jemand kennt. Es geht nicht um die Größe, die Macht des Landes oder das Land an sich, sondern um die Menschen.
Bissau ist die Hauptstadt des westafrikanischen Landes Guinea-Bissau, das ca. 10% kleiner als die Schweiz ist. Laut Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen belegt das kleine Land einen der letzten Plätze. Der Trainingsplatz hier ist einer von vielen und ein besonderer zugleich: In der Vergangenheit trainierten hier einige Spieler, die in Frankreich und Portugal zu Stars wurden. – Quelle: Jeroen Swolfs/Streets of the World copyright
Maren: Die Bilder sollten also möglichst vergleichbar sein?
Jeroen: Genau. Aber der Inhalt variiert natürlich. Wenn ich ankam, wusste ich nicht, welche Geschichte ich vom jeweiligen Land erzählen würde.

Die Idee allein reicht nicht aus: Investoren und Planung

Maren: Wie hast du die ganze Reise überhaupt organisiert?
Jeroen: In meinem Bekanntenkreis war ich schon immer derjenige, der am meisten gereist ist. Als Fotojournalist war ich sehr viel unterwegs. Über den pragmatischen Teil habe ich mir keine Sorgen gemacht. Nachdem ich mir eine große Weltkarte gekauft hatte, teilte ich die Kontinente in Länder und Tage ein. Die finanzielle Organisation dauerte bedeutend länger. Nachdem ich auf besagtem Heimweg auf mein Gesicht gefallen war, strichen 5 Jahre ins Land, bis es konkret wurde.
Maren: 5 Jahre?
Jeroen: Ja, ich packte meine Sachen nicht am nächsten Tag. Es ist verdammt schwierig, als Fotojournalist in den Niederlanden zu überleben und reisen zu können. An einem bestimmten Punkte dachte ich: Scheiß drauf, es ist eine wirklich gute Idee, die mir immer noch gefällt. Jetzt oder nie.
Maren: Was ist der Unterschied zwischen deiner Reise um die Welt und der Arbeit des Fotoredakteurs Jeroen Swolfs, der am Computer 194 Bilder von verschiedenen Fotografen, die vielleicht sogar vor Ort leben, zusammensucht?
Jeroen: Zunächst: Das ist eine wirklich gute Idee! Ich denke, das sollte tatsächlich jemand machen. Ich weiß nur nicht, ob ich die richtige Person bin, um das zu tun. Als Fotograf will ich selbst etwas kreieren. Als professioneller Fotograf hatte ich von Anfang an sehr hohe Qualitätsansprüche, was die Ausrüstung und das Ergebnis betrifft. Nehmen wir an, es wären 194 Fotografen in das Projekt involviert – jeder hätte seine eigenen Vorstellungen. Der eine will schwarz-weiß, der nächste Bilder aus einer bestimmten Perspektive und so weiter.

Ich denke, es wäre noch immer ein faszinierendes Projekt – und ich würde mich freuen, wenn ein Redakteur es umsetzen würde. Allerdings würde es vielleicht sogar noch länger als mein Projekt dauern.

Seitenwechsel unmöglich? Die Vorteile des weißen Mannes

Maren: Du hast bereits angedeutet, dass du dir deiner privilegierten Position als »White Man Walking« Als Niederländer besitzt Jeroen einen Pass, der unter den Top-5-Reisepässen der Welt rangiert. Er kann ohne Visum in 155 Länder weltweit einreisen. Der deutsche Pass ermöglicht mit 158 Ländern die größte Reisefreiheit. Zum Vergleich: Afghanen können nur in 24 Länder ohne Visum einreisen. bewusst bist. Du hattest das Geld und die Freiheit zu reisen. Inwieweit hat dieses Bewusstsein deine Idee beeinflusst?
Jeroen: Ich denke viel darüber nach. Ich habe viele Privilegien. Das heißt nicht, dass es einfach war und ich nicht kämpfen musste. Es ist, wie du sagst: Ich bin ein weißer Mann mittleren Alters, einigermaßen wohlhabend, mit niederländischem Pass. Wäre ich Amerikaner oder Israeli, hätte ich einige Länder nicht bereisen können.

Die Tatsache, dass ich Niederländer bin und aus diesem kleinen, verrückten Land komme, das viele Leute weltweit irgendwie mögen, war eine massive Hilfe. Nichtsdestotrotz hatte ich große Probleme, in den Iran zu reisen, und war immer noch nicht in Äquatorialguinea.

Ich kann mir nur versuchen vorzustellen, wie viele Menschen weltweit in der Lage sind, dieses Projekt durchzuführen. Vielleicht bin ich einer von 10 Menschen, die die nötigen Zutaten mitbringen.

Während meiner Reisen dachte ich oft: »Oh mein Gott, ich kann es nicht glauben, dass ich hier bin und diese Leben fotografiere.« Eine Version mit umgekehrten Rollen ist undenkbar.
Maren: Weil die Menschen auf der anderen Seite benachteiligt waren?
Jeroen: Ich habe eine Menge Scheiße gesehen. Und ich habe vieles gesehen, was nicht gut läuft. Mit meinen eigenen Augen. Mehr als die meisten Menschen. Ich spürte die Ungleichheit. Denn egal wo ich war, wusste ich immer: »Ich kann diesen Ort verlassen, wann ich will. Zurück in das sichere Amsterdam.«
Maren: Kommen und gehen, wann immer du willst.
Jeroen: Genau. Es ist verrückt, wie unfair diese Welt ist. Jeden Tag, wenn ich hier in Amsterdam unterwegs bin, mache ich mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann. Was ich für ein Glück hatte, dieses Projekt durchzuführen und es zu überleben. Und dass ich so vielen faszinierenden Menschen begegnen durfte.
Maren: Die Geschichte des Teehaus-Besitzers in Bagdad zeigt ein extremes Beispiel von Ungerechtigkeit. Woher, glaubst du, nehmen die Menschen ihre Kraft, um mit dem Leid umzugehen?
Jeroen: Ja, das ist eine komplett andere Ebene als die Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert bin. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft nehmen. Vielleicht ist diese Fähigkeit etwas Urmenschliches. Ich weiß es nicht, weil ich selbst nie in einer solchen Situation war. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, ein paar Cents für einen Tag Arbeit zu bekommen. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich mich verantwortlich fühle für das, was in der Welt passiert. Und jeder von uns hat die Möglichkeit, Dinge zu verbessern – indem wir unsere Fähigkeiten nutzen. In meinem Fall versuche ich es als Fotojournalist. Klar spende ich auch Geld, aber das ist mir nicht genug. Deshalb habe ich mich gefragt: Wie nutzt du deine Talente, um deinen Teil beizutragen?

Ich habe so viele Menschen getroffen, die ihren Teil beitragen, sei es von den Ärzten ohne Grenzen, Die internationale, unabhängige Organisation liefert medizinische Notfallhilfe für Menschen in Kriegs- und Krisenregionen, unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht und politischer Orientierung. Die »Médecins Sans Frontières« (MSF) wurden 1971 in Frankreich gegründet und sind mittlerweile über MSF International in Genf organisiert. Tausende von Medizinern, Logistikern und Verwaltungsmitarbeitern arbeiten in knapp 70 Ländern weltweit. vom Roten Kreuz oder andere Journalisten. Ich habe Jeroen bei der ersten Konferenz für Konstruktiven Journalismus am 2. Dezember 2016 in den Niederlanden kennengelernt. Er bezieht seine Antwort hier unter anderem auf die Veranstaltung dort mit Journalisten aus aller Welt. »Streets of the World« ist mein Teil, den ich beitrage.

Perspektivenwechsel in Ruanda: Formt deine Umwelt dich oder du sie?

Maren: Das bedeutet auch, mit Ängsten umzugehen. Wie oft hattest du Angst? Zu Beginn unseres Gesprächs haben wir kurz über den Vorfall am Breitenbachplatz in Berlin gesprochen und über die Emotion »Angst«, die danach tagelang die deutschen Medien bestimmt hat.
Jeroen: Ziemlich zu Anfang reiste ich nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. Ich wusste, wie jeder andere, dass es ein Ort ist, an dem Furchtbares passiert ist. Im Frühsommer 1994 töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 80.000 bis 100.000 Menschen aus der Volksgruppe der Tutsi. Die Rivalität beider Gruppen reicht bis in die Kolonialzeit hinein, in der verschiedene europäische Machthaber Schlüsselpositionen mit Tutsi besetzten und Hutu jahrzehntelang um die Macht kämpften. Nachdem der ruandische Präsident im April 1994 in einem Flugzeug-Abschuss ermordet worden war, holte die Hutu-Regierung zum Schlag gegen die Tutsi im Land aus. Systematisch verfolgte und ermordete sie Tutsi. Die von den USA materiell unterstützte Ruandische Patriotische Front, eine Tutsi-Miliz, vertrieb die Hutu, löste damit eine große Fluchtbewegung aus und stellt seitdem die Regierung in Ruanda. und hatte entsprechende Erwartungshaltungen. Ich fand den Ort, den ich fotografieren wollte. Da waren all die großen Kerle aus Ruanda, die mich aggressiv anschauten. Ich war der weiße Kerl mit der teuren Kamera und ich fühlte mich bedroht. Ich war allein und sie waren viele.

In meinem Kopf begann es zu rattern: »Warum fühle ich mich so bedroht? Warum sind die alle so unfreundlich mir gegenüber, obwohl sie sich untereinander anlächeln?« Und ich begann mich selbst zu analysieren und den Eindruck, den ich bei ihnen hinterließ. Mir wurde klar, dass ich selbst verärgert und böse dreinschaute, als wollte ich sagen: »Was wollt ihr denn von mir? Meine Kamera?« Das war meine Haltung und mir wurde klar: Sie reagieren auf mich – nicht umgekehrt. Ich wirkte auf meine Umgebung. Also änderte ich meine Haltung.

1: In der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind die Zerstörungen des Krieges sehr sichtbar. Am Lido-Strand haben die Menschen »ihren« Strand zurückerobert.

2: Ramallah ist die de-facto-Hauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete. Während der Kampf für Freiheit zur täglichen Routine gehört, leben Menschen ihren Alltag: Der Hase und der Tiger sind Teil einer Marketingkampagne im Zentrum der Stadt.

3: Während des Bürgerkriegs flohen mehr als 100.000 Menschen zum Flughafen in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik.

4: Unter dieser Brücke in Porto-Novo, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Benin, hat sich eine Mikro-Ökonomie entwickelt. Sie bietet nicht nur Schutz vor der brennenden Sonne.

Maren: Indem du deine Kamera weniger krampfhaft umklammertest?
Jeroen: Ich begann zu lachen oder sagen wir mal, zu lächeln. Und es funktionierte: Sie lächelten zurück, sagten »Salut!« und ich kam mit ihnen ins Gespräch. Sie freuten sich, dass ich zur Abwechslung mal etwas Positives über ihr Land berichten wollte. Alles änderte sich, weil ich mich geändert hatte.
Maren: Du hattest seitdem weniger Angst?
Jeroen: Was die Angst betrifft: Ja, ich war danach weniger ängstlich. Weil ich mich entschied, offener auf die Menschen zuzugehen. Gleichzeitig Hier schreibt Juliane Metzker über Fremdbilder in unserem Kopf – und Verletzlichkeitentschied ich mich auch, verletzlicher zu sein.

Natürlich war ich in ein paar Auseinandersetzungen und anderen Mist involviert. Ich war 7 Jahre unterwegs, da passiert viel. Aber viel weniger, als ich erwartet hatte.
Maren: Aber du hattest doch sicher Momente des Zweifels, in denen du alles hinterfragt hast.
Jeroen: Nein, das hatte ich nie. Ich wusste immer, warum ich dort war und was ich tat. Es gab schon Momente, in denen ich dachte: Warum mache ich es mir selbst so schwer?

Dann schaute ich mich um und fragte mich, worüber zur Hölle beschwert du dich? Dieses Selbstmitleid, wenn du dich allein fühlst, deine Familie vermisst, ist relativ. Es bedeutet nichts im Vergleich zu dem Leid der Menschen vor Ort. Also habe ich es beiseitegelegt und weitergemacht.

Das Fazit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen

Maren: Was hat das Projekt mit dir und deiner Sicht auf die Welt gemacht?
Jeroen: stockt, dann lacht er leicht verunsichert. Wow, das ist die Frage schlechthin. Das Gefühl, das mich am stärksten bewegt – und ich glaube, wir alle kennen es – ist die Sicherheit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Wir können die Probleme, vor denen wir stehen, nur gemeinsam lösen. Und mit gemeinsam meine ich, Hier beschreibt Han Langeslag, wie ein gemeinsames Ziel soziale Gräben überwinden kannwirklich gemeinsam. Dafür müssen wir alles, was dieser Planet zu bieten hat, fairer aufteilen. Und das passiert noch nicht.

Wir müssen aufhören, das Klima aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und mir ist klar, dass ich mit all der Fliegerei Teil des Problems bin. Aber wenn wir nur an uns selbst denken, werden wir den Bach runtergehen.
Maren: Hier habe ich gemeinsam mit Felix Austen über den »Notstand« in Deutschland als – bald – einzige Lösung geschriebenStimmt.
Jeroen: Manchmal bin ich selbst hin- und hergerissen, wenn es um die Botschaft geht, die ich verbreiten möchte, an die ich glaube und die ehrlich ist. Und manchmal bin ich deprimiert und muss mich selbst aufbauen, mir sagen: Wir können das Ruder noch rumreißen!

Mit der Stiftung hinter »Streets of the World« investieren wir zum Beispiel in grüne Start-ups. Du kannst also selbst mit einem Fotografie-Projekt technologische Lösungen unterstützen. Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was funktioniert.

Ich habe gehört, dass Diese Studie zeigt: 10% sozialer Konsens einer engagierten Minderheit reichen aus (englisch, 2011)10% Zustimmung ausreichen, um Dinge zu verändern. Ich habe das Gefühl, dass wir da bei vielen großen Herausforderungen sehr dicht dran sind.
Moskau, die Hauptstadt des größten Landes der Erde: Russland. Jeroen schreibt dazu: »Dieses Foto zeigt ein Bild der russischen Menschen, das vielleicht nicht unseren Erwartungen entspricht.« – Quelle: Jeroen Swolfs/Streets of the World copyright
Maren: Müssen wir also alle die Welt bereisen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen?
Jeroen: Nein. Ich denke, reisen tut uns allen gut. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit dazu. Auf »Streets of the World« bezogen, möchte ich die Welt zu den Menschen bringen. Darum organisiere ich die Ausstellungen mit den Fotos in den »prekären« Stadtvierteln, den multikulturellen Ecken, wo Menschen Angst haben. Da können die Bilder die größte Wirkung haben. Natürlich ist es nicht das Gleiche, eine Ausstellung zu besuchen und in einen Flieger zu steigen.

Außerdem ist es kein »westliches Privileg«, anderen Menschen helfen zu können. In so vielen armen Regionen habe ich Menschen getroffen, die einander helfen. Weil Menschen wissen, was richtig und falsch ist. Wenn du jemanden verletzt, fühlst du dich schlecht. Das ist so! Also helfen sich Menschen gegenseitig, egal wo. Der Gedanke ist nicht naiv. Ich bin keine 16 mehr, ich bin 42 und habe die ganze Welt bereist. Und ich glaube noch immer, dass wir Dinge verändern können.
Maren: Auch wenn sich das hier gerade wie das perfekte Ende anfühlt: Welche 4 Länder willst du noch bereisen?
Jeroen: Jemen, Libyen, Pakistan und Äquatorialguinea.
Die erste Ausstellung von »Streets of the World« fand in einem verlassenen Parkhaus im Südosten Amsterdams statt. Mitten in einem Stadtviertel mit Einwohnern aus 140 Nationen. Vom 3. bis zum 7. November 2016 verwandelten sein Team und Freiwillige aus der Umgebung das Parkhaus in eine Galerie. Weitere Stationen sind aktuell in Planung, zum Beispiel in Kopenhagen und Berlin. – Quelle: Jeroen Swolfs/Streets of the World copyright

Eure Bilder für unsere nächste Bildstrecke: Wir freuen uns auf euer Bild, das für euch eine neue Perspektive zeigt. Schickt es uns am besten per E-Mail an: post@perspective-daily.de.

Titelbild: Jeroen Swolfs/Streets of the World - copyright

von Maren Urner 
Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!
Themen:  Frieden & Krieg   Aktivismus   Konsum  

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