Inhalt

Gehackt: Die Katar-Krise im WhatsApp-Chat

Links zum Artikel

Werde jetzt Mitglied und wir spenden 5€ für dich! Zur Aktion
6 Minuten

Gehackt: Die Katar-Krise im WhatsApp-Chat

6. Juli 2017
Themen:

Noch eine Krise im Nahen Osten. Was Trump, Saudi-Arabien und Co. da mit Katar anstellen, sollen sie uns am besten selbst erklären – per Messenger.



Wenn Kleine ganz groß rauskommen, ist das nicht immer eine gute Nachricht: Diese Erfahrung machte vor einem Monat der Mini-Golfstaat Katar, in dem auf einer Fläche halb so groß wie Hessen knapp 2,6 Millionen Menschen wohnen. In Katar leben unter rund 2,6 Millionen Einwohnern knapp 300.000 Katarer. Nur jeder neunte Einwohner ist also ein Inländer. Alle anderen sind ausländische Arbeiter. Die meisten von ihnen kommen aus Indien, Pakistan und Nepal. In die internationalen Schlagzeilen taumelte er, weil 4 ziemlich einflussreiche arabische Staaten Am 5. Juni 2017 beendeten die Anrainerstaaten Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Ägypten alle diplomatischen Beziehungen zu Katar. Kurze Zeit später schlossen sich auch andere arabische Staaten wie der Jemen, Libyen und die Komoren sowie Senegal und die Inselstaaten Malediven und Mauritius der Blockade an. ihre diplomatischen Beziehungen mit ihm abbrachen. Allen voran der große Nachbar und einzige Anrainerstaat Saudi-Arabien. Seitdem steht viel auf dem Spiel: Die Krise zwischen den Golfstaaten destabilisiert den Nahen Osten weiter und könnte sogar die Zukunft der arabischen Medienwelt gefährden.

Die Isolation Katars folgte auf Trumps Rede an die muslimische Welt während des Riad-Gipfels könnt ihr hier nachlesen (englisch) Donald Trumps Trip zu dem saudischen Die Rede des saudischen Königs in Riad (englisch) König Salman nach Riad, bei dem beide schworen, den Terror in der Region gemeinsam auszulöschen. Und siehe da, schon 2 Wochen später stand Katar am Pranger. Der Vorwurf: Finanzierung von Terroristen.

Nicht der einzige Grund für den Boykott gegen den wegen seiner Gasreserven Katar gilt als einer der weltweit führenden Erdgas-Exporteure. Vor allem das 9.700 Quadratkilometer große Gasvorkommen im Persischen Golf umfasst geschätzt 50.000 Kubikkilometer Erdgas. Aufgrund des Grenzverlaufs zwischen Katar und dem Iran beanspruchen beide Staaten Teile des Gasvorkommens für sich. sehr reich gewordenen Golfstaat. Das lässt sich in 13 Forderungen Neben der Schließung Al-Jazeeras und anderer von Katar finanzierter Nachrichtensender enthält der Forderungskatalog weitere tiefgreifende Maßnahmen, welche das Emirat auf eine gemeinsame politische Linie mit den Blockadestaaten bringen soll. So wird gefordert, die militärische Zusammenarbeit Katars mit dem Iran und der Türkei unverzüglich einzustellen. Weiterhin soll sich das Land verpflichten, Gruppierungen wie ISIS, Al-Kaida oder die Muslimbruderschaft als fundamentalistische und terroristische Vereinigungen zu bewerten und jegliche Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden. Darüber hinaus müsse die Auslieferung bereits verhafteter Mitglieder jener Organisationen und anderer straffällig gewordener Personen ermöglicht werden. Auch Beziehungen Katars zu oppositionellen Kräften innerhalb der Blockadestaaten seien offenzulegen und vollständig abzubrechen. Schließlich soll sich das Emirat zu Verhandlungen über Reparationszahlungen verpflichten und regelmäßige Kontrollen über die Einhaltung der genannten Forderungen zulassen. der Blockadestaaten nachlesen, die Katar für ein Ende der Beziehungskrise erfüllen sollte. Darunter fällt die Schließung des Senders Der Internetauftritt von Al-Jazeera (englisch) Al-Jazeera, der vom katarischen Königshaus finanziert wird und in vielen arabischen Ländern als Stimme des Volkes gilt.

Was außerdem seit Trumps Besuch in Saudi-Arabien passiert ist, sollen uns die verschiedenen Akteure am besten selbst erklären – und das ganz unkonventionell. In arabischen sozialen Medien ist es der Hit, komplexe politische Situationen und ihre Hauptdarsteller im WhatsApp-Chat zu inszenieren. Deshalb: Vorhang auf für die Katar-Krise auf deinem Handy!

»Trump of Arabia«

POTUS’ und FLOTUS’ POTUS und FLOTUS sind Kurzformen für »President of the United States« Donald Trump und »First Lady of the United States« Melania Trump. Besuch in Saudi-Arabien wurde mit Spannung erwartet, denn schon vorab war klar, dass Donald Trump die USA ganz anders als sein Vorgänger Obama vor den Die Teilnehmer des Riad-Gipfels sind hier aufgelistet (englisch) einflussreichen islamischen Staaten präsentieren wird. Was Trump dann auch tat. Als »ungewohnt maßvoll« wird hier Trumps »Rede an die muslimische Welt« beschrieben Seine Rede war ganz nach dem Geschmack des saudischen Königs Salman: Ausweitung des militärischen Kampfes gegen Terroristen, mehr amerikanische Rüstungsexporte und die politische und wirtschaftliche Ausgrenzung des Irans, dem saudischen Erzfeind in der Region. Das sunnitische Saudi-Arabien ist im ständigen Wettkampf mit dem schiitischen Iran um die religiöse und politische Vormachtstellung in der Region.

Werft die Terroristen raus, werft sie aus euren Gebetshäusern, werft sie aus euren Gemeinden, werft sie aus euren Ländern! – Donald Trump, Riad-Gipfel

Im Gegensatz zum saudischen König war der katarische Emir Tamim bin Hamad al-Thani während des Riad-Gipfels nicht im Trump-Fieber. Wer die rund 40 Sekunden Unbequem: Trump und der katarische Emir Tamim bin Hamad al-Thani in Riad (englisch) kurze Pressekonferenz des US-Präsidenten an der Seite des Emirs anschaut, sieht al-Thani an, dass er Trumps Aussagen über Freundschaft und gute Beziehungen nicht so recht Glauben schenken mag. Dabei sind die beiden Staaten Verbündete im Nahen Osten. Bis zu 5.000 US-Soldaten sind auf Katars größtem Militärstützpunkt Die Al-Udeid Air Base nahe der katarischen Hauptstadt Doha gilt als die größte von den U.S.-Streitkräften besetzte Militärbasis im Nahen Osten mit etwa 3.000 bis 5.000 fest stationierten amerikanischen Soldaten. Sie wurde in der Vergangenheit zusammen mit dem britischen und australischen Militär vor allem für Lufteinsätze innerhalb der militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak genutzt. Während Australien im Jahr 2008 seine dort stationierten Flugstreitkräfte in die Al-Minhad Air Base nahe Dubai verlegte, bleibt die Al-Udeid Air Base für das U.S.-Militär zusammen mit den ca. 500 stationierten Soldaten der Royal Air Force weiterhin der Hauptstützpunkt im Nahen Osten mit der Aufgabe, den Kampf gegen ISIS im Irak fortzuführen. fest stationiert und auch sonst ist die Beziehung zu dem verhältnismäßig reichsten Land Katar hat das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit. Im Jahr 2017 wird es auf rund 64.447 US-Dollar geschätzt. Dabei soll es den rund 300.000 Katarern finanziell noch besser gehen. Denn die Schätzungen beziehen die 1,7 Millionen ausländischen Arbeiter mit ein, die nicht über einen gleichwertigen Wohlstand wie die Inländer verfügen. der Welt für Trotz der schweren diplomatischen Krise verkaufte die USA Mitte Juni 36 Kampfjets an Katar die Amerikaner nicht gerade unwichtig.

Der Grund für die schlechte Laune in Katar: Vor dem Besuch des US-Präsidenten in Riad gab die katarische Regierung bekannt, Das Statement zur Schmierkampagne kannst du hier nachlesen (englisch, 2017) Opfer einer Schmierkampagne zu sein. Medien und Organisationen mit Anti-Katar-Haltung würden versuchen, Stimmung gegen den Golfstaat zu machen, und behaupten, dass er Terroristen unterstütze. Tatsächlich lassen sich Verbindungen zwischen Katar und Organisationen finden, die auf Terrorlisten verschiedenster Staaten stehen:

  • Katar hat viel Geld in die Infrastruktur des Gazastreifens gesteckt, in dem die radikal-islamistische Hamas herrscht. Funktionäre der Hamas lebten in der katarischen Hauptstadt Doha.
  • Die Die Frankfurter Rundschau berichtete darüber (2017) afghanische Taliban eröffnete im Jahr 2013 ein Büro in Doha.
  • Nach dem Israel-Libanon-Krieg im Jahr 2006 finanzierte Katar neben Saudi-Arabien den Wiederaufbau. Dabei floss das katarische Geld Ein Bericht aus dem Tagesspiegel zum Wiederaufbau im Libanon (2006) in zerstörte Städte und Viertel, aus denen heraus die schiitische Hisbollah gegen israelische Kräfte gekämpft hatte. Seit dem Jahr 2013 steht der militärische Arm der Hisbollah auf der Terrorliste der EU, da er an Seiten des Assad-Regimes in Syrien kämpft.
  • Katar unterstützte im Jahr 2013 die Die Tagesschau hat sich die Muslimbruderschaft genauer angeschaut Muslimbruderschaft in Ägypten. Damals putschte das Militär unter General Sisi gegen den im Jahr 2012 gewählten ägyptischen Präsidenten Mursi, selbst ein früherer Muslimbruder. Nachdem Mursi seines Amtes enthoben worden war, trat Sisi seine Nachfolge an. Im Jahr 2014 wurde die Muslimbruderschaft unter anderem von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien als Terrororganisation eingestuft. Schon damals wurde Katar wegen seines Verhaltens während des Putsches beinahe aus dem Golf-Kooperationsrat Der Golf-Kooperationsrat vereint die Golfstaaten Kuwait, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und Oman, die für Außen- und Sicherheitspolitik zusammenarbeiten. Al-Jazeera hat eine Chronologie des Streits zwischen Katar und den Staaten des Golf-Kooperationsrats angefertigt (englisch, 2017) ausgeschlossen.
  • Der Fall Abdul Rahman al-Nuaimi (englisch) Personen aus Al-Kaida-nahen Kreisen sollen sich innerhalb der Landesgrenzen aufhalten und Katar habe Kontakt zur Nusra-Front in Syrien. Darüber hinaus wird dem kleinen Golfstaat von Saudi-Arabien sogar die finanzielle Unterstützung des sogenannten Islamischen Staats nachgesagt. Doch dafür gibt es keine Belege.

Katar streitet die Finanzierung radikal-islamistischer Terrorgruppen vehement ab. Die Tagesschau gibt einen Überblick über die Katar-Kontakte zu radikal-islamistischen Organisationen (2017) Dass aber Kontakte zu einigen dieser Gruppen bestehen, kann es nicht verneinen. In der Vergangenheit hatte Katar beispielsweise mit der Nusra-Front in Syrien um libanesische Geiseln Während meiner Arbeit als freie Korrespondentin im Libanon habe ich häufig über die Geiselnahme der libanesischen Soldaten an der syrischen Grenze berichtet. Dazu fuhr ich in die libanesische Grenzstadt Arsal. In ihrer Nähe wurden im August 2014 20 libanesische Sicherheitskräfte vom IS und der Nusra-Front entführt – eine schwere Zeit für den Libanon. Aus Terrorangst riegelte das libanesische Militär die Stadt Arsal hermetisch ab und schloss damit 100.000 syrische Geflüchtete ein. Meine Reportage von damals kannst du hier lesen. verhandelt und deren Freilassung vorbereitet. Dabei ist es bei Weitem nicht der einzige Golfstaat, in den Terrorverbindungen bestehen könnten. Die Tagesschau informiert zu den möglichen Terrorverbindungen in Saudi-Arabien (2016) Laut dem Bericht der 9/11-Kommission ist es möglich, dass Einzelpersonen in Saudi-Arabien einige Attentäter der Terroranschläge in den USA im September 2001 mitfinanzierten.

In die aktuellen Terrorvorwürfe gegen Katar mischt sich von Seiten Saudi-Arabiens und der USA auch die Kritik an der iranisch-katarischen Beziehung. Irans und Katars Küsten trennen nur knapp 200 Kilometer Persischer Golf und ein riesiges Gasvorkommen. Ein wahrscheinlich gefälschter Kommentar des katarischen Emirs al-Thani über den Iran war wohl dann auch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte:

Kein gutes Image

Dass Sigmar Gabriel für eine Aussöhnung am Golf in die Bresche springt, war nach seinen Kommentaren zu Trumps Riad-Trip unausweichlich. Ende Mai kritisierte er den Waffendeal des US-Präsidenten mit Saudi-Arabien und bezeichnete Trumps Politik der nationalen Interessen als Schwächung des Westens. »Wer dieser US-Politik nicht entgegentritt, macht sich mitschuldig«, sagte Hier kannst du die Kommentare Sigmar Gabriels zur Trump-Rede nachlesen (2017) Gabriel sogar bei einem Treffen internationaler Organisationen im Auswärtigen Amt.

Es kann nicht immer nur um Trump gehen.

Doch es kann nicht immer nur um Trump gehen. Genauso wenig wie es nicht immer nur um Saudi-Arabien und den Iran gehen kann, wenn wir über neue Krisen im Nahen Osten reden. In den meisten Analysen wird vereinfacht dargestellt, dass es sich hierbei nur um ein weiteres Muskelspiel zwischen den beiden islamischen Supermächten handle. Die Katar-Krise sei lediglich ein Stellvertreterkonflikt. Doch die 13 Forderungen von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und Bahrain zeichnen ein ganz anderes Bild.

Es geht ganz konkret um Katar und seinen Machtausbau in der arabischen Welt. Einfluss gewinnt es in der Region durch Medien, humanitäre Hilfestellungen und Vermittlung in Gebieten, die von radikalen Gruppen kontrolliert werden, Von der Katar-Krise könnte womöglich auch ein Teil der deutschen Energieversorgung betroffen sein (2017) den Handel mit Erdgas und den damit verbundenen Reichtum. Der katarische Ausbau der Beziehungen mit dem Iran und westlichen Mächten beunruhigt vor allem Saudi-Arabien, das keinen weiteren Nebenbuhler um die Macht in der Region haben möchte.

Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen und die Terrorvorwürfe sollen Katars internationales Image weiter schädigen, das erst seit dem Putsch in Ägypten und der Unterstützung der Muslimbruderschaft Damals berichtete der Deutschlandfunk über den Imageschaden (2014) Kratzer bekommen hat. Trumps Besuch in Riad hat Saudi-Arabien versichert, dass es die einzige arabische Supermacht an der Seite der USA ist.

Der kleine Golfstaat soll sich dem großen Nachbarn fügen.

Doch das ist nicht genug. König Salman will die Loyalität der umliegenden arabischen Staaten erzwingen. Katar weigerte sich, alle 13 Forderungen bis zum Ablauf des Ultimatums zu erfüllen. Es könnte also weiter Sanktionen hageln, bis sich der kleine Golfstaat dem großen Nachbarn fügt. Es könnte aber auch alles ganz anders laufen: Das behauptet zumindest der amerikanische Thinktank Eurasia Group. Laut seiner Der Gründer der Eurasia Group, Ian Bremmer, betrachtet hier die Voraussetzung für einen Staatsstreich (englisch) Risikoeinschätzung wäre sogar ein Staatsstreich in Katar möglich, der die politische Führung des Landes auf saudische Linie bringen soll.

Es bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu rätseln, wo die Reise hingeht. Nachdem das Ultimatum abgelaufen war, berieten sich die Blockadestaaten in Kairo. Ihr vorläufiger Fahrplan in der Krise: Sie wollen weitere Schritte gegen Katar beschließen, die nicht gegen internationales Recht verstoßen. Der Boykott bleibt intakt.

Titelbild: NASA -

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Diesen Artikel schenkt dir Perspective Daily.

Jetzt Mitglied werden ›