Felix Austen / Interview

Trump vs. Klima: Was kann er wirklich anstellen?

13. Januar 2017

Damit die Energiewende in den USA nicht an Fahrt verliert, müssen die Amerikaner die Debatte neu aufziehen. Dann gibt’s sogar unerwartete Schützenhilfe, erklärt die wissenschaftliche Beraterin J. Drake Hamilton.

Heute in einer Woche, am 20. Januar, wird Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Die Signale, die der Republikaner und Geschäftsmann an die Welt und sein Land sendet, sind beim Klimaschutz ähnlich kontrovers und widersprüchlich wie bei den meisten Themen: Einmal bezeichnet er den Das hat Trump 2012 getwittert Klimawandel als Erfindung der Chinesen, dann sagt er, er wolle sich Seine Antwort auf die Frage, ob er aus dem Pariser Klimaabkommen austreten wolle (englisch) erst eine Meinung darüber bilden, dann wiederum empfängt er den ehemaligen Vize-Präsidenten und Klimaaktivisten Bericht der New York Times (englisch) Al Gore im Trump-Tower in New York.

Was Klimaschützer, die Erneuerbare-Energien-Industrie, aber auch die Betroffenen des Klimawandels erwartet, scheint völlig offen. Gerade deshalb versuchen die Obama-Regierung sowie viele Bundesstaaten und Städte die Fortschritte abzusichern, die sie bisher gemacht haben. Ob und wie das gelingt, erzählt mir die amerikanische Klima-Politik-Beraterin J. Drake Hamilton am Telefon. Als Leiterin der Nichtregierungs-Umwelt-Organisation Fresh Energy Fresh Energy wurde 1992 in Minnesota gegründet mit dem Ziel, »realistische, visionäre Energie-Politik zu formen und voranzutreiben, von der alle profitieren«. Um das zu erreichen, berät die Organisation Unternehmen und Behörden, erstellt Analysen und informiert die Öffentlichkeit. ist es ihr Job, Behörden und Unternehmen bei der Dekarbonisierung Unter Dekarbonisierung versteht man die Transformation unserer Wirtschafts- und Lebensweise weg von Brennstoffen, die Kohlenstoff (Carbon, englisch für Kohlenstoff) in die Atmosphäre blasen, hin zu erneuerbaren Energiequellen. zu helfen – in dieser Rolle hat sie auch am Klimagipfel in Paris 2015 teilgenommen und mit Barack Obama über Klimapolitik gesprochen.

Du hast Präsident Barack Obama im Weißen Haus besucht, um mit ihm über den Klimawandel zu sprechen. Hast du auch schon eine Einladung von Donald Trump bekommen?
J. Drake Hamilton: Ich würde ihn sehr gern treffen. Besonders, falls er sich dazu entschließen sollte, die amerikanische Energiewende fortzusetzen und zu beschleunigen. Nach allem, was er gesagt hat, sieht es aber nicht danach aus.

J. Drake Hamilton ist Direktorin für wissenschaftliche Politikberatung bei Fresh Energy – Quelle: Fresh Energy copyright

Du leitest seit 25 Jahren die Organisation Fresh Energy, du hast deine gesamte Karriere dem Kampf gegen die Globale Erwärmung gewidmet. Wie hast du dich gefühlt, als du gehört hast, dass der offenkundige Unsere Autorin Maren Urner hat ein wenig Licht in die Köpfe von »Klimaskeptikern« gebracht »Klimaskeptiker« Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde?
J. Drake Hamilton: Der Kern unserer Arbeit ist es, die US-Wirtschaft zu dekarbonisieren. Fresh Energy ist eine wissenschaftsbasierte und datengestützte Organisation. Es ist also offensichtlich, dass wir davon überzeugt sind, dass wir einen Präsidenten gebraucht hätten, der die Energiewende stark vorantreibt. Das ist bedauerlicherweise nicht die Richtung, in die sich die USA bewegen werden. Im Ergebnis werden wir sehr darunter zu leiden haben.
Wäre Hillary Clinton eine solche Präsidentin geworden? Eine, die sich stark für das Klima eingesetzt hätte?
J. Drake Hamilton: Ja, ich denke schon. Ich habe alle Debatten genau verfolgt. Clintons Standpunkte haben sich während des Wahlkampf-Jahres stark verändert. Sie war schon während der Vorwahl die einzige Kandidatin, die das Thema während der Debatten erwähnt hat. Es war offensichtlich, dass sie von den Linken in ihrer Partei erfolgreich zu einer offensiveren Klima-Agenda bewegt worden ist. Außerdem hat sie während ihrer gesamten Karriere eine wissenschaftsbasierte Politik und Gesetzgebung verfolgt. Sie hätte sich als Präsident sicher weiterhin mit Menschen umgeben, die das Thema Klimawandel sehr ernst nehmen und die USA dazu gebracht hätten, die Welt beim Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen. Wir waren entsprechend enttäuscht über das Wahlergebnis.

Was kann Trump wirklich ausrichten?

Wie kann Trump den Kurs der USA in Klimafragen verändern?
J. Drake Hamilton: Sicher würde es einige Jahre dauern, um das zu tun. Was er auf jeden Fall kann, ist die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen Im »Übereinkommen von Paris« haben sich 195 Staaten darauf geeinigt, eine globale Erwärmung von über 1,5° Celsius verhindern zu wollen. Am 4. November 2016 ist das Abkommen in Kraft getreten, nachdem es 55 Staaten, die zusammen über 55% der globalen Emissionen verantworten, unterzeichnet hatten. Das Abkommen gilt als Meilenstein, weil sich erstmals fast alle Länder der Welt zum Klimaschutz bekannt haben. Andererseits herrscht unter Wissenschaftlern auch Einigkeit darüber, dass die beschlossenen Maßnahmen bei Weitem nicht genügen, um das 1,5°-Ziel zu erreichen. abziehen. Dafür müssten die USA, 3 Jahre nachdem das Abkommen in Kraft getreten ist, ihre Austrittserklärung unterzeichnen. Das wäre also im November 2019. Das Ausscheiden würde 1 Jahr später in Kraft treten, also im 4. Jahr der Regierung. Danach könnte der Präsident sogar von vorangegangenen Abkommen zurücktreten, also der Klimarahmenkonvention aus dem Jahr 1992. Die Klimarahmenkonvention ist ein frühes Abkommen der Vereinten Nationen mit dem Ziel, den Klimawandel abzuschwächen. Sie enthält auch die Gründung des Klimasekretariats UNFCCC, das das Fortschreiten der Globalen Erwärmung wissenschaftlich analysiert und regelmäßig Sachstandsberichte veröffentlicht. Das würde meines Wissens dann wesentlich schneller gehen als der erste Austritt. Wir hoffen natürlich, dass beides nicht passiert.
Was kann er darüber hinaus noch tun?
J. Drake Hamilton: Trump hat ebenfalls gesagt, dass er den Clean Power Plan Der Clean Power Plan (englisch, Sauberer-Strom-Plan) ist eines der wichtigsten Gesetze in den USA, mit denen die Treibhausgas-Emissionen reduziert werden sollen. Es sieht vor, den CO2-Ausstoß aus der Stromproduktion bis 2030 um 32% im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Das soll vor allem gelingen, indem Kohle- durch Gas-, Wind- und Solarkraftwerke ersetzt werden. Das Gesetz wurde von Präsident Obama im August 2015 verabschiedet und wird seitdem von den Republikanern bekämpft. beenden will und dass er die Pflicht der Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency (EPA)), Die Amerikanische Umweltschutzbehörde wurde ironischerweise auf Vorschlag des republikanischen Präsidenten Richard Nixon gegründet. Sie entwickelt Umweltschutzgesetze, überwacht ihre Einhaltung und liefert Daten und Studien zu Umweltthemen. Kraftwerks-Emissionen zu regulieren, abschaffen wird. Das könnte er tun, indem er der EPA die finanziellen Mittel entzieht, um den Clean Power Plan umzusetzen. Es gibt also eine Reihe von Taktiken, die die neue Regierung verfolgen könnte. Für viele davon müsste sie neue Regeln schaffen, was wiederum sehr zeitintensiv ist. Das gibt Umweltorganisationen Zeit, die möglichen Änderungen vor Gericht zu bekämpfen.

Erst Dafür hat er ein Gesetz aus dem Jahr 1953 genutzt, The Guardian (englisch) Mitte Dezember hat Präsident Obama Teile der Arktis und des Atlantiks für Öl-Bohrungen gesperrt. Außerdem hat er die umstrittene Keystone-XL-Pipeline Die umstrittene Pipeline soll extrem klima- und umweltschädliches Teersand-Öl aus Kanada in die USA transportieren. Bei der Gewinnung werden gigantische Wälder zerstört, zurück bleiben giftige Abfälle und Mondlandschaften. Die Pipeline verläuft außerdem durch Gebiete amerikanischer Ur-Einwohner. endgültig gestrichen. Welche Chancen hat Trump, diese Entscheidungen rückgängig zu machen?
J. Drake Hamilton: Ich bin keine Juristin, aber soweit ich es verstehe, ist die rechtliche Grundlage, auf der Obama die Öl-Förderung in der Arktis einschränken will, sehr stark. Seine Entscheidung über die Diese 2:20 Minuten bringen den Konflikt auf den Punkt (englisch) Keystone-XL-Pipeline ist stärker gefährdet. Vor allem, weil auch die kanadische Regierung Während wir über jedes schief liegende Haar des neuen Präsidenten Trump Bescheid wissen, ist über die kanadische Regierung wenig bekannt. Seit November 2015 ist Justin Trudeau von der mitte-links-liberalen Partei Kanadas amtierender Premierminister. Als zweitjüngster Premier der kanadischen Geschichte genießt er große Beliebtheit unter den Kanadiern. Er befürwortet die Möglichkeit der legalen Abtreibung, die Legalisierung von Marihuana und bezeichnet sich selbst als Feministen. Im Wahlkampf hat er sich für eine starke Klimapolitik ausgesprochen und im November 2016 den Startschuss für eine kanadische CO2-Abgabe gegeben, die 2018 in Kraft treten soll. das Projekt vorantreiben und Unter Trump will Kanada einen neuen Versuch bei der Pipeline wagen, Washington Post (englisch) die Entscheidung aufheben will.

Trump hat außerdem angedeutet, dass er Vor allem die NASA könnte darunter leiden, The Guardian (englisch) Gelder für die Klimaforschung streichen will. Welche Konsequenzen hätte das, speziell auch für Fresh Energy?
J. Drake Hamilton: Fresh Energy wird nicht aus Regierungsgeldern finanziert. Besorgniserregend ist allerdings, dass unheimlich viele Einrichtungen in den Vereinigten Staaten ihre Daten von unseren öffentlichen Forschungseinrichtungen beziehen. Egal ob Wettervorhersage oder grundlegende Daten über unsere Erde. Die EPA, aber auch die NASA Die National Aeronautics and Space Administration kennen wir alle, sie baut das Spaceshuttle und hat Neil Armstrong auf den Mond geschossen. Was weniger bekannt ist: Die Behörde beschäftigt sich auch eingängig mit dem Himmelskörper, auf dem wir leben, der Erde. Sie liefert wichtige Daten über die Erde und das Klima – wofür sie von der Republikanischen Partei scharf kritisiert wird. Die Forscher mögen sich doch auf ihre Kernaufgabe konzentrieren, lautet der Vorwurf: den Weltraum. Die NASA selbst sieht ihre Aufgabe von Beginn an auch darin, das Leben auf der Erde zu untersuchen und zu verbessern. Diese – zugegebenermaßen etwas komplizierte, aber sehr unterhaltsame – Befragung eines NASA-Wissenschaftlers durch den Republikanischen Politiker Ted Cruz im Senat (englisch) verdeutlicht den Konflikt. und NOAA Die National Oceanic and Atmospheric Administration erforscht die Ozeane und liefert Wetterdaten. gehören zu den wichtigsten Datenlieferanten. Um Wetter- und Klimarisiken richtig zu managen und die Gemeinden widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen, ist es entscheidend, die besten Daten zu haben.

Klimaschutz bedeutet Wirtschaftswachstum

Donald Trump hat Rex Tillerson, den bisherigen Chef des Öl-Riesen ExxonMobile ExxonMobile ist der sechstgrößte Konzern und viertgrößte Öl-Konzern der Welt. Schon Ende der 70er lagen dem Konzern Informationen und Studien über den Klimawandel vor (die ExxonMobile zum Teil selbst angefertigt hatte). Die Vorstände nahmen diese sehr ernst und dachten über Konsequenzen für ihr Geschäft nach. Erst später begann der Konzern, diese Dokumente unter Verschluss zu bringen und zu halten, und fing an, riesige Desinformations-Kampagnen über den Klimawandel zu finanzieren, um ihr Geschäft nicht zu gefährden. Genaueres gibt es hier nachzulesen. als Staatssekretär und den »Klimaskeptiker« Scott Pruitt als Chef der Umweltbehörde EPA vorgeschlagen. Welche Auswirkungen haben diese Nominierungen?
J. Drake Hamilton: Es ist ziemlich beunruhigend, dass da Leute herangeschafft werden, die ihre Politik nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten und nicht anerkennen, dass der Klimawandel von Menschen gemacht ist. Nach der Vereidigung Trumps am 20. Januar werden sie sicher einige Monate versuchen, die entsprechenden Personen durch den Kongress bestätigen zu lassen. Deshalb treffen sich jetzt Vertreter von Organisationen und Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien mit Kongressabgeordneten. Ihr Ziel: Ihnen klar machen, was auf dem Spiel steht. Auch für ihre Unternehmen.
Welche Argumente haben sie dabei auf ihrer Seite?
J. Drake Hamilton: Dass es um eine wirtschaftliche Chance geht, die wir nicht verlieren wollen. Es ist wichtig, zu wissen, dass es in den USA laut Daten aus dem Jahr 2015 derzeit etwa 4-mal so viele Jobs im Solar- und Windsektor gibt wie in der Kohleindustrie. In konkreten Zahlen: Diese und die weiterführende Quelle zeigen, in welchem Bereich es wie viel zu tun gibt Etwa 297.000 verglichen mit 75.000. Bis 2024 soll die Anzahl der Wind-Techniker in den USA um 108% im Vergleich zu 2014 steigen Windturbinen-Techniker ist der am schnellsten wachsende Beruf in den USA. Wir brauchen gar nicht darüber zu reden, ob es jemals die Möglichkeit geben wird, uns von der Automatisierung in der Kohleindustrie wegzubewegen. Anders als von Trump behauptet, haben nicht die Chinesen oder die Demokraten die »guten« Kohle-Jobs geklaut, sondern die Maschinen. Sie fördern die Kohle heute wesentlich schneller und günstiger als Bergarbeiter. Wie es den Menschen geht, die ihre Kohle-Jobs verloren haben, hat unser Gastautor Clemens Weiss beschrieben. Entscheidend ist, dass sowohl Erdgas als auch Solar- und Windenergie die Kohle wirtschaftlich schlagen. Auch wenn Trump seinen Wählern versprochen hat, dass er das Ruder bei der Automatisierung irgendwie rumreißen will, wird das nicht passieren.

Quelle: Lazard’s Levelized Cost of Energy Comparison –

Die Zahlen sprechen für sich, erneuerbare Energien haben ein riesiges wirtschaftliches Potenzial in den USA und weltweit. Warum fällt es der Republikanischen Partei so schwer, sich damit anzufreunden?
J. Drake Hamilton: Zu meinem großen Bedauern hat eine Diskussion genau darüber während des gesamten Wahlkampfes nicht stattgefunden. Wenn es um den Klimawandel geht, ist das hier ein politisches und kein wirtschaftliches Thema. Als Republikaner »glaubst« du nicht an den Klimawandel. Das ist natürlich lächerlich und ungefähr so, als würdest du dich entscheiden, nicht an die Schwerkraft zu glauben. (Lacht.) Es betrifft dich trotzdem!

Wir müssen nur einen Schritt zurück treten und den Menschen die Anzahl der Jobs nennen, ihnen erklären, dass nicht-subventionierte Energie aus Wind und Sonne billiger als Kohleenergie ist. Dann beginnen die Menschen genauer hinzusehen, unabhängig von Parteizugehörigkeiten. Darauf müssen wir uns künftig konzentrieren: Was sagen die Fakten? Wie wollen wir uns als Land weiterentwickeln und wollen wir diese Möglichkeiten wirtschaftlich nutzen?

»Statt die letzten Klimaskeptiker zu überzeugen, über neue Jobs sprechen«

Bei der US-Wahl haben wir aber gesehen, dass Fakten für viele Menschen und auch in den Medien eine geringe Bedeutung hatten. Stattdessen bestimmt, wie du auch sagst, vor allem die eigene Zugehörigkeit zu einem bestimmten politischen Lager darüber, wie Menschen zum Klimawandel und der Energiewende stehen. Lässt sich da mit faktenbasierten Argumenten wirklich viel erreichen oder geht es vielmehr um konservative Werte?
J. Drake Hamilton: Ich gebe dir Recht: Die wirtschaftlichen Argumente basieren auf konservativen Werten. Fresh Energy wurde ebenfalls auf Basis konservativer Werte gegründet. Vor allem der Idee, dass Erneuerbare Energien im Vergleich zu konventionellen Energien wettbewerbsfähig sein müssen. Das Beste, was wir tun können, um den Klimawandel zu bremsen, ist es, uns nicht auf Klimapolitik zu fokussieren, sondern darauf, wie wir mehr Erneuerbare-Energien-Jobs schaffen, die gut bezahlt sind. Und zwar überall in den USA. Dann führen wir eine produktive Diskussion. Jetzt nach der Wahl beschäftigen sich viele Progressive und Konservative mit der Frage: Wie ziehen wir unsere Medien stärker zur Verantwortung, um diese Informationen raus in die Öffentlichkeit zu bekommen? So, dass wir eine öffentliche Debatte haben, die auf Informationen und Fakten beruht.
Leichter gesagt als getan. Wie bekommen wir die Medien dazu?
J. Drake Hamilton: Ich glaube, dass wir vor allem darüber reden müssen, welche Anpassungen und Maßnahmen der Klimawandel von uns fordert. Nehmen wir zum Beispiel die Beschäftigungszahlen, über die ich eben gesprochen habe. Nach meiner Erfahrung weiß das kaum jemand in den USA! Also: Wie gestalten wir Kampagnen, um diese Informationen zu verbreiten? Das ist wichtig, damit die Menschen produktivere Diskussionen führen und Entscheidungen treffen können.

Tatsächlich ist es doch eine großartige Botschaft, zu sagen: Wir müssen uns nicht zwischen Umweltschutz und Wirtschaftsförderung entscheiden. Die Revolution der Erneuerbaren Energien bedeutet: Wir können beides zugleich haben. Und wo ich gerade mit der deutschen Presse spreche: Viele von uns hier in den USA wissen, dass wir den Deutschen dafür danken müssen, dass sie die Erneuerbaren Technologien auf Vordermann gebracht haben und so für enorme Preissenkungen gesorgt haben!

Siehst du bei den Republikanern eine Veränderung in ihrer Einstellung gegenüber Erneuerbaren Energien?
J. Drake Hamilton: Da lohnt sich ein Blick auf die Verlängerung von Steuervergünstigungen für Solar- und Windkraftprojekte, die der Kongress im Dezember 2015 verabschiedet hat. Das gibt der gesamten grünen Energiewirtschaft Auftrieb. Für die nächsten 5 Jahre wird der Verkauf von Wind- und Solarkraft gut laufen. Dabei kam auch von den Republikanern viel Unterstützung. Die texanische Stadt Georgetown zum Beispiel will 100% Erneuerbare – nicht um den Planeten zu retten, sondern um Geld zu sparen, The Guardian (englisch) Texas zum Beispiel, ein klassisch republikanischer Staat, hat den ökonomischen Nutzen der Windkraft erkannt.

Nochmal: Die Tatsache, dass saubere Energie kein Kompromiss zwischen wirtschaftlichem und ökologischem Fortschritt bedeutet, muss besser kommuniziert werden. Wir dürfen keine Energie damit vergeuden, diejenigen überzeugen zu wollen, die weiterhin den menschgemachten Klimawandel leugnen, sondern auf Beschäftigungsmöglichkeiten im Sektor der Erneuerbaren Energien eingehen.

Ist die Energiewende überhaupt noch zu stoppen? Oder geht es »nur« darum, ob das Ganze etwas schneller oder langsamer abläuft?
J. Drake Hamilton: Wir gehen tatsächlich nicht davon aus, dass die Trump-Regierung den Übergang zu Erneuerbaren Energien rückgängig machen kann. Natürlich kann sie den Prozess deutlich verlangsamen. Diejenigen, die den Klimawandel ernst nehmen – und ich weiß, dass die Deutschen und Amerikaner dazugehören – wissen aber, dass dieser Prozess beschleunigt werden muss.

Smoky Hills Wind Farm in Kansas – Quelle: Wiki Commons / Drenaline CC BY-SA

Ausgerechnet Texas ist der Windkraft-Primus

Du hast die Rolle der Bundesstaaten am Beispiel Texas schon kurz erwähnt. Welche Möglichkeiten haben die einzelnen Bundestaaten? Wo können die Gouverneure dem Präsidenten einen Strich durch die Rechnung machen?
J. Drake Hamilton: Hier helfen ein paar Beispiele: 29 von unseren 50 Bundesstaaten, darunter Washington, haben Gesetze, dass ein gewisser Anteil des Stroms ab einem bestimmten Jahr aus Erneuerbaren Quellen kommen muss. Das läuft aktuell ziemlich gut. Andere Staaten und Städte haben angekündigt, dass sie Energie aus Erneuerbaren Quellen gegenüber Kohle bevorzugen. Zum Beispiel Washington, Los Angeles und Hawaii. Die Anlagen in Hawaii können bis 2020 – also in nur 3 Jahren – bis zu 48% erneuerbar werden. Die Verantwortlichen dort haben angekündigt, dass sie die 100% 5-mal schneller erreichen können als zunächst geplant. Das sind wirklich gute Neuigkeiten, da aktuell der gesamte Energiegewinn in Hawaii von Öl abhängt. Wer jetzt meint, das gelte nur für progressive Staaten und Städte, liegt falsch. Las Vegas hat angekündigt, auf 100% Erneuerbare umzustellen. Ich denke aber auch, dass der größte Druck hin zu einer regenerativen Energiewirtschaft von den Unternehmen kommen wird.
Wie der Elektroauto-Hersteller Tesla den Energiemarkt neu aufrollt, habe ich in meinem Beitrag über neue Akkus beschrieben Tesla ist offensichtlich ein großer Einflussfaktor. Auch Google hat angekündigt, bis 2017 komplett auf Erneuerbare Energien zu setzen. Kommt es also vor allem auf die großen Konzerne an oder auch auf mittelständische und kleinere Unternehmen?
J. Drake Hamilton: Es ist die Kombination von beiden, den Kleinen und den Großen, wie Amazon, Google, Apple und Microsoft. Die großen Unternehmen haben natürlich einen anderen Stellenwert. Auf der Pariser Klimakonferenz erfuhr ich, dass der internationale Konzern General Mills aus Minnesota, der weltweit sechstgrößte Lebensmittelhersteller, 100 Millionen US-Dollar (etwa 95 Millionen Euro) in Erneuerbare Energien investiert hat. Die Firma hat die Klimaschutz-Vereinbarungen in Paris sehr stark unterstützt und angekündigt, bis 2025 28% CO2 einsparen zu wollen.
Warum begegnen die Menschen, egal ob Republikaner oder Demokraten, dem Thema auf lokaler Ebene so viel rationaler?
J. Drake Hamilton: Erstens sehen die Menschen vor Ort die Einflüsse der Klimaveränderung. In den Vereinigten Staaten sind das unter anderem Regenstürme und Was zum Beispiel in Florida los ist, haben Maren Urner und ich hier beschrieben katastrophale Hochwasser, die viele Schäden verursachten. Auch Dürren, wie zum Beispiel in Kalifornien, und Waldbrände. Die Menschen sehen, dass das sehr teuer werden kann. Zweitens fragen sich viele Menschen nach der Wahl, wie der spürbare Bruch in der Gesellschaft behoben werden kann. Wie sie aufeinander zugehen können, auch auf Menschen, die andere Ansichten haben. Wir müssen es wieder schaffen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Alle Umfragen zeigen, dass 90% der Amerikaner Erneuerbare Energie fordern. Über 80% befürworten Windenergie. Mit einer solchen öffentlichen Unterstützung müssen wir die Entwicklung schneller antreiben; besonders, wenn es Firmen gibt, die davon auch noch profitieren.
Manche Ökonomen glauben, dass Trumps protektionistische Ansätze zu einer Rezession in den USA und weltweit führen könnten. Das wäre ja nicht unbedingt schlecht fürs Klima, normalerweise korreliert der CO2-Ausstoß ja mit der Wirtschaftsleistung.
J. Drake Hamilton: Dem stimme ich nicht zu. Die Vorstellung, dass für ein größeres Wirtschaftswachstum auch mehr Umweltverschmutzung in Kauf genommen werden muss, scheint mir wie ein religiöses Dogma. Dabei ist das gar nicht mehr der Fall: In 35 Ländern der Welt haben wir in den letzten 50 Jahren angefangen, ökonomisches Wachstum von den Emissionen abzukoppeln. Hier gehts zum Bericht (englisch, 2016) Das hat ein Bericht des Brookings Instituts vom Dezember 2016 gezeigt. Die Debatte hat bereits vor vielen Jahren angefangen.

Die Frage ist stattdessen: Wie können wir gewährleisten, dass wir die saubere Energiewirtschaft für alle zugänglich machen? Vor allem für diejenigen, die schon jetzt unter den Veränderungen des Klimawandels leiden. Das können wir am besten auf kommunaler Ebene kommunizieren. Dort leiden die Menschen besonders unter den Folgen und lokale Politiker können unter Druck gesetzt werden, Erneuerbare Energie für alle zugänglich zu machen.

Korrektur am 17. Januar 2017: Zuvor hatte im Interview gestanden, dass General Mills 100 Milliarden US-Dollar in Erneuerbare Energien investiert, es sind allerdings »nur« 100 Millionen US-Dollar. Außerdem will der Konzern bis 2025 nicht komplett auf Erneuerbare umsteigen, sondern die CO2-Emissionen um 28% reduzieren.

Titelbild: Robin Schüttert - copyright

 

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