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In der Heldenschmiede gegen Terrorismus

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Juliane Metzker

In der Heldenschmiede gegen Terrorismus

21. Juli 2016

Suleiman Bakhit will Kinder aus der arabischen Welt durch Comics zu Helden machen, damit sie nicht als Kanonenfutter der Extremisten enden. Für den Jordanier ist klar: Wer auf die falsche Prävention setzt, wird den Kampf gegen den Terrorismus verlieren.

»›Wer sind eure Helden?‹, frage ich die Kinder. Sie blicken mich grübelnd an und sagen: ›Eigentlich haben wir keine Helden, aber wir hören viel über Osama Bin Laden und Abu Musab Al-Zarqawi.‹ Der Jordanier Abu Musab Al-Zarqawi gründete in den 90er-Jahren eine Terror-Organisation im Irak, die sich 2004 der Al-Qaida anschloss. Die Gruppe wurde von da an Al-Qaida im Irak genannt. Auf ihr Konto gehen die meisten Bombenanschläge während des Irakkriegs. Sie gilt als Vorläufer des selbsternannten Islamischen Staats. Al-Zarqawi kam 2007 durch einen amerikanischen Luftschlag ums Leben. – ›Was hört ihr denn von denen?‹ – ›Dass sie uns gegen den Westen verteidigen. Denn der Westen will uns alle töten.‹« Der jordanische Unternehmer und Comic-Autor Suleiman Bakhit steht in einem vollen Klassenzimmer in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Ihm gegenüber sitzen Schulkinder aus überwiegend armen Familien. Ihre Antworten schockieren Bakhit. Die Kinder sind heldenlos, doch legendentreu. Ein Schlüsselmoment für ihn, in dem er beschließt: Diese Jugendlichen und Kinder verdienen richtige Helden und keine Blutkrieger, die im Namen Gottes töten.

Der Heldenschmied: Suleiman Bakhit – Quelle: Suleiman Bakhit/herofactor copyright

Von dieser Szene berichtet Bakhit gern, wenn er mit Journalisten spricht oder einem großen Publikum die Idee für seine Comic-Helden erklärt. 2006 gründet er die »Aranim Media Factory«. Der Firmenname setzt sich aus »Arab« (Deutsch: Arabisch) und »Anime« zusammen. Der Begriff wird in Japan für alle animierten Filme benutzt. Seitdem entwirft er mit internationalen Cartoonisten bunte Superhelden im Manga-Stil. Manga meint hauptsächlich Comics aus Japan. Eine Definition anhand von einheitlichen Stilmerkmalen ist nicht möglich. Es gibt jedoch stilistische Tendenzen, die sich in vielen Mangas wiederfinden: Kindchenschema, große Augen, tierhafte Körpermerkmale, Kenntlichmachung von Emotionen und Körpersprache. Er nennt sie »Captain Zero«, »Naar« »Naar« heißt aus dem Arabischen übersetzt »Feuer«. Der junge Held kommt lässig in Shorts und Flipflops daher und hat die Kraft der 7 Feuer. Naar und seine Freunde schlagen sich durch die arabische Welt im Jahre 2050. oder »Princess Heart«. Sie sind Geheimagentinnen, mutige Prinzessinnen oder Jugendliche mit Superkräften und kommen ohne typische Orient-Klischees aus – in seinen Geschichten können Teppiche nicht fliegen und Lampen nicht zaubern. »Section 9« zum Beispiel ist eine knallharte weibliche Anti-Terror-Einheit, die mit traditionellen Rollenklischees abrechnet. Die Mission von Bakhits Helden und Heldinnen ist es, das Böse in Jordanien zu bekämpfen, das viele Gesichter hat: Extremismus, Patriarchat Das Patriarchat (oder auch die Väterherrschaft) ist noch sehr präsent in der arabischen Welt. Auch Frauen unterstützen das System, indem sie das traditionelle Rollenverständnis, maßgebende Normen und Werte an ihre Kinder weitergeben. und Rassismus.

Nach seinem Auftritt beim Suleiman Bakhits Rede beim Oslo Freedom Forum »Oslo Freedom Forum« 2014 wurden seine Anti-Extremismus-Comics international bekannt. Aber mehr noch als für seine Idee interessierten sich die Medien für die Person Suleiman Bakhit. Denn der Mann, der eine Narbe quer über dem linken Auge hat, polarisiert; er sieht aus wie der Schurke, ist aber ein Heldenmacher.

Das Terror-Virus bekämpfen

Suleiman Bakhits Biografie liest sich wie die eines Draufgängers: Der 38-Jährige ist Sohn des ehemaligen jordanischen Premierministers und ging für das Studium nach Amerika. Dort verprügelte ihn nach den Anschlägen des 11. Septembers eine Gruppe von Männern aus Fremdenhass mit zerbrochenen Bierflaschen. Doch er ließ sich nicht einschüchtern und studierte weiter an der Universität in Minnesota. Knapp 8 Jahre später wurde er wieder attackiert. Dieses Mal vor seinem Büro in Jordanien, wo ihn Unbekannte mit einer Rasierklinge wegen seines Comic-Aktionismus übel zurichteten. Davon blieben ihm die markante Narbe und der unbedingte Wille, dem Hass zuvorzukommen.

»Wir brauchen ein Gegengift und zwar schnell! Damit unsere Jugendlichen nicht als Kanonenfutter des IS enden.«

»Gewalttätiger Extremismus und die Weitergabe extremistischer Ideologien infiziert unsere Jugend wie ein Virus. Dafür brauchen wir öffentliche Präventionsmaßnahmen, bevor die Jugendlichen sich unheilbar anstecken«, sagt Bakhit. Doch die Zeit drängt: Das US-amerikanische Sicherheitsunternehmen »Soufan Group« veröffentlichte in einem Report 2015 die Zahlen ausländischer Kämpfer in radikal-islamistischen Gruppierungen in Syrien und Irak (englisch) Zahlreiche Rekruten radikal-islamistischer Gruppierungen in Syrien und Irak kommen aus Jordanien. Zur Stichprobe und Studie des Zentrums für strategische Studien der Jordanischen Universität vom Juli-September 2014 (arabisch) Laut einer Studie der Jordanischen Universität 2014 gaben damals 9% der Befragten an, dass Al-Qaida für sie eine legitime Widerstands-Organisation sei. 10% lehnten es ab, den sogenannten Islamischen Staat (IS) als Terror-Organisation zu bezeichnen. Überträgt man diese Ergebnisse auf die Einwohner Jordaniens, sind das knapp 1 Million Menschen, die den IS zumindest als ungefährlich einstufen. So können radikale Islamisten vor allem junge Jordanier rekrutieren. Bakhit schlägt Alarm: »Wir brauchen ein Gegengift und zwar schnell! Damit unsere Jugendlichen nicht als Kanonenfutter des IS enden.«

Quelle: Zentrum für strategische Studien / Universität von Jordanien

Doch Prävention ist nicht gleich wirksame Prävention. Laut Bakhit richten sich viele Anti-Terror-Kampagnen gegen die falschen Symptome: vornehmlich gegen die Medien-Propaganda des IS. Al-Qaida hat es vorgemacht: Durch Medienpublikationen wie dem »Inspire-Magazin« Das Inspire-Magazin erschien erstmals 2010 in einer englischen Online-Version und richtete sich damit vornehmlich an eine westliche Zielgruppe. Die Publikation soll von der Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel vertrieben werden. Der Inhalt umfasst Reden, Interviews von Funktionären der Al-Qaida und Anleitungen für Terroranschläge, Bombenbau und Attentate. konnten die Extremisten ihre Ideologie einem größeren Publikum kommunizieren. Doch im Vergleich zu der heutigen Medienmaschine des IS wirkt Al-Qaidas Öffentlichkeitsarbeit wie eine BETA-Version.

Virtuelle Einladung zu Gewalt

Wenn der radikal-islamistische Terror der Taliban Stufe 1.0 war und der von Bin Laden die zweite Eskalationsstufe, dann könnte man den des IS als Terror 3.0 bezeichnen. Mehr zur »Internen Struktur und Strategie« des IS publiziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung Der IS investiert viel Geld in die Medienkommission, die nach dem selbsternannten Kalifen Al-Baghdadi und den religiösen Einrichtungen zu den wichtigsten IS-Institutionen gehört. Unter ihrem Dach entstehen Online- und Print-Magazine wie »Al-Dabiq«, Das Online- und Print-Magazin »Al-Dabiq« erscheint seit 2014 in verschiedenen Sprachen. Wie das Inspire-Magazin richtet sich der Inhalt hauptsächlich an westliche Leser. Doch beide Publikationen unterscheiden sich in ihrer Aufmachung: Das IS-Magazin setzt auf qualitativ hochwertige Bilder und Reportage-Einheiten und gibt ausführliche Hintergrundberichte zu den Anschlägen der Terrororganisation. Der Titel »Al-Dabiq« kommt von dem syrischen Dorf Dabiq, in der laut Prophezeiung die Endschlacht des IS gegen die Ungläubigen stattfinden soll. Das in Philadelphia ansässige »Middle East Forum« ist eine Sammelstelle für terroristische Medienprodukte und Symbole Radio-Stationen, Online-Blogs in mehreren Sprachen und sogar Musikproduktionen. Vor allem die visuellen Formate sind qualitativ hochwertig und bedienen sich niemals nur simpler Gewaltdarstellung. Es braucht eine Geschichte, eine Dramaturgie, eine »attraktive« Perspektive. Viele IS-Filme sind deshalb optisch wie ein Videospiel aufgebaut, meist aus der Sicht eines Ego-Shooters. Ego-Shooter sind Schießspiele, die auf der Konsole oder dem Computer gespielt werden. Dabei sieht der Spieler die Spielwelt aus der Sicht seiner Figur. Die Kulissen im Spiel sind meist Kriegsgebiete, in denen auf feindliche Truppen geschossen wird. Die Dokumentation »Cyberjihad« gibt Einblick in die Medien-Manipulation des IS Der Extremismus-Forscher John Berger nennt das »die virtuelle Einladung zu Gewalt«. Die Botschaft: Lebe deine Fantasie aus!

»Es ist ein Fehler anzunehmen, dass diese Videos allein der Grund dafür sind, dass Jugendliche sich Extremisten anschließen«, warnt Suleiman Bakhit. Er ist davon überzeugt, dass Prävention nicht dort beginnt, wo man versucht, IS-Publikationen zu zensieren oder Jugendlichen durch Anti-Terror-Werbung zu zeigen, wie »uncool« Terroristen eigentlich sind. Ein solches Anti-Propaganda-Projekt ist die CIA-Kampagne Hier geht es zum Tumblr-Account der Kampagne »Think Again. Turn Away«. In Zum YouTube-Kanal der »Think Again. Turn Away«-Kampagne (englisch) YouTube-Videos wird das wahre, abschreckende Leben in den IS-kontrollierten Regionen gezeigt und auf Tumblr werden Bilder mit Slogans wie »Der IS zerstört das Erbe der Menschheit« veröffentlicht. Hashtags gegen Terrorismus laufen anscheinend ins Leere. Auf dem Tumblr-Blog gibt es seit 4 Monaten keine neuen Einträge.

Den Comic über die weibliche Anti-Terror-Einheit »Section 9« durfte Suleiman Bakhit noch nicht in Jordanien veröffentlichen. – Quelle: Oslo Freedom Forum copyright

Suleiman Bakhits Comics werden oft als eine ähnliche Strategie der Gegenpropaganda missverstanden. Doch der Autor will nicht einfach nur seine Form von Popkultur gegen den »Pop-Dschihadismus« Mit dem Bekanntwerden des IS tauchte auch der Begriff des Pop-Dschihadisten häufiger auf. Damit sind Gotteskrieger gemeint, die popkulturelle Elemente für die Rekrutierung von Jugendlichen benutzen. Dazu gehören unter anderem Videos, Musik und laut Suleiman Bakhit vielleicht auch bald ein Videospiel des IS, das wie das beliebte Konsolen-Spiel Grand Theft Auto aufgebaut sein soll. setzen. Ihn ärgert diese Reduzierung seiner Arbeit. Sie führt dazu, dass die Aufmerksamkeit mehr den bunten und quirligen Zeichentrickfiguren gilt als seiner Präventionsarbeit dahinter. Der Comic ist für ihn nur Mittel zum Zweck: »Was ich mache, muss eine gewisse Qualität und Aufmachung haben, um die Jugendlichen zu erreichen.«

Am Ende wirkt jedoch nicht nur die Aufmachung, sondern auch der Inhalt. Das gilt sowohl für Bakhits Comics als auch für die Medienpropaganda des IS: »Wir machen einen gewaltigen Fehler, indem wir die Narrative Narrative oder Erzählungen folgen einem sich wiederholenden Muster. Es gibt in ihnen wiederkehrende Inhalte, Motive und Bilder, die über kulturelle Grenzen hinaus verstanden werden, wie die Erzählungen von Helden und Schurken, Gut und Böse oder Freundschaft und Feindschaft. nicht durchschauen, die hinter der Propaganda der Extremisten stecken. Die ultimative Botschaft von Al-Qaida und dem IS ist: Komm und sei ein Held! – Unsere Botschaft ist leider nur: Sei kein Terrorist!«

Die vergiftenden Narrative des IS

Nach dem eingangs geschilderten Besuch in der jordanischen Schule studierte Bakhit die Narrative von Al-Qaida und anderen radikalen Islamisten-Gruppen, um zu verstehen, warum sich ihnen Menschen anschließen. Er zieht ein beunruhigendes Fazit: »Wir sind unterlegen. Die Extremisten sind uns Lichtjahre voraus in der Verbreitung ihrer Narrative.« Dabei identifiziert er 3 Haupt-Erzählungen, mit denen der IS weltweit rekrutiert:

  • Der Westen ist im Krieg mit dem Islam: Ein Narrativ, das durch den Einmarsch der Amerikaner 2003 im Irak verstärkt wurde. Damals begründete der amerikanische Präsident George W. Bush den Militäreinsatz damit, das irakische Regime unter Saddam Hussein lagere nukleare Waffen ein – eine falsche Annahme, Im aktuellen Untersuchungsbericht zur britischen Rolle im Irakkrieg wurden die Gründe des Einmarschs erneut kritisiert. Der Kommissionsreport belegt, dass die Stärke des Saddam-Regimes und die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen im Vorfeld der Invasion übertrieben oder falsch dargestellt wurden. wie sich später herausstellte und eine Katastrophe für die irakische Bevölkerung: Vom Beginn des Irakkriegs bis zum Ende der Besatzung 8 Jahre später starben Die Schätzung des Online-Journals »PLOS Medicine« ist wie alle Hochrechnungen zur Todeszahl im Irakkrieg umstritten (englisch) über eine halbe Million Menschen. Er läutete auch eine blutige Anschlagsserie ein, die bis heute anhält und hauptsächlich auf das Konto des IS und seiner Vorgänger geht. Abu Musab al-Suri, einst enger Vertrauter von Bin Laden, behauptete gar in einem Artikel für das »Inspire-Magazin«: Das »Zwemer Centre« an der Internationalen Universität in Columbia veröffentlichte eine Liste mit den 10 wichtigsten Männern für den Aufstieg des islamistischen Fundamentalismus. Al-Suri ist einer von ihnen »Die amerikanische Besetzung des Iraks war der Beginn einer neuen historischen Periode, die fast im Alleingang die Dschihad-Bewegung gerettet hat – gerade als viele ihrer Kritiker dachten, dass sie eigentlich vor ihrem Ende stünde.«
  • Die ungläubigen Eindringlinge: Al-Qaida und der IS ziehen eine Parallele zwischen dem Einfall fremder Mächte und Armeen in der arabischen Welt heute und den Kreuzzügen im Heiligen Land. 1099 eroberte das Kreuzfahrer-Heer Jerusalem und hielt die Stadt knapp 90 Jahre lang bis zur Rückeroberung durch Sultan Saladin.
  • Die muslimischen Heuchler: Mit diesem Narrativ legitimiert der IS die Morde an Muslimen, die nicht seine Auslegung des Korans teilen. So töten sie neben Schiiten auch Sunniten, Die Mehrheit der Muslime in der arabischen Welt sind Sunniten. Die große Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten begann im Jahre 661 n. Chr. Auslöser war der Streit über die Nachfolge nach dem Tod des Propheten Mohammad 30 Jahre zuvor, wobei sich die Schiiten gegen das Kalifat der Umayyaden-Dynastie stellten, aus der die Sunniten hervorgingen. Die meisten Schiiten in den muslimischen Ländern leben heute im Iran, dem Libanon und dem Irak. obwohl der IS sich selbst als sunnitisch bezeichnet: Die Schätzungen von Human Rights Watch beruhen auf Video-Analysen und Augenzeugen des Massakers (englisch) Im Juni 2014 soll die Terrororganisation laut »Human Rights Watch« nach der Eroberung der Stadt Tikrit im Irak bis zu 770 Schiiten durch Massenhinrichtungen umgebracht haben. Die meisten von ihnen sollen irakische Soldaten gewesen sein. Das berichtete die kurdische Nachrichtenagentur Ara News (englisch, Achtung: gewalttätige Darstellung) Vor der Rückeroberung Falludschas Ende Juni 2016 durch die irakische Armee habe der IS sunnitische Bewohner der Stadt öffentlich verbrannt, die fliehen wollten.

Der IS braut ein toxisches Gemisch zusammen, das er den Rekruten verabreicht.

Der Mythos dieser 3 Erzählungen wird genährt durch die Ungerechtigkeit und das Leid, denen sich die muslimische Welt ausgeliefert sieht. Der Syrienkrieg liefert neue Nahrung. Die Narrative treiben viele junge Menschen in die Arme der Extremisten. Jugendliche fühlen sich ausgeschlossen, minderwertig und gedemütigt – durch Kriege, durch Repressionen in arabischen Staaten und auch durch den Rassismus, dem Menschen ihrer Religion und Herkunft wegen in westlichen Ländern ausgeliefert sind. Die Missachteten erleben ein Gefühl großer Scham. In ihrem Leben läuft anscheinend etwas grundlegend falsch, etwas, worauf der Einzelne keinen Einfluss hat. Dieses Gefühl übersetzt der IS in Hass. Suleiman Bakhit spricht von einer »vergiftenden Scham«: »Der IS kommuniziert ihnen, dass sie der Heilige Krieg von dieser Scham erlösen wird.«

Das toxische Gemisch aus den 3 Haupt-Narrativen, vergiftender Scham und dem Versprechen, ein Held zu werden, funktioniert für den IS. Die primitive Selbstdarstellung in Hinrichtungsvideos und Kampfansagen trügt. Suleiman Bakhit gehört zu den wenigen Menschen, die die komplexe Strategie dahinter erkannt haben. Lange Zeit suchte er nach einem Gegengift für das Terror-Virus und lernte dabei von den Besten: den Extremisten selbst.

Arabische Kinder und Jugendliche brauchen junge Helden, mit denen sie sich identifizieren können. Deshalb entwarf Suleiman Bakhit den Comic über den Jungen »Naar«, der Feuer-Superkräfte entwickelt. – Quelle: Suleiman Bakhit copyright

Die neue Liga der arabischen Helden

Terroristen erzählen von ihren Märtyrern und Kriegern als Helden. Groß, mächtig und erstrebenswert. Ihre Helden tragen Kalaschnikows und metzeln damit Menschen nieder. Sie sprengen sich mit viel Dynamit in die Luft und reißen hunderte Menschen mit in den Tod – das ist ein Fall für Bakhits Helden-Liga: »Es ist wie bei David gegen Goliath: Mach deinen Nachteil zu deinem Vorteil. Unser Nachteil ist, dass Terrorismus sich als Heldentum tarnt. Ich mache das zu meiner Stärke und setze eine positive Heldenreise Suleiman Bakhit orientiert sich an der Heldenreise. Den Begriff prägte der amerikanische Autor und Professor der Mythologie Joseph Campbell. Campbell geht davon aus, dass die Heldenreise die größte Menschheitserzählung ist, die in allen Kulturen existiert. In seinem Werk »Der Heros in tausend Gestalten« beschreibt er die Schritte, die ein Held durchlaufen muss: Die Zweifel vor der alles entscheidenden Reise, das Abenteuer, die Prüfungen, das Über-den-eigenen-Schatten-Springen, der Sieg, die Belohnung, die Rückkehr in den Alltag – all das sind Teile der Heldenreise, die final darauf hinausläuft, dass der Protagonist das eigene Potenzial entdeckt. dagegen.« So entstanden seine ersten Comics, die von Helden der Akzeptanz, Hoffnung und Aussöhnung erzählen. Er verteilte die Heftchen in dem jordanischen Klassenzimmer, und als er ein paar Wochen später wiederkam, sprachen die Kinder begeistert von ihren neuen Helden. Kein Wort über Bin Laden und seine Kameradschaft.

Der Krieg Gut gegen Böse, Comics gegen Extremisten klingt naiv. Bakhit ist sich aber sicher, dass seine Erzählungen einen der wichtigsten Beiträge zum Kampf gegen Extremismus leisten. Denn sie sollen Kinder ermutigen, sich selbst zu erfinden. Das steht im krassen Gegensatz zu den Narrativen der Extremisten, die nicht viel Raum für Selbstentfaltung lassen und die individuelle Persönlichkeit mit Hass ersticken. Bakhit hingegen ist davon überzeugt, dass aus Scham auch Die Sozial-Forscherin Brené Brown spricht im TED Talk über das Potenzial, die eigene Scham und Verletzlichkeit in Kreativität zu wandeln Kreativität, Innovation und Wandel entstehen können. Er nennt sie die »gesunde Scham«, die Kinder und Jugendliche antreibt, das eigene Potenzial zu entdecken, anstatt in den Krieg der Terroristen zu ziehen. »Ich möchte die Kinder dazu anregen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und eine alternative Identität zu gestalten«, sagt Suleiman Bakhit.

Dabei musste Bakhit mit seinem Helden-Projekt bereits viele Rückschläge einstecken: Comics im arabischen Raum zu vertreiben, ist immer mit einem großen finanziellen Risiko verbunden. Der Markt ist sehr klein. Vor 3 Jahren geht Suleiman Bakhit das Geld aus, um seine Firma weiter zu finanzieren. Er schließt das Büro in Jordanien. Wie es weitergehen soll, weiß Bakhit nicht. Er schnallt sich einen Rucksack auf und nimmt eine Auszeit in Thailand.

Doch als er zurück nach Jordanien kommt, passiert etwas Unerwartetes: Seine Heldinnen eilen ihm zu Hilfe. 2 junge Jordanierinnen bitten ihn um ein Treffen. Eine von ihnen legt Bakhit ein selbst gestaltetes Comic-Heft vor. Eine eigene Geschichte, zu der sie seine Comics inspirierten. Aus der Begegnung schöpft er Kraft für ein neues Projekt: den »Hero Factor«. Sobald die Finanzierung dafür steht, möchte er sein Comic-Angebot erweitern. Indes teilt Bakhit weiterhin seine Heftchen an Schulen aus. Laut eigenen Angaben hat er bereits 1,2 Million Exemplare verteilt oder verkauft. Die Zukunft, so will es Suleiman Bakhit, soll nicht den Extremisten, sondern selbstbewussten Helden gehören.

Suleiman Bakhit - copyright

 

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