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Ist die AfD für Christen wählbar?

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David Ehl

Ist die AfD für Christen wählbar?

11. Januar 2017

»Ja«, sagt die AfD. »Nein«, sagt die Kirche. So könnte eine differenzierte Antwort aussehen.

Der AfD-Adventskalender von Beatrix von Storch verkündete an Heiligabend eine »Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene«, direkt unter einer Krippenszene. 3 Tage zuvor hatte ein falscher evangelischer Pfarrer im echten Talar auf einer AfD-Demo vor dem Kanzleramt gesprochen. Und währenddessen sammeln sich in den Sozialen Medien zahlreiche Kommentare wie dieser:

Meine 2 Hauptgründe, warum ich als Christ die AfD wählen werde, sind, weil sie sich klar gegen Gendermainstreaming und gegen die Islamisierung stellen. Parteien, die diese beiden Dinge vorantreiben, sind unwählbar. Ansonsten sollten Christen Menschen für Christus gewinnen, das ist von allem am effektivsten. – Markus K.

Passt die AfD in ein christliches Weltbild? Ist es nicht ein Widerspruch in sich, als gläubiger Christ ausgerechnet die AfD zu wählen? Wie kann man sonntags in die Kirche gehen und montags Aussagen wie diese mittragen: »Es sind Merkels Tote! #Nizza #Berlin«, im Twitter Profil des AfD-Europa-Abgeordneten Marcus Pretzell, kurz nach dem LKW-Anschlag von Berlin.

Facebook-Kommentator Markus K. hat leider nicht auf meine Anfragen, seinen Post zu kommentieren, reagiert. Dafür habe ich einige Antworten bekommen – von der AfD bis hin zum Bischof. Dieser Text versucht, Schnittmengen und Brüche zwischen einem christlich geprägten Weltbild und der Programmatik der AfD zu erklären.

Wie viele Markus K.s gibt es in Deutschland?

Bevor wir allzu tief ins Inhaltliche einsteigen, ein kurzer Blick auf die Verbreitung des Typus »christlicher AfD-Anhänger«. Das Bekenntnis zum christlichen Glauben ist unter AfD-Mitgliedern weit verbreitet, so sagte zum Beispiel Bundessprecher Jörg Meuthen: Streitgespräch zwischen Jörg Meuthen und dem Ahmadiyya-Sprecher Dawood Majoka im Focus »Ich bin ein konservativer Christenmensch, nach meinem Verständnis ist die deutsche Leitkultur eine christlich-abendländische.« Seine Amtskollegin Unsere Gastautorin Isabelle Daniels über Frauen an der Spitze rechter Parteien Frauke Petry war 18 Jahre lang mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet – Interview der Bild-Zeitung mit Frauke Petrys Ex-Mann Sven Petry (€) der ist mittlerweile CDU-Mitglied.

Die AfD wiederum hat kürzlich ihr Mitteilung zur Parteigröße im Mitglieder-Magazin »AfD Kompakt« 25.000stes Mitglied aufgenommen. Innerhalb der Partei gibt es eine Bundesvereinigung Christen in der Alternative für Deutschland (ChrAfD), deren Mitgliederzahl sich laut eigenen Angaben »im dreistelligen Bereich« bewegt. Bekanntestes ChrAfD-Gründungsmitglied dürfte die Europa-Abgeordnete Beatrix von Storch sein. Für diesen Text habe ich mit der ChrAfD-Sprecherin Anette Schultner gesprochen. Ihren Angaben zufolge halten sich Katholiken und Protestanten die Waage, unter den Protestanten ist der Anteil der Freikirchler gegenüber den Lutheranern höher als in der Gesellschaft.

Wenn hier jemand spaltet, dann doch wohl die Politik der etablierten Parteien. Nur weil man Missstände anprangert, hat das nichts mit spalten zu tun. Das nennt sich Demokratie. Die derzeitige Regierung hat für mich nichts mehr mit Demokratie zu tun. / Frank D. bei katholisch.deWie hoch in der Gesellschaft der Anteil der christlichen AfD-Wähler ist, kann man zu diesem Zeitpunkt kaum seriös sagen. »Uns fehlen wirklich belastbare Daten, weil bisher meist nur die Religionszugehörigkeit abgefragt wurde und diese allein keine Aussage über die Religiosität erlaubt«, sagt die Soziologin Hilke Rebenstorf. Sie beschäftigt sich am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Hannover unter anderem mit christlichen AfD-Wählern. »Da werden die Analysen der kommenden Bundestagswahl hoffentlich etwas Licht ins Dunkel bringen.« Aufgrund der sehr viel höheren Zahl der Wähler, aber auch aufgrund des deutlich höheren öffentlichen Interesses bieten sich zur Bundestagswahl wesentlich umfangreichere Nachwahlbefragungen an als bei Landtagswahlen.

Bisher ist noch nicht erwiesen, ob gläubige Christen wesentlich seltener die AfD wählen als der Rest der Gesellschaft. Zumindest die Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen Hier kann ich leider keinen Link zur Quelle mitliefern, weil sie nicht frei verfügbar ist. Ich hatte jedoch Gelegenheit, sie einzusehen. von den Landtagswahlen 2016 liefern keine stichfesten Beweise: Demnach haben in Baden-Württemberg insgesamt 15,1% die AfD gewählt; unter den wöchentlichen Kirchgängern waren es immerhin 7% (katholisch) bzw. 12% (evangelisch). Der Wert steigt an unter denen, die selten oder nie den Gottesdienst besuchen – Konfessionslose haben im Verhältnis noch häufiger für die AfD gestimmt. In Rheinland-Pfalz verhielt es sich ähnlich. Insgesamt stimmten 12,6% der rheinland-pfälzischen Wähler für die AfD, unter den regelmäßigen Kirchgängern waren es 5% (katholisch) bzw. 10% (evangelisch). Auch hier liegt der AfD-Stimmanteil bei den passiven Kirchenmitgliedern über dem der regelmäßigen Kirchgänger. Den höchsten Anteil erreicht die AfD unter den Konfessionslosen: 19%. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist die Lage ungleich komplizierter. Hilke Rebenstorf sagt: »In Sachsen-Anhalt ist die Differenz zwischen Kirchenmitgliedern und Nicht-Mitgliedern wirklich so groß, dass dieses Ergebnis nicht nur ein Artefakt, verursacht durch die unterschiedliche Zusammensetzung von Alter und Geschlecht, sein kann.« Sie schätzt, dass der eindeutig »rassistische Wahlkampf der AfD« in Sachsen-Anhalt Christen abgeschreckt habe, wogegen die AfD in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg eher auf konservative Familien- und Geschlechterpolitik gesetzt habe. Also wählen gläubige Christen eher unterdurchschnittlich die AfD? An dieser Stelle gebe es ein Interpretationsproblem, sagt Hilke Rebenstorf, »da ja die Kirchenmitglieder im Durchschnitt älter sind als die Gesamtbevölkerung und die AfD unter den Älteren weniger Wähler hatte.« Des Weiteren besuchten im Schnitt mehr Frauen die Gottesdienste, sagt Rebenstorf, und: »Frauen wählten deutlich seltener die AfD, als es die Männer taten.« Wie viele gläubige Christen ihre Kreuze bei der AfD machen, bleibt also fraglich.

Die Autoren einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung Die 2015 verfasste Studie trägt den Titel »Unheilige Allianzen – Radikalisierungstendenzen am rechten Rand der Kirchen«. Sie liegt Perspective Daily vor, wurde jedoch nie frei veröffentlicht. Deshalb habe ich nicht, wie bei uns sonst üblich, ein PDF der Studie in den Quellen zu diesem Text verlinkt. wiesen 2015 in diesem Zusammenhang auf eine Dynamik im rechten Seitenschiff der Kirchen hin: Sie seien überdurchschnittlich motiviert, Zeit und Geld aufzuwenden, sich zu vernetzen und öffentlich aufzutreten. »Dadurch könnte ihr relatives Gewicht in schrumpfenden Kirchen zunehmen.« Soll heißen: Innerhalb der Kirchengemeinden könnten politisch rechtsgerichtete Positionen (was die AfD mit einschließt) stärker werden.

Schnittmengen: Familienpolitik

Aber weshalb unterstützen manche Christen überhaupt die AfD? Mit dieser Frage im Gepäck stoße ich immer wieder auf 4 Themen:

  1. Ablehnung von Abtreibung: AfD-Grundsatzprogramm, vgl. Kapitel 6.7 Die AfD plädiert für ein weitreichendes Abtreibungsverbot, das an die Forderungen der rechtskonservativen polnischen Regierungspartei PiS Die Regierung der rechts gerichteten Partei »Freiheit und Gerechtigkeit« des polnischen Hardliners Jarosław Kaczynski hatte im vergangenen Herbst eine Verschärfung des polnischen Abtreibungsgesetzgebung geplant. Sie ist ohnehin bereits eine der schärfsten innerhalb der EU und gestattet Abtreibung nur in wenigen Fällen. Heftige Proteste in Warschau und anderen Städten des Landes brachten die Pläne im Herbst zu Fall. Die Kundgebungen gelten als Wegbereiter der aktuellen Proteste in Warschau (dazu eine Reportage des DLF). erinnert. Bei diesem Thema gelingt der Schulterschluss nicht nur mit sehr konservativen christlichen Vereinigungen, sondern auch mit Klerikern und Politikern. Bericht über Anti-Abtreibungs-Demo bei Correctiv.org Als Beispiel seien der katholische Berliner Bischof Heiner Koch und die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner genannt.

  2. Ablehnung von Präimplantationsdiagnostik: Diesen Punkt fasst die AfD gemeinsam mit dem ersten unter dem zynischen Begriff »Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene« zusammen – einzelne AfD-Politiker, aber auch Kleriker, Bericht der taz über den »Marsch für das Leben« belegen sie mit dem NS-Begriff der »Euthanasie«. In der Ideologie der Nazis existiert das Konzept der »Rassenhygiene«, die die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« enthält. Unter diesem Schlagwort ermordete das Hitler-Regime mindestens 5.000 Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Abtreibung und Präimplantationsdiagnostik Die PID wird seit den 90er-Jahren im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung angewandt: Dabei wird eine Zelle eines im Reagenzglas gezeugten (»In-vitro-Fertilisation«) Embryos entnommen, bevor es in den Mutterleib eingesetzt wird. Das Genom der untersuchten Zelle wird in der PID auf zahlreiche Erbkrankheiten untersucht. Die PID findet einige Stunden nach der Zeugung statt, wenn ein Embryo zwischen 10 und 20 Zellen umfasst. So soll die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass eine künstliche Befruchtung in einem gesunden Kind resultiert. Kritiker verurteilen, dass bei dieser Methode Embryos, also potenziell lebensfähige Menschen getötet werden. AfD-Grundsatzprogramm, vgl. Kapitel 6.7 lehnt die AfD kategorisch ab. Diese Position teilen wiederum viele konservative Christen und die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz mit einem klaren Nein zur PID Deutsche Bischofskonferenz die evangelische Kirche sieht die Thematik differenzierter. Auf die Präimplantationsdiagnostik angesprochen, sagte der Berliner Bischof Markus Dröge im Interview: »Man kann nicht sagen, dass Präimplantationsdiagnostik prinzipiell abzulehnen ist. Sie hat durchaus in einzelnen Fällen eine positive Bedeutung, aber sie ist ambivalent. Damit setzen wir uns als Kirchen ethisch sehr sensibel und genau auseinander. Die Frage, ob man sie prinzipiell verbieten soll, ist ein ethischer Kurzschluss. Es geht bei allen neuen Entwicklungen darum, dass wir von christlichen Grundsätzen heraus das Gute und das Problematische unterscheiden.«

  3. Ablehnung der Gleichstellung Homosexueller: »Die AfD bekennt sich zur traditionellen Familie als Leitbild«, heißt es AfD-Grundsatzprogramm vom Mai 2016, vgl. Kapitel 6.1 im Parteiprogramm. Statt »falsch verstandenem Feminismus« in der Wirtschaft soll das Ansehen der klassischen Hausfrau aufgewertet werden. Außerdem sollen mehr deutsche Kinder gezeugt werden, anstatt die Demografie durch eine angebliche »Masseneinwanderung« zu verändern. (Kapitel 6.2) Soll heißen: Die Ehe zwischen Mann und Frau steht rechtlich, aber auch moralisch über gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Inhaltlich ist die AfD hiermit Die SZ über den Standpunkt der katholischen Kirche zur Homosexualität auf einer Linie mit Papst Franziskus – in der evangelischen Kirche handhaben die einzelnen Gliedkirchen das Thema unterschiedlich: die meisten Landeskirchen lehnen eine vollständige Gleichstellung ab, einige bieten jedoch in einigen Landeskirchen Die EKD über Homosexualität Segnungen für Homosexuelle. Die Landeskirche in Baden Stellungnahme der EKIBA zur Trauung homosexueller Paare erlaubt ihren Pfarrern seit 2016, homosexuelle Paare zu trauen.

  4. Genderpolitik: Im selben Kapitel des Parteiprogramms geht es um das Unser Autor Dirk Walbrühl über Gender in der Sprache Thema Gender – mündlich von AfD-Politikern häufig mit dem polemischen Schlagwort Rede des brandenburgischen AfD-Landtagsabgeordneten Steffen Königer »Genderwahnsinn« beschrieben. Die AfD tritt in diesem Zusammenhang gegen die »propagierte Stigmatisierung traditioneller Geschlechterrollen« ein. Innerhalb der Kirchen treten konservativere Stimmen Kritik am Gendern in der Sprache der EKD gegen das Gendern in der offiziellen Sprachregelung ein.

Abtreibungsgegner unter sich: AfD-Europa-Abgeordnete Beatrix von Storch bei einer Demo gegen Abtreibung, die auch von Teilen der Kirchen unterstützt wurde. – Quelle: Michaela Ellguth copyright

Bei familienpolitischen Ansichten der AfD und der Kirchen gibt es also durchaus Schnittmengen – in einigen anderen Bereichen sieht das aber anders aus.

Heißes Thema: Die Erderwärmung

AfD-Grundsatzprogramm, 12.1 Klimaschutzpolitik »Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens«, schreibt die AfD. Die Berechnungen der Klimaforscher seien Was hilft, wenn Fakten zur Erderwärmung nicht mehr ausreichen, beschreibt Autorin Maren Urner nicht wissenschaftlich erwiesen. Deshalb fordert sie, Schluss zu machen »mit der ›Klimaschutzpolitik‹ und mit den Plänen zur Dekarbonisierung und ›Transformation der Gesellschaft‹«.

Damit hat sich innerhalb der Partei die Fraktion der Leugner des menschengemachten Klimawandels durchgesetzt – gesamtgesellschaftlich umfasst sie Umfragen zufolge Bericht bei Spiegel Online über den geringen Anteil an Leugnern des Klimawandels etwa 7%.

Aus theologischer Sicht sagt der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge hierzu: »Wenn zum Beispiel im AfD-Parteiprogramm steht, dass CO2 durchaus natürlich und nicht schädlich sei und dass der Klimawechsel etwas völlig Normales wäre, dann sind das Positionen, bei denen ich mich frage: Wie will man das mit der Bewahrung der Schöpfung, die uns als Christen anvertraut ist, verbinden?« Und auch der katholische Papst Franziskus hat Bericht auf Domradio.de zu den Klima-Forderungen des Papstes im November die Regierungen der Welt zu mehr Taten gegen die Erderwärmung aufgerufen.

Der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge in seinem Büro – Quelle: picture-alliance copyright

Rotes Tuch: Die Flüchtlingspolitik

Die Kirchen betrieben »eine Art modernen Ablasshandel«, erklärte AfD-Sprecherin DLF-Interview mit Frauke Petry über Flüchtlingspolitik und Kirche Frauke Petry im Mai im Deutschlandfunk: Sie würben für die Aufnahme Geflüchteter und kassierten mit Caritas und Diakonie gleichzeitig öffentliche Gelder für deren Unterbringung. Weiter noch ging der bayerische AfD-Vorsitzende Petr Bystron, der den Kirchen vorwarf, »unter dem Deckmantel der Nächstenliebe« Milliardengeschäfte mit der Flüchtlingshilfe zu machen, indem sie unbezahlte Ehrenamtliche ausnutze und Bericht der FAZ über das Verhältnis von AfD und Kirchen der Bundesregierung »saftige Rechnungen« ausstelle.

Vor einem Jahr schrieb der katholische Religionslehrer Michael Frisch, mittlerweile AfD-Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz, im rechten Wochenblatt Essay »Praktische Vernunft tut not« in der Jungen Freiheit Junge Freiheit:

Wer in diesen Wochen öffentliche Stellungnahmen der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland liest und hört, der muss – von wenigen Ausnahmen abgesehen – den Eindruck gewinnen, hier handele es sich um Verlautbarungen einer Nebenstelle des Bundespresseamtes. Immer wieder betont man, es sei völlig unmöglich, als Christ gegen die ›Willkommenskultur‹ zu sein, denn die Nächstenliebe gebiete kategorisch die Aufnahme aller zu uns Kommenden. – Michael Frisch

Dazu führt Frisch in seinem Beitrag weiter aus: »Merkels Willkommenskultur, eigentlich nur eine Entscheidungsvariante unter vielen, wird quasi zum Dogma erhoben, Kritik an dieser Politik wird von einer anderen Meinung zur Ketzerei.« Machen sich die Kirchen beim Thema Geflüchtete mit der Politik gemein?

Die AfD verteidigt das christliche Abendland – im Gegensatz zur EKD, zuvorderst vertreten durch Herrn Bedford-Storm, der, um Muslimen zu gefallen, das Kreuz ablegt / Thomas H. auf evangelisch.deDem widerspricht der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge Zu seiner Landeskirche gehören neben Berlin auch Brandenburg und die schlesische Oberlausitz. vehement: »Wo rote Linien überschritten werden, da ist es Aufgabe auch eines Bischofs, dies klar zu markieren und zu benennen. Und wenn uns dann der Vorwurf gemacht wird, uns in die Politik einzumischen, ist dieser Vorwurf nicht sachgerecht.« Es sei Aufgabe christlicher Amtsträger, die christliche Ethik in die Gesellschaft hineinzutragen. »Der christliche Glaube hat immer politische Implikationen, die müssen vorgetragen und diskutiert werden.«

Trotzdem kommen die Christen in der AfD zu anderen Schlüssen. Ihre Sprecherin Anette Schultner, die nach 2 Jahrzehnten in der Union die AfD mitgründete, sagt: »Wenn jemand sagt, wir müssen alle Hilfsbedürftigen der Welt in Deutschland bereit sein aufzunehmen, alles andere sei nicht christlich, dann spricht er allen anderen europäischen Ländern, die das nicht entsprechend tun, gleichzeitig ihre Christlichkeit ab.« Es helfe niemandem, Deutschland sozial zu destabilisieren. Sie bekräftigt den Vorschlag ihrer Partei, Geflüchteten in ihren Heimatländern zu helfen.

Anette Schultner, Sprecherin der Christen in der AfD, auf einer Kundgebung – Quelle: Demo für alle CC BY-SA

Dunkelrotes Tuch: Wie die AfD kommuniziert

Ich spreche ChrAfD-Sprecherin Anette Schultner auf den bereits erwähnten Pretzell-Tweet an. Zur Erinnerung: »Es sind Merkels Tote!!!«, schrieb Pretzell am Abend des 19. Dezember, kurz nachdem ein LKW über Menschen auf einem Berliner Weihnachtsmarkt gefahren war. Mittlerweile ist bekannt, dass der Tunesier Anis Amri ihn im Auftrag des sogenannten IS gekapert hatte. Der 24-Jährige war 2011 als Flüchtling nach Italien gekommen, hatte dort bereits im Gefängnis gesessen und war 2015 schließlich nach Deutschland eingereist. Die Behörden hatten ihn als Gefährder eingestuft und seinen Fall über 1 Jahr hinweg immer wieder thematisiert. Sie stehen in der Kritik, den Anschlag nicht verhindert zu haben. »Jetzt schockiere ich Sie. Was ist denn in der Grundaussage so völlig verkehrt?«, entgegnet sie. »Ohne die mitverantwortende Politik von Frau Merkel würden wir viel Schreckliches in Deutschland nicht so erleben. Mit Sicherheit wären doch zum Beispiel weniger Vergewaltigungen geschehen, vermutlich hätten wir auch weniger Tote zu beklagen. Verstehen Sie mich dennoch nicht falsch: Der Hauptverantwortliche ist der Täter selbst.«

CDU weiter gewähren lassen, ist die HÖCHSTE SÜNDE für einen "Christ". Fakt. / Anonym auf mmnewsAn Marcus Pretzells Tweet dürfte auch der katholische Prälat Karl Jüsten gedacht haben, der gewissermaßen als Lobbyist der Kirche im politischen Berlin fungiert. Wenige Tage nach dem Anschlag sagte er der Interview der FR mit Prälat Karl Jüsten Frankfurter Rundschau: »Wenn man die Reaktionen führender AfD-Politiker auf den grausamen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt betrachtet, dann drängen sich mit Blick auf das Menschenbild und den seriösen Umgang dieser Partei mit Problemen grundlegende Zweifel auf. Politische Verantwortung möchte man in solche Hände nicht legen.« Viele Gründe, vom Parteiprogramm über Äußerungen der Parteifunktionäre bis hin zu deren Verhalten, sprächen dafür, dass ein Christ dort nicht zu Hause sein könne.

»Wir sind als Christen aufgerufen, in einer fairen Weise zu kommunizieren«, argumentiert auch Bischof Markus Dröge. »Die Wahrheit der Rede ist für den christlichen Glauben etwas sehr Wichtiges.«

Noch einmal auf den Mein Text über Populismus als Werkzeug populistischen Kommunikationsstil angesprochen, räumt Anette Schultner ein: »Es gibt auch mal Statements in unserer Partei, mit denen wir in der ChrAfD nicht glücklich sind und die wir nicht teilen würden. Aber wir sind eine junge Partei, die sich findet.«

Diesen Hoffnungen stehen Bericht der FAZ über ein neues AfD-Strategiepapier Berichte über ein neues Strategiepapier gegenüber, nach denen die AfD im Bundestagswahlkampf mit gezielten Provokationen andere Parteien in die Enge treiben und »zu nervösen und unfairen Reaktionen verleiten« will. Die von Bischof Dröge angesprochene faire Han Langeslag über die Sprache im US-Wahlkampf Kommunikation sieht sicher anders aus.

Wie politisch darf die Kirche sein?

Wie sehr darf sich die Kirche in einem säkularen Staat in parteipolitische Fragen einmischen? Diese Frage stellt die AfD immer wieder, und scheut dabei nicht vor Vergleichen mit dem Dritten Reich.

Einer, den AfD-Politiker für seine klare Haltung immer wieder kritisieren, ist Markus Dröge. Er ist schon häufiger in die Schusslinie geraten – unter anderem mit der Interview der Huffington Post mit Bischof Dröge Aussage, Christen hätten in der AfD nichts verloren. Von einigen Medien (zum Beispiel Focus Online), aber auch AfD-Politikern wurde die Aussage zugespitzt zu einem Aufruf zum Parteiaustritt. Diese Aussage dementiert Dröge, als ich mit ihm telefoniere. Seine Statements bringen ihm zahlreiche missgünstige Mails ein Ich erlebe, dass ich aufgrund von verzerrenden öffentlichen Äußerungen von AfD-Politikern eine Flut von E-Mails bekomme, aus denen ich erkenne, dass ihre Verfasser schon lange nichts mehr mit der Kirche zu tun haben und die nur noch einmal deutlich ihre Ablehnung gegenüber der Kirche ausdrücken wollen. Auf der anderen Seite, und das macht mir wirklich Kummer, gibt es auch in der Kirche Christen, überzeugte gute Kirchenmitglieder, die sich verführen lassen von der AfD und die sich beeindrucken lassen von der Angstmache und die dann glauben, sie müssten, um Schlimmeres zu verhindern, sich dem Rechtspopulismus zuwenden. – Markus Dröge – und Vorwürfe wie von dem bereits erwähnten rheinland-pfälzischen AfD-Abgeordneten Michael Frisch: Anstatt den Dialog mit kritischen Bürgern in seiner Kirche zu suchen, greift er zu Mitteln der Ausgrenzung und Diffamierung. Damit trägt er gerade zu jener gesellschaftlichen Klimaveränderung bei, die er selbst beklagt. (…) Im Übrigen sei Bischof Dröge daran erinnert, dass es vor allem die evangelische Kirche war, die in der Geschichte durch einen zu engen Schulterschluss mit den Mächtigen die Botschaft des Evangeliums mehr als einmal verdunkelt hat. – Michael Frisch

Derartige Anspielungen auf die Zeit des Nationalsozialismus hält Anette Schultner für überzogen: »Die Situation heute würde ich damit aber nicht in einen Vergleich bringen. Es gibt aber zu viel Nähe der Kirchen zu einseitiger Parteipolitik.« Häufig wird der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm für seine (ruhende) SPD-Mitgliedschaft kritisiert. Anette Schultner sagt: »Die Kirche ist ihrem Auftrag nach kein rot-grüner Arbeitskreis, sie ist die Gemeinschaft der Gläubigen!«

Umgekehrt Facebook-Post des EKD-Ratsvorsitzenden zum AfD-Redner im Talar kritisierte Bedford-Strohm im Dezember einen Redner einer AfD-Kundgebung vor dem Kanzleramt – einen ehemaligen Pfarrer auf Probe, der sich im Talar zeigte. Für Anette Schultner ein anderer Sachverhalt als dessen ruhende SPD-Mitgliedschaft: »Es gibt politische Themen, die die Kirche aus christlich-ethischen Gründen direkt betreffen, und da soll sie sich im Grundsatz auch äußern können. Auch ein Pfarrer sollte sich politisch engagieren dürfen.«

Dem stimmt grundsätzlich auch Markus Dröge im Namen der Berliner Landeskirche EKBO zu:

Wir haben in der EKBO vor einem Jahr grundlegende Richtlinien festgelegt, in denen auch steht, dass die Mitgliedschaft der AfD allein kein Grund für einen Ausschluss aus der Gemeindearbeit ist. Aber wenn menschenfeindliche öffentliche Äußerungen getätigt werden, ist für uns eine rote Linie überschritten. Eine Person, die sich so äußert, kann nicht bei uns in der Kirche Verantwortung übernehmen. – Bischof Markus Dröge

An normalen Abenden erstrahlt der katholische Erfurter Dom im Licht der Scheinwerfer. Außer, wenn Björn Höckes AfD-Landesverband Kundgebungen auf dem Domplatz veranstaltet: Dann lässt Bischof Ulrich Neymeyr die Lichter löschen – Quelle: David Ehl copyright

Kirche und AfD – wie geht’s weiter?

Das Verhältnis zwischen den kirchlichen Institutionen und der AfD ist, gelinde gesagt, ziemlich angespannt. Wichtiger ist jedoch ohnehin, wie das Verhältnis der Gemeindemitglieder untereinander sich entwickelt – schließlich Bericht der Welt über eine Studie der EKD zur Folgsamkeit ihrer Mitglieder befand die EKD erst im November, dass Ansagen von der Führungsebene der Kirche eh kaum bis in die hinteren Kirchenbänke durchdringen.

Diverse AfD-Positionen werden von konservativen Kirchenkreisen mitgetragen und ohne menschenfeindliche Äußerungen heißt auch Markus Dröge AfD-Mitglieder in seiner Kirche willkommen. Wie Pfarrer und Priester vor Ort mit rechten bzw. rechtspopulistischen Äußerungen in ihrer Gemeinde umgehen können, hat der ökumenische Arbeitskreis Kirche und Rechtsextremismus bereits erarbeitet. In einer Broschüre der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus Broschüre werden Analysen (die zugegebenermaßen teilweise recht tendenziös geraten) und Bibelstellen als Argumentationshilfe gleich mitgeliefert.

Inwieweit die AfD für Christen wählbar ist, unterliegt zuallererst dem eigenen Verständnis der Christlichkeit. Sie ist jedoch weniger eine Frage der Positionen, die schwarz auf weiß im Parteiprogramm stehen, als vielmehr der Art, wie Politik gemacht wird. Das Wahljahr 2017 wird es zeigen – um mit den Worten von Anette Schultner zu schließen: »Wir sind eine junge Partei, die sich findet.«

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