Jetzt also Winnetou … Das nervt!
Ein Jugendfilm wird kritisiert, Kinderbücher zurückgezogen und die vermaledeite Cancel-Culture-Debatte geht in die nächste Runde. Diesmal am Marterpfahl: Karl May. Zu Recht?
Vor einem Monat ging es in den sozialen Netzwerken richtig rund. Der Auslöser: Die Stadt Würzburg wollte das Abspielen eines sexistischen Schlagers auf dem stadteigenen Volksfest verbieten. Viele empörte das: Zensur! Cancel Culture! Schon damals plädierte ich dafür, weniger auf Provokationen einzusteigen –
Nun geht der »Kulturkampf« in die nächste Runde: am Pranger steht dieses Mal ein Jugendbuchklassiker:
Dabei steht die Frage im Raum: »Kann man Winnetou überhaupt noch lesen«? Während die eine Seite im beharrlichen Belehrmodus Karl Mays Gesamtwerk am liebsten in den kulturellen Giftschrank sperren würde, stilisiert die andere Seite das Lesen eines altbackenen Wildwest-Romans zum
Das nervt! Zu viel an dieser Debatte ist schief, falsch und verlogen. Als Journalist:innen sollten wir genauer hinsehen – und uns als Gesellschaft ganz andere Fragen stellen als die, ob man ein bestimmtes Buch noch lesen sollte oder nicht.
Worüber reden wir hier eigentlich?
Doch wie wurde Winnetou, eine Romanfigur aus dem späten 19. Jahrhundert, überhaupt zum Aufreger im Jahr 2022? Anfang dieses Monats erschien der Jugendfilm »Der junge Häuptling Winnetou« in deutschen Kinos, der auf dem
Wie üblich gab es zum Film eine ganze Palette an Merchandise-Artikeln, darunter auch 2 Kinderbücher. Vertrieben wurden diese vom Ravensburger Verlag. Der erhielt daraufhin jedoch so viel Kritik, dass er kurzerhand ankündigte, die Veröffentlichung zu stoppen.

So weit, so irrelevant. Denn was ein Verlag tut, ist am Ende des Tages Sache des Verlages. Ravensburger hat sich den Rückzieher sicher nicht leicht gemacht. Vielleicht war es auch aus ökonomischer Sicht nicht die schlechteste Entscheidung: Der »Skandal« um Winnetou hat den Verlag jedenfalls deutschlandweit ins Gespräch gebracht.
Interessant ist die Begründung, die Ravensburger für den Schritt auf Instagram nennt:
Das stimmt. Wenn der dazugehörige Film bei den Büchern die Richtung vorgegeben hat, handelt es sich um eine banale Jugendgeschichte. Von kritischer Auseinandersetzung mit Karl May, dem Leid der indigenen Bevölkerung und der Kolonialgeschichte der
Viel schlauer wäre es gewesen, den Stoff gar nicht erst aufzugreifen. Denn niemand ist gezwungen, Jugendbücher in der Kolonialzeit Amerikas zu verorten. Geeignete Fantasy-Welten gäbe es zuhauf, von Narnia bis Camelot. Wer aber einen historischen Kontext wählt (um offenbar Nostalgie-Sympathiepunkte bei den Eltern abzugreifen, die ja schließlich zahlen), muss sich dem auch kritisch stellen – nur bitte eben vorher. So wirkt das Rückrudern inkonsequent und ein Stück weit überzogen.
Die Schärfe der Debatte schadet allen
Dabei richtete sich die Kritik nicht in erster Linie an den Ravensburger Verlag, sondern bezieht sich auf die Ursprungstexte von Karl May, die
Winnetou ist problematisch – ähnlich wie Wagners Ring des Nibelungen. Aber das macht Jugendbücher, die darauf aufbauen, nicht automatisch zu »rassistischer Literatur«, die aus den Regalen verschwinden müsse, wie manche Kommentator:innen aufgeregt fordern. Ein Argument, das manche von ihnen anführen: Indem man Kindern gefährliche Inhalte zugänglich mache, verbreite man weiterhin rassistische und kolonialistische Denkweisen in junge Köpfe. Stimmt auch, nur gibt es dafür in diesem Land eine verantwortliche Behörde und für die Bundesprüfstelle Jugendgefährdende Medien erfüllt Karl Mays Werk eben nicht die Kriterien der »Jugendgefährdung«. Winnetou ist eben
Und natürlich ist es einfacher, über Jugendbücher auf sozialen Medien und in Feuilletons zu streiten, als wirklich etwas gegen Extremismus in diesem Land zu tun.
Wie stark das Buch zum Jugendfilm von problematischen Stereotypen durchdrungen war, kann ich nach dem Verlagsstopp nun nicht mehr beurteilen. Der vorausgegangene Film wurde von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) nach langer Diskussion aber mit dem Prädikat
Niemand muss seinen Kindern Winnetou im Original vorlesen.
Aber man kann den Impuls, alles, was problematisch ist, aus der Wahrnehmung zu verbannen, durchaus kritisch sehen. Für manche erinnert solch bevormundendes Verhalten nicht umsonst an dunkle DDR-Zeiten, in denen übrigens Winnetou tatsächlich wegen »Rassismus« und »Deutschtümelei« offiziell verboten war.

Eine andere Möglichkeit als der Rückzug der Veröffentlichung wäre eine kommentierte Neuauflage des Originals mit einem Vorwort als Einordnung für unkritische Eltern gewesen. Die könnte etwa erwähnen, dass die originalen
So aber entspricht die reflexhafte Entscheidung des Verlages genau den Mustern, die den »Cancel Culture«-Schreihälsen als Steilvorlage dienen:
Warum debattieren wir nicht viel eher …
Wenn sich nun noch
Mehr gewinnen würden wir, wenn wir denen zuhören, die bei diesem Thema die größte Expertise haben. So kritisiert Carmen Kwasny, die Vorsitzende der Interessenvertreterin amerikanischer Ureinwohner:innen in Deutschland (Native American Association of Germany, NAAG) den Film
Was Eltern in Zeiten von Cancel-Culture-Gefechten und Winnetou-Revivals tun können
Die Frage »Darf man Winnetou überhaupt noch lesen?« ist eine Nebelkerze, sich nun an Karl May abzuarbeiten mühselig. Wer heute noch nicht begriffen hat, was da zwischen Karl Mays Buchdeckeln passiert, der will es auch schlichtweg einfach nicht. Und Winnetou ist bei Weitem nicht der einzige Kinderklassiker mit ernsthaften Problemen: von
- Sichten: Nostalgie hin oder her, die Kernfrage für Eltern sollte stets sein, ob das Werk Kindern heute noch etwas zu sagen hat. Die rotzfreche und rebellische Pippi Langstrumpf ist heute beispielsweise trotz einiger minderheitenfeindlicher Schnitzer im Text weiter hochaktuell und eine starke Identifikationsfigur für junge Mädchen.
- Abwägen: Wenn im Kern eines Buches etwas Lehrreiches steht, muss immer der Gesamttext abgewogen werden. Natürlich sind Winnetou-Romane immer auch Geschichten über Loyalität, Abenteuer und Freundschaft – nur leider zugekleistert mit kolonialen und rassistischen Klischees. Hier lohnt sich die Suche nach einer Alternative.
- Updaten: Text ist nicht heilig. Nicht alles, was im Original steht, ist in Stein gemeißelt. So gibt es Ausgaben von Pipi Langstrumpf ohne peinlich-koloniale Taka-Tuka-Insel-Episode. Wenn man etwas einkauft, dann vielleicht eher das, was an heutige Aufgeklärtheit schon angepasst wurde. Oder man überspringt die Episoden beim Vorlesen einfach.
- Offenlegen: Lassen sich Texte nicht so einfach »reparieren«, gibt es viele Möglichkeiten, dies kenntlich zu machen, um sie trotzdem zu erhalten. Nicht umsonst kennt die Literatur Vorwörter, kommentierte Ausgaben und Anmerkungen.
- Alternativen finden: Es müssen nicht immer Klassiker sein. Denn es gibt mittlerweile zahllose gute Kinder- und Jugendbücher, die sehr viel mehr auf die Herausforderungen unserer Zeit zugeschnitten sind und Umweltschutz, Artensterben und soziale Fairness weit besser behandeln, als es Literatur aus dem 19. Jahrhundert könnte. Aber auch bei neuen Büchern ist es nötig aufzupassen. Denn hinter manchem gut gemeinten Kinderbuch verstecken sich dieselben alten Probleme.
Diese Liste dürfte nicht nur für Eltern nützlich sein. Auch Filmförderungen und Verlage können sie gern benutzen, bevor sie am Ende peinlich berührt von den eigenen Produkten sind und gut gemeint, aber schlecht umgesetzt den nächsten Cancel-Culture-Skandal produzieren.
Mit Illustrationen von Frauke Berger für Perspective Daily