Baustelle Demokratie: Wo bröckelt es?

Bei »denen da oben«, bei »uns hier unten«, oder ist das ganze System marode?

18. Juli 2017 –  10 Minuten

In meinem ersten Text zur Demokratie habe ich darüber geschrieben, was unter dem Begriff der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« zu verstehen ist und warum die lange Geschichte der Herrschaft des Volkes noch immer eine Erfolgsgeschichte ist.

Außerdem habe ich euch um Gedanken und Anregungen gebeten, wo die Baustellen der Demokratie im 21. Jahrhundert liegen. Eure Kritik zu strukturieren und einzuordnen, darum geht es in diesem Text.

Ich werde dabei die Frage außer Acht lassen, ob es eine bessere Alternative zur Demokratie gibt. Ich habe noch von keinem vielversprechenden Konzept gehört, das auf Kernelemente der Demokratie verzichtet. Wer das anders sieht, mit dem freue ich mich auf Diskussionen im Forum. Auch die unzähligen konkreten Lösungsvorschläge für bessere Formen der Demokratie sollen heute keine Rolle spielen. In verschiedenen Texten haben wir bei Perspective Daily schon über einige Lösungen geschrieben, die demokratische Probleme betreffen. Zum Beispiel David Ehl über Bürgersprechstunden von Abgeordneten und das digitale Wahllokal oder Nikola Schmidt über Reformen des Wahlrechts (Ersatzstimmen) . Wo die größten Baustellen der Demokratie liegen, darüber gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Auch die jeweiligen Lösungen unterscheiden sich logischerweise sehr.

3 Akteure stehen zur Auswahl, an denen unsere Demokratie nach Meinung einiger krankt: Die Herrschenden, die Beherrschten und das System selbst.

»Die da oben«

[U]nsere Politiker werden ›frecher‹. So manches Mal fühlt man sich als Wähler im wahrsten Sinne des Wortes verarscht. Da grinst einem vom heimischen Bildschirm eine krawattierte Gelfrisur ins Gesicht und gibt unumwunden zu, dass er seine Wähler die letzten 2,5 Jahre angelogen hat (natürlich in anderen Worten) und dass er sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit dem ausländischen Diktator freut und das Beste für die deutsche (Waffen-)Industrie tun wird. – Perspective-Daily-Mitglied

Politiker zählen zu den verhasstesten Berufsgruppen. Dabei gilt: Je mächtiger, desto unbeliebter. Befragt, welchen Politikern sie am meisten vertrauen, Umfrage des Portals statista zum Vertrauen in Politikerverwiesen 2017 knapp 40% der Deutschen auf ihren Bürgermeister. Deutsche Bundes- und Spitzenpolitiker standen mit 5% beziehungsweise 4% erheblich schlechter dar. Etwa 30% der Befragten wählten die Option, sie trauen »keinem davon«.

Im Mai 2017 trafen sich die Vertreter der NATO, der EU und die Regierungschefs der größten 7 Industrienationen (G7) zum Gipfel in Taormina, Italien. Russland war aufgrund der Ukrainekrise erneut nicht vertreten. – Quelle: Wiki Commons / Italian G7 Presidency 2017 CC BY-SA

Also selbst engagieren und es besser machen? Diesen Schluss ziehen nur Wenige: Umfrage des Portals statista zu unbeliebten BerufenAuf die Frage »Welche dieser Berufe würden Sie auf keinen Fall ausüben?« kreuzten 30% »Politiker« an. Noch unbeliebter war nur der Beruf des Versicherungsvermittlers (45%). Hingegen schnitten Fernfahrer (29%), Reinigungskraft (21%) oder Bankkaufmann (15%) allesamt besser ab.

Politiker sind zahlreichen Vorwürfen ausgesetzt, die sich in 3 Kategorien unterteilen lassen:

  1. Vorwurf charakterlicher Mängel: Gier nach Profit oder Macht lautet eine häufige Anschuldigung. Das Schielen auf Umfragen und Wählerstimmen ist dabei ein zweischneidiges Schwert: Einerseits sollen Politiker ihr Ohr am Volk haben. Schließlich sind sie Volksvertreter. Andererseits mögen sie bitte nicht ihr Fähnchen nach dem (von Wählern verursachten) Wind hängen, sondern eigene Überzeugungen vertreten.
  2. Vorwurf fachlicher Defizite: Überblick über Reformvorhaben für die aktuelle LegislaturperiodeVon Adoption über internationales Erbrecht bis hin zum Melderecht entscheiden Bundestagsabgeordnete über zahlreiche Themen, von denen sie oft bestenfalls oberflächlich etwas verstehen. Lobbyisten treten mit dem Versprechen auf, diese Wissensdefizite auszugleichen, werden dabei als einseitige Interessenvertreter einer Branche allerdings schnell selbst zum Teil des Problems. Auf blog-politik.de werden die wesentlichen Argumente für und gegen Lobbyismus zusammengefasst. Für Lobbyismus spreche beispielsweise die Mittlerfunktion zwischen Gesellschaft und Politik. Ein Nachteil sei der Vertrauensverlust in die Demokratie, da der Eindruck entstehe, politische Willensbildung geschehe in Hinterzimmern.
  3. Kritik an der Zusammensetzung: Der dritte und letzte Punkt ist systematischer Natur. Von den insgesamt 630 Abgeordneten sind 183 Beamte und 148 Selbstständige, Reportage des Magazins »Monitor« über systematische Missstände im Deutschen Bundestagrecherchierte das ARD-Magazin Monitor. Hausfrauen und Arbeiter machen nur etwa 1% unserer Bundesparlamentarier aus. Repräsentative Volksvertretung klingt anders.

Ein genauer Blick auf diese gegen Politiker gerichteten Argumente offenbart, dass sich der Großteil der Kritik nicht an einzelne Politiker richtet, sondern Systemkritik ist. Wer würde schon von Politikern verlangen, sich bitte mit jedem Thema auszukennen? Welcher Lehrerin im Parlament würde man vorwerfen, dass sie kein Hausmann ist?

Wer dennoch der Meinung ist, unser Problem bestehe vor allem darin, dass unsere politischen Spitzenpositionen falsch (oder nicht gut genug) besetzt seien, der kann dies schlecht jenen zum Vorwurf machen, die selbst an der Spitze stehen. Immerhin wurden diese Personen sowohl von ihrer Partei als auch vom Volk gewählt. Genau gesagt wird die Hälfte der Bundestagsabgeordneten über ein Direktmandat gewählt, die andere Hälfte über Landeslisten, bei denen die Wähler nur eine Partei wählen können, also keinen spezifischen Kandidaten. Das so gewählte Parlament, die Legislative, wählt wiederum den Bundeskanzler, der seine Minister bestimmt. Die Exekutive wird also nicht unmittelbar vom Wähler gewählt, aber durch seine Stimme legitimiert. Die Frage müsste vielmehr lauten: Warum ist der Beruf des Politikers so unbeliebt? Was können wir ändern, um die jeweils »Besten« Zum Wesensmerkmal einer Demokratie gehört dabei, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen davon gibt, wer am besten geeignet ist. einer Generation für politisches Engagement zu begeistern?

»In einer hochkomplexen Welt brauchen wir […] besser qualifiziertes Personal.« – Perspective-Daily-Mitglied

Wer also das Problem vor allem darin sieht, dass »Merkel weg muss«, sollte konsequenterweise fordern: »Unser System muss zukünftig verhindern, dass Personen vom Schlage Angela Merkels an die Spitze gelangen« oder alternativ »Die sachliche Kompetenz der Bundeskanzlerin muss reformiert werden.« Natürlich ist so eine Formulierung zu umständlich; politische Kommunikation besteht (auch) aus Parolen. Wichtig ist aber zumindest, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass echte Problemlösung selten auf 3 Wörter heruntergebrochen werden kann.

Für den Fall, dass sich die Kritik wirklich nur auf eine bestimmte Person bezieht, hilft aus Sicht des Volkes nur: abwählen – falls sich dafür eine Mehrheit findet. Außerdem hat das Parlament die Möglichkeit, einen Bundeskanzler mittels konstruktiven Misstrauensvotums abzusetzen. In der bundesdeutschen Geschichte geschah dies bislang ein einziges Mal 1982, als Helmut Schmidt mit den Stimmen seines bisherigen Koalitionspartners, der FDP, durch Helmut Kohl ersetzt wurde.

So ist das eben in einer Demokratie. Sie enthält keine Zufriedenheits-Garantie.

»Wir hier unten«

Allzu plumpe Generalkritik an Politikern übertrifft auf der Zynismus-Skala eigentlich nur eine andere Form der Kritik: »Die Wähler« sind schuld! Zu ungebildet, zu leicht durch Populisten oder Fake News zu verführen, zu unreflektiert, zu dumm, angstgeleitet, asozial, faul oder desinteressiert – manche Kritik von Wählern an Wählern klingt, als sei nun einmal der Mensch das Problem.

Wer allein den Wählern die Schuld zuschiebt, bleibt indes meist die Antwort schuldig, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Das Wahlrecht an andere Bedingungen als das Alter knüpfen? Höchst undemokratisch. Das vermeintlich zu niedrige Bildungsniveau anheben? Kann nicht schaden, aber das dauert sehr lang. Außerdem waren frühere Gesellschaften im Durchschnitt nicht gebildeter – und trotzdem funktioniert Demokratie bereits seit geraumer Zeit unter dem Strich ganz ordentlich.

Dass Staatsbürger heute ungestraft »Merkel muss weg« fordern dürfen, ist eine noch recht junge zivilisatorische Errungenschaft. Meinungskundgaben wie »Hitler muss weg« oder »Karl der Große muss weg« haben zu anderen Zeiten zu Gefängnis oder Tod geführt. Die Kehrseite des Privilegs, die eigene Stimme erheben (oder bei einer Wahl abgeben) zu dürfen, ist die Tatsache, dass dieses Recht für alle (Erwachsenen) gilt. Und jede Stimme zählt gleich viel. Zumindest, wenn es um Wahlen geht. Auf einem anderen Blatt steht die Frage, inwiefern ein Einzelner durch seine Stimme zur Meinungsbildung beitragen kann. Hier unterscheidet sich das Gewicht der Stimmen stark. So ist das eben in einer Demokratie.

Der Tahir-Platz in Kairo, Ägypten, erlangte 2011 Berühmtheit infolge des arabischen Frühlings. Die Möglichkeiten der Digitalisierung spielten eine erhebliche Rolle für diese Demokratiebewegung. – Quelle: wiki Commons / Lilian Wagdy CC BY-SA

Wer die menschliche Natur als Kern des Problems identifiziert, wird daraus keine Lösungen erarbeiten. Wäre es nicht stattdessen sinnvoller, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und dem aktuellen System Demokratie unter die Lupe zu nehmen?

»Fuck the system!«

»Unsere Demokratie lebt vor allem/zu stark von und in Stimmungen, das ist schlicht ihr Abgesang« – Perspective-Daily-Mitglied

An den Demokratien des 21. Jahrhunderts ist die Kritik unendlich vielfältig. Im Rahmen dieses Artikels möchte ich daher vor allem eine Fallgruppe aussortieren: Eine Baustelle der Demokratie stellt es nicht dar, wenn politische Vorstellungen einer Minderheit nicht umgesetzt werden. Der Minderheitenschutz selbst ist wiederum durchaus ein wichtiges Qualitätskriterium einer Demokratie. Aber die Nichtverfolgung Homosexueller ist ein qualitativ anderes Thema als beispielsweise das Anliegen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, eine Höchstgrenze für Geflüchtete festzulegen oder Banken stärker zu regulieren. Problematisch wird es demokratietheoretisch vor allem dann, wenn das Anliegen einer Mehrheit nicht umgesetzt wird – oder gar flächendeckend gegen urdemokratische Rechte verstoßen wird. Klimaschutz oder Überwachung sind dafür besonders anschauliche Beispiele. Im einen Fall Hier schreibe ich über Carbon Trading, die aus meiner Sicht beste Lösung für Klimaschutzdrohen der Menschheit existenzielle Gefahren. Im anderen Fall höhlen vor allem die USA weltweit Freiheitsrechte aus, ohne dass für die Betroffenen die Möglichkeit effektiven Rechtsschutzes besteht.

»Meine Meinung ist die, dass wir bereits jetzt nicht mehr in der Demokratie leben, die unsere Verfassung ursprünglich für uns vorgesehen hat. Geld regiert die Politik und trifft alle Entscheidungen.« – Perspective-Daily-Mitglied

Warum treten vermehrt Situationen auf, die uns an der Effizienz unserer demokratischen Entscheidungsfindungs-Systeme zweifeln lassen? Möglicherweise, weil sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel verändert hat und unser rechtlicher Ordnungsrahmen hinterherhinkt. 5 (nicht abschließende) Beispiele legen nahe, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges fundamental geändert hat:

  1. Faktor Komplexität: »Wer soll das noch verstehen?« Unsere Gesetze werden im Trend immer spezieller und komplexer. Teilweise schreiben Branchenvertreter die Gesetze,Dieser Artikel auf »Spiegel Online« benennt Beispiele für Lobbyarbeit in Brüssel. Insgesamt gebe es etwa 20-mal so viele Lobbyisten wie EU-Abgeordnete. Kritisiert wird auch der häufige »Fliegende Wechsel zwischen Industrie und Verwaltung«. weil dem Gesetzgeber selbst schlicht die Expertise fehlt. Den Bürgern dann noch zu kommunizieren, warum man sich wie entschieden hat, wird immer schwieriger. Die populistische Versuchung, komplexe Sachverhalte auf Stammtisch-Niveau herunterzubrechen (und dabei zu verzerren und zu verfälschen), »2016 ist das Jahr des Populismus. Was können wir tun, damit 2017 alles anders wird?«, fragt David Ehlwird gleichzeitig immer höher.
  2. Faktor Zeit: Der Ablauf eines demokratischen Zyklus wird durch Wahlen bestimmt. 4 oder 5 Jahre haben demokratische Volksvertreter in der Regel Zeit, um ihre Versprechen umzusetzen. Genauer: um genügend Wähler von einer Wiederwahl zu überzeugen. Das macht es aus politischer Sicht oft äußerst unattraktiv, langfristige Probleme zu lösen. Natürlich gibt es eine Reihe Gegenbeispiele. Etwa die Agenda 2010, eine große Arbeitsmarkt- und Sozialreform aus dem Jahre 2003. Dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder wird heute nachgesagt, mit dieser (vor allem unter seinen eigenen Wählern äußerst unbeliebten) Novelle erheblich zur Steigerung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit beigetragen zu haben. Allerdings wird auch der Stimmenverlust der SPD in den letzten 14 Jahren auf diese Reform zurückgeführt. Inwieweit die Agenda 2010 oder eher die gewerkschaftliche Zurückhaltung bei den Tarifverhandlungen der letzten ca. 15 Jahre für die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit verantwortlich ist, ist allerdings umstritten. Das gilt umso mehr, wenn das bezweckte Ergebnis (zum Beispiel Aufhalten der globalen Erwärmung) von den Wählern nicht wahrgenommen werden kann. Stattdessen sorgen Klimaschutz-Bemühungen schnell für Ärger: Von Abgasauflagen für die Automobilindustrie bis hin zur Windkraftanlage vor der eigenen Haustür findet sich für fast jedes politische Projekt eine starke Lobby, die gegen Veränderung ist, ohne dass eine vergleichbare Interessengemeinschaft die Gegenseite vertritt. Kurz: Effektive Klimapolitik nützt zwar der Menschheit, aber nicht unbedingt dem politischen Machterhalt.
  3. Faktor Raum: Der Grundgedanke der repräsentativen Demokratie besteht darin, dass alle (wahlberechtigten) Bürger Macht auf einige wenige übertragen. Das geschieht auf verschiedenen Ebenen – von der Gemeinde bis hin zur Europäischen Union. Doch die internationalen Wechselwirkungen sind so vielfältig, Unter dem für viele zum Reizwort gewordenen und hier daher bewusst vermiedenen Begriff »Globalisierung« erntet diese Entwicklung besonders viel Kritik. Hier argumentieren Lena Papasabbas und Tristan Horx in der Frankfurter Neuen Presse: »Die Kritik an der Globalisierung ist einseitig«. dass wir in immer mehr Fällen mittels Wahlen gar keinen Einfluss auf sehr wesentliche Aspekte unserer Zukunft haben können. Für das Schicksal von ganz Europa spielten beispielsweise die vergangenen Wahlen in Frankreich eine riesige Rolle. Und doch durften nur die wenigsten abstimmen. Das Gleiche gilt bei der globalen Überwachung durch NSA und Co. Aufgrund der Digitalisierung können die USA (und andere Staaten) weltweit massiv Bürgerrechte aushöhlen. Wehren können sich die meisten weder mit Wahlen noch mit effektivem Rechtsschutz. Und schließlich die globale Erwärmung: Immer mehr Probleme können ausschließlich global gelöst werden. In meinem Artikel zum Völkerrecht meine ich: »Wenn wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern wollen, brauchen wir frischen Wind bei den Vereinten Nationen.«Doch unser Völkerrecht ist ziemlich unverbindlich, Entscheidungen dauern oft Jahrzehnte. Außerdem denkt jeder Regierungschef erst einmal an die nationalen Interessen. Es ist trotzdem ein großer Unterschied, zum Beispiel offen »America first« zu rufen. Gerade weil das Völkerrecht noch nicht sehr verbindlich ist, spielen diplomatische Gepflogenheiten eine überragende Rolle, wenn es darum geht, gemeinsam Ergebnisse zu erzielen.
  4. Faktor Macht: Nicht hinter jedem Lobbyisten steckt ein Interessenvertreter des Turbokapitalismus. Aber angesichts »systemrelevanter« Banken und der riesigen und globalen Macht einiger Unternehmen, insbesondere aus dem Silicon Valley, muss sich die Gesellschaft mit der Frage beschäftigen: »Wird diese enorme Macht wirksam demokratisch kontrolliert?« Das gilt im 21. Jahrhundert nicht nur, aber auch und vor allem beim Thema Datenschutz, das für bürgerliche Freiheitsrechte besonders wichtig ist.
  5. Faktor Geschwindigkeit: In vielen Bereichen erhöht sich insbesondere aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung das Tempo. Das freut uns, soweit es Glasfaserkabel für schnelleres Internet betrifft oder ein online bestelltes Päckchen künftig binnen Stunden ankommt. Auf Dienstleisterseite bedeutet das aber auch, dass der Druck eher höher als niedriger wird. David Ehl untersucht: Noch sind die meisten Medien unsicher, wie sie im Internet Geld verdienen können. Experimentiert wird viel. Wie aussichtsreich ist das Modell, auf das du setzt?Ganz besonders betrifft das die digitalisierten Medien. Der Münchner Amoklauf im Sommer 2016 belegte anschaulich, wie ein Einzelner mithilfe moderner Informationstechnologie eine ganze Stadt in Angst und ein ganzes Land in Schrecken versetzt. Auf Facebook wird die »Ich-bin-sicher«-Funktion eingeschaltet, durch Whatsapp geistern wilde Theorien – auch am vergangenen Wochenende während G20 –, wo gerade angeblich was passiert. Auch überregional können wir uns im 21. Jahrhundert via Push-Mitteilung über fast jedes Unglück auf der Welt informieren lassen. Welchen Effekt hat das auf das öffentliche Bewusstsein?

Und nun?

»Mögest du in interessanten Zeiten leben«, so lautet ein chinesisches Sprichwort, das als subtiler Fluch gilt. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah das ähnlich, als er schrieb: »Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.«

Wir sind eine solche Generation, die in »interessanten Zeiten« lebt. Wir befinden uns inmitten eines Epochenwandels. Das Ende des Kalten Krieges, die globale Einführung des Internets (inklusive WLAN und Bluetooth), die fortschreitende Digitalisierung fast aller Branchen, 3D-Druck, Smartphones, soziale Netzwerke, selbstfahrende Landmaschinen oder die Evolution des Thermomix sind nur einige der unzähligen großen und kleinen Entwicklungen der letzten 2–3 Jahrzehnte. Unser Wissensstand über den Weltraum steigt rasant, im August 2012 verließ mit der »Voyager 1« zum ersten Mal menschliche Technologie unser Sonnensystem, um den interstellaren Raum zu erkunden. Derzeit befindet sich die Raumsonde, die die Erde im Jahr 1977 verließ, knapp 21 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Das entspricht etwa dem 140-fachen Abstand zwischen Erde und Sonne. Und das ist nur ein Bruchteil der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die im Kleinen oder Großen unsere Gesellschaft verändern. Dank Virtual Reality, autonomer Autos, künstlicher Intelligenz oder Crispr Crispr ist eine noch verhältnismäßig junge medizintechnologische Errungenschaft, die es ermöglicht, Gene sämtlicher Lebewesen zu »editieren«, also beispielsweise auszutauschen oder zu (de-)aktivieren. Das Verfahren ist präzise, nicht besonders kompliziert, schnell und sehr günstig. Krebs, Alzheimer oder auch Malaria könnten Dank Crispr in einigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig sind die ethischen Bedenken enorm. Hier beantwortet das Portal spektrum.de die wichtigsten Fragen zu Crispr. ist davon auszugehen, dass sich an dem Zustand ständiger Veränderung in naher Zukunft außerdem nichts ändern wird.

Das ist anstrengend, ja. Es scheint, als bliebe uns nichts anderes übrig, als die Ungewissheit zu akzeptieren. Besser noch zu begrüßen: Erstmals sind wir mit praktisch allen Mitmenschen digital vernetzt. Mit wenigen Klicks haben wir Zugriff auf das (zugegeben oft unübersichtliche) Wissen der Welt. Wir leben in einer der spannendsten Epochen der Menschheitsgeschichte!

Selten gab es ein größeres Angebot, als einfacherer Bürger mitzugestalten. Zum einen, weil das Gestaltungspotenzial in Zeiten des Wandels erfolgversprechender ist als sagen wir beispielsweise in den 1980er-Jahren. Zum anderen weil es viel leichter ist, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, sich zu organisieren, andere Menschen zu erreichen. Perspective Daily beispielsweise würde es ohne Digitalisierung und Crowdfunding nicht geben. Jedoch: Es streben dadurch sehr viele Akteure nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Sich also effektiv Gehör zu verschaffen, ist nicht so leicht. Daraus ergibt sich die spannende Frage, mit welchen Mitteln Mitmenschen am besten mobilisiert werden können. In diesem Artikel geht es aber wie gesagt erst einmal um die Analyse, noch nicht um das Abwägen konkreter Handlungsmöglichkeiten.

Eine weitere schwierige Frage, die im Klein-Klein politischer Diskussionen schnell ins Hintertreffen gerät: »Wo wollen wir eigentlich hin?« Darauf gibt es viele Antworten. Die Geschichte lehrt zumindest eines: Mittels staatlicher Autorität ein scheinbar »perfektes« System mit Zwang durchzusetzen, hat noch nie funktioniert. Und zwar wegen der menschlichen Natur: Wir sind keine reinen Turbokapitalisten, kompromisslosen Kommunisten, ausschließlich empathiegeleitete Sozialisten oder lauter eigenverantwortliche Liberale, in deren Natur es liegt, die Interessen anderer zu wahren. Wir sind Menschen, unendlich unterschiedlich und doch voller Gemeinsamkeiten. Jedes System, das diese widersprüchliche Natur leugnet, ist zum Scheitern verurteilt. Also nehmen wir zunächst einmal uns selbst am besten so wie wir sind – und schauen, was wir daraus machen können. Unsere Vorgängergenerationen haben mit der Demokratie ein Fundament gelegt, auf dem wir weiter aufbauen sollten. Die Zeit scheint reif für die eine oder andere Sanierung.

Titelbild: Ricardo Gomez Angel - CC0

von Frederik v. Paepcke 
Frederik interessiert sich für etwas, was zunächst sperrig klingt: Systeme. Welchen Einfluss haben scheinbar unsichtbare Strukturen auf unseren Lebensalltag? Als Anwalt, Unternehmensberater, Gründer und Diplomat hat Frederik unterschiedlichste Perspektiven kennengelernt und ist überzeugt: Vom kleinen Start-up bis hin zum großen Völkerrecht sollten wir weniger an das Gewissen des Einzelnen appellieren und stattdessen mehr an systematischen Veränderungen arbeiten.

Frederik war bis Juli 2017 Stammautor bei Perspective Daily und ist seitdem Gastautor.

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