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Wieso, weshalb, warum kommt die Sesamstraße ins Flüchtlingslager?

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Juliane Metzker

Wieso, weshalb, warum kommt die Sesamstraße ins Flüchtlingslager?

3. Mai 2017

Die Sesamstraße ist Teil der vielleicht größten gemeinnützigen Bildungsorganisation der Welt. Jetzt sollen Krümelmonster und Co. Kinder in Flüchtlingslagern unterrichten.

Zurück in die Kindheit: Hier geht es zur ersten in Deutschland ausgestrahlten Folge der Sesamstraße (8. Januar 1973) »Der, die, das. Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm« – den Ohrwurm aus der mittlerweile Die Kinder in Bayern kamen nicht von Anfang an in den Genuss der Sesamstraße – Wieso, weshalb, warum? (2016) 44 Jahre alten Kindersendung Sesamstraße Der TV-Produzent Joan Ganz und der Vizepräsident der Carnegie-Stiftung, Cooney Lloyd Morrisett, einigten sich 1966 darauf, ein TV-Format für Kleinkinder zu kreieren, das sich auf wissenschaftliche Studien zu Bildung und frühkindlicher Entwicklung stützt. Der Schaffer der berühmten Sesamstraßen-Puppen war der amerikanische Puppenspieler und Künstler Jim Henson. Um nach dem Start der beliebten Sendung nicht nur als Kinderunterhalter zu gelten, schaffte Henson 1976 ein neues Format: »The Muppet Show«, eine Art Puppen-Kabarett für die ganze Familie. kann wohl fast jeder mitsummen. Wer in einem arabischen Land mit Ernie, Bert, Quietscheentchen und Co. groß geworden ist, erinnert sich an eine andere Melodie und Text: Die arabische Version der Sesamstraße vor 1990 »Iftah ya Sim Sim« singt wie in der deutschen Version ein Kinderchor: »Sesam öffne dich, wir sind es, die Kinder. Heiß uns als deine Freunde willkommen!« Die Sesamstraße kam 1978 ins arabische Fernsehen. Bis 1990 wurde sie in Kuwait produziert. Doch das Produktionsstudio wurde während des Ersten Golfkriegs zerstört. Seit 2015 wird die Show in den Vereinigten Arabischen Emiraten produziert.

Egal wo – die Sesamstraßenwelt ist ein großer Abenteuerspielplatz, auf dem Probleme mit einem fröhlichen Lied oder durch Rechenrätsel mit Graf Zahl zu lösen sind. Nichts ist unmöglich. Es klingt deshalb schon fast zynisch, dass die Macher der Sesamstraße die flauschigen Kultmonster jetzt auch in syrische Flüchtlingslager schicken wollen. Doch dahinter steckt mehr als eine seichte Unterhaltungsoffensive.

Für die Kampagne des »Sesame Workshops« fing der amerikanische Fotograf Ryan Heffernan die Momente ein, in denen die Kinder in den Flüchtlingslagern auf den Sesamstraßen-Charakter Elmo trafen. Die Bilder entstanden im jordanischen Zaatari-Lager, in dem mittlerweile über 80.000 Geflüchtete leben. – Quelle: Ryan Heffernan/ Sesame Workshop copyright

Elmo will Bildung für alle!

Die Gefahr für Kinder in Kriegs- und Krisenregionen ist 2016 weiter gestiegen: In Syrien starben mehr Kinder im Bombenhagel als im Vorjahr, andere wurden als Kindersoldaten oder Attentäter missbraucht. Mittlerweile leben Artikel in der Süddeutschen Zeitung über den Bericht des UN-Kinderhilfswerks UNICEF über 2 Millionen syrische Flüchtlingskinder in Zelt- oder Containerlagern im Libanon, im Irak, in der Türkei und in Jordanien. Wie lange ihre Situation anhält, ist schwer abzuschätzen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen geht davon aus, dass ein Geflüchteter über 20 Jahre in einem Flüchtlingslager oder im Exil lebt. Es finden sich viele Angaben zu der Berechnung des durchschnittlichen Aufenthalts eines Geflüchteten in Lagern. Vonseiten der Vereinten Nationen wurde immer wieder davon gesprochen, dass Menschen im Durchschnitt 17 Jahre in Flüchtlingslagern leben würden. Diese Zahl wurde vielfach angezweifelt, denn sie stammt aus einem Bericht der Organisation aus dem Jahr 2003 und beschreibt nicht nur Geflüchtete in Lagern, sondern auch im Exil. Dabei wurden Langzeitflüchtlinge wie die über 500.000 Palästinenser im Libanon ausgeklammert, die seit 1948 immer noch in provisorischen Lagern und Stadtvierteln mit schlechter Infrastruktur wohnen. 2015 gab das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen eine neue Statistik heraus, der zufolge die Gründe (Krieg, Konflikt etc.) für die Fluchtsituation im Durchschnitt bis zu 26 Jahre fortbestehen.

»Die Zukunft dieser Kinder steht auf dem Spiel.« – Sherrie Westin

Das ist fast eine ganze Generation, die in provisorischen Flüchtlingslagern aufwachsen könnte, sogar dort geboren wird. Deshalb will Sherrie Westin schnell handeln. Sie ist Vizepräsidentin des »Sesame Workshops«, eine der größten gemeinnützigen und informellen Bildungsorganisationen weltweit. Zusammen mit der Internationalen Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Kriegsopfer (IRC) plant die TV-Produzentin Der »Sesame Workshop« bewirbt sich mit dem Projekt um 100.000.000 US-Dollar Fördergelder umfangreiche digitale Bildungsprogramme und Therapieangebote für Kinder und Eltern in Flüchtlingslagern als Antwort auf die Krise. »Die Zukunft dieser Kinder steht auf dem Spiel, wenn wir ihnen nicht helfen können, zu überleben und aufzublühen«, Alle O-Töne von Sherrie Westin stammen aus den umfangreichen Online-Materialen des Projekts (Videos und Artikel). Ein persönliches Interview kam aufgrund terminlicher Engpässe leider nicht zustande. sagt sie in einem Kampagnenvideo für den »Sesame Workshop« (englisch, 3 min) Videokommentar.

Kurz nach der Erstausstrahlung in ihrem Heimatland, den USA, expandierte die Sesamstraße in andere Länder. Auch Vorschulkinder aus ärmeren Bevölkerungsschichten sollten so einen Zugang zu Bildung erhalten. Die Fangemeinde auf der ganzen Welt wuchs. Mittlerweile erreicht die Sesamstraße in über 150 Ländern viele Millionen Kinder. Den Machern ist es wichtig, dass sich Kulissen und Figuren in die Lebensrealität der kleinen Zuschauer einfügen. Ein paar Fakten zum Einfluss der Sesamstraße weltweit Gleichzeitig wollen sie auch Vorurteile und Fremdbilder in den jeweiligen Gesellschaften thematisieren.

Hier stellt sich Zari vor (englisch, 2016) Seit 2016 ist Zari der Star der afghanischen Version, ein weiblicher Charakter, der die Rechte und Stärken junger Mädchen fördert. Der »Sesame Workshop« soll laut eigenen Angaben über 1.000 Studien rund um seine Programme durchgeführt haben. Die Ergebnisse zu den folgenden Beispielen findet ihr hier (englisch) Ob das tatsächlich der Fall ist, ist bereits wissenschaftlich untersucht worden: Eine Befragung von 101 Kindern zeigt, dass diejenigen, die die Sendung mit Zari schauen, im Vergleich zu den anderen einen um 29% stärker ausgeprägten Sinn für Geschlechtergerechtigkeit entwickelt hatten. In der südafrikanischen Sendung gibt es seit 2002 den Charakter Kami, eine HIV-positive Puppe. Dort seien die jungen Zuschauer 4-mal besser über AIDS informiert als andere Kinder.

Auch im Bereich der regionalen Vorschulbildung hat die Sendung in den letzten 48 Jahren viel geleistet. In einer Studie in Bangladesch erzielte das junge Publikum sogar bis zu 67% bessere Ergebnisse in Mathematik und Sprache als Altersgenossen, die die Sesamstraße nicht kennen.

Die Forschung zeigt, dass wir den größten Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben, wenn wir sie in den ersten Jahren ihres Lebens erreichen. – Sherrie Westin

An diese Erfolge möchte der »Sesame Workshop« nun in Flüchtlingslagern anknüpfen und sieht die Chance, dort eine große Lücke zu schließen. Angaben von UNICEF zu der Verteilung von humanitären Hilfsgeldern (englisch, 2016) Denn weniger als 2% der weltweiten Hilfsgelder werden für Bildungsangebote ausgegeben. Entsprechend fehlen in vielen Flüchtlingslagern, in denen auch geflüchtete Lehrerinnen unterrichten, meist die Lehrmaterialien. Kulturrelevante Multimedia-Inhalte mit den Sesamstraßen-Bewohnern und ausgedrucktes Unterrichtsmaterial sollen durch Institutionen wie Schulen, Kulturzentren und Krankenhäuser verteilt werden.

Die Sesamstraße spricht zunehmend in der Öffentlichkeit unterrepräsentierte Themen an: Im März 2017 hatte Puppe Julia ihren ersten Auftritt im amerikanischen Fernsehen. Sie ist der erste Sesamstraßen-Charakter mit Autismus. – Quelle: Ryan Heffernan/ Sesame Workshop copyright

Trauma in jungen Jahren

Vor allem Kinder in den ersten Lebensjahren soll die Initiative erreichen. Studie des »Child Welfare Information Gateway« zur Auswirkung von Misshandlung auf die Entwicklung des Gehirns (englisch, 2015) Gerade dann entwickelt sich das Gehirn rasend schnell, die Lernfähigkeit ist größer als zu jedem anderen Zeitpunkt im Leben und es werden zahlreiche Weichen gestellt, die die spätere Entwicklung beeinflussen. Dabei spielt die sogenannte »kritische Entwicklungsperiode« des Kindes eine wichtige Rolle, während der bestimmte Funktionen, wie zum Beispiel die Fähigkeit, soziale Bindungen einzugehen, ausgeprägt werden. Passiert dies aus welchem Grund auch immer nicht im entsprechenden Zeitraum, ist es für Kinder oder Erwachsene später viel schwieriger (und in manchen Fällen unmöglich), das entsprechende Verhalten zu erlernen. Sind Kinder in diesem Alter kontinuierlich Stresssituationen ausgesetzt, kann das ihr komplettes Leben beeinflussen und die gesunde Gehirnentwicklung gefährden – und damit auch ihr soziales Verhalten.

Auch hormonell sind Flüchtlingskinder anfälliger: »Wenn Kinder in Beziehungen ›unsicher gebunden‹ sind, haben sie einen ständig erhöhten Cortisol-Spiegel, Cortisol ist neben Adrenalin das wichtigste Stresshormon. Im Gegensatz zum schnell freigesetzten Adrenalin ist es erst nach ca. 20 Minuten messbar (zum Beispiel im Speichel). Sowohl physischer als auch psychischer Stress führen zu einer erhöhten Freisetzung des körpereigenen aktiven Cortisols, um den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Die akute Stressreaktion ist gut und überlebenswichtig, zum Beispiel, wenn wir in Gefahr sind. Bei chronischem Stress hält die Ausschüttung von Cortisol jedoch dauerhaft an. Das kann langfristig zu psychischen und physischen Schäden führen, unter anderem in den Nebennieren, in denen das Hormon produziert wird. ohne dass man das von außen merkt. Sie sind dauerhaft unter Stress und sehr viel anfälliger für Grenzsituationen als Kinder und Jugendliche, die ›sicher gebunden‹ aufgewachsen sind«, sagt der Die Website der Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Hamburg Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Krömer.

Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Krömer – Quelle: Thomas Krömer copyright

Als 2015 Tausende minderjährige Geflüchtete in Deutschland ankamen, reagierten Krömer und seine Kollegen im Regionalverband und gründeten einen Kreis, um sich über die Behandlung von geflüchteten Jugendlichen, Kindern und deren Eltern auszutauschen. »Der Ruf nach mehr Therapie ist immer da. Gleichzeitig haben wir in Deutschland nachweislich eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. In den letzten 1½ bis 2 Jahren konnten wir enorme Ressourcen für die professionelle Flüchtlingshilfe aktivieren«, bestätigt Krömer.

Nicht jedes geflüchtete Kind in Deutschland oder andernorts braucht eine Therapie. Eine große Anzahl von Geflüchteten könne die schrecklichen Erlebnisse selbst verarbeiten und leide nicht an Trauma-Folgestörungen. Sogenannte Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) können auch ehemalige Soldaten und Opfer von Gewalt und Missbrauch treffen. Noch ist nicht vollständig erforscht, welche Mechanismen dafür sorgen, ob ein Mensch in Folge solcher Extremsituationen an PTSB erkrankt. Am anderen Ende des Spektrums können solche Erfahrungen auch zu Posttraumatic Growth, also zu einer besonderen Entwicklung ausgeprägter, innerer Stärke führen. Das wissen Kinder- und Jugendpsychiater wie Krömer. Das Online-Handbuch der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Dennoch müssen viele freiwillige Helfer den Umgang mit Betroffenen erst in Workshops und Fortbildungen lernen.

Professionalität in meinem Fachbereich bedeutet auch immer in der Wahrnehmung zu trennen zwischen Gefühlen, die in mir vor sich gehen, und Gefühlen, die im Gegenüber vor sich gehen. Eine Flucht ist in den meisten Fällen eine schreckliche und furchtbare Erfahrung – trotz alledem nützt es zunächst nichts, Geflüchtete auf der Basis von eigenen Gefühlen zu unterstützen. Tatsächlich ist es wichtig, die Bedürfnisse, die Nöte und das, was das Gegenüber gerade braucht, in den Vordergrund zu stellen und dabei zu beachten, dass es eben nicht darum geht, dass ich jetzt ruhiger schlafen kann. – Thomas Krömer

Wie Kinder Extremsituationen verarbeiten, hängt nicht unwesentlich vom Verhalten der Eltern ab. Dafür ist der Filmklassiker »Das Leben ist schön« ein Beispiel par excellence. Der jüdische Buchhändler Guido, gespielt von Roberto Benigni, wird mit seinem kleinen Sohn während der NS-Zeit in ein Konzentrationslager deportiert. Der Vater erzählt seinem Sohn, dass die Gefangennahme ein Spiel sei, an dessen Ende der Sieger einen Panzer geschenkt bekomme. Doch nicht immer können diese ihre Kinder vor der grausamen Realität bewahren.

Grundsätzlich kommt es bei Eltern – egal wo in der Welt – darauf an, wie sehr die eigenen Kompensations-Strategien ausgebildet sind. Ich bin mir sicher, dass der Mechanismus, die eigenen Kinder zu beschützen, sehr ausgeprägt ist, und dies bei nahezu allen Menschen. Aber es kann natürlich sein, dass Eltern selbst in einer Situation sind, in der sie gar nicht mehr beschützen können, weder sich selbst noch andere. – Thomas Krömer

Wenn Kinder behandelt werden, sollten die Eltern immer ein wichtiger Teil der Therapie sein. Deshalb sind die Bezugspersonen auch ein unentbehrlicher Baustein der Initiative des »Sesame Workshop«. In der Projektbeschreibung heißt es: »Die Initiative wird Programme und kulturell relevante Inhalte für Kinder schaffen sowie Werkzeuge, um Eltern und Betreuer effektiver darin zu unterschützen, mit [den Kindern] Widerstandsfähigkeit aufzubauen und ihr Lernen zu unterstützen.«

Clowns und Puppen als geheime Waffe?

Ich glaube, unsere Puppen sind Geheimwaffen, denn sie haben die Fähigkeit, Kinder weltweit anzusprechen und zu motivieren. – Sherrie Westin

Mit Spiel und Spaß Kindern in Flüchtlingslagern zu begegnen, ist keine Erfindung der Sesamstraße und muss nicht immer Teil einer internationalen Kampagne sein. Im Libanon, wo mittlerweile jeder Vierte ein Geflüchteter aus Syrien ist, kümmern sich lokale Nichtregierungsorganisation, Gruppen und Privatpersonen seit Beginn der Flüchtlingskrise spielerisch um die Kinder in den Camps.

Der französische Zirkusdarsteller und Artist Stéphane Decourchelle gibt in einem Flüchtlingslager in der libanesischen Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze eine Vorstellung für die Kinder. – Quelle: Moftah Productions copyright

Organisationen wie Basmeh & Zeitnooneh gründeten sich gleich zu Anfang der Flüchtlingskrise im Libanon, auch in palästinensischen Lagern (englisch) Dort übernehmen Kinder- und Jugendarbeiter Methoden, die sie bereits in palästinensischen Flüchtlingslagern etabliert haben, für die Arbeit mit syrischen Geflüchteten. So entstehen Gruppen wie Zur Webseite von »Clown Me In« (englisch) »Clown Me In«. Ihre Mitglieder touren als Clowns verkleidet durch den Libanon und veranstalten Shows und kreative Workshops für syrische, aber auch für benachteiligte palästinensische und libanesische Kinder. Im Libanon sind die Clowns nicht nur in Flüchtlingslagern aktiv. Seit Jahren veranstalten Libanesen in Beirut und anderen Städten sogenannte »Clown Walks« und »Clown Revolutions«. Bei solchen Protestzügen der etwas anderen Art kommen viele rote Nasen, fröhliche und traurige Clowns aus dem ganzen Libanon zum friedlichen, zivilen Protest zusammen. »Rebel Clowning« nennt sich das Konzept, wenn Demonstranten in die Rolle eines selbstgewählten Clown-Charakters schlüpfen. Im Gegensatz zu anderen Grassroot-Gruppen lehnen Rebel-Clowns die Idee eines radikalen Umbruchs ab, sondern versuchen nur, ihre direkte Umwelt positiv zu beeinflussen und, bei starkem Polizeiaufgebot, die Sicherheitskräfte zu irritieren. Auch »Clown Me In« hat schon häufig an Protesten gegen die Regierung in Beirut teilgenommen. Neben dem Aktivismus auf der Straße parodierten sie die Situation auch in Videos.

Theaterpädagogin und Sozialtherapeutin Sabine Choucair, die die Gruppe im Libanon mitgründete, reiste Ende 2015 mit anderen Clown-Aktivisten auf die griechische Insel Lesbos. Damals schafften jeden Tag bis zu 3.000 Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak die Überfahrt zu der Insel. Seit Oktober 2015 kamen die meisten Geflüchteten über Lesbos Gleichzeitig ertranken zahlreiche Frauen, Kinder und Männer, weil sie mit den maroden Schlauchbooten der Schleuser kenterten.

Auch in der letzten Woche ertranken wieder über 15 Menschen in der Ägäis (2017) Nicht trotz, sondern wegen der Tragödien, die sich in der Ägäis abspielten, kamen die Clowns nach Lesbos und zogen mit roten Nasen, glitzernden Kostümen und lauten Instrumenten durch die Flüchtlingslager. Ein Video über die Clowns auf Lesbos (englisch, 2 min, 2015) Und die erschöpften Familien nahmen die kurzweilige Abwechslung dankend an. Auch Thomas Krömer findet solche Aktionen sinnvoll:

Es ist natürlich schön, wenn sie die Zeit, die Ressourcen und die Gelder zur Verfügung haben, mit Kindern zu arbeiten. Ist das nicht der Fall, dann können auch kurze Momente von Ablenkung, von Entlastung und von anderen Gefühlen wirken. In diesem Augenblick ist es sicherlich für die Kinder eine gute Erfahrung. – Thomas Krömer

Egal ob Puppen oder Clowns – die vorgestellten Projekte zeigen, wie Flüchtlingskinder erreicht werden können. Die Erwartungen an das Projekt der Sesamstraße sind hoch: Foreignpolicy über das Projekt und den Kampf gegen Terrorismus (englisch) In vielen internationalen Artikeln wird die Initiative hauptsächlich als Radikalisierungsprävention thematisiert. Bis jetzt gibt es keine Studie darüber, ob sich auf diesem Weg tatsächlich weniger Menschen terroristischen Organisationen anschließen und welche Zusammenhänge bestehen.

Sherrie Westin verspricht: »Die Sesamstraße wird ein evidenzbasiertes Modell etablieren, das von anderen Organisationen angepasst und umgesetzt werden kann, um Millionen von Kindern in Krisen zu erreichen.« Bis die Bewohner der Sesamstraße in die vielen Flüchtlingslager einziehen können, wird es abhängig von den Fördergeldern und der Planungsphase noch 2–3 Jahre dauern. Die ersten Testprogramme laufen bereits.

Titelbild: Ryan Heffernan/ Sesame Workshop - copyright

 

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