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Warum dieser Text zum Weltfrauentag auch für Männer ist

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Juliane Metzker & Maren Urner

Warum dieser Text zum Weltfrauentag auch für Männer ist

8. März 2017

Sexuelle Freiheit, Bildung für jeden, Fortschritt mit allen. Bist du dabei?

Wusstest du eigentlich, dass die Glaubst du nicht? Dann schau hier (2012) Farbe Rosa vor einem Jahrhundert noch ganz Jungensache und die Farbe Blau für Mädchen reserviert war? Doch Klischees und Zeiten ändern sich. Mit ihnen kamen (und gehen auch wieder) die Erzählungen von Prinzessinnen in rosa Tüll und ihren Helden in glänzender Rüstung. Seitdem es einen US-Präsidenten Trump gibt, ist die Farbe Rosa sogar ein politisches Statement von Frauen und Männern. Genauer gesagt ist es der Hier geht es zum Pussyhat-Project (englisch) rosa Pussyhat, eine pinke Strickmütze mit Katzenöhrchen, der am 21. Januar 2017 zum Zeichen des Widerstands beim »Women’s March« Der »Women’s March« wurde kurz nach Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten, am 8. November 2016, auf Facebook ins Leben gerufen. Einen Tag nach seiner Vereidigung, am 20. Januar 2017, protestierten zahlreiche Menschen mit dem »Woman’s March on Washington« für Frauen- und Menschenrechte. Auch in anderen US-amerikanischen Großstädten sowie in der ganzen Welt gab es Solidaritätsmärsche. in Washington D.C. und in über 600 anderen Städten weltweit wurde.

Willkommen zu unserer Revolution der Liebe. Zu unserer Rebellion, unserer Ablehnung als Frauen, dieses neue Zeitalter der Tyrannei willkommen zu heißen, in dem nicht nur Frauen, sondern alle benachteiligten Menschen in Gefahr sind. – Madonna

Trumps sexistische Äußerungen wie »Grab them by the pussy!« (die Übersetzung ersparen wir uns), der »locker-room-talk«, also das machomäßige »Umkleidekabinen-Geschwätz«, hat wohl einiges losgetreten. Sicher lässt sich nicht sagen, wie viele von den 5 Millionen Menschen im Januar weltweit gegen Trump oder für Frauenrechte auf die Straße gingen. Die Beweggründe dürften sich aber überschnitten haben. Viel wichtiger war, dass die Demonstrierenden im Rahmen des größten Frauenmarschs der US-Geschichte zusammenfanden – Männer und Frauen.

Für den »Woman’s March« in Washington D.C. am 21. Januar 2017 wurden über 60.000 Pussyhats gestrickt. – Quelle: Laurie Shaull CC BY-SA

Die gemeinsame »Revolution der Liebe« soll weitergehen, heute am Die offizielle Seite des Internationalen Frauentags (englisch) Internationalen Frauentag. Das Motto dieses 8. März lautet »Be Bold for Change!« – frei übersetzt: »Mut zur Veränderung!« Gilt die Aufforderung auch für die Frauenbewegung selbst, wäre eine der größten Veränderungen sicher, wie beim »Women’s March« mehr Männer zu Wort kommen zu lassen.

Frauen an vorderster Front

Für mehr männliche Teilhabe werben prominente Feministinnen wie die britische Schauspielerin Emma Watson. Hier geht es zu Watsons Rede vor der UN (2014, englisch) »Männer, (…) Geschlechtergleichheit ist auch eure Angelegenheit!«, sagte sie bei einer Rede vor der UN. Die feministische Debatte, Warum Männer keine Stimme in der Frauenbewegung bekommen sollten (englisch, 2017) ob Männer an der Frauenbewegung teilhaben sollen, wird kontrovers geführt. Denn die Bewegung ist wohl eine der größten Erfolgsgeschichten des 21. Jahrhunderts, die ohne Männer an vorderster Front geschrieben wurde.

Der 1. Internationale Frauentag wurde 1911 in Deutschland gefeiert

Vor 106 Jahren feierten Frauen in Deutschland, Dänemark, der Schweiz und dem damaligen Österreich-Ungarn zum ersten Mal den Internationalen Frauentag. Organisiert hatte ihn die sozialistische Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin, Die deutsche Politikerin Clara Josephine Zetkin war eine der frühen Frauenrechtlerinnen des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Bis 1917 gehörte sie der SPD an und war eine aktive Vertreterin der revolutionär-marxistischen Fraktion. Während der Weimarer Republik war sie von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordnete und einflussreiches Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Beim Gründungskongress der »Zweiten Internationale« der sozialistischen Arbeiterbewegung forderte sie bereits am 19. Juli 1889 die freie Berufswahl, besondere Arbeitsschutzgesetze und das Wahlrecht für Frauen. Sie gilt als prägende Initiatorin des Internationalen Frauentags. trotz vieler männlicher Gegenstimmen aus ihrer Partei. Seitdem hat das Engagement von Frauen für Frauen in vielen Ländern einiges verändert: Wir (Frauen) haben das Recht, wählen und arbeiten zu gehen, unser eigenes Geld zu verdienen, uns scheiden zu lassen, Soldatin zu werden und vieles mehr.

Dennoch werden Frauen überall auf der Welt im Arbeits- und Privatleben weiterhin benachteiligt, diskriminiert und unterdrückt. Hier geht es zum »Gender Gap Report 2016« (englisch) Laut dem »Gender Gap Report 2016« wird es noch knapp 160 Jahre dauern, bis Mann und Frau gleichgestellt sind. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass Männer immer noch größere politische und wirtschaftliche Macht ausüben können. Nur knapp 23% aller Vertreter in nationalen Parlamenten sind weiblich. Dass einige Männer Frauen auch nicht mehr politische Teilhabe zukommen lassen wollen, zeigte der polnische EU-Politiker Januz Korwin-Mikke vergangene Woche mit seinen diskriminierenden Äußerungen über das vermeintlich »schwache Geschlecht«. Der fraktionslose EU-Politiker Januz Korwin-Mikke hatte sich während der Redezeit einer spanischen Sozialdemokratin zu Wort gemeldet und die geringere Bezahlung von Frauen damit gerechtfertigt, dass sie »schwächer, kleiner und weniger intelligent« seien. Wegen dieser sexistischen Äußerung hat das EU-Parlament nun eine Untersuchung eingeleitet. Korwin-Mikke ist schon öfter wegen Entgleisungen aufgefallen und wurde im letzten Jahr wegen Beschimpfungen gegenüber Einwanderern aus Afrika bereits für 5 Tage von den Sitzungen ausgeschlossen.

Entdecke mit einem Klick auf die Weltkarte, wann und wo das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde.

Der Mythos von der Gleichheit

Für Politiker wie Trump und Korwin-Mikke rechtfertigt das Geschlecht, dass sie Frauen diskriminieren können. Ein guter Grund einmal hinzuschauen, ob die biologische Veranlagung von Frauen und Männern wirklich als Argument gegen Gleichberechtigung gelten kann.

Zu Beginn: Nein, wir sind nicht gleich. Zumindest im Durchschnitt. Natürlich gibt es Überlappungen und Ausnahmen. Frauen können nicht so schnell rennen, nicht so weit springen und nicht so viele Kilos stemmen. Das »schwache Geschlecht« eben. Allerdings Lebenserwartung in unterschiedlichen Ländern (englisch, ab S. 104) werden sie auch älter, leiden weniger an infektiösen Krankheiten Will heißen: seltener und weniger stark. Das liegt daran, dass Frauen im Durchschnitt schneller mehr Antikörper produzieren und mehr weiße Blutzellen haben, die für die Abwehr zuständig sind. Die »Männergrippe« ist also kein Mythos. und haben seltener Alkoholprobleme.

Nein, wir sind nicht gleich!

Halten wir doch mal kurz inne und riskieren – allen Vorurteilen und Streitgesprächen über und zwischen Frau und Mann zum Trotz – eine gewagte These: Die Unterschiede können Gewinn statt Frust sein. Denn sie sorgen im wahrsten Sinne des Wortes für unterschiedliche Perspektiven.

Um das nachvollziehen zu können, lohnt sich ein Blick auf die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Denn die bestimmen nicht nur unser Aussehen, sondern auch unser Denken und Verhalten. Auch wenn so manche moderne Legende uns gern erzählt, wie stark sich das männliche vom weiblichen Gehirn unterscheidet, ist vieles bei Anatomie, Funktionalität und Botenstoffen sehr ähnlich. Der wohl »größte« Unterschied: Review-Studie zur Gehirngröße von Frauen und Männern (englisch, 2007) Männergehirne sind durchschnittlich größer als die der Frauen. Außerdem haben Studie zu den »Grey matter«-Unterschieden bei Männern und Frauen (englisch, 2009) Frauengehirne in einigen Regionen mehr graue Substanz als die der Männer. Dieses Ergebnis bleibt auch signifikant, wenn für die unterschiedliche Größe von Männer- und Frauengehirnen statistisch kontrolliert wird. Welche Rolle das spielt, ist jedoch in beiden Fällen weitaus weniger gut bekannt.

Der eigentlich spannende Unterschied hat mit einer anderen wichtigen Zutat zu tun, die ebenfalls im Gehirn wirkt: die Hormone. Hormone sind chemische Substanzen, die in den Hormondrüsen (Zirbeldrüse und Hirnanhangsdrüse im Gehirn, Schilddrüse und Nebenschilddrüse im Hals, Thymus in Herznähe, Nebenniere und Bauchspeicheldrüse im Bauch sowie Eierstöcke bzw. Hoden) produziert werden, über die Blutbahn transportiert werden und an einer anderen Stelle im Körper einen bestimmten Effekt auf bestimmte Organe haben. Zum Beispiel wird Östrogen in den Eierstöcken produziert, wirkt aber in der Gebärmutter, im Herzen und im Gehirn. Allen voran die bekanntesten Sexualhormone Östrogen und Testosteron. Auch wenn Östrogen gern als Frauenhormon und Testosteron als Männerhormon bezeichnet wird, haben alle Menschen beide Hormone – allerdings in sehr unterschiedlicher Konzentration. Während Männer pro Tag ca. 6–8 Milligramm Testosteron produzieren, kommen Frauen im Schnitt auf 0,5 Milligramm. Während bei Männern diese Hormonlevel einem gleichbleibenden Grundrauschen entsprechen, sieht das bei Frauen im Verlauf des Menstruationszyklus eher nach Achterbahnfahrt aus. Eine Achterbahnfahrt, die im Durchschnitt 28 Tage dauert und bei der Auch wenn es das Wort »Gästin« nicht gibt, schreibt Dirk Walbrühl hier übers Gendern der Fahrgast erst aussteigt, wenn die Menopause Also die Lebensphase, in der Frauen keine Menstruation mehr haben. eintritt.

Diese Achterbahnfahrt erklärt aber nicht nur Stimmungsschwankungen, sondern offenbart auch einen entscheidenden Unterschied gegenüber der männlichen Wahrnehmung. Die Hormonschwankungen sorgen dafür, dass Frauen konstant zwischen verschiedenen »Blickwinkeln« wechseln. Ein wenig so, wie wenn wir müde oder besonders wach sind, wenn wir traurig oder fröhlich sind. Wir schätzen bestimmte Dinge dann wichtiger ein als andere und »funktionieren« generell anders.

Stellen wir uns vor, die stets subjektive Wahrnehmung der Welt von Männern und Frauen entspricht dem Blick durch Gucklöcher in einer riesigen Wand. Die Frauen wechseln – gemäß den hormonellen Schwankungen – immer wieder die Position, durch die sie schauen. Und sehen die Welt so jedes Mal aus einem anderen »Blickwinkel«. Daneben stehen die Männer und weichen nicht von dem einen Paar Gucklöcher. Ihre Hormonlevel und damit ihre Wahrnehmung sind konstant, was nicht bedeutet, dass sie den »vollen Durchblick« haben.

Frauen bevorzugen mal »maskuline« mal »softe« Männer – je nach Hormonspiegel

Wie unterschiedlich diese »Blickwinkel« sein können, zeigen ein paar Beispiele: Während des Zyklus ändert sich der Geruch – und der Geruchssinn – von Frauen und teilweise auch ihre Körperhaltung. Während der fruchtbaren Phase geben einige Frauen Studie zum Kaufverhalten von Lebensmitteln und Schönheitsprodukten bei Frauen (englisch, 2012) mehr Geld für Kleidung und Pflegeprodukte aus. Auch ihr Sexualverhalten So schwankt die weibliche Lust und sexuelle Aktivität im Verlauf des Menstruationszyklus. Dabei scheinen die Östrogenwerte die vielleicht wichtigste Rolle zu spielen. Zum Beispiel denken Frauen in Beziehungen verstärkt über Männer nach, die nicht ihr Partner sind, und zeigen »mehr Haut«, wenn ihre Östrogenwerte hoch sind. Evolutionstheoretiker argumentieren, dass dies sinnvoll sei. Frauen, die während der fruchtbaren Phase mehr Zeit und Energie in die Fortpflanzung stecken, haben einen Vorteil gegenüber anderen Frauen. und Während der fruchtbaren Phase bevorzugen Frauen besonders maskuline Männer (englisch, 2007) ihre Vorlieben für unterschiedliche Männertypen ändern sich. Selbst das Essverhalten wird durch die schwankenden Sexualhormone beeinflusst. Die Werte des Hormons Progesteron korrelieren mit der Vorliebe für Schokolade, Fettiges und generell Essen mit hoher Kaloriendichte. Einige Studien nennen einen Unterschied in der Kalorienaufnahme von 10% zwischen der ersten und zweiten Zyklusphase.

Von himmelhochjauchzend bis gereizt und nicht ganz auf der Höhe kann es beim vermeintlich »schwachen Geschlecht« gerade vor der monatlichen Blutung häufig sehr schnell gehen. Das geht auch mit veränderten kognitiven Kognition bedeutet »erkennen«, »erfahren«, »kennenlernen« und steht in der Psychologie im Allgemeinen und den Kognitionswissenschaften im Speziellen für eine Reihe von verwandten Fähigkeiten, die etwas mit unserer Informationsverarbeitung zu tun haben. Dazu gehören zum Beispiel Lernen, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Problemlösen. Fähigkeiten einher. Das ist gerade bei der funktionalen Kernspintomographie wichtig, bei der die Hirnaktivität anhand des Blutflusses im Gehirn gemessen wird. In vielen Studien mit Studienteilnehmerinnen wird die Zyklusphase nicht erfasst, kann aber die Ergebnisse beeinflussen. In den Neurowissenschaften beschäftigt sich mittlerweile ein ganzer Forschungszweig mit den Schwankungen in der Arbeitsweise des weiblichen Gehirns während des Zyklus. Diese Schwankungen bestimmen letztendlich unser (Frauen) Sozialverhalten: Sei es der Wunsch, lieber allein sein zu wollen Das trifft häufig für die Lutealphase (Tag 14–28 im Menstruationszyklus) zu, in der sich Frauen gern zurückziehen. oder ein Studie zu ökonomischen Entscheidungen von Frauen (englisch, 2016) verstärktes Interesse an positiven Ereignissen.

Beim »Women’s March« in Washington D.C. hält dieser Junge ein Schild hoch, auf dem steht: »Jungs werden (durchgestrichen: Jungs) gute Menschen sein« – Quelle: Lorie Shaull CC BY-SA

Gleichberechtigung neu denken

Die Biologie macht deutlich: Frauen und Männer sehen nicht nur anders aus, sondern nehmen die Welt auch grundsätzlich anders wahr. Kein Wunder also, dass manche Politiker nicht von ihrer einseitigen Sicht auf biologische Geschlechterunterschiede abrücken, wenn sie keine weiblichen Perspektiven zulassen. Im Umkehrschluss stellt sich uns die Frage: Kann Gleichstellung funktionieren, wenn Frauen größtenteils nur ihre Perspektive auf die Herausforderungen der Gleichberechtigung gelten lassen? Schließlich gibt es viele Frauenrechtsthemen, die auch Männer beeinflussen. Hier 4 Beispiele:

Die Pakistanerin Malala Yousafzai ist die jüngste Preisträgerin des Friedensnobelpreises. – Quelle: Simon Davis/DFID CC BY-SA

  • Bildung: Sie will Bildung für alle Kinder zugänglich machen, auch für »die Töchter und Söhne der Taliban«. Die Taliban sind eine islamistische Miliz. Von 1996 bis 2001 kontrollierten sie das sogenannte »Islamische Emirat Afghanistans«. Seit sie von einer US-geführten Allianz nach Pakistan zurückgedrängt wurden, verüben sie immer wieder Anschläge gegen die demokratische »Islamische Republik Afghanistan«, um die Macht in dem Land wiederzuerlangen. Das sagte Malala Yousafzai 2013 in ihrer Rede vor den Vereinten Nationen. Das damals 16-jährige Mädchen hatte 1 Jahr zuvor einen Angriff von Taliban-Kämpfern in ihrer Heimat Pakistan überlebt. Schüsse in Gesicht und Hals der Teenagerin waren die Rache dafür, dass sie in einem Blog-Tagebuch über die Schreckensherrschaft der Extremisten im pakistanischen Swat-Tal geschrieben und die Zerstörung von Mädchenschulen verurteilt hatte. Seit ihrer Genesung setzt sich die junge Frau für die Schulbildung von Kindern, Mädchen und Jungen, weltweit ein und hat dafür eine eigene Stiftung, den Hier geht's zur Webseite des »The Malala Fund« (englisch) »The Malala Fund«, gegründet. 2014 erhielt sie als jüngste Frauenrechts-Aktivistin der Geschichte den Friedensnobelpreis.

  • Arbeit: Wenn es um Frauen und Arbeit geht, steht kaum ein Begriff so sehr im Sperrfeuer wie die Frauenquote. Seit 2 Jahren sind große Unternehmen Das betrifft effektiv rund 100 börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen (mit mehr als 2.000 Mitarbeitern). Etwa 3.500 weitere Unternehmen sind dazu verpflichtet, sich eine beliebige Zielvorgabe zu setzen. in Deutschland dazu verpflichtet, Aufsichtsräte mit mindestens 30% Frauen zu besetzen. Doch wenn es um gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt geht, macht skandinavischen Ländern so schnell keiner was vor. Den Global Gender Gap Index 2016 führen Island, Finnland, Norwegen und Schweden an. Bemerkenswert ist die Entwicklung von Platz 5: Ruanda ist in den letzten Jahren jeweils einen Platz nach oben gerückt und belegt aktuell Platz 1 bei der Anzahl von weiblichen Parlamentsmitgliedern (61,3%). Neben Bolivien auf Platz 2 ist es das einzige Land, das mehr Frauen als Männer im Parlament hat. Bereits 1972 erkannte die schwedische Regierung Auch in Schweden muss Gleichberechtigung noch wachsen, schreibt die BBC (englisch, 2010) Chancengleichheit der Geschlechter als zentrale politische Angelegenheit an. Um den Anteil weiblicher Arbeitnehmer zu erhöhen, spielen großzügige Regelungen für Elternzeiten die vielleicht wichtigste Rolle. In Skandinavien ist eine gewisse Elternzeit verpflichtend. Nirgendwo anders auf der Welt nehmen Männer längere Pausen, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Das bedeutet nicht, dass in Skandinavien bereits »alles getan ist«: Noch immer nehmen Frauen in Schweden ca. 3/4 der Elternzeit und einige positive Entwicklungen, wie der Anteil Frauen in Führungspositionen, stagnieren aktuell.

In Schweden ist die maximale Frauenbeteiligung am Arbeitsmarkt ein Prinzip sozialer Politik. – Gosta Esping-Anderson, dänischer Soziologieprofessor

  • Sexualität: »Sex sells« – auch in der arabischen Welt, zumindest unter der Ladentheke. Doch wer es wie die libanesische Frauenrechts-Aktivistin Joumana Haddad wagt, ein arabisches Erotikmagazin zu verlegen, sollte auch mit Morddrohungen rechnen. Joumana Haddad im Interview mit Juliane Metzker in Beirut (2015) »Durch Die Webseite von »Jasad« (2010, arabisch) Jasad wollte ich einen Diskurs über körperliche Freiheiten in der arabischen Gesellschaft anregen.« Nach 2 Jahren musste sie ihr Projekt aus finanziellen Gründen aufgeben, da sich niemand traute, Werbung in ihrem Magazin zu schalten. Doch Haddad machte weiter: In ihren zuletzt erschienenen Büchern spricht sie offen über sexuelle Freiheiten und Gleichberechtigung und bekommt dafür viel Zuspruch von Frauen und Männern aus Marokko, Saudi-Arabien oder Afghanistan. Wie auch vor über 40 Jahren in den westlichen Industrienationen führen Frauen die Debatte Die ägyptische Journalistin Shereen al-Feki schrieb das Buch »Sex und die Zitadelle« (2013) über die sexuelle Selbstbestimmung an.

    Am Weltfrauentag 2014 forderten Frauen und Männer in Beirut ein Gesetz, das Frauen vor häuslicher Gewalt effektiver schützen soll. – Quelle: Juliane Metzker copyright

  • Rollenbilder: Vor allem in Entwicklungsländern, in denen das Patriarchat mit eiserner Hand herrscht, fällt auf, dass mehr und mehr Männer auf die Diskriminierung der Frauen im öffentlichen und privaten Raum aufmerksam machen. In Afghanistan organisierten Männer am Weltfrauentag vor 2 Jahren einen »Burka-Protest«. Vollverschleiert liefen sie durch die Straßen Kabuls, Die jungen Männer sind Mitglieder der »Afghan Peace Volunteers« um für internationale Frauenrechte zu werben. Ein paar Monate später stöckelten im Libanon 100 Männer in roten High Heels durch die Hauptstadt Beirut. Das war Teil der Aktion »Walk a Mile in her Shoes« und richtete sich Ein kleiner Einblick in den Stöckelschuh-Protest (englisch, 2015) gegen häusliche Gewalt an Frauen. Mit derartigen Aktionen kritisieren Männer nicht nur, sondern setzen gleichzeitig ein Zeichen für Gleichberechtigung. Denn auch sie versuchen, ihre Rolle als Mann in der Gesellschaft neu zu definieren: Dazu gehört es, die starre Vorstellung vom Mann als Familienoberhaupt und Ernährer aufzubrechen.

»Mut zur Veränderung!«

Emma Watson mit ihrer Mutter beim »Women’s March« in Washington D.C. – Quelle: Twitter/@EmmaWatson copyright

Auch wenn das einigen Frauenaktivistinnen der alten Schule und manchen (Staats-)Männern nicht gefallen wird, deutet vieles darauf hin, dass der Kampf für Gleichberechtigung zusammen gefochten wird und tatsächlich ein Kampf für gesellschaftlichen Fortschritt ist. Frauenbewegungen wollen Frauen die Wahl und die Freiheit geben, was sie mit ihrem Körper, ihrer Karriere und ihrer Familienplanung machen. Das muss auch für Männer gelten. Doch ohne Kompromisse geht es wohl nicht.

Zuerst einmal müssen Männer Frauenbewegungen verstehen und sich der Idee hingeben, um nicht nur Mitläufer zu sein. Das ist nicht so einfach, denn feministische Gender-Konzepte variieren, von emanzipatorischen bis hin zu sehr offenen Ansätzen. Emma Watson im Interview zu ihrem kontroversen Fotoshooting (englisch, 2017) Darüber bekommen sich auch immer wieder Frauenaktivistinnen in die Haare. Es gibt viele Missverständnisse, was Feminismus bedeutet. Feminismus ist kein Stock, um andere Frauen damit zu schlagen. Feminismus bedeutet Freiheit, Befreiung und Gleichberechtigung. Ich weiß wirklich nicht, was meine Brüste damit zu tun haben. – Emma Watson, nachdem sie für ihre freizügigen Fotos in der Vanity Fair kritisiert wurde Um an dieser Stelle abzukürzen: Geschlechtergerechtigkeit beruht auf Dazu hier mehr in dem Artikel »Von Umverteilung und Anerkennung« (2016) Anerkennung, Repräsentation und Umverteilung auf allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ebenen. Um gemeinsam dahin zu kommen, müssen Frauen Männern in Frauenbewegungen mehr Raum schaffen.


Alle unsere Texte werden im Team besprochen. Bei diesem Text sind auch die männlichen Perspektiven von David Ehl und Han Langeslag eingeflossen.

Quelle: Ted Eytan CC BY-SA

Mit Illustrationen von Anni von Bergen für Perspective Daily

 

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