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Warum wir Facebooks Masterplan nicht ins Netz gehen sollten

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11 Minuten

Warum wir Facebooks Masterplan nicht ins Netz gehen sollten

26. April 2017
Themen:

Mark Zuckerberg verspricht die schöne neue Netzwelt. Das steckt wirklich dahinter.



Stelle dir vor, du lebst in der Zukunft, genauer gesagt im Jahre 2022 in Eritrea Im Jahr 2015 hatten in diesem ostafrikanischen Land nur 1,1% der Menschen Internet. Das liegt auch an den Kosten dafür. Eritrea war damit das Schlusslicht der Liste der Weltbank. Doch für andere Länder wie den Kosovo fehlen sogar die Zahlen. und du kannst Dieser Artikel von ICT-Works beleuchtet die Internet-Probleme Eritreas (englisch, 2014) endlich ins Internet! Das Ärgerliche daran: Es ist eine eingeschränkte Schmalspur-Version des weltweiten Netzes. Dafür kreist über deinen Köpfen lautlos eine solarbetriebene Drohne mit der Flügelspannweite einer Boeing – nicht von deiner Regierung, sondern von einem Unternehmen aus den USA. Was diese sonst noch so alles aufzeichnet – wer kann das sagen?

Diese Zukunft ist durchaus möglich. Schließlich reden wir hier nicht von irgendeiner Firma, sondern von Facebook, einem der mächtigsten Unternehmen des Internets. Bereits heute vereint es knapp 25% Die gerundete Zahl bezieht sich auf monatlich aktive Nutzer. Nach den letzten eigenen Angaben hat Facebook im Monat 1,86 Milliarden aktive Nutzer. Das ist immerhin rund 1/4 der Weltbevölkerung. Mitte letzten Jahres waren es noch 1,65 Milliarden – ein Zuwachs von fast 13%. der Weltbevölkerung als aktive Kunden. Kaum eine Institution mit Öffentlichkeitsarbeit kommt um Facebook herum.

Drehen wir die Uhr zurück auf letzte Woche. Dort fand Facebooks jährliche Entwicklerkonferenz F8 Die F8 ist eine fast jährlich stattfindende, von Facebook organisierte und abgehaltene Konferenz. Zielpublikum sind Entwickler und Unternehmer. Das zentrale Thema sind aktuelle und vor allem zukünftige Technologien des Unternehmens. Dieses Jahr fand die F8 am 18. und 19. April in San Jose (Silicon Valley) statt. Teil des Programms waren neben 2 großen »Keynotes« von Mark Zuckerberg unter anderem verschiedene Workshops und exklusive Tests von neuen Entwicklungen und eine Afterparty. statt. Seitdem begeistern sich die Medien für futuristische Ideen von »Der Spiegel« stellt sich einen Tag im Jahr 2022 mit Augmentierter Realität vor »Digitale Graffitis, Poker- und Management-Runden mit VR-Brille« Virtual Reality (VR) bezeichnet eine von Computern generierte Simulation oder Nachbildung der Realität. Diese nimmt der Leser zum Beispiel über ein System wie das Oculus Rift wahr. Der Begriff wird oftmals synonym zu Augmented Reality verwendet, obwohl sich die Konzepte klar unterscheiden lassen. bis hin zu Computer-Bild berichtet über die Vorteile neuer Eingabemethoden »Facebook will unsere Gedanken lesen« und damit die Tastatur ersetzen. An Eritrea denkt kaum jemand. Dabei sind die Drohnen nur Phase 1 des Masterplans, den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vorgestellt hat – auch Phase 2 und 3 haben es in sich.

Facebooks Aquila-Drohne hatte bisher Pech. Eigentlich soll sie 90 Tage in der Luft bleiben. Beim ersten Testflug Ende letzten Jahres stürzte sie nach 96 Minuten ab. – Quelle: Facebook copyright

Phase 1: Alle Menschen sollen online sein

»Wir wollen den ganzen Planeten abdecken.« – Mark Zuckerberg, F8 2017 Das Zauberwort in Phase 1 heißt »Connectivity«. Und Facebook meint es ernst: Alle Menschen sollen die Chance auf einen Zugang zum Internet erhalten. Doch das ist gar nicht so einfach, denn vor allem in Entwicklungsländern hapert es bei der dafür notwendigen Infrastruktur. Selbst in Schwellenländern wie Indien haben nur etwa 30% Indien hat rund 1,3 Milliarden Einwohner, aber nur rund 392 Millionen Internetteilnehmer (Stand Dezember 2016). Selbst in städtischer Umgebung ist das nur eine Auslastung von 60%. Im ländlichen Bereich in Indien nur knapp 17%. Allerdings teilen sich die Menschen dort auch Zugänge über Internet-Cafés, sodass die tatsächliche Abdeckung höher liegen dürfte als 30%. Trotzdem gilt Indien aktuell als wichtiger Wachstumsmarkt für Internetausbau. Mark Zuckerberg weiß das genau, schließlich hat er sich bereits 2014 vor Ort umgeschaut. der Bevölkerung einen Internetanschluss. Facebooks Lösung für diese Länder heißt »Free Basics«. Der Service startete im Jahr 2013 als Partnerschaft von Facebook und IT-Unternehmen wie Samsung, Ericson, Nokia und Qualcomm. Der Service soll vor allem armen Menschen kostenlosen Zugang zu rudimentären Funktionen des Internets geben. Damit dies auch in abgelegenen Winkeln der Welt klappt, entwickelt Facebook eifrig an den Die aktuellen Leistungsdaten der Aquila-Drohne bei cnet.com (englisch) solarbetriebenen Drohnen als fliegende Signalgeber …

Ist das nicht eine gute Absicht?

In der Theorie schon, doch es gibt Probleme. Um diese zu verdeutlichen, habe ich Facebooks Masterplan zusammen mit Julia Krüger von Netzpolitik.org analysiert. Die Sozialwissenschaftlerin und Netzaktivistin findet für die Drohnen ein paar deutliche Worte:

Facebook hätte mit seiner Vorstellung von Connectivity das Monopol über die Infrastruktur in den Regionen und auch über die Inhalte. – Julia Krüger

Anders formuliert: Wer als Einziger Internet in einem Winkel der Welt anbietet, Und genau darum geht es ja, schließlich zielt Zuckerberg auf die bisher unerschlossenen Regionen der Welt. kann auch die Regeln bestimmen. Und da Facebook eben nicht nur den Zugang, sondern ebenso Inhalte anbietet, bestimmt das Unternehmen damit auch, was gezeigt wird.

Schreibt Facebook tatsächlich vor, was sich die Nutzer von »Free Basics« anschauen?

In der Tat. Im abgespeckten Internetangebot sind neben Facebook nur ausgewählte Firmen wie Wikipedia oder AccuWeather zugelassen. Dann heißt es: Die Angebote akzeptieren oder eben gar kein Internet haben – ein Dilemma, dem sich bereits heute die 40 Millionen Nutzer von »Free Basics« stellen müssen. Bereits heute beliefert Facebook Menschen zum Beispiel in Bolivien, Kenia oder dem Irak – allerdings noch nicht per Drohne, sondern Ein Bericht über Facebooks Internet und die Konkurrenz von Google beim Handelsblatt (2015) in Zusammenarbeit mit lokalen Internetanbietern.

Julia Krüger schreibt für Netzpolitik.org und erstellt unter »Smart Science for Smart Citizens« Übersichten zu Netzpolitik-Fragen aus wissenschaftlicher und internationaler Perspektive – Quelle: Julia Krüger copyright

Nach heftiger Kritik von Netzaktivisten Facebooks Ankündigung der Änderungen (englisch, 2015) öffnete Facebook den Dienst immerhin auch für andere Anbieter und unterstützte das wichtige Verschlüsselungsprotokoll HTTPS Das Verschlüsselungsprotokoll steht für »sicheres Hypertext-Übertragungsprotokoll« und dient dazu, Daten abhörsicher zu übertragen. Ohne das könnten Daten womöglich abgehört und Passwörter ausgelesen werden. Mittlerweile ist HTTPS zu einem Standard im Internet geworden; auch wir bei Perspective Daily setzen darauf. – trotzdem: Echte Netzneutralität Darunter versteht man Gleichbehandlung bei der Nutzung des Internets und seiner Dienste. Einerseits meint das den vollen Zugang zu allen Seiten des Internets, andererseits auch die Gleichbehandlung von Datenpaketen. sieht anders aus.

Was bezweckt Facebook denn mit der Aktion?

Mark Zuckerberg versicherte, dass »Free Basics« vor allem dazu dient, Menschen den »Wert des Internets näherzubringen« und dass dieses ihr Leben bereichern kann. Doch Facebook dürfte es mit »Free Basics« auch und vor allem darum gehen, sich neuen potenziellen Mitgliedern als zentrale Internet-Plattform zu präsentieren Das passiert nicht nur in Indien und Co. Auch hierzulande schreibt sich Facebook in unser Leben als Plattform ein, etwa mit dem Angebot »Login mit Facebook«, wobei Passwörter wegfallen und andere Seiten direkt auf das Facebook-Profil zugreifen – wie auf einen Personalausweis des Internets. Damit tritt Facebook als Identitäts-Dienstleister auf und wird umso wichtiger. – und letztlich tief in das Leben der Menschen einzugreifen.

Es ist hochproblematisch, wenn ein einzelnes Unternehmen mit so viel Macht im Bereich von Information, Meinung und Kommunikation nun auch noch Infrastruktur anbieten möchte. – Julia Krüger

Misstrauen und Vorsicht sind angebracht. Schließlich hat Facebook bisher kein Problem damit, das Angebot für den Nutzer undurchsichtig zu manipulieren Der Begriff setzt sich aus manus für Hand und plere für füllen zusammen und bedeutet also zunächst nichts weiter, als etwas in der Hand zu haben. Die ursprüngliche Bedeutung »Handhabung« wird auch heute noch in technischen Zusammenhängen verwendet.

In der Psychologie, Soziologie und Politik hat der Begriff in den meisten Fällen eine sehr viel negativere Bedeutung und schließt in vielen Auslegungen ein, dass eine Manipulation verdeckt erfolgt und so das Verhalten von Manipulierten steuern soll.
– so sortieren etwa Algorithmen die angezeigten Beiträge vor. Facebook steuert per Algorithmen etwa die eigene Timeline und sortiert für den Nutzer vor. Man geht davon aus, dass ca. 6–8% der Beiträge nicht angezeigt werden. Dass Facebook auch in der Theorie dazu bereit ist, für Marktzugänge moralische Fragen hintanzustellen, zeigte sich Ende 2016: Das Unternehmen entwickelte insgeheim eine Zensur-Software für die chinesische Regierung. Das Software-Tool sollte es ermöglichen, Inhalte auf Facebook zu unterdrücken – im Austausch für die Zulassung in China. Der Bericht der New York Times über Facebooks China-Zensur-Software (englisch, 2016) 3 anonyme Whistleblower des Unternehmens brachten die auch intern umstrittene Software an die Öffentlichkeit.

Okay, zurück zu den Menschen ohne Netz. Wie sollen die denn ohne Facebook ins Internet kommen?

Zugegeben, Silicon Valley und die Wirtschaft sind schneller als die Politik. Doch gerade wenn es um die Infrastruktur geht, sollte der Staat der Anbieter sein – oder zumindest dafür sorgen, dass kein Monopol entsteht. Schließlich hat der Staat eine Verantwortung für den Bürger und kann politisch zur Rechenschaft gezogen werden. Statt also einem Tech-Unternehmen aus den USA einen Alleingang durchgehen zu lassen, sollten die betroffenen Menschen ihren Internetzugang besser demokratisch mitbestimmt gestalten. Wie das geht, zeigt Indien. The Guardian analysiert, wie es zu Facebooks Niederlage in Indien kam (englisch, 2016) Das Land verbot Facebooks »Free Basics«-Initiative Anfang 2016 – aus Sorge um die Netzneutralität.

Virtuelle Realität ist derzeit noch etwas umständlich und teuer. Aktuelle VR-Brillen kosten deutlich über 500 Euro. – Quelle: Anthony Quintano CC BY-SA

Phase 2: Off- und Online sollen verschmelzen

Geht es nach Mark Zuckerberg und seinen Kollegen bei Facebook, gibt es kaum noch Grenzen zwischen dem »echten Leben« und der virtuellen Realität. Dahinter steckt keine Science-Fiction, sondern ein tiefsitzender Technikglaube. Konkret setzt Facebook auf 2 technologische Entwicklungen:

  • Künstliche Intelligenz (KI) meint Anhand von Übersetzungs-Programmen zeige ich, was neuronale Netze und KI heute schon leisten die Nachbildung menschenähnlicher Intelligenz als Software. Sie soll Computern ermöglichen, eigenständig komplexe Probleme zu bearbeiten und große Datenvolumen zu verarbeiten.
  • Virtuelle Realität (VR) bezeichnet eine von Computern generierte Simulation oder Nachbildung der Realität. Diese nimmt der Leser über Endgeräte wie die Oculus Rift-Brille Die Technologie dafür und das entwickelnde Startup-Unternehmen Oculus VR hatte Facebook erst 2014 für 2 Milliarden US-Dollar gekauft (400 Millionen in bar und 1,6 Milliarden in Facebook-Aktien) gekauft. wahr.

Das Zitat von Michael Abrash fiel bereits auf der Entwicklerkonferenz F8 im Jahr 2015 (englisch, 2015) »Die Realität, das sind nur elektrische Signale, interpretiert durch dein Gehirn.« – Michael Abrash, Entwickler bei Facebook für Oculus VR, Zitat nach Morpheus aus »The Matrix«

Klingt nach Zukunft. Und was will Facebook jetzt genau?

Virtuelle Realität und Künstliche Intelligenz sind die Ziele. Als nächsten Schritt präsentierte Mark Zuckerberg auf der F8-Konferenz eine »Augmented Reality Plattform« für jedermann – ganz bequem durch das eigene Smartphone. Dabei wird das durch die Kamera aufgenommene Bild mit digitalen Elementen überblendet. Konkret könnten zum Beispiel Restaurant-Rezensionen direkt und automatisch über einem anvisierten Gebäude schweben, auf das man die Handykamera richtet, ohne dass man extra etwas suchen muss.

Klingt nützlich – oder gibt es dabei Probleme?

Die gibt es. In Mark Zuckerbergs Vision soll jeder Mensch alle Informationen mit jedem teilen können. Doch damit werden vor allem neue Möglichkeiten geschaffen, Daten zu sammeln – ganz im Sinne des Unternehmens Facebook. Schließlich brauchen VR- und AR-Dienste immer den eigenen Standort, um zu funktionieren, und müssen auch das Ziel im Bild erkennen. So lassen sich etwa Bewegungsprofile erstellen und (mithilfe von KI) Dabei geht es um Big Data, also Datenmengen, die so groß sind, dass normale Datenverarbeitungsprogramme sie nicht mehr bewältigen können. Hier kommen bereits heute künstliche Neuronale Netze ins Spiel Warum Firmen hungrig auf deine Daten sind? Hier ist meine Antwort das Verhalten der Nutzer auswerten. Damit kann jemand dann für Werbekunden regelrecht durchleuchtet werden. Mit globalen Datenmassen kann Facebook auch in der neuen Rolle als Analyst auftreten und etwa Metatrends vorhersagen. Im Masterplan ist Datensammeln ein Knackpunkt.

Die Macht sind immer noch die Daten. Facebook befindet sich dabei auch im Wettstreit mit anderen Unternehmen wie Google und hat aktuell mit einigen Imageproblemen zu kämpfen. – Julia Krüger

Mit den aktuellen Imageproblemen ist ein pikanter Fall gemeint, der kurz vor der Entwicklerkonferenz passierte. Die ganze Geschichte beim Guardian (englisch, 2017) Ein Nutzer lud das Video eines Mordes hoch, den er kurz zuvor begangen hatte – Facebook reagierte erst 2 Stunden später, nachdem etliche Meldungen eingegangen waren. Der Vorfall steht beispielhaft für die Fragen, die wir uns stellen müssen, wenn On- und Offline-Realität verschmelzen: Wie kann so etwas verhindert werden? Welche soziale Verantwortung trägt die Plattform? Wie beenflusst es Täter, dort eine Bühne zu bekommen?

Damit Augmentierte Realität funktioniert, muss Facebook erkennen und verarbeiten, was die Kamera sieht. – Quelle: Anthony Quintano CC BY-SA

Hat Facebook etwas dazu auf der F8-Entwicklerkonferenz gesagt?

Mark Zuckerberg erwähnte den Vorfall des Mordvideos kurz. Er bestätige, dass Facebook »noch viel Arbeit vor sich« habe und »alles tun werde«, um solche Tragödien in Zukunft zu verhindern. Das wirkt zumindest nicht so, als würde das Unternehmen die Sache aussitzen wollen. Doch es war Ein Bericht von Standard.at zu einem Gewaltvideo (2015) nicht das erste Gewaltvideo auf der Plattform, das einen Aufschrei der Nutzer hervorrief. In früheren Fällen reagierte das Unternehmen erst auf Druck der Staatsanwaltschaft oder gar nicht, Erst im Februar 2017 sorgten Aufnahmen von häuslicher Gewalt an einem südamerikanischen Mädchen für Aufregung sodass manche Videos mit gewalttätigem Inhalt auch Jahre später noch kursieren. Da wirkt es zynisch, wenn Mark Zuckerberg einerseits die Vorteile des unbegrenzten Teilens von Live-Streams und Video-Uploads anpreist und andererseits keine Lösung anbietet, den Missbrauch der Technologie zu verhindern.

Zuckerberg beschwört hier Marketingversprechen, um ein gutes Bild zu bieten und die Nutzeraktivität zu erhöhen. Die neuen Gadgets sind schließlich nicht für alle Nutzer interessant. Dabei sollte die Plattform lieber dazu beitragen, reale Probleme zu lösen. – Julia Krüger

Dabei muss Facebook nicht einmal das Internet verändern, allein auf der eigenen Plattform gibt es genug ungelöste Baustellen: Da wären etwa der Seit Jahren klagt eine Mutter gegen Facebook, um das Konto der verstorbenen Tochter einzusehen (2017) Umgang mit den Daten von Verstorbenen (Rechte der Angehörigen), der Missbrauch der Plattform für Im Interview mit dem Gründer von #ichbinhier, spüre ich dem Hass im Netz nach Hass, Gewalt und Rassismus (Missbrauch) oder aber The Guardian erklärt, wie Facebook-Daten in die Hände von Trumps Kampagne gelangten (englisch, 2017) der Schutz davor, Nutzerdaten in die falschen Hände gelangen zu lassen (Datensicherheit). Auch davon keine Spur auf der F8-Konferenz.

Zurück zu den Daten: Warum soll ich die denn nicht an Facebook geben?

Alles im Internet kostet etwas. Wer nicht mit Geld für einen Service zahlt, zahlt mit seinen Daten – die für Internet-Unternehmen viel wert sind. Wenn nun das Leben durch neue Gadgets noch digitaler wird und Facebooks Rolle als Anbieter dieser Gadgets zunimmt, dann kann das Unternehmen umso mehr Daten zusammentragen und abgleichen. Die zentrale Frage ist: Wie viele Daten und wie viel Privatsphäre wollen wir für schwebende Restaurant-Rezensionen freiwillig hergeben? Mark Zuckerberg würde wohl wetten: eine ganze Menge. Und genau hier sollten wir es Facebook nicht allzu einfach machen. Unbesorgtheit ist eine schlechte Antwort auf den wachsenden Datenhunger von Unternehmen. Die Lösung heißt »Datenschutz«.

Turnschuhe, Sportshirt und bubenhaftes Lächeln: Fast könnte man vergessen, dass Mark Zuckerberg einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt ist. – Quelle: Anthony Quintano CC BY-SA

Phase 3: Facebook bastelt die Global Community

Ein wichtiger Teil des Lebens – vor allem Kommunikation – findet heute digital statt. Und genau da möchte Facebook als zentrale, virtuelle Heimat der Benutzer auftreten. Das ist nicht zu hoch gepokert:

Das Unternehmen Facebook agiert zunehmend als transnationale Organisation, die anfängt, mit verschiedenen Regierungen semi-formell zu interagieren. – Julia Krüger

Bei der engeren Kooperation geht es vor allem um Regulierungen und den Seit März 2017 betreibt Facebook Uploadfilter gegen terroristische Inhalte. Netzpolitik.org berichtete (2017) gemeinsamen Kampf gegen Terrorismus. Erst Anfang des Jahres ernannte Dänemark einen eigenen »Der Spiegel« berichtete (2017) »Digitalen Botschafter«, um mit Facebook und Co. zu verhandeln. Da verwundert es auch nicht mehr, wenn Mark Zuckerberg auf der F8-Konferenz von einer »Global Community« schwärmt. Facebook solle diese als nächsten »großen Fokus« erschaffen. Das Ziel sei es, damit online für Toleranz und eine offene Gesellschaft einzustehen und ein digitales Gegengewicht zu den nationalistischen Tendenzen der USA zu bilden.

»Unser nächster großer Fokus ist es, eine Gemeinschaft zu erschaffen.« – Mark Zuckerberg, F8 2017

Was kann denn daran schlecht sein, Menschen zu verbinden?

Die Absicht ist weniger altruistisch, als es klingt. Zuerst einmal dürfte der Teil mit dem politischen Gegengewicht eine direkte Reaktion auf die Vorwürfe nach der Trump-Wahl sein. Im Oktober und November 2016 geriet Facebook in die Kritik, Erst im November wehrte sich Zuckerberg gegen die Vorwürfe, The Guardian berichtete (englisch, 2016) die Plattform habe Trump zur Macht verholfen. Forbes berichtete über Facebooks sinkende Kurse im Dezember (englisch, 2016) Die Aktienkurse fielen; wohl auch deshalb war auf der F8-Konferenz Imagepflege angesagt. Schließlich ermöglicht Facebook bis heute Warum wir online nur noch unsere eigene Meinung hören, analysiere ich hier Echokammern und Fake News. Ein Kommentar dazu von Mark Zuckerbergs Team auf der Konferenz? Fehlanzeige. Doch hinter den Kulissen wird an einer Lösung gearbeitet.

Facebook entwickelt aktuell wie Google und Co. intensiv Algorithmen, um Content zu verwalten. Doch dabei lassen sie sich nicht in die Karten schauen. – Julia Krüger

Bis zum nächsten Whistleblower.

Also, was ist wirklich dran an der Global Community?

Mehr als man vielleicht vermutet, aber mit einem großen Haken: Bei der Global Community spielen alle Phasen von Facebooks Masterplan zusammen: Je mehr Menschen die Plattform nutzen (»Connectivity«) und je mehr Daten Facebook zur Verfügung stehen, desto mehr kann das Unternehmen auch als Infrastruktur auftreten und sogar einige Funktionen eines Staates ersetzen.

Nehmen wir etwa den Safety Check. Passiert ein Terroranschlag, kann man sich bei Facebook per Klick sicher melden. Zumindest, wenn man in einem westlichen Land lebt. Beim Terroranschlag in Beirut im Jahr 2015 schaltete Facebook den Safety Check nicht frei. Das Problem ist: Darum hat Facebook niemand gebeten. Das Unternehmen übernimmt damit Aufgaben, die eigentlich beim Staat und der Polizei liegen. Nur eben ohne Checks & Balances oder die Möglichkeit für Bürger und Regierungen, die Informationen nachzuprüfen. – Julia Krüger

In einem Zuckerbergs Facebook-Post zur sozialen Rolle der Plattform ist mittlerweile als »Manifest« bekannt (englisch, 2017) langen politischen Post deutete Zuckerberg im Februar an, welche Aufgaben er noch in einem Krisenfall bei Facebook sieht, etwa Unterkünfte zu vermitteln oder Nahrung zu verteilen. Ein Unternehmen als Manager des öffentlichen Lebens?

Die Bundesregierung stört sich daran wenig und scheint mit dem neuen Netzwerkdurchsetzungsgesetz sogar gewillt zu sein, Facebook Aufgaben der Rechtsdurchsetzung zu übertragen. Das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) gilt als politischer Schnellschuss im Wahljahr 2017. Damit wären nicht mehr deutsche Gerichte, sondern automatische Filter des Unternehmens für zensierte Beiträge und Meinungen zuständig. Hohe Bußgelder dürften dazu führen, dass Facebook lieber zu viel als zu wenig sperrt und damit die Meinungsfreiheit einschränkt. Vor dem Gesetz warnen etwa der Branchenverband Bitkom, sowie Stiftungen, Netzaktivisten, Journalisten- und Wirtschaftsverbände. Politische Mitbestimmung gibt es bei dem Unternehmen aber nur für Aktionäre. Trotz Facebooks wachsender Bedetung für die Öffentlichkeit und Meinungsbildung, gelten auf der Plattform Verfassungsrechtler Ulf Buermeyer kritisiert die mangelnde Kontrolle bei Deutschlandradio Kultur (2017) nur die eigenen Regeln, ganz ohne demokratische Kontrolle.

Facebooks Global Community wäre also eine Diktatur?

Folgt man dem Bild also bis zum Schluss, ja. Die Algorithmen zur Content-Kontrolle sind Werkzeuge, über die sich jeder Diktator wohl freuen würde. Facebook muss nun aber keine Wahlen abhalten, schließlich hat das Unternehmen gar nicht vor, ein digitales Land zu gründen, sondern will eine universelle Infrastruktur werden. Genauer in den Bereichen Kommunikation, Selbstdarstellung, Marketing und Dienstleistung (etwa Identität). Doch auch das trägt nicht zur Völkerverständigung bei: Facebook fördert keine globale Gemeinschaft, sondern Vox.com zeigt auf, wie digitale Communities auch falsche Erinnerungen fördern (englisch, 2017) viele kleine Communities mit ähnlichen Interessen und Weltansichten. Diese starke Gruppenbildung sorgt auf der einen Seite für Die Effekte der Gruppenbildung in sozialen Medien im Buch »Der (des)informierte Bürger« von Wolfgang Schneider (2017) viel Empathie innerhalb der eigenen Gruppe, kann aber auch Treibstoff für Konflikte sein – weil die Abgrenzung gegenüber »den Anderen« viel Raum einnimmt. Doch Wie Empathie uns manchmal schadet und was wir dagegen tun können, erklären Maren Urner und Han Langeslag hier es sorgt psychologisch auch für mehr Zwist mit anderen Gruppen. Was verlorengeht, sind vor allem Ausgewogenheit und Überblick.

Global Community ist vor allem ein Buzzword, Ein Buzzword ist ein wichtig klingender, oftmals englischer, technischer Begriff, welcher gerade in Mode ist. Häufig verliert ein solcher Begriff seine Bedeutung durch Übernutzung und ist am Ende nicht mehr als eine Worthülse, die nur noch benutzt wird, um einen Fachtext möglichst modern und beeindruckend auf Laien wirken zu lassen. das positive Emotionen auslöst und die Sehnsucht nach einer heilen, digitalen Welt vermittelt. Um herauszufinden, was Facebook tatsächlich meint und bezweckt, wäre es gerade jetzt wichtig, mit dem Unternehmen direkt ins Gespräch zu kommen. Denn alle Systeme zu konstruktivem Austausch und Gemeinschaft haben eines gemeinsam – erst eine gemeinsame Vision, wozu das dienen soll, dann die Technologie. Facebook macht es andersherum. – Julia Krüger

Brauchen wir ein Gegengewicht zu Facebook?

Spätestens seit dieser F8-Entwicklerkonferenz sind 2 Dinge klar: Mark Zuckerberg plant, dass Facebook eine größere soziale Rolle im Leben der Nutzer spielt. Und zweitens: Das Ziel von Zuckerbergs Masterplan ist Unersetzbarkeit. Nehmen wir Ambitionen, Mitgliederzahlen, Wachstumsraten dazu, werden wir in Zukunft wohl kaum an Facebook vorbeikommen.

»Ich bin optimistisch, dass wir die Welt verändern können.« – Mark Zuckerberg, Entwicklerkonferenz F8 2017

Immerhin könnten aus Zuckerbergs Ausrichtung des Unternehmens tatsächlich etwas Gutes erwachsen: Er kündigte vollmundig an, »100-prozentige Verantwortung« für die eigene Rolle zu übernehmen. Falls Facebook damit die eigene Funktion als Medienunternehmen meint und endlich akzeptiert, wäre viel gewonnen.

Zuckerbergs restliche Lösungen sind aber unzureichend. Sie lauten schlicht: mehr Facebook. Um das Unternehmen zum Einlenken zu bewegen und in der Richtung zu beeinflussen, braucht es gerade jetzt beständige Kritik und eine harte Haltung – so wie in Indien. Dort scheiterte Facebooks Masterplan schon in Phase 1 an kritischen Aktivisten in ihrem Kampf gegen Konzerninteressen und für eine gute Netzpolitik.

Es tut Not, Facebook in die Verantwortung zu nehmen, aber in die richtige. Dazu gehört auch, Facebook nicht mehr entgegenzugehen und keine Verantwortlichkeiten mehr zu übertragen, bis akute Probleme geklärt sind – oder sich das Unternehmen zumindest gesprächsbereit zeigt. Für den einzelnen Nutzer ist es sicher auch nicht verkehrt, sich nach Alternativen umzusehen, damit Facebook erst mal nicht unersetzbar wird. – Julia Krüger

Titelbild: Facebook - copyright

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