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Weißt du, dass kein Geld auf deinem Konto liegt?

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Weißt du, dass kein Geld auf deinem Konto liegt?

10. März 2017
Themen:

Die Finanzkrise ist lange her. Vieles im Geldsystem, das diese ermöglichte, wurde nicht geändert. Zeit, ein paar Dinge richtigzustellen.



Wer will schon über Geld und Banken reden? Das Thema fanden die meisten schon in der Schule trocken. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich emotionaler und näher an Trumps Eskapaden und der Hier räumt Peter Dörrie mit Mythen zur aktuellen Flüchtlingssituation auf Flüchtlingskrise diskutieren. Doch unser Alltag wird durch kaum etwas so stark beeinflusst wie durch Geld und unser Geldsystem.

Erinnerst du dich noch an den Spätsommer 2008? Die Finanzkrise begann 2007 in den USA und entwickelte sich mit dem Kollaps der amerikanischen Investmentbank Lehmann Brothers in eine internationale Finanzkrise. Ab Mitte September bestimmte damals vor allem ein Thema die Überschriften: die Finanzkrise. Schuldige waren schnell gefunden: gierige Finanzhaie. Wir kennen die Bilder von Bankern, die mit einem Karton unterm Arm ihren Schreibtisch räumen. Riesige Geldsummen wurden mobilisiert, um die Banken zu retten. Geldsummen, die Im Buch »The Mathematical Brain« beschreibt der Neurowissenschaftler Brian Butterworth, warum uns große Zahlen nichts sagen (englisch, 1999) unsere Vorstellungskraft überschreiten.

Ein paar Monate später zog die große Medienaufmerksamkeit weiter und alles wurde gut. Weit gefehlt …

Es ist gut, dass die Menschen des Landes unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. Denn wäre das der Fall, so denke ich, hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution. – Henry Ford, Gründer des Autoherstellers Ford

Die Dokumentation »Inside Job« erklärt, wie es zur Finanzkrise kommen konnte (englisch, 110 Minuten Grundlegende Ursachen der Finanzkrise, die tief in unserem Geldsystem verankert sind, bleiben bis heute bestehen. Stärker noch: Die Bankenindustrie fordert unter Trump, die Pflaster zur Krisenbekämpfung wieder abzuziehen, und Die Deutsche Welle berichtet über Trumps Deregulierungen und Mario Draghis Reaktion (englisch, 2017) ruft nach mehr Deregulierung.

Ich glaube, dass Banken für unsere Freiheiten gefährlicher sind als stehende Armeen. – Thomas Jefferson, 3. US-Präsident 1813

Es gibt international aber auch Im Februar traf sich das internationale Netzwerk zur Geldreform (»International Movement on Monetary Reform«) in Berlin (englisch) zahlreiche Initiativen, die Alternativen fordern und darauf hinweisen, wie groß der Einfluss vom Geldsystem auf unser Leben ist – Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, teure Immobilien und hohe Mieten. Eine undankbare Aufgabe, weil das Thema abstrakt und komplex ist. So sehr, dass Bürger, Zum Beispiel wissen mehr als 70% der britischen Parlamentarier nicht, dass Privatbanken Geld schöpfen können Politiker und sogar manche Ökonomen nicht wirklich verstehen, wie unser Geld funktioniert.

Unser Geld aus dem Nichts

Nur C ist die richtige Antwort: Die Bank erschafft 500 Euro quasi aus dem Nichts. Je nach Land und Währungsraum gibt es keine oder bestimmte Ansprüche, die erfüllt sein müssen – dazu später mehr. Das Geld unserer Banken liegt weder im Tresor, noch wird es zu 100% von der Zentralbank Im Euro-Raum ist das die EZB. Zentralbanken refinanzieren die Geschäftsbanken und sind für die Geldpolitik zuständig. bereitgestellt oder gedruckt; niemand hat es vorher einzahlen müssen.

Denn sogenannte Geschäftsbanken, Das sind Banken, die Bankgeschäfte für Privat- und Firmenkunden anbieten, zum Beispiel auch private Girokonten. Meist nennen wir sie einfach »Bank«. bei denen wir unsere Konten haben, können Geld tatsächlich aus dem Nichts schaffen bzw. schöpfen. Und verleihen es an ihre Kunden. So entsteht eine Schuld, das neu geschaffene Geld an die Bank »zurück« zu zahlen. Bevor der Bankangestellte einen Kredit vergibt, indem er ein paar Zahlen in einen Computer tippt, überprüft er, ob der Kreditnehmer seine Schuld mit hoher Wahrscheinlichkeit begleichen können wird. Ist die Beurteilung positiv, steht dem neuen Geld nichts mehr im Wege.

Das meiste Geld, über das wir heute verfügen, kommt also direkt von den Geschäftsbanken, die Geld schöpfen, indem sie es verleihen.

Geld ist daher erst mal nichts weiter als Vertrauen. Vertrauen, dass der Kreditnehmer seine Schuld inklusive Zinsen begleichen wird.

Natürlich ist nicht alles Geld – oder alle Forderungen nach solchem – digital. Ein paar Dieser Artikel spekuliert darüber, warum in Deutschland noch so gern »cash« bezahlt wird (englisch, 2014) Münzen und Scheine gibt es auch noch in unseren Portemonnaies.

Die paar Scheine …

Scheine und Münzen machen Das ergibt sich aus dem Anteil des Bargeldumlaufes durch M1 im Euroraum (2017) 15% des Geldes in der Eurozone In anderen Ländern ist diese Quote noch geringer, zum Beispiel sind es in Großbritannien 3%. Die EZB verwaltet verschiedene Geldmengen und richtet sich dabei nach der Liquidität der jeweiligen Menge, d.h. wie schnell das Geld gegen etwas Anderes eingetauscht werden kann. Die Geldmenge M1 ist das, was wir täglich für Einkäufe nutzen, also Bargeld und Giralgeld. Je höher die Ziffer, desto geringer die Liquidität. aus. In der Eurozone kommen die Scheine von der Europäischen Zentralbank (EZB) und den jeweiligen Nationalbanken. Auf den Scheinen ist die Abkürzung der EZB in verschiedenen Sprachen zu finden. Neben der deutschen Abkürzung EZB sind das: BCE, ECB, EKP, ΕΚΤ, ЕЦБ, EKB, BĊE und EBC. Wie viele Münzen es gibt, entscheidet ebenfalls die EZB. Die Eurostaaten lassen diese prägen und verdienen damit ein wenig Geld – die sogenannte Seigniorage. Das ist die Differenz aus dem Wert der jeweiligen Münze und den Material- und Produktionskosten.

Die restlichen 85% sind auf unseren Bankkonten. Dieses Geld besteht nur digital.

Laut der Bundesbank zählt alles als Geld, was zur Zahlung akzeptiert wird, wertbeständig Würde sich der Wert dauernd ändern, würden wir Geld nicht aufbewahren, um damit in Zukunft zu zahlen. Würde es andererseits immer wertvoller, könnten wir uns kaum davon trennen, weil wir in Zukunft mehr dafür bekommen könnten. Wertbeständigkeit ergibt sich aus einem begrenzten Angebot bei gleichbleibender Nachfrage. ist und als Recheneinheit dient. Lange Zeit waren zum Beispiel Edelmetalle das gängigste Zahlungsmittel; nach dem Zweiten Weltkrieg waren Zigaretten eine beliebte Währung.

In jedem Fall gilt: Geld basiert nicht nur auf Vertrauen, sondern ist Vertrauen. Nur, weil der Obsthändler darauf vertraut, dass auch seine Autohändlerin diese annehmen wird, akzeptiert er sie von mir als Zahlungsmittel.

Früher galt der Goldstandard: Dabei garantieren Notenbanken einen festen Umtauschkurs für Scheine und Münzen zum Gold. Seit den 70-er Jahren ist das nicht mehr der Fall. – Quelle: Deutsche Bundesbank copyright

Unser Geldsystem kurz erklärt

Vielleicht hat der Obsthändler im zarten Alter von 12 Jahren mit einem geliehenen Zwanziger von seinen Eltern einen kleinen Obststand gebaut, den Tag über fleißig Obst verkauft, und er konnte so am Abend den »Kredit« zurückzahlen.

Ein paar Jahre später sitzt er bei der Bank, um nach einem Kredit über 10.000 Euro für seinen Obststand auf dem Wochenmarkt zu fragen. Genau wie seine Eltern damals, soll die Bank ihm einen Vertrauensvorschuss in Form eines Bankkredits geben.

Doch statt auf die Spareinlagen von anderen Bankkunden zurückzugreifen, schafft die Bank die 10.000 Euro aus dem Nichts und gibt dem Obsthändler einen Kredit. Jetzt hat der Obsthändler 10.000 Euro auf seinem Konto. Die Bank gibt sie ihm, weil sie dem Händler vertraut, das Geld »zurück« zu zahlen.

Die Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken ist nicht unbegrenzt möglich. Hier kommt die Zentralbank ins Spiel. Im Euroraum gilt: Um einen Kredit zu vergeben, muss die Geschäftsbank mindestens 1% der Kreditsumme von der Zentralbank leihen. In Großbritannien gibt es keine solche Mindestreserve. Dafür hinterlegt sie ein Pfand. Generell benötigen Geschäftsbanken genau wie Privat-Kreditnehmer Sicherheiten. Zentralbanken akzeptieren nur eine geringe Auswahl an Sicherheiten. Am häufigsten werden sogenannte Schuldverschreibungen hinterlegt. Das können zum Beispiel Staatsanleihen sein. Sie gelten als besonders sicher. Bei 10.000 Euro also 100 Euro. Umgekehrt sagt unser Kontostand streng genommen also nichts darüber aus, wie viel Geld wir besitzen, sondern wie hoch unsere Forderung gegenüber der Bank ist.

Die 10.000 Euro sind also nicht komplett durch die Zentralbank gedeckt. Angenommen, unser Obsthändler vertraut seiner Bank nicht mehr. Statt die 10.000 Euro auf seinem Konto liegen zu lassen, will er sie doch als Bargeld abheben und unter seiner Matratze aufbewahren. Er macht sich auf den Weg zur Bank. Das geht so lange gut, bis zu viele Bankkunden gleichzeitig das Vertrauen verlieren und ihr Geld in »bar« einfordern.

Dann entsteht ein sogenannter Bank Run – Menschen stehen am Geldautomaten Schlange, in der Hoffnung, noch Geld abheben zu können. Das Perfide an dieser Logik: Eine erwartete Bankpleite reicht aus, um die Bank tatsächlich pleitegehen zu lassen. Denn häufig wird die Bank erst durch die massenhaften Barauszahlungen tatsächlich zahlungsunfähig.

Zum Glück spring der Staat im Fall einer Pleite ein: Mit Steuergeldern sorgt er dafür, dass Sparer ihre Ansprüche bis zu einer bestimmten Höhe einlösen können. In allen Euro-Ländern sind Dafür sorgt in Deutschland das Einlagensicherungsgesetz das mittlerweile 100.000 Euro pro Person.

Und wie kommt das Geld in die Welt?

Zurück zum neuen Geld, das seine digitale Reise fortsetzt. Der Obsthändler kauft beim Möbelladen 5 Regale für seinen Obststand. Die Möbelhändlerin hat ihr Konto bei der gleichen Bank, die den Kaufpreis einfach vom einen zum anderen Konto umbuchen kann.

Im nächsten Schritt landet ein Teil dieses Geldes vielleicht als Gehaltszahlung für den Angestellten im Möbelladen auf dessen Konto, das ebenfalls bei der gleichen Bank ist.

Dabei ist es egal, dass das Geld kurz zuvor als Kredit aus dem Nichts geschaffen wurde. Plötzlich zahlt der Angestellte damit seinen Obsteinkauf auf dem Wochenmarkt. Das ermöglicht dem Obsthändler, seinen Kredit abzubezahlen. Natürlich muss der Obsthändler auch Zinsen für seinen Kredit zahlen. Daran verdienen die Geschäftsbanken. Liegt der Zinssatz zum Beispiel bei 5%, muss der Obsthändler bei einem Kredit von 10.000 Euro 10.500 Euro zurückzahlen, wenn er den kompletten Kredit nach einem Jahr zurückzahlen kann. Geschieht das, streicht die Bank ihre Forderung an den Obsthändler aus ihren Büchern und das Geld wird wieder vernichtet.

Geld entsteht und verschwindet in 4 Schritten: Erst hebt der Obsthändler 2.000 Euro seines Kredits ab. Das Geld ist entstanden (1.), damit bezahlt er die Möbelhändlerin (2.). Diese kann mit diesem Geld selbst einkaufen und kauft Obst beim Obsthändler (3.). Der hat nun genug Geld, um seinen Kredit zurückzuzahlen (4.). So schrumpft die Geldmenge um 2.000 Euro. –

Aber nicht ohne Folgen: Denn unterwegs hat das Geld einen Mehrwert geschaffen. Der Obsthändler hat im besten Fall ein gewinnbringendes Unternehmen aufgebaut, und die Bank hat über die Rückzahlungen inklusive Zinsen ebenfalls Gewinn gemacht.

Die 85% allen Geldes, die nur digital existieren, heißen auch Buch- oder Giralgeld und liegen auf unseren Girokonten. Das italienische Wort »Giro« heißt Kreis – der sich mit der Vernichtung des Geldes schließt.

In der Realität ist dieser Kreis jedoch eher eine unregelmäßige Zickzack-Linie, weil bei fast jeder Transaktion mehr als eine Bank beteiligt ist.

Von Bank zu Bank

Weil es zahlreiche Geschäftsbanken gibt, müssen diese jeden Tag massenweise Geld untereinander austauschen. Sie handeln nicht mit Giralgeld, sondern mit Zentralbank-Geld. Um das ein wenig zu vereinfachen und nicht jede Transaktion live verbuchen zu müssen, erfolgt der Abgleich zwischen Banken einmal pro Tag. Während wir ein Girokonto bei der Bank unseres Vertrauens haben, wickeln die Geschäftsbanken ihre Transaktionen über ein Konto bei der Zentralbank ab. Was unterm Strich am Abend übrig bleibt, verbuchen die Geschäftsbanken in Zentralbank-Geld untereinander.

»Unterm Strich« bleibt am Abend nur ein Bruchteil der Transfersummen über, weil sich die Forderungen und Zahlungen zwischen den Geschäftsbanken meist ausgleichen. Die Banken müssen sich eigentlich kein zusätzliches Geld von der Zentralbank leihen, um einander zu »bezahlen«. Gleichen sich die Summen einmal nicht aus, leihen sich die Banken untereinander Zentralbank-Geld.

Auch hier geht es also um Vertrauen. Das Vertrauen der Geschäftsbanken untereinander. Daran mangelte es 2008: Manche Geschäftsbanken vertrauten einigen anderen nicht mehr und wollten mit ihnen nicht mehr mit Zentralbank-Geld handeln. Die Zentralbank stellte daraufhin den Banken zusätzliches Zentralbank-Geld zur Verfügung. So sollte der Zahlungsverkehr zwischen Banken gerettet werden.

Das ist ein schwieriger Spagat, da die Zentralbank auf der einen Seite die Menge an Zentralbank-Geld regulieren muss und auf der anderen Seite den Zahlungsverkehr aufrechterhalten will.

Zentralbanken sollen das Geldsystem stabilisieren. Bank Runs lassen sich aber nicht immer vermeiden, so wie hier bei der britischen Bank Northern Rock 2007 in der Anfangsphase der Finanzkrise. – Quelle: Alex Gunningham CC BY-SA

Warum ist die Geldmenge so wichtig?

Die Geldmenge ist der Treibstoff für den Wirtschaftsmotor. Genau wie die Möbelhändlerin müssen alle Unternehmen ihre Angestellten bezahlen. Das machen sie häufig mit geliehenem Geld. Gibt es weniger Kredite, können sie das nicht mehr. Weniger Angestellte kaufen weniger Obst, so dass die gesamte Wirtschaft weniger Bananen braucht usw. – ohne Geld streikt das Getriebe.

Dieser Dominoeffekt funktioniert in beide Richtungen: Ist mehr Geld da, können mehr gut bezahlte Mitarbeiter mehr Obst kaufen. Die Nachfrage und die Preise steigen. Ausgehend von gleichbleibender Produktion: Solange es nicht mehr Äpfel und Bananen gibt, steigen ihre Preise. Dann ist von einer Inflation, einer Geldentwertung, die Rede. In der Regel führt mehr Geld zu einem kurzfristigen Produktionsanstieg, der langfristig durch steigende Preise ausgebremst wird. Weniger Geld lässt die Produktion sinken, und die Inflation wird gebremst.

Eine Deflation, also eine weitreichende Preissenkung, ist fatal. Weil das Geld am nächsten Tag mehr wert sein könnte, wartet jeder potenzielle Käufer lieber »nur noch einen Tag« ab, bevor er zuschlägt.

Wer jetzt den Faden verloren hat, kann sich einfach merken: Die Steuerung der Geldmenge ist unerlässlich, um stabile Preise und eine angemessene Produktion zu gewährleisten.

Wir erinnern uns: Die Zentralbank hat nur einen indirekten Einfluss auf die Menge an neuem Giralgeld. Die Geschäftsbanken sind viel direkter dafür verantwortlich. In der Theorie sieht der indirekte Einfluss der Zentralbank so aus: Wenn sich Geschäftsbanken von der Zentralbank Geld leihen, zahlen sie Zinsen. Ist der Zins niedrig, profitieren die Geschäftsbanken, weil sie mehr Kredite vergeben können. Sie können den niedrigen Zins an ihre Kunden weitergeben, die wiederum ihre Nachfrage nach dem »günstigen« Geld bzw. günstigen Krediten erhöhen. Das hat zur Folge, dass die Geldmenge steigt. Bei einem hohen Zins auf Zentralbank-Geld verlangen auch die Geschäftsbanken einen hohen Zins von ihren Schuldnern; die Nachfrage nach Krediten und die Geldmenge sinken.

Bei einer geringen Kredit-Nachfrage kann die Zentralbank also mit einer Zinssenkung Anreize schaffen – und so Treibstoff für einen schwächelnden Wirtschaftsmotor schaffen. Soweit zumindest die Theorie.

Aktuell ist die Kraftübertragung gestört. Der Wirtschaftsmotor scheint nicht zünden zu wollen, obwohl die EZB ihren Zins auf 0% gesenkt hat Seit gut einem Jahr (10. März 2016) ist der Leitzins in den Euroländern bei 0%. Die EZB hat ihn seit Beginn der Krise im Sommer 2007 von 4% gesenkt. Die Zentralbank in den USA (Federal Reserve) reagierte ähnlich, erhöht den Leitzins aktuell aber wieder leicht. – also Was macht Gratis-Geld mit der Arbeitswelt? Gratis-Geld. Banken haben die berechtigte Angst pleitezugehen, wenn sie zu viele Kredite vergeben. Die Geldmenge sinkt – wir erleben die beschriebenen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft live mit. Um Banken zur Kreditvergabe zu zwingen, greift die EZB zu unkonventionellen Maßnahmen mit Hier fragt Graeme Maxton, ob Robin Hood der bessere Zentralbanker wäre, und erklärt das Quantitative Easing (QE) mäßigem Erfolg.

Und wenn die EZB die Geldmenge direkt steuern könnte?

Zeit für ein neues Geldsystem?

Der Ökonom Michael Kumhof schlägt ein neues Geldsystem vor, das krisensicher sein soll. – Quelle: Michael Kumhof copyright

Banken, die pleitegehen. Eine zunehmende Arbeitslosigkeit. Das gab es bereits in den 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Form der letzten Weltwirtschaftskrise. Die Krise der 1930er-Jahre wird im Englischen als »Great Depression«, also Große Depression, bezeichnet. Schon damals suchten Hier fasst der bekannte amerikanische Ökonom Irving Fisher die Vorteile des Vorschlags zusammen (englisch, 1936) einige namhafte Ökonomen an der Universität von Chicago nach Alternativen und wurden fündig: Sie wollten die Geldschöpfung in die Hände des Staates geben. Alles Geld sollte zu 100% durch Staatsgeld gedeckt sein – nicht wie aktuell zu 1% durch Zentralbank-Geld. Die Befürworter dieses 100%-Geldes versprachen sich durch diese Maßnahme ein stabileres Wirtschaftssystem ohne große Krisen. Bank-Runs würden der Vergangenheit angehören, weil dem Giralgeld und somit allen Kontoeinträgen 100% Staatsgeld gegenüberstünde.

Durch größere Staatseingriffe Begründet in der ökonomischen Denkschule des Keynesianismus (benannt nach dem Ökonomen John Maynard Keynes). Zentral ist dabei die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Staatseingriffe anzukurbeln, um Produktion und Beschäftigung zu steigern. kam die US-Wirtschaft nach der Krise der 1930er-Jahre wieder in Schwung. Es folgten Jahre wirtschaftlicher Stabilität, und der Chicago Plan geriet in Vergessenheit. Ein paar Jahrzehnte später standen wir 2008 an einem ähnlichen Punkt wie damals in den 1930er-Jahren. Grund genug für die beiden Ökonomen Jaromir Benes und Michael Kumhof, Der arbeitet aktuell bei der Zentralbank Großbritanniens, der Bank of England. die alten Vorschläge ihrer Kollegen zu entstauben und sie ins 21. Jahrhundert zu übersetzen:

  1. Die gesamte Geldschöpfung kommt in Staatshände: Mit dem Gewinn aus der Geldschöpfung könnte der Staat Schulden abbauen und Steuern senken. Das geschöpfte Geld bringt er durch Ausgaben oder Kredite an Banken in den Wirtschaftskreislauf.
  2. Wir brauchen 2 Arten von Banken: Einlagebanken würden unsere Konten verwalten und Kreditbanken Geld verleihen. Bei den Einlagebanken würde für jeden Cent Giralgeld auch ein Cent Staatsgeld liegen. Wollten wir nun Geld überweisen, würde das immer die Überweisung von Zentralbank-Geld enthalten – von Einlagenbank zu Einlagenbank. Die Kreditbanken würden Geld so verleihen, wie sich ein Großteil der Bevölkerung das aktuelle System fälschlicherweise vorstellt: Um einen Kredit vergeben zu können, müssten die Kreditbanken beim Staat Kredite aufnehmen oder das nötige Geld bei Investoren leihen. So wären Geld- und Kreditmenge unabhängig voneinander.
  3. Ein unabhängiges Organ bestimmt die Geldmenge: Geld würde von einer Institution nach Regeln geschaffen, die sich am Bedarf der Wirtschaft orientieren würde.

In einer Der entstaubte Modernisierungsvorschlag für unser Geldsystem »The Chicago Plan Revisited« (englisch, 2013) Modell-Berechnung der beiden Ökonomen Kumhof und Benes für die USA zeigen sie, dass ein solches System tatsächlich viele positive Auswirkungen haben könnte: keine Bank Runs, ein höheres Produktonsniveau, die Beseitigung von Inflation und kreditbedingten Krisen, weniger Privat- und Staatsschulden. Was noch fehlt, ist ein Praxistest.

Dem Staat die komplette Geldschöpfung zu überlassen, stößt auch auf Kritik. Was, wenn der Staat seine Macht missbrauchen würde, und nach Belieben Geld schöpft, um möglichst viel Geld zu verdienen? Um das zu verhindern, plädieren Kumhof und Benes für eine staatliche Geldschöpfung, die sich nach wirtschaftlichem Bedarf Nach vorhandener Geldmenge, Wirtschaftswachstum und vorheriger Inflation. richtet. Alternativ könnte ein unabhängiges Komitee über die Geldmenge entscheiden. So zum Beispiel die britische Organisation »Positive Money« (englisch) Das schlagen auch andere Geldreformer vor.

Eine weitere Sorge ist, dass in einem solchen System zu wenige Kredite vergeben würden. Kann der Staat wirklich besser entscheiden, wie viele Kredite vergeben werden sollten? Wahrscheinlich nicht, aber es wären weiterhin die Kreditbanken, die über die Kreditvergabe entscheiden würden. Der Staat wäre aber in der Lage, die Kreditmenge zu begrenzen. Auf der anderen Seite könnte er Kredite, ähnlich wie heute die Zentralbank, günstiger machen, indem er den Zinssatz auf Staatskredite verringern würde.

Geld beruht immer auf Vertrauen. Die Frage ist: Wer sollte die Geldmenge bestimmen? – Quelle: Stefan Bohrer CC BY-SA

Und jetzt?

Auch wenn der große Umsturz unseres Geldsystems für viele unvorstellbar ist, gibt es international immer lauter werdende Stimmen, die dem aktuellen System entgegentreten.

Aus mehr als 20 Ländern haben sich im Hier geht’s zur Website des »International Movement for Monetary Reform« »International Movement for Monetary Reform« Initiativen Auch die deutsche »Monetative« gehört dazu zusammengeschlossen, um Menschen zu erklären, warum unser Geldsystem problematisch ist – und um über Alternativen zu sprechen.

Allen voran »Positive Money« aus Großbritannien. 2010 von 3 jungen Wissenschaftlern gegründet, ist die Organisation mittlerweile im ganzen Land mit lokalen Gruppen vertreten. 2014 sorgte ihre Arbeit dafür, dass die Video und Text zur Debatte im britischen Parlament (englisch, 2014) britische Regierung zum ersten Mal seit 170 Jahren (!) hinterfragte, wie Geld geschöpft wird. Vielleicht braucht es tatsächlich eine weitere Krise, um den Schritt zu wagen und das Geldsystem von Grund auf zu reformieren.

Im kleinen Island ist man bereits weiter. Die Regierung evaluiert gerade die Möglichkeit, ein zu 100% durch Staatsgeld gedecktes Geldsystem einzuführen. Sogar die Die Pläne der isländischen Regierung zur Geldreform (englisch, 2015) isländische Zentralbank steht dem positiv gegenüber. Auch in anderen Ländern wie der Schweiz und den Niederlanden werden im Nachgang der letzten Finanzkrise Übersicht zu möglichen Geldreformen von KPMG (englisch, 2016) auf Regierungsebene neue Ansätze diskutiert.

Und vielleicht können wir als Statement der EZB zur Möglichkeit, Girokonten direkt bei ihr zu eröffnen (englisch, 2017) EU-Bürger demnächst direkt bei der EZB ein Girokonto eröffnen. Eines, das tatsächlich zu 100% durch Zentralbank-Geld abgesichert ist.

Auch wenn Geld für uns etwas Alltägliches ist, bleibt das System dahinter eine komplizierte Angelegenheit. Selbst renommierte Wirtschaftswissenschaftler beschuldigen sich gegenseitig, dass das Gegenüber keine Ahnung habe, wie das Geldsystem funktioniere. Ein prominentes Beispiel ist die Debatte zwischen den beiden renommierten Ökonomen Steve Keen und Paul Krugman. Wer will schon über Geld reden? Wir müssen drüber reden!


Roland Lindenblatt hat in Berlin und Barcelona Volkswirtschaftslehre und in Münster und Houston Betriebswirtschaftslehre studiert. Seine Passion sind »trockene« ökonomische Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Trotz aller Unsicherheit bewahrt er sein Geld lieber auf der Bank als unter dem Kopfkissen auf.

Titelbild:

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