Han Langeslag & Maren Urner

Warum denkst du, dass du recht hast?

21. März 2017

Mit manchen Menschen lässt sich einfach nicht diskutieren. Ganz klar, du weißt, was Sache ist. Oder gaukelt dein Gehirn dir das nur vor?

Halt mal kurz inne und schau entspannt auf den Bildschirm. Wir wollen kurz deine Gedanken lesen und beginnen mit deiner politischen Position. Also:

Du bewertest deine politische Offenheit als angemessen. Du bist gewillt, über andere Positionen zu diskutieren, setzt dich aber stets für deine Werte ein. Bei den meisten politischen Debatten schätzt du Menschen, die links von dir stehen, als etwas naiv, zu idealistisch und realitätsfremd ein; sie tendieren deiner Meinung nach dazu, politisch überkorrekt zu sein. Menschen auf der anderen, rechten Seite deiner eigenen Position siehst du als egoistisch und ein wenig engstirnig. Du denkst, dass es ihnen an Mitgefühl für Menschen mangelt, die anders leben als sie, und dass sie deren alltäglichen Probleme nicht verstehen.

Und? Das Experiment beschreiben die beiden Psychologen Thomas Gilovich und Lee Ross in ihrem Buch »The Wisest One in the Room« (englisch, 2015) Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir in etwa richtigliegen. Wenn das jedoch für alle Leser gilt, haben dann alle Menschen, die diesen Artikel lesen, die gleiche politische Einstellung? Und alle anderen stehen dann links oder rechts? Wohl kaum …

Die Antwort ist viel einfacher. Du stehst mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in der Mitte, sondern irgendwo rechts oder links. In deiner Wahrnehmung bist du aber genau die Person, die vernünftig, objektiv und richtig ist.

»Gesunder Menschenverstand ist das bestverteilte Gut der Welt: Jeder meint, dass er da genug von habe.« – Voltaire

Genau das ist das Problem. Jeder hält sich selbst für klüger. Deshalb sind politische Debatten und Konflikte festgefahren, deshalb scheinen sich Wähler und Politiker voneinander zu entfremden, deshalb scheinen die Gräben zwischen dir und anderen politischen Positionen breiter zu werden.

Die gute Nachricht: Wir haben den Verursacher all dieser Probleme aufgespürt. Es ist der Männerhirne sind durchschnittlich ein wenig schwerer als die von Frauen (englisch, 1994) ca. 1,2 Kilogramm schwere Zellhaufen zwischen deinen Ohren. Auch wenn wir vieles über die Funktionsweise unseres Gehirns noch nicht verstehen, steht fest: Besagter Zellhaufen liefert uns keine objektive Darstellung der Welt. Wenn du ihn und die Grenzen deiner eigenen Wahrnehmung besser verstehst, kannst du die Gräben (wieder) zuschütten.

Schritt eins: Dies ist der erste Text von uns beiden, in dem wir uns »kritisch mit dem kritischen Denken« auseinandersetzen – und dabei als Neurowissenschaftler den Einfluss unseres Gehirns auf (politische) Debatten und Entscheidungen untersuchen. Nächste Woche geht es weiter. Wie erkennst du, dass du nicht so clever bist?

1. »Meine Realität ist doch objektiv!«

Hier hilft ein einfaches Alltagsbeispiel. Du bist auf der Autobahn unterwegs und neben dir rast ein Auto vorbei. »So ein Spinner!« Wenige Kilometer weiter musst du kräftig bremsen, weil der Fahrer vor dir das Gaspedal nicht zu finden scheint. Der bereits verstorbene Komiker George Calin erklärt die Situation (englisch, 8:30 Minuten) »Was für ein Idiot, der den Verkehr blockiert!«

»Wenn nur alle so Auto fahren würden wie ich, wäre die Welt eine viel bessere!«

Selbstredend hast du genau das richtige Tempo. Die Situation ist ein typisches Beispiel für unsere automatische Einschätzung, dass unsere Wahrnehmung der Welt stets die richtige ist – wenn das jemand anders sieht, ist er schlecht informiert oder nicht ganz auf der Höhe. Doch es gehört zu den Unzulänglichkeiten unseres Gehirns, dass wir glauben, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Hand aufs Herz: Du kennst das Gefühl nach einem Spiel der Nationalelf. »Was haben die Italiener unfair gespielt! Und der Schiedsrichter hat nichts gesehen und war total parteiisch!« Das Problem daran: Die italienischen Fans sehen das genauso, nur auf ihre Elf bezogen. Bereits 1954 zeigten Wissenschaftler in den USA, wie unterschiedlich die Fans eines Football-Spiels das Verhalten der beiden Mannschaften wahrnehmen. Untersuchungsgegenstand war die Partie der beiden Universitäten Dartmouth und Princeton. Es war die erste Niederlage der Saison für Princeton. Das Spiel eskalierte und der Schiedsrichter hatte alle Hände voll zu tun. Als die Wissenschaftler im Anschluss den Fans das Spiel nochmals auf Video zeigten, beurteilten 53% der Dartmouth-Anhänger, dass beide Teams für die Eskalation verantwortlich waren (36% kreideten das dem eigenen Team an) und zählten eine identische Anzahl an Fouls beider Teams. Die große Mehrheit der Princeton-Fans (86%) sah hingegen die Darmouth-Spieler als die Verursacher der Eskalation. Sie zählten doppelt so viele Fouls durch das gegnerische Team. Ist ja nur Fußball, mag manch einer sagen. Was aber, wenn ein und dieselbe politische Sache völlig unterschiedlich gesehen wird?

Originalbilder aus den Videoaufnahmen, die alle Versuchsteilnehmer gezeigt bekamen. Die Texte auf den Schildern sind unscharf gemacht, um die Teilnehmer nicht zu beeinflussen. – Quelle: Kahan et al. (2012) copyright

2012 zeigten amerikanische Wissenschaftler 202 Versuchsteilnehmern Die Probanden wurden per Zufall aus einer nationalen Datenbank ausgewählt. 46% waren weiblich, das Durchschnittsalter lag bei 46 Jahren. Studie zur Einschätzung von Protesten: »They saw a protest« (englisch, 2012) Videoaufnahmen eines Protests. Im Anschluss mussten sie das Verhalten der Protestierenden und der anwesenden Polizisten beurteilen: »Haben die Demonstranten den Eingang blockiert?« »Haben die Polizisten rechtswidrig gehandelt?«

Der Trick dabei: Einem Teil der Zuschauer erzählten die Wissenschaftler vorab, dass die Proteste sich gegen Abtreibungen richteten; die andere Hälfte ging davon aus, dass sich der Protest gegen den Umgang des amerikanischen Militärs mit Homosexuellen richtete.

»Wir sehen, was wir sehen wollen – und wir lehnen die Fakten ab, die unsere Identität gefährden.« – Tim Harford, englischer Ökonom und Journalist

Die Aussagen der Zuschauer, was sie gesehen hatten, wurden stark durch ihre politische Haltung beeinflusst: Politisch konservative Zuschauer sahen den Protest gegen das US-Militär aggressiver als politisch sozial-liberale. Die Bezeichnung »liberal« hat im deutschen und amerikanischen Raum unterschiedliche Bedeutungen: Im 2-Parteien-System der USA stehen liberale Wähler den Demokraten nahe, während in Deutschland »liberal« vor allem auf FDP-Wähler und Vertreter einer freien Marktwirtschaft bezogen wird. Die Gegenmaßnahmen der Polizei nahmen sie als angemessen wahr. Die Proteste gegen die Abtreibungsklinik sahen Konservative nicht als behindernd an, den Einsatz der Polizisten fanden sie ein wenig übertrieben. Politisch liberale Zuschauer sahen dies genau umgekehrt. Alle haben das gleiche Video gesehen.

Es ist verlockend anzunehmen, dass wir die Welt so sehen, wie sie ist – und dass unsere Wahrnehmung nicht verzerrt, gefiltert oder tendenziös sei. Alles, was wir haben, ist jedoch ein subjektives Bild – egal ob es um die Wahrnehmung eines Fußballspiels oder einen politisch motivierten Protest geht. Wir sind alle nichts weiter als naive Realisten. Denn wir gehen davon aus, dass wir die Welt sehen, wie sie ist – und dass wir nicht an eine subjektive Wahrnehmung gebunden sind. Geprägt wurde der Begriff vom Psychologen Lee Ross, der sich seit Jahrzehnten mit »Biases« und Voreingenommenheit beschäftigt.

2. »Warum kapieren die das nicht?!«

Als naive Realisten gehen wir schnell davon aus, dass andere Menschen, die das Gleiche sehen, lesen und hören wie wir, die gleichen Schlussfolgerungen ziehen.

Wir Menschen nehmen nicht nur reflexartig an, dass unsere Wahrnehmung eins-zu-eins der Realität entspricht; wir gehen oft einen Schritt weiter und gehen davon aus, dass unsere eigenen persönlichen Wahrnehmungen besonders akkurat und objektiv sind. – Thomas Gilovich und Lee Ross

Wärst du bereit, dich als lebensgroße Werbetafel für eine Sandwichkette herzugeben? Als Wissenschaftler diese Frage ihren Versuchsteilnehmern stellten, Die Studie war ein wenig komplexer, inklusive vieler Nebenbedingungen. Zum Beispiel wurden die Teilnehmer auch gefragt, ob sie ein Schild umhertragen würden, auf dem »Tu Buße!« steht. Studie zur Überschätzung von Konsens (englisch, 1977) willigte ziemlich genau die Hälfte ein. Die Mehrheit der Befragten ging jedoch davon aus, dass der Großteil die gleiche Wahl getroffen habe wie sie. Die, die ablehnten, konnten sich nur schwer vorstellen, wie man sich so blamieren könnte. Für die, die einwilligten, war es selbstverständlich, dass andere den Wissenschaftlern gegenüber ähnlich hilfsbereit wären.

Würdest du, im Zeichen der Wissenschaft, als lebensgroßes Werbeschild durch die Stadt laufen? – Quelle: Margaret Darms CC BY-SA

Wir sind also geneigt zu denken, dass ein (zu) großer Teil der Menschen denkt wie wir selbst. Das ist nicht verwunderlich – schließlich nehmen wir an, dass wir die Welt so wahrnehmen, wie sie wirklich ist. Der nächste Schritt liegt auf der Hand. Andere Menschen nehmen die Welt so wahr wie ich – angenommen, sie haben die gleichen Informationen und diese vernünftig verarbeitet.

72,4%. Das war die Angaben zur Wahlbeteiligung der Bundeszentrale für politische Bildung (2013) Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl 2013. »Hätten die Nichtwähler auch ihr Kreuzchen gemacht, hätten sie sicher meine Partei gewählt.« Genau davon geht die Mehrheit der Wähler aus, wenn sie Wen würden Nicht-Wähler wählen? Studie zur Einschätzung von niederländischen Wählern (englisch, 2011) direkt nach ihrer Stimmabgabe befragt werden.

Nicht nur bei Alltagsentscheidungen, sondern auch wenn es um politische Fragen geht, überschätzen wir die Ähnlichkeit zwischen uns und anderen Menschen. Wenn zum Beispiel der Linke-Wähler aus Erfurt mit dem CSU-Wähler aus Schrobenhausen Was natürlich in Bayern liegt. und dem SPD-Wähler aus Bochum über die »Deutsche Identität« Oder jede andere nationale Identität. sinniert, haben alle 3 Eine Frage, die auch beim Integrationsthema eine Rolle spielt mit Sicherheit unterschiedliche Ideen in ihren Köpfen.

Dabei sind sie – genau wie du – in der eigenen Wahrnehmung gefangen. Wir alle ignorieren häufig, dass das Gegenüber oder der Politiker im Fernsehen ein anderes Konzept im Kopf hat, wenn er über das Gleiche zu sprechen scheint: »Das Gleiche«, weil er die gleichen Wörter benutzt; »zu scheint«, weil die Wörter etwas anderes für ihn bedeuten als für uns. Bei jeder Bewertung unterschätzen wir meist den riesigen Einfluss, den unser Hintergrund, unsere Werte und Überzeugungen auf unsere Wahrnehmung haben.

Wir müssen anerkennen, dass unser Weltbild genau das ist – ein Bild, das durch unseren Blickwinkel, unsere Geschichte und unser spezifisches Wissen geformt wurde. – Thomas Gilovich und Lee Ross

Nicht so, wenn es um die Urteilsfähigkeit des Gegenübers geht: Während wir selbst uns für den objektiven Betrachter halten, sind »die anderen« all diesen Einflüssen hoffnungslos ausgeliefert. Aber großzügig wie wir sind, geben wir uns trotzdem Mühe, sie zu überzeugen …

3. »Ich bin weniger voreingenommen als die anderen!«

Generell haben wir meist 3 mögliche Erklärungen, wenn das Gegenüber nicht unsere Ansichten und Schlussfolgerungen teilt.

  1. Unterschiedliche Informationen: Sollen die deutschen Grenzen dichtgemacht werden? Jemand, der diese Frage anders beantwortet als du, hat sicher nicht die gleichen Informationen zum Thema gehabt. Nicht alle Informationen sind gleichwertig. Fake News, Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien können den Austausch erschweren. Sonst wäre er selbstverständlich mit ein bisschen Nachdenken zu deinem Ergebnis gekommen.

  2. Faul oder eingeschränkt: Kommt er trotz gleichem Informationszugang noch immer zu einem anderen Ergebnis als du, ist er entweder faul, »Ist das rational oder kann das weg?«, fragt Han Langeslag irrational oder einfach nicht in der Lage, die Informationen objektiv und vernünftig zu verarbeiten. »Was für ein Idiot!«

  3. Voreingenommenheit: Gehst du davon aus, dass die andere Person weder faul noch dumm ist und sich durchaus Mühe gegeben hat, die vorliegenden Informationen zu verstehen, bleibt nur eine Erklärung. Das Gegenüber ist offensichtlich voreingenommen. Was entweder zu einer verfälschten Interpretation der Informationen führt oder zu einer fadenscheinigen Schlussfolgerung. Entweder aufgrund seiner Ideologie (»Der hat sowieso eine böse Absicht!«) oder schlechter Persönlichkeitseigenschaften (»Die ist einfach egoistisch!«).

Alle 3 Aspekte können eine Rolle spielen – doch wie oft machen wir uns bewusst, dass sie auch für uns selbst gelten? Eher selten. Generell gehen wir davon aus, dass wir Studie zur Einschätzung unseres eigenen »Bias«, also unbewusster Voreingenommenheit, im Vergleich zu anderen (englisch, 2002) weniger voreingenommen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wir haben also einen blinden Fleck Als blinder Fleck wird der Bereich unseres Gesichtsfeldes bezeichnet, auf den die Austrittstelle des Sehnervs in unserer Umgebung projiziert, wir also eigentlich nichts sehen. Wir nehmen das in der Regel allerdings nicht wahr. für unsere eigenen Einschränkungen. Machen wir uns die eigene und fremde Voreingenommenheit nicht bewusst, enden Diskussionen vor allem hier: Am Beispiel der Flüchtlingspolitik kann das zum Beispiel so aussehen in einer Sackgasse.

Wie kommen wir da wieder raus?

»Weisheit besteht darin, unsere Beschränkungen zu verstehen.« – Carl Sagan, amerikanischer Astronom und Wissenschafts-Vermittler

Schritt 1 ist natürlich, sich selbst einzugestehen – genau wie alle anderen – voreingenommen zu sein. Eine bessere Demokratie beginnt damit bei jedem Einzelnen von uns. Und dem Geständnis, nicht ganz so clever zu sein, wie wir gern denken.

Das tieferliegende Problem ist jedoch: Wenn wir in uns gehen, um nach dem blinden Fleck der eigenen Einschränkungen zu suchen, finden wir nichts. Wir sind noch immer davon überzeugt, Wir sind blind für unseren eigenen »Bias« (englisch, 2014) die objektivste Antwort auf die Frage, ob die deutschen Grenzen dichtgemacht werden sollten, getroffen zu haben. Ein glücklicher Zufall oder das Schicksal sind dafür verantwortlich, dass das Ergebnis uns (und Menschen wie uns) am meisten nützt.

Egal wie sehr wir suchen, den blinden Fleck können wir allein nicht sehen. Dafür brauchen wir Hilfe von außen.

Das gilt auch für den blinden Fleck der eigenen Voreingenommenheit. Wir können unsere Aufmerksamkeit nicht auf ihn richten. Wir brauchen die Hilfe anderer, um den toten Winkel zu erkunden. Sie können uns darauf hinweisen, dass unser eigenes Weltbild verzerrt ist.

Doch weil jedes Weltbild verzerrt ist, tendieren wir dazu, Dass wir den Abstand überschätzen, ist Teil des Naiven Realismus (Seite 21, englisch, 1995) die Unterschiede verschiedener Positionen zu überschätzen und Gemeinsamkeiten zu unterschätzen. Genau das führt häufig dazu, dass politische Diskussionen in einer Sackgasse enden. Um das zu ändern, dürfen wir keine Angst haben, Gemeinsamkeiten zwischen uns und »den anderen« zu finden. Besonders wenn es leichter ist, sich über die Unterschiede abzugrenzen.



Dies ist der erste Text von uns beiden, indem wir uns »kritisch mit dem kritischen Denken« auseinandersetzen – und dabei als Neurowissenschaftler den Einfluss unseres Gehirns auf (politische) Debatten und Entscheidungen untersuchen.
Mehr davon? Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Kritischen Denken!

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

 

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