Reportage 

Deutsch-Türken vor dem Referendum: Stolz und Vorurteile

Am Ostersonntag entscheidet sich: »Ja« oder »Nein« für Erdoğans neue Verfassung – Wie haben Deutsch-Türken gewählt und warum? Eine Deutschlandreise.

10. April 2017  12 Minuten

Nur einmal hatte er Angst, dass es gleich knallt. »Nach dem Putsch haben die Türken immer mehr Flaggen in die Halle getragen«, sagt Thomas Floten. Auf Trainingsjacken, auf Hosen, sogar auf den Schuhen sah man die türkische Flagge. »Da hab’ ich gesagt: Leut’, lasst’s mal das alles außen vor, bis sich die Stimmung wieder beruhigt hat«, erzählt der Boxtrainer, der seit 45 Jahren beim SSV Reutlingen ist. »Wenn du trainierst, lässt du die Politik vor der Tür. Das ging noch nie zusammen.«

Kurz vor dem Referendum Endet das Referendum mit »Ja«, ist Erdoğan nicht nur Staatschef, sondern auch Regierungschef. Er darf damit einer Partei angehören und wirkt nicht mehr überparteilich. Das Amt des Ministerpräsidenten entfällt. Erdoğan allein ist damit für die Ernennung und Absetzung seiner Stellvertreter zuständig. in der Türkei am 16. April wehen nicht nur im Boxtraining wieder viel mehr rote Flaggen. Viele rollen auch dann ihre Landesflagge vor den Fenstern aus, wenn türkische Politiker in Deutschland auftreten. Hier geht es zum F.A.Z.-Artikel über die Rede des türkischen Präsidenten in Berlin (2014) »Ich will, dass ihr stolz seid, in Deutschland zu leben, aber ich will auch, dass ihr stolz seid auf die Fahne der Türkei«, sagte Präsident Recep Tayyip Erdoğan 2014 bei einer Ansprache in Berlin.

Seine Rede unter dem Motto »Berlin trifft den großen Meister« zeigte Wirkung: Mehr als 60% der Wahlberechtigten in Deutschland gaben der islamisch-konservativen Partei AKP 1 Jahr später ihre Stimme. In keinem anderen europäischen Land ist die AKP bei

Titelbild: Franziska Grillmeier - copyright

von Franziska Grillmeier 

Franziska Grillmeier lebt seit Sommer 2018 auf der griechischen Insel Lesbos und berichtet über die überfüllten Flüchtlingslager in der Ägäis. Vom Medium Magazin wurde sie für ihre Reportagen unter die »Top 30 bis 30«-Nachwuchsjournalisten in Deutschland gewählt. Sie hat »Politics of Conflict, Rights and Justice« an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London studiert und ist Absolventin der »Zeitenspiegel Reportageschule«.

Themen:  Gesellschaft   Demokratie   Deutschland  

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