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Damit wir nicht verdummen, brauchen wir mehr Forscherinnen

80% der Professoren sind männlich – und Akademiker bekommen wenig Kinder. Beides hat den gleichen Grund, den wir einfach beheben können (wenn wir wollen).

28. Juni 2017  15 Minuten

Mittwochmorgen, 9:30 Uhr, irgendwann im Mai 2015 im westfälischen Münster. Etwa 20 Frauen sitzen um den großen Tisch in der Bibliothek. Mit der Vorstellungsrunde beginnt der Workshop »Teamwork und Führungskompetenz für Forscherinnen«. Unter anderem sind dort: Postdoc, Ein Postdoc, genauer Postdoktorand, ist ein Wissenschaftler des sogenannten wissenschaftlichen Mittelbaus, also in der Phase zwischen Promotion und Professur. Auch die Phase an sich nennt sich Postdoc. Nach seiner Promotion absolviert der Postdoc also ein oder 2 Postdocs, bevor er die nächste Karrierestufe erklimmt. 34 Jahre alt, ein Kind; Doktorandin, 29 Jahre, unübersehbar bald Mutter; Arbeitsgruppenleiterin, 36 Jahre, kinderlos; und ich: Postdoc, 38 Jahre, 3 Kinder. Thema heute: Was bedeutet es, als Frau in der Wissenschaft eine Führungsposition einzunehmen?

Schnell wird allerdings klar, dass es heute vor allem um eine Frage geht: Wie schaffe ich es – wenn überhaupt – Muttersein und Beruf unter einen Hut zu bringen? Da sitzen nun über viele Jahre gut ausgebildete Naturwissenschaftlerinnen, die sich Tag für Tag komplexen Fragestellungen widmen und verzwickte Probleme lösen, und drohen an scheinbar Alltäglichem zu scheitern. Aus den gerade noch selbstbewussten Forscherinnen und Gruppenleiterinnen von morgen ist eine Gruppe von Frauen mit (Selbst-)Zweifeln, Unsicherheit und Angst Zu den Fragen gehören zum Beispiel: Was wird mein Vorgesetzter sagen, wenn ich nun eine Familie gründen möchte? Kann ich dann meine Karrierepläne begraben? Kommt nicht immer etwas zu kurz, Kind(er) oder Forschung? geworden.

Klar, so ein Treffen könnte in jeder Branche, auf jeder Karriereebene stattfinden. Selbstverständlich könnten da auch Männer sitzen, mit ihren Zweifeln und ihren Ängsten.

Dennoch ist die Situation von Eltern – und besonders von Müttern – in der Wissenschaft außergewöhnlich. Und sie betrifft uns alle.

Der Weg eines Forschers

Bevor wir über die Lösung des Dilemmas sprechen können, braucht es ein wenig Basiswissen über den »durchschnittlichen« Werdegang eines »durchschnittlichen« Wissenschaftlers. Der hier beschriebene Werdegang ist beispielhaft für Deutschland, aber auch in anderen Ländern gestaltet sich eine Forscherkarriere ähnlich. Jede Wissenschaftskarriere beginnt mit dem Studium. Auch wenn ich mich hier auf die Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit dem Leben und dessen Erforschung zu befassen Naturwissenschaften konzentriere, gilt vieles analog für die Geisteswissenschaften.

Im Jahr 2015 begannen in Deutschland etwa 84.000 Schulabgänger ein naturwissenschaftliches oder mathematisches Studium, Studienanfänger in Deutschland im Jahr 2015/16 fast die Hälfte davon Frauen. Bis zum Bachelor In diesem Fall der Bachelor of Science (BSc) im Vergleich zum Bachelor of Arts (BA), der in den Geisteswissenschaften vergeben wird. schaffen es die meisten in 6 Semestern. Weitere 2 Jahre In Großbritannien kann ein Master (of Science) bereits nach einem Jahr erreicht werden, in anderen Ländern sind sogar bis zu 4 Jahre drin, zum Beispiel in vielen Ländern Südamerikas. und der Master In diesem Fall der Master of Science (MSc). ist in der Tasche. Je nach Studiengang und persönlicher Vorliebe hat der Student das Studium mit Auslandsaufenthalten und Praktika Wenngleich ein Auslandsaufenthalt keine Pflicht ist, wird er als Zeichen für Flexibilität von zukünftigen Arbeitgebern gern im Lebenslauf gesehen. gespickt.

Um in die akademische Forschung einsteigen zu können, gehört eine Promotion Während der Studierende sich orientieren und viele unterschiedliche Dinge ausprobieren kann und soll, beginnt der Promovierende mit der Spezialisierung auf ein Fachgebiet. heutzutage zum guten Ton. Im Jahr 2014 beispielsweise gab es in Deutschland knapp 60.000 promovierende Naturwissenschaftler und Mathematiker, Promovierende in Deutschland, Statistisches Bundesamt (2016) darunter immer noch 41% Frauen.

Für eine Doktorarbeit braucht ein Naturwissenschaftler meist länger als 3 Jahre. Hier besteht ein großer Unterschied zur medizinischen Doktorarbeit für den Dr. med. Die dauert im Schnitt 12 Monate, wird oft neben dem Studium verfasst und hat den Umfang einer größeren Hausarbeit. Dass die Unterscheidung in der Öffentlichkeit so gut wie nicht bekannt ist, sorgt häufig für Frust bei Wissenschaftlern, die mehrere Jahre hauptberuflich promovieren – also für eine Doktorarbeit forschen. Sie besteht aus einem mehrjährigen praktischen Teil, bei dem aktiv geforscht wird, der schriftlichen Dissertation Zur Erlangung des Doktorgrades erstellt der Promovend seine Dissertation, auch Doktorarbeit genannt. und der mündlichen Verteidigung. Das ist eine Art mündliche Prüfung, die entweder öffentlich oder ausschließlich vor den Prüfern abgelegt wird. Auch im englischen Sprachraum heißt diese Disputation ›Defence‹ oder auch ›Viva‹. In dieser Qualifizierungsphase lernt der Doktorand selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten. Als »Lehrling« sitzen die meisten naturwissenschaftlichen Doktoranden Menschen, die eine Promotion anstreben, nennt man Doktorand oder Promovend, international auch PhD student. in Deutschland deshalb auf einer halben Stelle. Das bedeutet: Halbes Gehalt, (über)volle Arbeitszeit. Geregelte 40 Stunden-Woche? Nein! Es wird erwartet, sich mit vollem Einsatz seinem Projekt zu widmen, wenn nötig auch abends und am Wochenende. Im Optimalfall gipfeln all die Bemühungen in einer oder sogar mehreren Publikation(en) Allein oder gemeinsam mit Kollaborationspartnern berichtet der Autor über die Erkenntnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit. in angesehenen Fachzeitschriften. Regelmäßig erscheinende Journale, die über wissenschaftliche Arbeiten recht spezifischer Fachgebiete berichten. Die bekanntesten sind Zeitschriften wie Nature, Cell oder Science.

Nach der feierlichen Überreichung des Doktortitels beginnt der ganze Ernst des Forscherdaseins. Mit der Promotion wird aus dem Doktoranden ein Postdoc, ein »Bewohner« des wissenschaftlichen Mittelbaus. Meist verlassen Postdocs das Institut, an dem sie promoviert haben, und absolvieren ein oder 2 Postdocs, Der Begriff Postdoc wird als Beschreibung für die Person (»Sie ist ein Postdoc.«) und auch für die Beschreibung einer bestimmten Stelle (»Sie macht gerade ihren zweiten Postdoc.«) genutzt. häufig im Ausland.

Die aktive Forschung gerät ab jetzt immer weiter in den Hintergrund. Vielmehr betreut der Postdoc nun selbst Doktoranden oder Studenten im Labor, wirbt Gelder für die Forschung Das sind rückzahlungsfreie finanzielle Zuwendungen von institutionellen oder staatlichen Geldgebern. Letztere wollen im Gegenzug regelmäßig über den Fortschritt der Forschung unterrichtet werden. ein und beschäftigt sich mit Anträgen und Veröffentlichungen sowie der universitären Lehre.

Wenn es weiterhin gut läuft, hat der Postdoc irgendwann andere Forscher um sich herum geschart und nennt sich dann Arbeits- oder Forschungsgruppenleiter. Im englischen Sprachraum heißen diese Menschen PIs, oder Principal Investigators. Jetzt muss er nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Doktoranden und technischen Assistenten sorgen, finanziell und wissenschaftlich.

Es bleibt die Königsdisziplin: Im Jahr 2015 forschten und lehrten an deutschen Universitäten insgesamt gut 5.500 Professoren in Naturwissenschaften und Mathematik, So sieht die Personalverteilung an deutschen Hochschulen aus (2015) 919 davon weiblich. Der Frauenanteil vom Studium bis zur höchsten Qualifikation nimmt also stetig ab.

Des Forschers höchste Ehrung, der Nobelpreis, Seit dem Jahr 1901 wird diese von Alfred Nobel ins Leben gerufene Auszeichnung all denen verliehen, »die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben«. enthüllt die ganze Misere: In Chemie, Physik und Physiologie/Medizin sind Übersicht über die weiblichen Empfänger des Nobelpreises (englisch) von den 590 Preisträgern seit dem Jahr 1901 ganze 18 weiblich (also 3%).

Die Luft für Frauen an der Spitze der Naturwissenschaften ist also dünn. Nicht nur viele Hochschulen wollen das ändern.

»Science: It’s a Girl Thing!«

Im Workshop sitzen nur Frauen, weil sich das Angebot explizit an diese richtet. Frauenförderung, Karriereförderung von Naturwissenschaftlerinnen, Geschlechtergleichstellung, … das Kind hat viele Namen. Das Ziel bleibt aber gleich: Elke Benning-Rohnke setzt sich erfolgreich für Gleichstellung ein Der Frauenanteil auf den oberen Sprossen der Karriereleiter soll steigen.

Beim »typischen Wissenschaftler« denken viele Menschen sicher an den Typus Einstein. Wüstes Haar, Nickelbrille, einen dampfenden Erlenmeyerkolben in der Hand. Hier schreibt Juliane Metzker über Stereotype Stereotype können Veränderungen erschweren, dachte sich wohl auch die Marketingabteilung der EU. Nicht eingestaubt, sondern sexy. So ähnlich haben wohl die Vorgaben gelautet, als es im Jahr 2012 darum ging, mehr Schulabgängerinnen mit einem flotten 52-Sekunden-Video von einer Forscherkarriere zu überzeugen.

Mehr Mädels in die Forschung? Klar! Am besten mit Stöckelschuhen und Lippenstift – dachte sich die EU 2012 und fertigte ein Werbevideo an.

Der Slogan: »Science: It’s a Girl Thing!« Also auf Deutsch: »Wissenschaft: Das ist Mädchensache!« Dazu Mädels mit Modelmaßen, knappem Rock und High Heels, viel Pink und Lippenstift – das musste reichen, um aus Schülerinnen von heute Forscherinnen von morgen zu machen. Das Video war bereits nach wenigen Tagen von der Website der EU verschwunden, lebt aber auf Youtube weiter. Die blamable Ansammlung ausgelutschter Klischees im Kampagnenvideo brachte viel Hohn und Spott, aber nicht mehr Frauen in die Wissenschaft. Vor allem geht der Aufruf am eigentlichen Problem vorbei, nämlich der niedrigen Quote in den höheren Rängen.

Spurensuche in der Vergangenheit

Für eine hervorragende Wissenschaft brauchen wir hervorragende Forscher. Sie prägten und prägen auch heute noch die Wissenschaftslandschaft in Deutschland sowie auf der ganzen Welt. Die Wissenschaft war lange eine reine Männerdomäne, abgesehen von wenigen Pionierinnen wie Marie Curie Die Physikerin und Chemikerin Marie Skłodowska Curie (1867–1934) gilt als Pionierin der Isotopenforschung und erhielt gleich 2-mal einen Nobelpreis: 1903 in Physik und 1911 in Chemie. Ada Lovelace Die britische Mathematikerin Ada Lovelace (1815–1852) hat das erste komplexe »Computerprogramm« entwickelt. oder Hedwig Kohn. Hedwig Kohn (1887–1964) war eine deutsche Physikerin. Als eine von nur 3 Frauen erreichte sie ihre Habilitation in Physik vor dem Zweiten Weltkrieg und gilt daher als Vorreiterin der Frauenbewegung in der Wissenschaft. Denn es galt: Der Mann ist der Ernährer seiner Familie, die Frau kümmert sich um Haus und Kinder. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts dürfen Übersicht zum Frauenstudium im deutschen Sprachraum der Humboldt-Universität Frauen in Deutschland ordentlich an einer Hochschule studieren.

Auch wenn heute viele Frauen ganz selbstverständlich in ehemaligen »Männerberufen« arbeiten, Bericht des Konsortiums Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zur Lage Promovierender und Promovierter Wissenschaftler in Deutschland (2017) bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem.

Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die an Hochschulen befristet beschäftigt sind, haben tendenziell seltener Kinder als altersgleiche Hochschulabsolventinnen und -absolventen. […] Der wissenschaftliche Nachwuchs bleibt häufiger endgültig kinderlos als andere Hochschulabsolventinnen und -absolventen. – Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (Buwin, 2017)

Etwa 3/4 der kinderlosen Wissenschaftler Genauer: 80% der unter 30-Jährigen und immerhin noch 70% der 31–41-Jährigen wünschen sich Nachwuchs. wünschen sich Nachwuchs. Aber geringe Planungssicherheit sowie fehlende finanzielle Sicherheit führen dazu, dass im Jahr 2010 mehr als 70% des akademischen Mittelbaus Bei den Professoren waren es noch 34% der Männer sowie 62% der Frauen. Das zeigt die Broschüre »Kinder – Wunsch und Wirklichkeit in der Wissenschaft« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (2010) kinderlos waren.

Ist Kinderlosigkeit aufgrund fehlender Planungssicherheit nicht einfach Jammern auf hohem Niveau?

Nach dem »Dr.« ab in die Unsicherheit

Um das Ausmaß der Planungs(un)sicherheit einzuordnen, hilft vor allem eine Zahl: Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zur Lage promovierender und promovierter Wissenschaftler in Deutschland (2017) Unter Mathematikern und Naturwissenschaftlern arbeiteten im Jahr 2014 von den knapp 160.000 Beschäftigten unter 45 Jahren 96% auf befristeten Arbeitsverträgen Zahlen des Statistischen Bundesamts zu sogenannten »Atypischen Beschäftigungsverhältnissen« in Deutschland (2015) im Vergleich zu 7% im Bundesdurchschnitt aller Beschäftigten. Laut Statistischem Bundesamt hatten im Jahr 2014 von den etwa 36 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland 2,5 Millionen Menschen einen befristeten Arbeitsvertrag.

Ungefähr die Hälfte der befristeten Wissenschaftlerverträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. Dank Seite des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz über das Wissenschaftszeitvertragsgesetz Wissenschaftszeitvertragsgesetz kann das 12 Jahre lang so laufen, 6 Jahre vor und 6 Jahre nach der Promotion. Daran hat auch die Gesetzesänderung Anfang 2016 wurde das Wissenschaftszeitvertragsgesetz überarbeitet, um »Fehlentwicklungen in der Befristungspraxis entgegenzutreten«. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Gesetzesänderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (2016) im vergangenen Jahr nichts geändert. Lediglich die Begründungen für die Befristungen müssen nun anders formuliert werden.

Und was passiert nach den 12 Jahren? Festanstellungen für den wissenschaftlichen Mittelbau gibt es so gut wie gar nicht. Dann heißt es für Frauen und Männer: Entweder eine Professur oder Academia adé – nur knapp jeder Fünfte Dr. bleibt nach seinem Abschluss in der Forschung.

Das sagte Jutta Dalhoff im Rahmen der Podiumsdiskussion »Mehr Schein als Sein? Familienbewusstsein an der WWU« am 8. März 2017 in Münster Deutschland ist im Vergleich zum europäischen Ausland eher ungewöhnlich, da die Akademikerlaufbahn eine Professur krönen muss. Es trägt nicht zur Qualität der akademischen Ausbildung an Universitären bei, dass der Bereich darunter immer weiter abgebaut und mit zeitlich befristet Beschäftigten gefüllt wird. Insgesamt müssen einfach mehr Dauerstellen unterhalb der Professur in Deutschland geschaffen werden. – Jutta Dalhoff, Leiterin des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung in Köln

Stelle dir vor, du hast erfolgreich den klassischen wissenschaftlichen Karrierepfad absolviert: 5 Jahre Studium, 3–5 Jahre Promotion und dann 2 Jahre lang den ersten Postdoc. Du bist Anfang bis Mitte 30 und stehst an der Schwelle zum Arbeitsgruppenleiter.

Das erwartet dich:

  • Arbeitsaufwand: Es wird erwartet, dass du erheblich mehr als die vertraglich »vorgeschlagenen« 40 Stunden pro Woche arbeitest. Und – Wissenschaft ist Passion – du machst es sogar gern. Schließlich bist du noch immer im Qualifizierungsprozess. Deshalb sind es oftmals eher 50 oder sogar 60 Stunden pro Woche ohne Überstundenvergütung.
  • Mobilität: Wieder umziehen, denn in den seltensten Fällen gibt es freie Stellen vor Ort. Erneut heißt es, Freunde und Bekannte hinter dir zu lassen; abermals ein befristeter Vertrag.
  • Finanzen: Es ist nicht so, dass Postdocs am Hungertuch nagen. Dennoch liegt Eine Übersicht der Gehälter in den Naturwissenschaften (2013) bereits das Einstiegsgehalt eines ebenbürtig Ausgebildeten in der Industrie gut und gern um 30% höher. Außerdem musst du selbst Drittmittel Hochschulen, Forschungsinstitute oder einzelne Wissenschaftler erhalten Geld für ihre Forschungen von Dritten, sprich von Stiftungen, der Wirtschaft oder öffentlichen Förderorganen. einwerben; ansonsten heißt es schnell: kein Geld – keine Stelle.

Diese Situation ist wohlbekannt und auch weitestgehend akzeptiert, sowohl unter den Postdocs als auch ihren Vorgesetzten.

Es ist schwer, zum Beispiel Universitätsprofessoren deutlich zu machen, dass sie Menschen fördern sollen, von denen sie doch aber wissen und die ja sogar aufgefordert sind, den Laden möglichst schnell wieder zu verlassen. – Jutta Dalhoff

All das trifft dich zu einer Zeit, Geplante Elternschaft (2017) in der die meisten Menschen in deinem Alter an Familienplanung denken. Die Konsequenz ist einerseits die oben beschriebene erhöhte Kinderlosigkeit unter gut ausgebildeten Naturwissenschaftlern. Gleichzeitig geschieht bei Akademikern mit augenscheinlich gleichen Chancen etwas Paradoxes …

In dem Moment, wo das erste Kind kommt, beginnt eine Retraditionalisierung der Familienverhältnisse. Und das ist nicht bildungsabhängig, das beobachten wir auch bei Akademikern. – Jutta Dalhoff

In Zahlen: 74% der Wissenschaftlerinnen, aber nur 26% der Wissenschaftler unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt des ersten Kindes. Und während das Gros der Mütter länger als 1/2 Jahr Arbeitsauszeit nimmt, nutzen 4/5 der Männer gerade mal einen Monat Elternzeit. Wenn (und falls!) Schlussbericht zum Projekt »Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft« des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (2010) die Frauen dann in ihren Beruf zurückkehren, dann häufiger in Teil- als in Vollzeit.

Also alles wie früher? Die Wissenschaftshistoriker sprechen dabei von einer Retraditionalisierung der Alltagsorganisation. Der Mann bringt das Geld nach Hause, während die Frau sich um die Kinder kümmert. Die Hälfte aller kinderlosen Wissenschaftlerinnen lebt in einer Beziehung mit einer gleichberechtigten Das heißt, Männer und Frauen verrichten sowohl beruflich als auch im Haushalt ähnliche Aufgaben. Rollenverteilung, aber nur 27% der Wissenschaftlerinnen mit Kind.

Im Workshop haben wir schon lange die wissenschaftliche Ebene verlassen. Es wird viel gejammert, wie schwer Mütter es doch haben. »Nicht nur die Arbeit, auch das Kind, Wäsche, putzen, einkaufen …« – »Und der Mann?« – »Ja, der arbeitet doch.« – »Du doch auch.« – »Stimmt.« – »Lass ihn doch mal das Kind zum Kindergarten bringen. Oder ins Bett.« Zögern. »Nein, das kann er nicht.«

Hier sitzen hauptsächlich deutsche Frauen, obwohl die meisten Labore international besetzt sind. Logischerweise stehen auch die Frauen und Männer aus anderen Ländern irgendwann vor der Entscheidung, eine Familie zu gründen, ob nun hier in Deutschland oder anderswo. Wir sprechen englisch, die internationale Sprache der Wissenschaft. Das kann also nicht das Fehlen internationaler Kolleginnen erklären. Ist ihre Abwesenheit ein Zufall oder ist das Problem der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft in Wahrheit ein deutsches?

Ein Blick über die Landesgrenzen

Die UNESCO Die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) ist die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung/Bildung, Wissenschaft und Kultur. stellt fest, Interaktive Übersicht über Frauen in der Forschung (englisch, 2014) dass Frauen in der Forschung global unterrepräsentiert sind und spricht von einer weltweiten Die Geschlechterkluft in der Forschung weltweit (englisch, 2017) Gender gap. Gender gap bedeutet wörtlich: Geschlechterlücke oder Geschlechterkluft. Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Warum bekommen Männer noch immer in vielen Berufen mehr Gehalt? Warum sitzen mehr Männer in Führungsetagen? Wo liegen Unterschiede in Bildung und Erwerbsquote? Es geht also um Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Soziologie, Volkswirtschaft und Politik. Auch im Vereinigten Königreich und den USA Hier eine Übersicht von 2014 zu Frauen in der Wissenschaft in Großbritannien und eine Studie (2007) aus den USA, die zeigt, dass Frauen nach einem Postdoc häufiger die Wissenschaft verlassen als Männer. wird die Vereinbarkeit von Familie und Forschung diskutiert.

Auch dort ist sie Hauptgrund für die niedrige Frauenquote in höheren Karrierestufen. Im europäischen und weltweiten Vergleich liegt Das zeigt dieser Bericht der Europäischen Kommission über Frauen in Forschung und Innovation (englisch, 2015) Deutschland mit einem Frauenanteil von etwa 40% an promovierten Wissenschaftlern im unteren Drittel. Nicht anders ergeht es anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Dänemark oder Schweden, die gern als Länder mit frauen- und familienfreundlicher Arbeitspolitik herangezogen werden. Für Forscher scheint das nicht zu gelten. Fast wirkt es ironisch, aber die Wissenschaft selbst scheint hinterherzuhängen.

Auch dafür gibt es Gründe.

Es gibt sie doch: Die forschenden Eltern

Die Perspektiven von 2 passionierten Forschern stehen hierfür symbolisch. Beide stecken in der Situation und haben sich bewusst für Wissenschaft und Familie entschieden.

Kerstin Bartscherer am MPI in Münster Kerstin Bartscherer (39 Jahre) ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster. Ihre Kinder sind 5 und 8 Jahre alt.

Günter Roth am ZBSA in Freiburg Günter Roth (40 Jahre) ist Arbeitsgruppenleiter am Zentrum für Biosystemanalyse (ZBSA) in Freiburg. Seine Kinder sind 1 1/2 und 3 Jahre alt.

Beide haben einen langen Weg der Ausbildung und Qualifikation hinter sich und arbeiten jetzt in Vollzeit. Sie finanzieren sich und ihre Arbeitsgruppen über eigene Projektanträge.

Was hält dich in der akademischen Forschung?

Ich habe nie groß gezweifelt. – Kerstin Bartscherer

Ich bin Vollblutforscher und Bastler. – Günter Roth

Hast du mit Vorurteilen und Selbstzweifeln zu kämpfen?

Das ist immer noch in den Köpfen, aus der Tradition heraus: Die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt, der Mann schafft das Geld heran. Und das ist auch noch immer so in meinem Kopf, weil es mir so vorgelebt wurde. – Kerstin Bartscherer

Politik und Hochschulen haben erkannt, Das Projekt »Effektiv! – Für mehr Familienfreundlichkeit an deutschen Hochschulen« zeigt Familienfreundlichkeit in der Praxis (2014) dass sich etwas ändern muss. So gibt es inzwischen einige Fördermaßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft (oder Beruf im Allgemeinen):

  • Elterngeld (Plus) Eltern, die während ihres Elterngeldbezugs in Teilzeit arbeiten, können länger Leistungen empfangen. Ein Elterngeld-Monat kann durch 2 Elterngeld-Plus-Monate ersetzt werden, in denen dann halb so viel Geld ausgezahlt wird. Und hier kommt der Partnerschaftsbonus: Arbeiten beide Eltern 4 Monate lang 25–30 Wochenstunden, während sie Elterngeld beziehen, können sie in den nächsten 4 Monaten zusätzlich Elterngeld erhalten. erleichtert gerade Besserverdienern eine berufliche Auszeit.
  • Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ermöglicht den zügigen Wiedereinstieg in den Beruf.
  • An vielen Hochschulen gibt es Notfall-Betreuungsangebote für Kinder, wenn diese krank sind und deshalb Kindergarten oder Schule nicht besuchen können, sowie Ferienbetreuungsprogramme für (Schul-)Kinder.
  • Schwangere und stillende Wissenschaftlerinnen dürfen nur eingeschränkt im Labor arbeiten; an einigen Universitäten können sie für dieses Zeiten Laborhilfen beantragen.

Das ist am allerwichtigsten, dass man eine gute Betreuung hat, auf die man sich verlassen kann. Eigentlich sollte jedes Institut, jede Uni genügend Plätze für die Kinder ihrer Mitarbeiter haben. – Kerstin Bartscherer

An anderen Stellen muss noch gefeilt werden: Der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ist wichtig. Wenn aber keine Plätze vorhanden sind, In Münster beispielsweise konnten im Jahr 2016 nur 42% der U3-Kinder (0–3 Jahre) in einer Betreuungseinrichtung unterkommen. Das Uniklinikum Münster (UKM) stellt für seine knapp 9.500 Beschäftigten 150 Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung, die Universität nach Informationen der Pressestelle 24 Plätze für gut 8.800 Beschäftigte, davon knapp 7.000 Wissenschaftler. Bericht zur Kindertagesbetreuung in Münster zum Kindergartenjahr (2016/17) nützt der beste Anspruch nichts. Außerdem muss das Wissenschaftszeitvertragsgesetz dringend – erneut – überarbeitet werden. Es muss gewährleistet werden, dass befristete Verträge nicht während einer Elternzeit Einige Universitäten und außeruniversitäre Forschungsinstitute handhaben dies auf freiwilliger Basis schon länger so. auslaufen, sondern die verbliebene Laufzeit ans Ende der Elternzeit angehängt wird. Es wird gezielt versucht, Frauen zu fördern, um Frauen in Führungspositionen zu bekommen. Viele Frauen trauen sich nicht, den Weg weiterzugehen, weil Vorbilder fehlen, weil sie überall nur Männer sitzen sehen. – Kerstin Bartscherer

Auffällig ist, dass sich viele Familienförderprogramme ausschließlich an Frauen richten. Auch hier überwiegt offenbar weiterhin die traditionelle Rollenverteilung – die Frau als Familienverantwortliche. Ein paar ganz praktische Verbesserungen ließen sich von heute auf morgen umsetzen:

  • Besprechungen, Seminare und Vorträge statt um 18 Uhr zu familienfreundlicheren Zeiten beginnen lassen.
  • Still- und Wickelräume sowie Eltern-Kind-Räume für gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern am Arbeitsplatz einrichten.
  • Kommunikation von Angeboten: Es reicht nicht, dass eine Universität sich familienfreundlich nennt, aber niemand die Angebote kennt.
  • Flexible Arbeitsmodelle: Wissenschaftler können auch in Teilzeit hervorragend arbeiten. Es ist ein Gerücht, dass gute Wissenschaftler 50 Stunden und mehr in der Woche arbeiten müssen.

Beispielsweise muss in Berufungsverfahren nicht nur auf Paper und Impact-Punkte Der Impact-Faktor (IF) gibt an, wie oft ein veröffentlichter Artikel einer Fachzeitschrift in anderen Artikeln zitiert wurde. Je mehr Zitate, desto höher der IF, desto höher das Ansehen der Fachzeitschrift. geschaut, sondern auch berücksichtigt werden: Er oder sie hat 2 Kinder groß gezogen. Wenn ich mich 2 Jahre um meine Kinder kümmere, dann sind das halt 2 Jahre, in denen ich weniger Paper schreibe und in denen ich keine 10 Menschen betreuen kann. So etwas wird allzu oft vergessen. – Günter Roth

Ohne Eigeninitiative geht es nicht.

Man muss sich manchmal unbeliebt machen. Das System belässt in bequemer Weise die alten Zustände lieber so, wie sie sind. Dennoch muss man mal frech voranschreiten und einige Sachen einfordern. Wenn die Uni sich auf die Fahne schreibt, familienfreundlich zu sein, dann muss man sie manchmal daran erinnern. – Günter Roth

Vieles ist hausgemacht, und viel passiert auch in den Köpfen der Frauen. Sie müssen sich mehr zutrauen, draufgängerischer sein. Nicht immer zweifeln, grübeln und nachdenken und sagen: ›Ich schaffe es nicht‹. Einfach mal mutig sein und machen. Auf jeden Fall braucht man Hilfe, und man muss den Mut haben, Hilfe anzunehmen. – Kerstin Bartscherer

Warum brauchen wir Eltern in der Wissenschaft?

Kinderlose können arbeiten, wann und wie lange sie wollen, können nach Belieben an wichtigen Konferenzen teilnehmen, … Eltern sind definitiv weniger flexibel. Manchmal wird ihnen deshalb geringere Leistungsfähigkeit, mangelnder Ehrgeiz und Leistungswille unterstellt. Inklusive geringerer Wertschätzung und Förderung durch Vorgesetzte.

Dabei kann es so einfach sein, die Stärken der Eltern zu nutzen – und das gilt natürlich nicht nur für die Naturwissenschaftler:

  • Effizienz: Arbeitende Eltern sind es gewohnt, punktgenau zu organisieren, den Tagesablauf klar zu strukturieren.
  • Soziale Kompetenz: Sie sind im Umgang mit kleinen, uneinsichtigen Mitmenschen geschult – und geduldig. Das erfordert Einfühlungsvermögen und Kooperationsfähigkeit.
  • Kreativität: Die Kommunikation mit forschungsfremden Menschen und anderen Eltern in Kindergarten und Schule erweitert die eigene Perspektive. Eine Quelle für Gedankenexperimente und neue Ideen.

Ein Kind ändert die Perspektive und erweitert den Horizont um einiges. Man sieht die Welt anders, ist bei vielen Dingen gelassener. Der Fokus auf die Dinge ändert sich, und ich denke, das täte auch vielen Wissenschaftlern einfach mal gut. – Günter Roth

Ein Fazit: Eltern sind gelernte Gruppenleiter – denn eine Familie ist auch eine Gruppe. Sie müssen in der Familie wie auch in der Arbeitsgruppe mit unterschiedlichsten Bedürfnissen zurechtkommen, Entscheidungen treffen, auf Menschen eingehen, aber auch »Nein« sagen, Grenzen setzen. Es gilt also, die Eltern nicht nur in den Naturwissenschaften zu halten, sondern sie auch zu unterstützen und ihre Erfahrungen und ihr Können zu nutzen.

Aus Erfahrung weiß ich, dass viele Mitarbeiter, die wegen ihrer Kinder einen Tag nicht da sind, dann abends mal länger bleiben oder am Wochenende kommen und die Zeit nachholen. – Günter Roth

Letztendlich geht es nicht darum, ob im Labor ein Mann oder eine Frau steht, ein Vater oder eine Mutter. Viel wichtiger ist, wer dort nicht steht. Denn jeder Forscher, weiblich oder männlich, der nach langer Ausbildung und enthusiastischer Arbeit sein Handtuch schmeißt, weil er an Selbstverständlichkeiten wie der Gründung einer Familie, an Alltäglichem wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheitert, weil er nicht zum fünftem Mal umziehen oder zum zehnten Mal einen Jahresvertrag unterschreiben möchte, ist verschenktes Potenzial.

Das kann sich weder die Wissenschaft noch Deutschland leisten.

Titelbild: Pexels - CC0

von Sigrid März 

Seit über 20 Jahren erforscht Sigrid März als Zell- und Molekularbiologin die »Lebenskleinstigkeiten« von Mensch und Tier. Neben- und freiberuflich schreibt sie aber auch über allgemeinere Themen aus den Lebenswissenschaften – und über das Leben.

Themen:  Bildung   Gesellschaft  

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